Predigt zum Elendssonntag / 3. Fastensonntag 2021 (7. März) in Wigratzbad
von Bischof Dr. Bertram Meier

„Der Herr im Elend“ breitet seinen Schutzmantel aus: Jesu Hingabe am Kreuz erschließt, was Freundschaft bedeutet

07.03.2021 14:28

„Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab“ (Joh 3, 16). Es gibt Momente, da geht es mir schlecht. Ich fühle mich allein, unverstanden, enttäuscht. Keiner scheint Anteil zu nehmen an dem, was mich bedrückt. was mir Sorgen macht, was mir schwerfällt.

Aber ich muss doch gut dastehen vor den anderen und so versuche ich, es dem Münchhausen nachzumachen und mich am eigenen Schopf aus dem Sumpf herauszuziehen. Aber der Versuch scheitert kläglich.

Da kann die Angst aufkommen, eigentlich ganz allein zu sein, niemanden zu haben. Eine lähmende Angst, die das Herz schwermacht. Aber gerade in diesen schwierigen Momenten habe ich erfahren, welche Freude und welches Glück es bedeutet, dass es die anderen gibt, Freunde, Menschen, die es gut mit mir meinen, die für mich da sind, denen ich erzählen kann und die mir zuhören, die mich aufrichten, die nicht nur die Glanzpunkte, sondern auch die Schattenseiten meines Lebens kennen und mich gerade so annehmen. Dass mir das geschenkt wird, lässt mich erkennen: Leichter wäre es, nichts zu haben, als niemanden zu haben.

Die Nähe, das Verständnis, die Güte und Liebe, die Menschen einander schenken, können uns die Nähe dessen spüren und erfahren lassen, der uns annimmt und aufrichtet, der zu uns sagt: „Eine größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde“ (Joh 15, 13). Der das nicht nur sagt, sondern es lebt.

Als Jesus den Tod auf sich zukommen sieht, als er beim jubelnden Hosanna schon das verhetzte: „Weg, ans Kreuz mit ihm!“ ahnt, da spricht er in den Abschiedsreden an die Jünger oft von seinen Freunden.

Wer sind die Freunde Jesu?

Die Antwort kann unterschiedlich ausfallen:

- Die Jünger, Petrus, Johannes und die anderen.

- Die Menschen, die er geheilt hat.

- Die Sünder und Zöllner, die seine Liebe spüren und durch ihn Annahme und Verzeihung erfahren, und dann die vielen anderen.

Manchmal während seines Lebens scheint Jesus von ganzen Scharen von Freunden umgeben. Alles drängt sich um ihn und sucht seine Nähe. Aber als es ihm an den Kragen geht, als die Lage brenzlig wird und das Zu-ihm-Gehören etwas kostet, unter Umständen sogar das Leben, da lichten sich die Reihen der Freunde.

Und was tut Jesus?

Als er im Garten Getsemani dem begegnet, der ihn gerade für Geld verraten hat, da rechnet er nicht noch schnell mit ihm ab. Jesus macht Judas nicht fertig.

Er nennt ihn Freund. „Freund, dazu bist du gekommen?“ (Mt 26, 5), sagt Jesus zu Judas nach dem verräterischen Kuss. Das ist keine Ironie, keine getarnte Verbitterung, das ist Jesus, wie er leibt und lebt.

„Eine größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde.“

Den wahren Freund erkennt man in der Not, sagen wir. Was für Jesus Freundschaft und Liebe heißt, erkennen wir am Kreuz.

Er macht keinen Bogen um unser Elend, unsere Angst, unsere Armseligkeit und Sterblichkeit. Wo wir selbst den geliebtesten Menschen allein den Weg gehen lassen müssen, da ist uns Jesus vorangegangen und hat uns durch sein Sterben die letzte Einsamkeit genommen. Er ist für uns gestorben, damit wir im kleinen und großen Sterben des Alltags nicht allein bleiben.

„Der Herr im Elend“ trägt unsere Misere mit. Die geschnitzte Gnadenfigur zeigt den Schmerzensmann, umhüllt in einem purpurnen Mantel. Die Darstellung erinnert mich an die Schutzmantelmadonna. Das heißt: „Der Herr im Elend“ ist unser Schutzmantelgott. Herr Jesus, „breit den Mantel aus, mach Schutz und Schirm für uns daraus. Lass uns darunter sicher stehn, bis alle Stürm vorübergehn.“ Herrgott voller Güte, uns allezeit behüte! „Der Herr im Elend“ trägt eine Dornenkrone. Gerade in der Pandemie, in dieser Krise, die uns schon mehr als ein Jahr in Schach hält, bin ich sicher, dass der Schmerzensmann mit der Dornenkrone stärker ist als Corona. Der Herr krönt sein Leben am Kreuz: Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung.

Keiner soll mehr sagen müssen: Ich habe niemand. Er ist für uns gestorben, damit wir mit ihm und bei ihm ewig leben; damit unser Leben miteinander die Tiefe des göttlichen Lebens gewinnt; damit wir erkennen, wo Freundschaft und Liebe ihr göttliches Maß und Ziel haben.

„Eine größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ Das feiern wir heute am Elendssonntag hier in Wigratzbad. Ihr seid meine Freunde, sagt uns der Schmerzensmann, jetzt in dieser Stunde, die seine große Stunde ist. Seine Stunde für uns. Machen wir unser Herz weit, damit es auch unsere Stunde wird für ihn.

Bekennen wir ihm, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, unseren Glauben, unsere Hoffnung und unsere Liebe - vielleicht mit den Worten eines Gebetes, das Papst Johannes Paul I., der Lächelnde, von seiner Mutter gelernt und jeden Tag mehrmals gebetet hat. Zwei Tage vor seinem plötzlichen Tod hat er es den Teilnehmern an der Generalaudienz vom 26. September 1978 vorgebetet:

„Mein Gott, mit ganzem Herzen und mehr als alles liebe

ich Dich, Du unendliches Gut und ewige Glückseligkeit.

Und aus Liebe zu Dir liebe ich meinen Nächsten wie mich

selbst und will erlittenes Unrecht gerne verzeihen.

Herr, gib, dass ich Dich immer mehr liebe.“ Amen.