Predigt des Bischofs Dr. Bertram Meier 100 Jahre Ambulante Krankenpflege Tutzing
am Sonntag, den 18. April 2021 in St. Joseph Tutzing

Ein Netzwerk der Caritas: Der Nächste ist einfach da.

18.04.2021 17:48

Der Evangelist Lukas soll Arzt gewesen sein, doch sein Zweitberuf war Maler. In seinem Evangelium hat Lukas tatsächlich Geschichten als Gemälde erzählt. Ein Lieblingsmotiv ist der Weg:

Drei klassische Weggeschichten finden wir nur bei ihm: den Heimweg des verlorenen Sohnes zum barmherzigen Vater, den Weg der beiden Jünger nach Emmaus und den Weg, der das Schicksal eines Ausgeplünderten zwischen Jerusalem und Jericho schildert. Die drei Weggeschichten malen die Vollzüge der Kirche: Martyrie – das Zeugnis von Gottes Güte und Erbarmen; Liturgie – der Gottesdienst, die Feier der Eucharistie auf dem Weg nach Emmaus; Diakonie/Caritas – die Nächstenliebe als eine Lackmus-Test für alles, was wir predigen und verkündigen.

Dass ich heute mit Ihnen, liebe Tutzinger, den 100. Geburtstag Ihrer Ambulanten Krankenpflege feiern darf, freut mich riesig: Glückwunsch zu diesem Netzwerk der Caritas, das Sie seit einem Jahrhundert hier pflegen. Vor zehn Jahren hat es Ihr Pfarrer Peter Brummer in seinem Grußwort im Jubiläumsjournal auf den Punkt gebracht: „Sehr, sehr viele Menschen hier in Tutzing und in der Region sind dankbar für den unermüdlichen Einsatz an Hilfe und qualifizierter Pflege. Die Fürsorge gilt nicht selten bis zu einem guten Sterben. Unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist vor allem zu danken, oft auch den treusorgenden Familienangehörigen.“ Es stimmt: Die Ambulante Krankenpflege in Tutzing ist nicht nur ein gut organisiertes Netzwerk. Der Verein lebt, weil es so viele Netzwerker gibt, die möglichst engmaschig mitknüpfen: die katholische Pfarrgemeinde St. Joseph mit Pfarrer Joseph Boeckeler, der den Startschuss gab; die Missionsbenediktinerinnen, wo Josefa Knab OSB als „Engel von Tutzing“ zum Gütesiegel und Markenzeichen wurde. Auch den Schulterschluss mit der politischen Gemeinde will ich loben. Es gibt sie also auch heute: Koalitionen zwischen Kirche und Kommune. Hier zeigt sich: Vorfahrt hat der konkrete Mensch!

Um einen konkreten Menschen geht es auch im Lehrstück vom barmherzigen Samariter. Vorgegeben ist eine außerordentliche Situation. Der Anonyme (sein Name bleibt uns unbekannt!), von Räubern Überfallene und Ausgeplünderte liegt hilflos im Straßengraben – der glühenden Mittagssonne ausgesetzt, in Lebensgefahr. Dreimal wird in diese Situation ein anderer eingeführt. Ganz „zufällig“ finden sich in ihr der Priester, der Levit und der Samariter wieder. Aber nur einer lässt sich in das Geschehen existentiell verstricken. Allein er läuft nicht vorbei, sondern reagiert und tut, was er tun kann. Öl, Wein, Linnen, Reittier und die fürsorgliche Weisung an den Wirt zeigen, dass er das Herz auf dem rechten Fleck hat. So gibt der Samariter nicht nur ein nachahmenswertes Beispiel, sondern verliest dem Hörer der Geschichte auch ganz ordentlich die Leviten. Jedenfalls weiß jeder am Ende ganz genau, dass das: „Geh hin und handle ebenso!“ (Lk 10,37) ihm selber gilt. Kann man eigentlich dazu noch mehr sagen? Vielleicht doch!

