Festpredigt zur Altarweihe in Ellzee
am 2. Adventssonntag, 5. Dezember 2021

„Der Altar ist ein Tisch der Sehnsucht.“

05.12.2021 11:30

Liebe Brüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Schwestern und Brüder in Christus, haben Sie es gemerkt? Die biblischen Texte zum heutigen 2. Adventssonntag strotzen nur so vor Erwartung und Freude, sie wollen uns als Hörerinnen und Hörer geradezu zum Jubeln einladen.

Durch die Taten Gottes, ja allein durch seine Anwesenheit wird die lähmende Macht der Trauer gebrochen, es keimt Hoffnung auf und das ganze Volk ist auf den Beinen: „Steh auf, Jerusalem und steig auf die Höhe! Schau nach Osten und sieh deine Kinder. Vom Untergang der Sonne bis zum Aufgang hat das Wort des Heiligen sie gesammelt. Sie freuen sich, dass ihr Gott an sie gedacht hat“, haben wir so eben im Buch Baruch (Bar 5,5) gehört. Abschnitte aus diesem biblischen Text kommen in unseren Gottesdiensten selten zu Gehör und lassen uns daher aufhorchen. Die Stadt Jerusalem wird hier als eine Mutter vorgestellt, deren Kinder in der weiten Welt verstreut sind. Sie verzehrte sich in Sehnsucht nach ihnen, machte sich mit recht Sorgen um ihr Wohlergehen und nun die überraschende Kehrtwende: Mit der Rückkehr der Vertriebenen in ihre Heimat, zum Ursprung, beginnt etwas Neues – Gott verändert die Welt!

So hat es im Evangelium auch der Vorläufer Johannes verkündet, der uns sogar auffordert, an dieser heilsamen Veränderung mitzuwirken: „Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen!“ (Lk 3,4b) – Füllt die Gräben des gleichgültigen oder gar feindseligen Schweigens auf und geht neu aufeinander zu; tragt die Berge der gegenseitigen Vorwürfe ab, reicht Euch die Hand zur Versöhnung – das ist es, was das Kommen des Heilandes in unserer oft so heillosen Welt beschleunigt.

Bereitet Eure Herzen, ebnet ihm den Zugang zu Euch, öffnet die Türen eurer Seele – so sprechen die Propheten, so spricht Johannes auch zu uns heute – an uns liegt es, nicht gelähmt, gekränkt und enttäuscht zu bleiben, sondern uns einen inneren Ruck zu geben und aufzubrechen dorthin, wohin uns die Sehnsucht treibt.

„Wer leistet sich heute noch eine wirkliche Sehnsucht?“, fragte Dietrich Bonhoeffer in einem Brief seine Verlobte Maria von Wedemeyer. Und er meinte damit die Zeit des zweiten Weltkrieges, die Nähe des Todes durch die Bombenangriffe und seine eigene lebensgefährliche Tätigkeit im Widerstand gegen das Nazi-Regime. Tatsächlich blieb den Liebenden verwehrt, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Denn drei Monate nach der Verlobung im Januar 1943 wurde Bonhoeffer verhaftet und kurz vor Kriegsende im April 1945 ermordet. Hätten sich, so kann man fragen, die beiden wegen all dieser Schwierigkeiten lieber nicht kennengelernt, hätten sie sich dann nicht vieles erspart? Nein, im Gegenteil: Auch wenn ihnen ein gemeinsames Leben nicht geschenkt war, so wussten sie sich doch gerade in quälenden Momenten der Einsamkeit beim jeweils anderen geborgen und im gemeinsamen Glauben an ein ewiges Leben bei Gott blieben sie über den Tod hinaus innig verbunden.

