Predigt zur 300-Jahrfeier des Bestehens des Dominikanerinnenklosters
„Maria Königin der Engel“ am Sonntag, 14. Oktober 2021, in Bad Wörishofen

„Dominikanerinnen betreiben eine Sehschule des Lebens.“

24.10.2021 16:05

Ehrwürdige Schwestern, liebe Freunde und Förderer des Dominikanerinnenklosters, liebe Gäste aus der Stadt und an den Fernsehgeräten!

Als ich in Rom am Germanicum studierte, fuhr ich gern nach San Pastore - in der Nähe der kleinen Stadt Palestrina gelegen, wo der berühmte gleichnamige Kirchenmusiker das Licht der Welt erblickte.

Palestrina schlägt auch eine Brücke zu uns ins Allgäu, denn es ist die Partnerstadt von Füssen. Doch zurück zu San Pastore: Das ist der Landsitz, sozusagen die Sommerresidenz des Päpstlichen Kollegs Germanicum et Hungaricum. In Zeiten, als die Priesterkandidaten nicht nach Hause durften, haben sie dort ihre Ferien verbracht. Den Eingang der Kirche aus der Berninischule bewachen in Stein gemeißelt zwei imposante Hunde: ein Hinweis darauf, dass das Landgut ursprünglich nicht den Jesuiten, sondern den Dominikanern gehörte. Dominikus und der Hund bilden eine Symbiose.

Sicher kennen viele von Ihnen entsprechende Darstellungen auf Gemälden mit dem hl. Dominikus: Zu seinen Füßen ist ein kleiner schwarzweißer Hund sichtbar, der mit einer brennenden Fackel im Maul in meist rasantem Tempo eine Erdkugel umkreist. Dieses eindrückliche Bild hat tiefen Symbolcharakter. Einmal verweist es auf den Traum der schwangeren Mutter des Heiligen, die damit auf die spätere Berühmtheit ihres noch ungeborenen Sohnes, des Ordensgründers im schwarzweißen Habit, aufmerksam gemacht werden soll. Andererseits steht die Fackel für das Licht des Glaubens, das Dominikus im Schulterschluss mit seinem Zeitgenossen Franz von Assisi und der großen Familie der Bettelorden neu in die Herzen der Menschen senkte.

Seit den Tagen des brennenden Dornbusches ist das Licht Zeichen der Gegenwart Gottes. „Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht“ (Joh 3,21) verheißt Jesus Christus allen, die ihm in Treue nachfolgen. Das Motiv vom Licht, das uns aufgeht, klingt auch beim blinden Bartimäus an. Er vertraut darauf, dass mit Gottes Hilfe die „finstere Schlucht“ (Ps 23) und das unwegsame, unübersichtliche Gelände unserer Lebenspfade ihren Schrecken verlieren. Neuland in Sicht! In Christus haben wir ein verlässliches Licht, das uns leuchtet.

Als vor über 300 Jahren die ersten Schwestern von St. Katharina in Augsburg sich auf den Weg nach Wörishofen machten, begleiteten sie bestimmt sehr gemischte Gefühle. Die schützende Stadt zu verlassen und in einen kleinen Ort zu ziehen, im Vertrauen darauf, dass die Grundherrschaft, der Pfarrer und die Gläubigen sie willkommen heißen und beim Bau eines Klosters tatkräftig mithelfen würden – das allein bedeutet Mut und erscheint uns heute höchst bewundernswert.

Mit dem Einzug ins Kloster ab 1721 lebten die Dominikanerinnen genügsam und selbstlos jene strenge Observanz, zu der sie sich verpflichtet hatten. Dabei teilten sie das Schicksal der Besatzung und Plünderung durch die französischen Soldaten mit der Bevölkerung und mussten nach der Säkularisation vier Jahrzehnte um ihren klösterlichen Fortbestand bangen. Wir können nur erahnen, wieviel an Glaubenskraft dies jeder Einzelnen und dem Konvent insgesamt abverlangte. Doch um die Mitte des 19. Jahrhunderts erstrahlte das Licht Christi neu: Pfarrer Sebastian Kneipp stützte die Schwestern nicht nur als Seelsorger, er gab ihnen neben der vom König verordneten Mädchenbildung mit der Sorge für Kranke und Leidende auch eine Aufgabe, die sie bis vor kurzem tatkräftig und zum Wohle aller erfüllten. Wie wunderbar sind die Wege Gottes, wenn wir sie im Rückblick betrachten!

Damit dringen wir noch tiefer ein ins Evangelium vom blinden Bartimäus. "Wenn du ein Herz hast, wirf das Auge fort, und du wirst sehen." Dieses asiatische Sprichwort sagt uns, was "schauen" ist. Zwar endet das Sprichwort mit dem Wörtchen "sehen", aber es ist ein­deutig bezogen auf das Herz. Wenn du ein Herz hast, wirf das Auge fort, und du wirst sehen. Das Auge kann fortgeworfen werden, wo das Herz schlägt. Schauen ist anders und mehr als bloßes Sehen, mehr als ein Aufnehmen von bloßen Sinneseindrücken, als ein Sammeln von Geschehenem. Das Knipsen von Fotos und Aufzeich­nen von Videos, das Aufzählen von vielem, was man gesehen hat im Museum, auf der Ausstellung, auf einer Reise - das alles ist nicht Schauen.

