Begrüßung im Haus Sankt Ulrich zum Tag der Solidarität für verfolgte Christen und Ansprache beim anschließenden Kreuzweg im Dom am 21.9.2020

„Der Leib Christi, die Kirche, ist verwundet und blutet.“

21.09.2020 11:52

Bischof Bertram begrüßte die Anwesenden bei einer vom kirchlichen Hilfswerk "Kirche in Not" abgehaltenen Informationsveranstaltung im Haus Sankt Ulrich. Bei einem anschließenden Kreuzweg für verfolgte Christen weltweit hielt er eine Ansprache und betete für das Schicksal aller aufgrund ihrer Religion verfolgten Menschen.

Begrüßung: (Haus Sankt Ulrich)

Von Herzen begrüße ich alle, die heute ins Haus Sankt Ulrich gekommen sind, um sich mit dem Thema „Bedrängte und verfolgte Christen“ zu beschäftigen. Gut, dass dieses große Problem auch in Corona-Zeiten nicht wegrutscht, dass die „Pandemie der Gleichgültigkeit“ uns nicht infiziert hat, sondern uns weiter sensibel hält für unsere Schwestern und Brüder, die um ihres Glaubens willen leiden – selbst bis zur Hingabe des Lebens. Erst gestern bin ich aus Krakau heimgekehrt, wo ich auf den Spuren des hl. Papstes Johannes Pauls II. unterwegs war. Schon in seiner Heimatstadt Wadowice war er ein Anwalt des interreligiösen Dialogs und der Religionsfreiheit, besonders gegenüber den jüdischen Freunden, die er hatte. Dabei kamen mir Worte in den Sinn, die Johannes Paul II. beim Gebetstreffen der Weltreligionen in Assisi am 27. Oktober 1986 gesprochen hat: „Zum ersten Mal in der Geschichte sind wir, christliche Kirchen und kirchliche Gemeinschaften und Weltreligionen, von überall her zusammengekommen an diesem heiligen, dem hl. Franziskus geweihten Ort, um vor der Welt jeder entsprechend seiner eigenen Überzeugung vom transzendenten Wert des Friedens Zeugnis abzulegen.“ Da sitzt jedes Wort – und jeder Ausdruck hat Bedeutung. Wichtig ist für mich, dass wir bei aller Evangelisierung stets Ehrfurcht haben vor dem Glauben des anderen und wir nicht der Versuchung erliegen, dem Gegenüber unseren christlichen Glauben überzustülpen. Alles, was wir tun können, ist, den Menschen – auch den Flüchtlingen – unseren Glauben anzubieten und glaubwürdig vorzuleben.

 

„Der Leib Christi, die Kirche, ist verwundet und blutet.“

Ansprache beim Kreuzweg für verfolgte Christen im Dom am 21. 9. 2020 von Bischof Dr. Bertram Meier, Augsburg

 

„Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich; denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.“

Dieser Satz begleitet uns wie ein Refrain auf dem Kreuzweg, den wir miteinander beten werden. Auf vierzehn Stationen gehen wir den Weg nach, der Jesus nach Kalvaria geführt hat. Gleichzeitig werden wir daran erinnert, dass Jesu Kreuzweg weitergeht – gerade heute.

Vor fünf Jahren kamen viele Flüchtlinge nach Deutschland. Ein großer Teil von ihnen gelangte zunächst nach München - nach Bayern, wo auf herausragende Weise ehrenamtliches Engagement dafür sorgte, dass Deutschland „strahlte“ über die Grenzen hinaus. Die Aussage der Bundeskanzlerin „Wir schaffen das“ ist zum Slogan geworden – durchaus umstritten, aber auch bewundert und anerkannt. Leute willkommen heißen, die aus prekären Situationen in ihren Herkunftsländern und den Transitländern nach Deutschland gelangt sind, war und ist ein Dienst an den Menschen und ein Zeichen dafür, dass ihre Würde als Mitmenschen ernst genommen wird: ein humanitärer Dienst und eine Christenpflicht. Aus den Berichten orientalischer Christen, deren Kirchen auch in unserem Land beheimatet sind, wissen wir, was es für Flüchtlinge bedeutet, so aufgenommen zu werden.

Damit sind wir mitten im Thema: Die eine Seite ist die Hilfsbereitschaft in unserem Land, die andere lenkt unseren Blick in die Gegenden, aus denen die Flüchtlinge und Asylbewerber kommen. Sie lassen nicht grundlos ihre Heimat zurück. Gerade den Christen geht es dort schlecht. Aus dem arabischen Frühling ist für sie eine Eiszeit geworden. Der Kreuzweg Jesu geht weiter. Der Leib Christi, die Kirche, ist verwundet und blutet. In diese Wunde legen wir heute unseren Finger.

In einem leidenschaftlichen Appell hat Patriarch Gregor III. Laham, das Oberhaupt der melkitischen griechisch-katholischen Kirche, die syrische Jugend aufgefordert, im Land zu bleiben. Er beschrieb die Auswanderung aus Syrien als „Tsunami“, der die Zukunft der Kirche im Land in Frage stellt. Die allgemeine Auswanderungswelle unter Jugendlichen in Syrien verwundet mich tief und versetzt mir einen Todesstoß“, schrieb Laham in einem offenen Brief an die Jugend. Der Patriarch räumte zahlreiche Probleme ein, die das Leben in Syrien heute mit sich bringt. Der Jugend legt er ans Herz: „Bleibt! Seid geduldig! Bleibt um der Kirche und um eurer Heimat willen!“ Auch der Apostolische Nuntius in Syrien, Kardinal Mario Zenari, der schon seit 2008 den Papst in diesem leidgeprüften Land vertritt, teilt die Sorge, dass gerade die junge Generation in Syrien die Hoffnung verliert.

Der Kreuzweg Jesu geht also weiter. Unzählige Christen tragen das Kreuz durch ihre Lebensgeschichte – in Syrien, im Irak und in vielen anderen Ländern. Die Ankunft und der Empfang auch muslimischer Flüchtlinge waren und sind eine große Herausforderung für uns in Europa – einen Kontinent, dessen Profil maßgeblich christlichen Geist atmet. Dieses Erbe dürfen wir nicht aufs Spiel setzen; wir müssen es wahren und lebendig halten. Als Christen haben wir die Pflicht, die Flüchtlinge aufzunehmen, aber Europa, d.h. wir ganz persönlich müssen auch die eigene christliche Identität bezeugen. Hilfe für alle – Ja! Aber auch in Rücksicht auf unsere christlichen Schwestern und Brüder! In diesem Sinn beten wir heute Abend den Kreuzweg:

„Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich; denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.“