Gedenkansprache in der Augsburger Synagoge
anlässlich des Jahrestages der Pogromnacht vom 9. November 1938

„Es begann mit Worten, dann folgten die Taten.“

09.11.2021 22:06

Sehr geehrter Herr Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, lieber Herr Mazo, sehr geehrte, liebe Frau Oberbürgermeisterin Weber, liebe Schwestern und Brüder, verbunden im Glauben an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs!

Dieses bald zu Ende gehende Jahr steht unter dem Zeichen des Gedenkens an 1.700 Jahre Jüdischen Lebens in Deutschland. Mit beeindruckendem Engagement des eigens gegründeten Vereins und unzähligen Ehrenamtlichen wurden unter den erschwerten Bedingungen der Pandemie auf Bundes- und Länderebene, in großen und kleinen Städten und auch an zahlreichen Gedenkorten unserer gemeinsamen Geschichte gedacht. Neben vielen Onlineveranstaltungen gab und gibt es auch Ortsbegehungen, Konzerte und Sonderausstellungen, christlich-jüdische Dialogabende und immer wieder auch persönliche Begegnungen, die dem Kennenlernen dienen. Exemplarisch möchte ich an die „1. Jüdische Kulturwoche Schwaben“ vom 10.-17. Oktober erinnern, die von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft initiiert wurde. Dabei konnte ich selbst an dem bewegenden Gespräch über Micha, Kap. 6, Vers 8 teilnehmen. Ich wünsche von Herzen, dass sich das Format der Kulturwoche etablieren möge!

Augsburg trägt den Titel Friedensstadt und das mit Recht, wurde hier doch nach Jahrzehnten teils blutiger Auseinandersetzungen mit der Parität ein Modus gefunden, durch den sich die Stadtgesellschaft befrieden ließ. Um diesen Frieden auch im 21. Jahrhundert zu erhalten, braucht es gemeinsame Anstrengungen, kurze Wege und langen Atem. Denn gerade die jungen Menschen und nachwachsenden Generationen sollen sich in unserer multireligiösen Stadtgesellschaft beheimatet fühlen und gleichzeitig deren Geschichte in ihrer Vielfalt kennen- und schätzen lernen.

Auch die Geschichte von Christen und Juden in Augsburg kennt fruchtbare und friedliche Phasen der Koexistenz, ja der selbstverständlichen Konvivenz, die man zu Beginn des 19. Jahrhundert gern allgemein als deutsch-jüdische Symbiose bezeichnete. Allerdings trägt dieser Begriff in der Gegenüberstellung von hie deutsch und dort jüdisch bereits die Problemanzeige in sich. Genau an dieser schartigen Schnittkante siedelten sich denn auch im letzten Drittel antisemitische Ressentiments an, die das gesellschaftliche Miteinander zusehends vergifteten. Im Rückblick erscheint die Geschichte von Juden und Christen in Deutschland, von Menschen, die sich einheimisch und dazugehörig fühlten, und solchen, denen man erst spät Menschen- und Bürgerrechte zuerkannte, von Beginn an fragil und von Gewaltexzessen bzw. Machtmissbrauch geprägt. Auch der jahrhundertelang von der Kirche gelehrte Antijudaismus bildete den Nährboden dafür, dass sich die Geschichte zwischen Menschen christlichen und jüdischen Glaubens hierzulande fast ausschließlich unter der Perspektive einer Täter-Opfer-Beziehung beschreiben lässt.

Spätestens ab 1933 verloren jüdische Menschen in unserer Stadt nicht nur ihre verbrieften Rechte, sondern das Recht auf Leben. Es begann mit Worten, dann folgten die Taten: Aus Wortgewalt wurde körperliche Gewalt. Populisten und Nationalisten wollten spalten, indem sie Vorurteile schürten, Neiddebatten anzettelten und dumpfe Gefühle weckten. Wir kennen die fatalen Folgen, für die wir uns noch heute schämen müssen: Hass spaltet, hetzt und tötet. Wenn wir der Ereignisse in der Nacht vom 9. auf den 10.11.1938 gedenken, so gehören sie zweifellos zu den Kulminationspunkten von Hass, Gier und Blutrausch während der NS-Diktatur. Georg Büchners Diktum: „Der Mensch ist ein Abgrund, und es schwindelt einen, wenn man hinabschaut“ – für diese Nacht und für die folgenden Tage und Nächte bis zum Mai 1945 wurde es wahr!