Trauen auch wir uns also heute, in der vierten Welle der Corona-Pandemie, in all der Ungewissheit, die uns manchmal lähmt und schier verzweifeln lässt, unsere Sehnsucht nach einem sinnerfüllten Leben, nach der Geborgenheit in Gott zuzulassen. „Nahe wollt‘ der Herr uns sein, nicht in Fernen thronen“, diese Liedzeile drückt es aus, was wir bald wieder an Weihnachten feiern – Gott kommt unserer Sehnsucht entgegen, er wird Mensch unter Menschen.

Gerade eine Altarweihe, wie wir sie heute feiern, ist eine Art vorgezogenes Weihnachtsfest. Wir warten auf den Herrn, wir bereiten die Tafel für das Fest mit ihm, wir weihen den Altar als Tisch der Sehnsucht. Durch die Besprengung des Altarsteines mit Weihwasser und seine Salbung mit Chrisam bereiten wir den Tisch, auf dem unser Herr Jesus Christus in der Eucharistiefeier in Leib und Blut gegenwärtig wird. Dieses Geschehen, das unseren Augen, ja allen Sinnen entzogen ist und nur im Glauben und im Vertrauen wahrgenommen werden kann, macht den Stein hier zum Symbol Christi, zum Zeichen für seine göttliche Gegenwart.

Deswegen habt ihr, liebe Ministrantinnen und Ministranten, gelernt, dass man sich vor dem Altar verneigt – und vor dem Tabernakel eine Kniebeuge macht, so oft man den Altarraum betritt. Früher nannte man das: ehrfürchtig sein. Heute ist diese besondere Form der Höflichkeit, die wir unserem Schöpfer und Erlöser schulden, leider manchmal in Vergessenheit geraten. Wir neigen zur Gedankenlosigkeit, sind oft schon beim übernächsten Schritt, und mehr mit unseren Bedürfnissen und Wünschen beschäftigt, als aufmerksam für das Hier und Jetzt, für den, der uns gerade gegenübersteht. Und so sieht dann auch unser Umgang miteinander aus, der Ton ist rau, ja in den Pandemiemonaten auch öffentlich spürbar aggressiv geworden. Verwerfungen und bösartige Kritik verpesten das gesellschaftliche und kirchliche Klima, Risse entzweien Familien und Bekanntenkreise.

Doch gerade dann, wenn es Menschen oft an Ehrfurcht und Respekt, Rücksichtnahme und Mitgefühl fehlen lassen, ist es notwendig, sich als Christ und Christin auf das zu besinnen, was unser Menschsein ausmacht. Wir Christen setzen ein Kontrastprogramm. Denn in Jesus Christus ist uns, wie es im Titusbrief heißt, die „Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes erschienen“ (Tit 3,4). Damit wir seinem Beispiel leichter folgen können, feiern wir in der Gemeinschaft der Kirche als Gemeinschaft der Heiligen, Sonntag für Sonntag die Eucharistie, Erinnerung und Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers Jesu.

Zwei Heilige der Nächstenliebe werden in Zukunft auch mit ihren Reliquien hier in der Kirche unter dem Altar vertreten sein, die Zwillingsbrüder Kosmas und Damian. Der Überlieferung nach waren sie syrische Ärzte, die besonders ihre armen Patienten unentgeltlich behandelten und so viel Leid linderten. „ER, der für alle gelitten hat, liegt auf dem Altar: sie, die durch sein Leiden erlöst wurden, ruhen unter dem Altar,“ brachte es der hl. Ambrosius auf den Punkt.

Mögen die hl. Ärzte Kosmas und Damian zusammen mit der hl. Katharina, der Patronin dieser Kirche, bei Gott für alle in der Pfarrei Ellzee und der ganzen Pfarreiengemeinschaft Ichenhausen Fürsprache einlegen, damit sie von einer weiteren Ausbreitung des Corona-Virus verschont bleiben. Sie sollen uns daran erinnern, unserer Sehnsucht Raum zu geben, hier in der Kirche, vor dem ewigen Licht, in der Gegenwart dessen, der alle Sehnsucht stillt. Amen.