Predigt des Bischofs Dr. Bertram Meier
beim Großen Gebetstag in Marienfried am Sonntag, den 18. Juli 2021

„Die Kirche brauchen wir nicht selber machen. Sie ist vorgegeben.“

18.07.2021 15:59

Ob Gläser klingen oder klirren, das ist ein wesentlicher Unterschied. Wenn Gläser klingen, denken wir an fröhliche Feste, ans Prosit der Gemütlichkeit. Wenn Gläser klirren, erinnern wir uns an Scherben. Doch auch das muss nicht unbedingt ein Unglück sein: Scherben bringen Glück, sagen wir, und damit sind wir mitten im Polterabend oder in einer jüdischen Hochzeit.

Dort ist es Brauch, dass der Bräutigam ein Glas oder einen wertvollen Gegenstand mit seinen Füßen zertritt und damit unbrauchbar macht. Die ganze Hochzeitsgesellschaft ruft: Mazzal tov! Das heißt: Einen guten Stern! Oder übertragen: Viel Glück! Diese symbolische Handlung bedeutet: Selbst am Tag der größten Freude, bei der Hochzeit, darf man den schlimmsten Tag nicht vergessen: für das Volk Israel die Zerstörung des Jerusalemer Tempels. Auf das frisch vermählte Ehepaar übertragen: Die Hochzeit bewährt sich erst in den Tiefpunkten des Lebens.

Im Jiddischen sagt man nicht mazzal tov, sondern: Masel tov. Wir wünschen euch viel Massel! Wie anders fühlt sich die Situation in Kana an? Den Neuvermählten war die Hochzeit gehörig vermasselt. Sie saßen im Schlamassel: Denn der Wein war ausgegangen. Warum fühlt sich Maria dafür verantwortlich? Litt die Gottesmutter an einem unheilbaren Helfersyndrom? Ein erneuter Blick auf die jüdischen Hochzeitsbräuche mag die Intervention Marias erklären: Die Gäste waren nicht nur eingeladen zum Mitfeiern, die einzelnen Familien hatten auch Pflichten: entweder Geschenke mitzubringen oder sich um Essen und Trinken zu kümmern. Wenn Maria auf den knappen Wein hinweist, dann dürfen wir darauf schließen, dass die Familie um Jesus sich verpflichtet hatte, für ausreichend Wein zu sorgen. Doch sie hatte sich verschätzt. Auf Kosten der Eheleute: Sie hatten kein Massel. Im Gegenteil: Die ganze Gesellschaft saß im Schlamassel. Der Wein ging zur Neige.

Situationen, in denen uns gleichsam der Wein ausgeht, und wir nichts mehr bieten können, sind uns nicht unbekannt.

Wenn die Ehefrau oder der Ehemann auf einmal merken, dass ihnen die Liebe ausgeht: Sie reiben sich nur noch aneinander, finden kein gutes Wort mehr füreinander und ärgern sich über die Macken des anderen: Sie haben sich „leer geliebt“.

Dem Vater, der Mutter geht die Geduld aus mit ihren Kindern: Sie sind müde und möchten endlich ihre verdiente Ruhe. Nach einem anstrengenden Arbeitstag geht ihnen die Luft aus. Bei manchen nimmt das dramatische Formen an: Sie sind nicht nur „zerlebt“, sie fühlen sich ausgebrannt.

Auch Kindern und Jugendlichen sind solche Erfahrungen nicht fremd: Ihre Terminkalender sind oft prall gefüllt. Von früh bis spät sind sie auf Achse. Sie wollen etwas erleben. Die einen tappen in die Falle von Drogen und Süchten, andere schlagen ihre Zeit nur tot. Im Nachhinein stellen sie fest: Ich habe mich „verlebt“.

Schauen wir auch auf die älteren Menschen: Sie verlieren an Kraft und können nicht mehr mithalten. Nerven und Kräfte sind aufgezehrt. Wir könnten so fortfahren. Denn jeder stößt einmal an seine Grenzen. Dass wir ausgepumpt sind und erschöpft, verbraucht wie die Weinvorräte - daran kommt keiner vorbei. Die Energie fehlt uns, die Freude und der Mut. Leer sind wir - wie die Weinkrüge von Kana.

Der Große Gebetstag, den wir heute hier in Marienfried begehen, lässt uns über die persönlichen und familiären Nöte auch auf die Probleme blicken, die uns in Kirche und Gesellschaft derzeit umtreiben. Wir starren auf Zahlen: Jeden Morgen gibt das Robert Koch Institut die Inzidenz und R-Werte heraus, fast wie ein Bulletin unseres sozialen Wohlbefindens. Erst vor wenigen Tagen wurden die statistischen Daten über das kirchliche Leben in Deutschland 2020 veröffentlicht und ausgiebig kommentiert. Der Ton – auch kirchlicher Medien – klang melancholisch bis traurig, er pendelte zwischen Depression und Aggression. Obwohl im Bistum Augsburg die Austrittszahl um ca. 2500 Personen zurückgegangen ist, sei das keine Entwarnung, konnte man lesen. Wir sollten endlich die Kirche „reformieren“, lautet der Ratschlag – und bei Reform ist weniger geistliche Erneuerung gemeint als strukturelle Systemveränderung nach dem Motto: Wir bauen die Kirche um, und dann wird alles besser. Bei solchen Tipps frage ich mich schon: Kann das Barometer nackter Zahlen die Großwetterlage des kirchlichen Lebens bestimmen? Schauen wir auf Jesus: Er hat angefangen mit großen Menschenmengen; dann waren es 72 Jünger, die er besonders aussandte; einen noch engeren Kreis finden wir bei den 12 Aposteln, und schließlich bleiben unter dem Kreuz nur noch zwei treue Begleiter übrig: seine Mutter Maria und der Jünger, den Jesus liebte. Von der Jubelpredigt am Berg der Seligpreisungen bis zu Jesu letzten Worten am Kreuz, der Aussicht von Gottes Barmherzigkeit dem Schächer gegenüber: die Tendenz ist eindeutig rückläufig; doch Jesus hat sich nicht vom Trendbarometer abhängig gemacht. Denken wir an die Krise im Jüngerkreis: „Wollt auch ihr gehen!“ – „Zu wem sollen wir gehen? Du allein hast Worte des ewigen Lebens.“ Auch in der Kirche scheint der köstliche Wein sich in fades Wasser verflüchtigt zu haben. Das ist kein Grund aufzugeben! Es ist sogar Entlastung und Erleichterung. Wir brauchen die Kirche nicht selber machen, sie ist uns vom Wesen her vorgegeben. Die göttliche Vorgabe umsetzen, das ist unsere Aufgabe. Nicht wir „machen“ die Kirche, Jesus schafft, baut uns auf als Kirche: Bringen wir ihm alles, was wir im kirchlichen Leben verwässert haben, und bitten wir ihn, dass ER es wandle aus der Mittelmäßigkeit der Welt hinein in den köstlichen Wein der Freude! Das wird ein Fest sein.