Schon sind es mehr als drei Generationen, die sich seitdem intensiv mit der Dokumentation und den soziologischen sowie psychisch-mentalen Ursachen dieses zwölf Jahre dauernden, auf einer perfiden Funktionalität beruhenden Zivilisations-bruches auseinandersetzen. Doch so überzeugend und beschämend die Ergebnisse der historischen Forschung sind, mir scheint, dass wir heute, angesichts des unverkennbaren Wiedererstarkens antisemitisch motivierter Gewalttaten, ja von ausdrücklich geplanten Terrorakten, an einem Punkt lähmender Ratlosigkeit stehen. In nicht wenigen jüdischen wie nichtjüdischen Menschen steigt Angst hoch, schreckliche Angst vor der Wiederholung…

Ich will nicht belehren, ich will erinnern. Für mich ist es unbegreiflich und unerträglich, wenn vereinzelt der Hitlergruß offen gezeigt, auf dem Schulhof „Jude“ wieder zum Schimpfwort wird und mancherorts sich die Juden nicht mehr trauen, öffentlich die Kippa zu tragen. Die Pandemie polarisiert. Sie hebt auch latenten Antisemitismus ans Licht. Von sog. Querdenkern und Impfgegnern wurde der Judenstern bei Demos missbraucht. Wo führt das hin? Die Entwicklung ist ernst. Wir Christen dürfen uns weder verschämt wegducken noch tatenlos zuschauen. Wir müssen uns vor unsere jüdischen Geschwister stellen – und auch vor andere Minderheiten, die bedrängt werden. Obsta principiis! Wehre den Anfängen! Dietrich Bonhoeffer, bekennender Christ, glänzender Theologe und Opfer des nationalsozialistischen Terrors, hat Klartext gesprochen: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“

„Schützt Humanismus denn vor gar nichts?“, fragt der Schriftsteller Alfred Andersch im Nachwort seines Buches „Der Vater eines Mörders“ (1980), das aus der Sicht eines Schülers eine quälende Griechischstunde mit dem Gymnasialdirektor Gebhard Himmler schildert und damit eine Keimzelle für die psychische Disposition von Hitlers mächtigsten Gefolgsleuten offenlegt. Geht es uns heute, mehr als 40 Jahre nach der Veröffentlichung dieses fiktionalen Blitzlichtes, das eine ganze Generation von Vätern in grelles Licht tauchte, so viel anders als dem Autor? Im Zusammenhang lauten seine Überlegungen: „Angemerkt sei …, wie des Nachdenkens würdig es doch ist, dass Heinrich Himmler ... nicht ... im Lumpenproletariat aufgewachsen ist, sondern in einer Familie aus altem, humanistisch fein gebildetem Bürgertum. Schützt Humanismus denn vor gar nichts? Die Frage ist geeignet, einen in Verzweiflung zu stürzen."

Sind nicht auch wir manchmal versucht, alle pädagogischen Anstrengungen, die mit großer Mühe vorbereiteten Besuche von Schulklassen in KZ-Gedenkstätten, die Gespräche mit den letzten Zeitzeugen und überhaupt den Einsatz unzähliger Eltern, Lehrkräfte, Museumspädagogen und Wissenschaftlerinnen zahlreicher Disziplinen als ‚vergebliche Liebesmüh‘ zu betrachten?