So ist auch die Heilung des blinden Bartimäus mehr als ein medizinisches Wunder. Unsere Sprache verrät, was eigentlich damit gemeint ist. Sie weiß um das breite Spektrum dessen, was blind sein bedeuten kann: wenn wir z.B. Jugendliche hören, die von jemandem sprechen, der es "auf keinem Auge blickt", während ein anderer ihrem Urteil nach "den vollen Durchblick schiebt". Da geht es um mehr als um das gute Funktionieren der Augen. Wir reden davon, dass "uns die Augen aufgegangen sind", oder dass einer "mit Blindheit geschlagen ist". Einem anderen "fällt es wie Schuppen von den Augen". Wir denken an Situationen mit Leuten, die "blind waren vor lauter Wut". Jemand ist "weitsichtig", ohne dass es mit seiner Brille zu tun hat. Es gibt Momente, die "aussichtslos" scheinen.

Der letzte Satz des Evangeliums lautet: "Er konnte wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg." In ihm ist ein Wunder geschehen, nicht nur an seinen Augen. Er ist ein Schauender geworden. Sein Leben und seine Lebenssicht hat sich geändert. Es hat "Perspektive", neuen Durchblick bekommen. Könnte ein solches Wunder nicht auch heute geschehen?

Wie oft sind wir blind und wollen die Wirklichkeit nicht sehen, wie sie ist! Wir schauen lieber weg, weil uns der ehrliche Blick überfordern würde. Wir weigern uns, in unser Inneres zu blicken. Denn da könnte ja manches hochkommen, was unangenehm ist und das Bild zerstört, das wir von uns gemacht haben und - was schwerer noch wiegt - das andere von uns gemacht haben. Da könnte Dunkles hochkommen und Unverdautes, Verächtliches und Krankes. Da verschließen wir lieber unsere Augen und setzen die rosarote Brille auf, um nicht alles in seiner Schärfe anschauen zu müssen. Jesus ist anders. Er provoziert. Er fordert ihn heraus - den Blick in den Spiegel der Wahrheit: "Sagmir: Was soll ich dir tun?" Sag mir, wo dein Blindsein liegt! Was verstellt dir den Blick? „Rabbuni, Meister“, antwortet der Blinde, „ich möchte wieder sehen können.“ Das ist weit mehr als der persönliche Wunsch eines einzelnen, es ist die Sehnsucht der Menschheit: Sehen können! Ein Ziel haben!

Die Wirklichkeit sehen, wie sie ist – im Lichte Gottes! Das war auch das Anliegen von Pfarrer Sebastian Kneipp, der die Dominikanerinnen als Frauen im Schatten ans Licht der Öffentlichkeit geholt hat. Sie halfen ihm bei seinen Therapien, sie prägten dieses Haus und sorgen durch ihre Präsenz noch heute in der „Kuroase“ dafür, dass die Gäste in die Sehschule des Lebens gehen und ihre Situation mit der Brille des Glaubens anschauen können. Danke für diesen Dienst! Stellvertretend für alle nenne ich Sr. Johanna, die mit der Gießkanne ebenso bewandert ist wie mit dem feinen Händchen, mit dem sie als Priorin viele Jahre den Konvent zusammenhielt. Vergelt’s Gott Ihnen allen, liebe Dominikanerinnen!

So brennt die Fackel des Dominikus bis in unsere Tage, denn sie hat vielen Generationen Wegweisung, Hoffnung und neuen Lebensmut geschenkt. Sie, liebe Schwestern, greifen dafür die Worte des „Wasserdoktors“ und Pfarrers Sebastian Kneipp auf und geben ihnen Resonanz: „Kaum irgendein Umstand kann schädlicher auf die Gesundheit wirken als die Lebensweise unserer Tage: Ein fieberhaftes Hasten und Drängen aller im Kampfe um Erwerb und sichere Existenz. Es ist kein Wunder, wenn Krankheiten so viele Opfer fordern, denn die Menschheit ist weit von der früheren, einfachen Lebensweise abgewichen.“

Hier in Bad Wörishofen sind die Dominikanerinnen seit 300 Jahren dabei, den Ort mitzuprägen, damit sie Seele nicht zu kurz kommt. Der Funke christlicher Nächstenliebe hat zahllose Herzen zur Dankbarkeit und Freude entzündet, die alle selbst zu Fackelträger/innen wurden. Daher wünsche ich Ihnen, liebe Schwestern, dass Sie auch angesichts Ihrer kleiner werdenden Zahl und des Rückzugs aus der öffentlichen Tätigkeit nicht resignieren, sondern das 300jährige Bestehen Ihres Klosters unter dem Schutz der „Regina Angelorum“, der „Königin der Apostel“, voll Freude feiern. Denn nach einem Wort Gustav Mahlers heißt „Tradition nicht Anbetung der Asche, sondern Bewahrung der Glut.“ Im Vertrauen auf das Licht, mit dem die Dominikanerinnen Wörishofen erleuchtet haben – als Widerschein des „göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi“ (2 Kor 4, 6). Danke für die Sehschule des Lebens mit der Brille des Glaubens!