Die tiefe innere Freude ist mehr als „keep smiling“, wo eigentlich alles zum Heulen ist. Es geht um Freude, die ausstrahlt. Diese Freude kann man nicht produzieren. Das ist die Botschaft der Hochzeit zu Kana. Maria zeigt sich als Mutter vom Guten Rat. Ihre Worte an Jesus hören wir heute neu: "Sie haben keinen Wein mehr" (Joh 2,3). "Herr, erschöpft und müde sind wir, unten sitzen wir im Loch. Die Liebe ist mir ausgegangen, die Geduld, das Ver­ständnis. Ich bin mit meiner Kraft am Ende." Maria hat es ausgesprochen. Doch damit ist längst nicht alles gelöst. Maria bekommt eine schroffe Zurückweisung. Seiner eigenen Mutter fährt Jesus über den Mund: "Frau, was willst du von mir?" (Joh 2,4) Jesus ist kein Wunderdoktor, den man in der Not bestellt. Er ist kein Lückenbüßer, der unsere Fehler überspielt. Mit ihm sind wir nicht sorgenfrei. Er nimmt die Lasten nicht ab, aber er hilft sie tragen. Wenn unsere Möglichkeiten ausgeschöpft sind, dann "kommt seine Stunde". Wieder taucht Maria auf: "Was er euch sagt, das tut!"(Joh 2,5) In der Krise, wenn wir nichts mehr haben, woraus wir schöpfen können, gibt ER uns sein Wort: "Füllt die Krüge mit Wasser!" (Joh 2,7) Schon dieses Wort zu hören, schafft Hoffnung: Ich stelle mir vor, die steinernen Krüge von Kana sind die Krüge Gottes, seine für uns Menschen offene Liebe. "Füllt die Krüge mit Wasser“: Einladung, mein Wasser hineinzufüllen.

Von diesem Wasser haben wir alle genug. Denn wir alle kochen doch nur mit Wasser: mit dem Wasser unserer süchtigen Liebe, die oft so brüchig ist; mit dem Wasser unserer Geduld, die oft reißt wie ein hauchdünner Faden; mit dem Wasser unseres Verstehens, dem es oft an Anteilnahme fehlt. "Schüttet alles hinein, wirklich alles!" Euer gebrechliches Versuchen und Mühen, Euer Mißlingen und Euer enttäuschtes Herz! Alles könnt ihr hineingießen in die Krüge seiner Liebe - vor ihm betend, bekennend, klagend, weinend es aussprechen oder nur stumm hinhalten. "Und sie füllten sie bis zum Rand" (Joh 2,7). Was käme da in Bewegung, wenn wir es machten wie die Diener von Kana und wirklich anfingen, die Krüge zu füllen mit unserem Wasser! Was könnten wir da alles wegschütten - wieviel Lustlosigkeit und Halbheit, wieviel Engherzigkeit und Erstarrung! Das wäre doch eine wirkliche Hoch-Zeit, wenn wir im Vertrauen auf Gottes Wort unsere wässrigen Ungenießbarkeiten wandeln ließen, um dann ganz Neues daraus zu schöpfen: den Wein seiner Freude. Und die Menge in Kana war beachtlich: Es waren etwa 600 Liter. Der Bibeltheologe und Kirchenlehrer Hieronymus wurde einmal gefragt: Haben eigentlich die Hochzeitsgäste 600 Liter Wein getrunken? Nein, erwiderte Hieronymus, wir trinken noch heute davon.

Es stimmt: Noch heute trinken wir davon. Wenn es auch oft unspektakulär und leise geschieht, die Wandlung von Kana ereignet sich Tag für Tag. Menschen, die am Ende waren, stehen wieder auf. Liebe, die erloschen ist, fängt wieder zu brennen an. Unverständnis entdeckt den anderen neu. Alte lernen damit leben, dass ihre Schritte und ihr Einfluss kleiner werden. Überall dort, wo wir unsere Krüge mit dem Wasser unseres Lebens füllen und sie von ihm segnen lassen, da wandelt sich etwas.

Das erste Zeichen, das Jesus in Kana wirkte, war mehr, als dass er dem Brautpaar aus dem Schlamassel hilft. Bitten wir den Herrn darum, dass er bei der Eucharistie Brot und Wein wandle; bitten wir ihn, dass er unser Leben wandle. Und bitten wir ihn auch darum, dass Kana nicht nur in Galiläa liegt, sondern bei uns geschieht - hier und jetzt!