Mit seinem Lehrstück vom barmherzigen Samariter hat Jesus ein Modell entworfen, an dem Sie, liebe Tutzinger, seit 100 Jahren Maß nehmen. Es lässt aufhorchen, dass Jesus weder den Priester noch den Leviten tadelt, die den Halbtoten sehen und vorbeigehen. Sie fühlen sich nicht zuständig. Und in ihrer Situation kann ich sie sogar verstehen: sie wollen rein bleiben, kultisch rein. So dürfen sie kein Blut berühren. Sie leben ja nach dem Gesetz des alten Bundes. Dieses Gesetz verbietet die Liebestat – um der kultischen Reinheit willen.

Gesetze sind notwendig oder es gibt heillose Katastrophen. Aber kann man alles Leben in Gesetze fassen? „Gewissen lässt sich nicht abschieben“, unter diesem Motto demonstrierten in München Christinnen und Christen für ein neues Nachdenken über die Asylfrage. Ein Gesetzeswerk ist wie ein großes Netz. Gesetz um Gesetz, Masche um Masche fügen sich aneinander. Doch wer sich in diesem System gut auskennt, schlüpft bisweilen durch die Maschen. Jesus hat das Gesetz des Alten Bundes nicht abgeschafft. Er hat es nicht vergrößert und nicht enger gefasst. Aber er greift durch die Maschen hindurch zum Innersten des Menschen, zu seinem Herzen. Er zeigt, wer der Nächste ist. Auch Ihre Vorfahren und alle Verantwortlichen in der Ambulanten Krankenpflege heute wissen, in welchem Dschungel von Vorschriften sich die Caritas verfangen kann. Wenn Caritas zum Korsett wird, sind wir nicht mehr als eine Organisation. Deshalb mein Wunsch: Bleiben Sie nahe am Menschen!

Ist das nicht ein kleines Wunder? Ein Samariter wird als Modell hingestellt, der Fremdling, der eigentlich gar nichts mit dem ausgeraubten Juden zu tun hat, der abseits leben muss in einer Art religiöser und kultureller Apartheid, dieser Ausländer mit „falschem Gebetbuch“, er empfindet Mitleid und packt an. Er hilft, so gut er kann – mit Öl und Wein, mit Geld und guten Worten. Sein Handeln entspricht nicht dem Gesetz, es kommt von Herzen. Der Überfallene braucht ihn. Das genügt dem, der offenbar keine orthodoxen Vorstellungen über Gott und Welt hat. Der Mann mit dem falschen Gebetbuch wird als Modell hingestellt und richtet zugleich all jene, die mit dem „richtigen Gebetbuch“ in der Hand vom feierlichen Tempelkult in Jerusalem (oder von der prächtigen Pontifikalliturgie der Bischofsstadt?) träumen. Das ist die leise Ironie des Augenblicks. Ein ausländischer „Ketzer“ soll unser Vorbild sein!

Einwanderer – ausländische Arbeitnehmer – Flüchtlinge – Asylbewerber: Themen, die bis vor kurzem Schlagzeilen machten. Die Pandemie hat sie derzeit in den Hintergrund verdrängt. Aber die Probleme bleiben. Warum gehen sie uns an? Hätten wir nur das zu sagen, was andere auch sagen, sollten wir als Christen lieber schweigen. Die Welt braucht keine Verdoppelung der Ratlosigkeit durch Religion, sondern die Sprengkraft unseres gelebten christlichen Glaubens. Diese schulden wir ihr, auch und gerade in dieser Frage. „Mein Vater war ein heimatloser Aramäer. Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder...“ (Dtn 26,5). So beginnt das Gebet, mit dem der Jude vor den Altar tritt. Es lässt ihn nie vergessen, woher er kommt und aus welcher Geschichte er lebt. Er trägt das Nomadendasein in sich. Das Alte Testament ist eine Kette von Auswanderungs- und Exilserzählungen. Kaum ein Volk ist durch das Unterwegssein so geprägt wie das alttestamentliche Gottesvolk. Und auf all diesen Wegen zwischen Aufbruch und Heimkommen, zwischen Ausland und Heimat wird immer klarer, das Jahwe mit seinem Volk unterwegs ist. Er geht alle Wege mit. Seine „Beweglichkeit“ geht sogar mit ins Exil. Dieser Wurzel ist sich die Gemeinde Jesu bewusst. „Wir sind nur Gast auf Erden.“ Wer die Heimat hier und jetzt zum ewigen Privatbesitz oder zur unwiderruflichen Erbpacht erklärt, der überschätzt sich selbst. Außerdem handelt er unchristlich. Wir sind unterwegs – aus vielen Ländern und Nationen, wirklich bunt katholisch. Diese Erde ist nicht unsere ewige Heimat, noch weniger ein fest umgrenztes staatliches Territorium. Weil wir selbst „Fremde und Gäste sind in dieser Welt“ (Petr 2,11), dürfen wir Fremde und Ausländer nicht abweisen oder vor die Tür setzen. Auch der Fremde ist Mensch wie wir. Er trägt die Züge Christi: „Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35). Pfarrer Peter Brummer ist in dieser Hinsicht ein hartnäckiger und wirkungsvoller Mahner. Danke dafür!