Wir sollten jedoch, so meine ich, dieser Versuchung nicht nachgeben – nicht zuletzt deshalb, weil wir dann das Feld den Fatalisten überließen und damit, ich sage es mit innerem Erschrecken, selbst zu Wegbereitern von Gewalt und Machtmissbrauch würden. Nein, wir sollten hartnäckig und treu das Gedächtnis an die Gräueltaten der Vergangenheit wach- und mit Zivilcourage unermüdlich dagegenhalten; sollten uns mit allen Menschen guten Willens verbünden, wenn wir Zeuge verbaler Entgleisungen oder Provokationen werden. Die Hemmschwelle sinkt immer mehr; die Wortwahl wird stetig nach oben ausgereizt: ein fatales Spiel mit dem Feuer. Deshalb wage ich die Behauptung: Wie jede Glaubensgemeinschaft braucht unsere wehrhafte Demokratie das klare Bekenntnis zu ihr - ein Bekenntnis, das sich in Wort

und

Tat manifestiert. Die oft beschworene Formel „Nie wieder“ ist wichtig, genügt aber nicht. Wir müssen uns zu Wort melden und handeln, solange wir die Freiheit dazu haben. Im Vorfeld der jüngsten Bundestagswahl kam dies besonders beeindruckend in der „Gemeinsamen Erklärung gegen die AfD“ zum Ausdruck. Mehr als 60 jüdische Organisationen und Verbände zeichneten dafür verantwortlich. Das „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ schloss sich der Erklärung ausdrücklich an. Auf solche Laien bin ich stolz.

 

Erlauben Sie mir, am Ende noch einen Gedanken mit Ihnen zu teilen, der durch das Lebenszeugnis zweier Überlebender in mir ausgelöst wurde. Der erste ist der Künstler Jehuda Bacon (geb. 1929). Sich selbst charakterisierte er einmal mit der Feststellung: „Bei meiner Befreiung aus dem KZ (Mauthausen) war ich erst fünfzehn Jahre alt, aber ich hatte die Erfahrung eines Achtzigjährigen.“ Er widmete den selbstbestimmten Teil seines Lebens der Kunst und der Aufklärung der Schoa und sagte z.B. auch im Eichmann-Prozess aus. Vor allem aber wurde Jehuda Bacon zum Botschafter der Versöhnung. Sie ist grundgelegt in der ebenso knappen wie befreienden Erkenntnis: „Würde ich hassen, hätte Hitler gesiegt“!

Die Aussage des zweiten Überlebenden las ich in einem theologischen Buch. Unter dem Titel „Memoria Passionis“ reflektiert der Fundamentaltheologe und Begründer der neuen Politischen Theologie, Johann Baptist Metz, ein zentrales Problem jedes gläubigen Menschen, ja vielleicht aller Menschen auf der Welt, nämlich das der Rechtfertigung Gottes angesichts des Leids, das Problem der Theodizee. Dabei zitiert er zur Untermauerung seiner Forderung nach einer Neubegründung der christlichen, der katholischen Theologie nach Auschwitz folgende Aussage des Schriftstellers Elie Wiesels (1928-2016): „Der nachdenkliche Christ weiß, dass in Auschwitz nicht das jüdische Volk gestorben ist, sondern das Christentum“ (zit. n. J.B. Metz, Memoria Passionis. Herder: Freiburg, 2006, S. 36). – ja, so ist es! Und weil es so ist, schließe ich mich voll und ganz den Schlussfolgerungen von Metz an: „Wir Christen kommen niemals mehr hinter Auschwitz zurück; über Auschwitz hinaus aber kommen wir, genau besehen, nicht mehr allein, sondern nur mit den Opfern von Auschwitz. Das ist (…) der Preis für die Kontinuität des Christentums jenseits von Auschwitz“ (ebd., S. 39).

Heute am Gedenktag der Reichspogromnacht von 1938 verneige ich mich in Ehrfurcht vor den Opfern der Terrorherrschaft des Nationalsozialismus und allen, denen im Namen menschenverachtender Ideologien, kirchlich tradierter Vorurteile und aus anderen niederen Beweggründen Leid zugefügt wurde und noch wird. Ich bitte als katholischer Theologe und Bischof von Augsburg dafür um Verzeihung. Dass ich mit Ihnen die belastende Erinnerung an Unmenschlichkeit und Gottvergessenheit teilen darf, dafür danke ich Ihnen. Das Zachór, Erinnere Dich!, möge nie Selbstzweck sein, sondern uns bereit machen im Hier und Jetzt den Geboten des Ewigen zu folgen und mit IHM, wenn ich das sagen darf, am Tikkun Olam, an der Verbesserung der Welt, mitzuwirken. Herzlichen Dank, dass ich zu Ihnen sprechen durfte.