Ein weiteres Feld einer ambulanten Caritas ist der Schwerkranke und Sterbende. In der Coronakrise ist oft die Rede von der Triage: eine Art Prioritätenliste bei der Behandlung von Patienten. Unbemerkt wird im Deutschen Bundestag schon jetzt über den sog. assistierten Suizid debattiert: Es zeichnet sich ab, dass das Selbstbestimmungsrecht des Menschen die Oberhand gewinnen könnte und ein dementsprechendes Gesetz verabschiedet wird. Wo steht die Kirche? Wir dürfen nicht beim Sterben nachhelfen, doch wir sollten helfen, dass unsere Nächsten menschenwürdig sterben, etwa durch palliative Begleitung nach dem Motto: „Bleibt hier und wacht mit mir!“ (Mt 26,38) Gestern begann die „Woche für das Leben 2021“: Leben im Sterben. D.h. auch Sterben ist ein Teil des Lebens! Unsere Verantwortung für Hochbetagte und Todgeweihte kann sich nicht in moralischen Appellen erschöpfen. Ethik ist wichtig, aber es müssen Taten folgen. Das Leben kennt Zwischenräume, die nur von Mensch zu Mensch ausgefüllt werden können. Das Dogma der Egoisten lautet: „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Der Samariter zeigt, dass es auch anders geht.

Eine kleine Bemerkung ist sprechend: „Er hatte Mitleid“ (Lk 10,33), übrigens dasselbe Wort, das wir beim barmherzigen Vater lesen, als er seinen zerlumpten Sohn von weitem heimkehren sieht (vgl. Lk 15,2). Das ist kein Zufall. Beide Gleichnisse gehören eng zusammen: Der barmherzige Samariter ist gleichsam die Einlösung der Verkündigung vom barmherzigen Vater. Verkündigung (barmherziger Vater) und Gottesdienst (Emmaus) schlagen sich nieder im Dienst (barmherziger Samariter). Und dieser Dienst kennt keine Grenzen. Diakonische Ökumene – ökumenische Diakonie!

Seit der Rede vom barmherzigen Samariter, seit Jesus also, gibt es für uns Christen weder konfessionelle noch nationale Grenzen, wenn es um „erste Hilfe“ geht. Manchen von uns fällt es vielleicht schwer, so zu denken – und berufen sich auf ihre Rechtgläubigkeit. Aber diese sog. „Rechtgläubigkeit“ ist kein Alibi für mangelnde Glaubwürdigkeit!

Die Straße zwischen Jerusalem und Jericho ist überall, auch bei uns. Spielen wir diese Geschichte nochmals in Gedanken durch – ganz persönlich! Wer hätte die Rolle des Priesters? Wer die des Leviten? Und wer wäre der Samariter? Wer fällt heute unter die Räuber, wer liegt im Straßengraben, wer wird abgeschoben – ob ins Ausland oder ins Abseits? Es stellen sich viele Fragen. Konkrete Not wartet vor der eigenen Tür. Denn den Nächsten suche ich mir nicht aus, er ist einfach da – neben mir, in der Gemeinde, im Freundeskreis, in der Familie! Knüpfen wir weiter, ambulant! d.h. auf dem Weg, am Hoffnungsnetz der Liebe!