Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier zu Weihnachten am 25. Dezember 2021

Wer führt Regie? Stimmen, Wörter und das Eine Wort.

25.12.2021 10:30

Womit fängt es an, das Johannes-Evangelium? „Im Anfang war das Wort.“ Was fangen wir damit an? Können wir überhaupt etwas damit anfangen? Wir sprechen eine andere Sprache: „Im Anfang war die Tat.“ So lesen wir bei Johann Wolfgang von Goethe als Inbegriff neuzeitlichen Selbstbewusstseins.

Es ist eine erregende Szene, die der große Dichter und Denker da beschreibt: Faust denkt nach über dieses Evangelium vom Anfang: „Auf einmal sehe ich Rat und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat.“ Doch unmittelbar nachdem das getrost geschrieben ist, erscheint der Teufel auf der Bühne: Es ist eine teuflische Sache, wenn die Welt (und auch die Kirche!) ein Produkt der eigenen Tat wird, wenn der Mensch sich selbst macht: Der „gemachte Mann“! Doch wehe ihm, wenn er merkt, dass alles nur Mache war! Übrigens auch in der Liebe: Wir können es uns nicht selbst besorgen. Liebe können wir uns nicht selbst machen.

„Hier sitz’ ich, forme Menschen nach meinem Bilde …“ (Prometheus). Dann haben wir die Bescherung: schöne Bescherung, aber nicht weihnachtlich! Wenn am Anfang die Tat steht, dann wissen wir am Ende nicht mehr, wo wir anfangen sollen und dürfen und vor allem auch, wo wir aufhören müssen. Eine Frucht dieser Einstellung ernten wir in den Diskussionen, die uns bewegen: Wo beginnt menschliches Leben und wo hört es auf? Was tun mit Embryonen, von denen man glaubt, dass es Menschen mit Behinderung werden? Was tun mit Pflegebedürftigen, die jahrelang dahinvegetieren?

Da kann die Versuchung aufkommen: „Da müssen wir etwas tun. Das ist doch kein Leben.“ Und wir merken: Von der eigenen Tat kann man nicht leben. Der Mensch wird schnell zum Täter. Und Opfer bleiben zurück. Es braucht etwas, das der Tat zuvorkommt, die rasch umkippt in Sünde und Schuld: ein Wort, das erlöst und befreit. Es braucht das göttliche Wort. „Im Anfang war das Wort.“

Dieses Wort steht, über Weihnachten hinaus. Gott hat sein Wort gesprochen. Wenn Weihnachten seinen Sinn bewahren soll, dann nur auf dieser Basis: „Im Anfang war das Wort.“ Man kann im Ernst nicht Weihnachten feiern, ohne von Gott zu reden. Weihnachten haben wir uns nicht selbst ausgedacht wie Silvester oder den 1. Mai oder den 3. Oktober. „Im Anfang war das Wort“: Dieses Wort kommt nicht aus uns, sondern zu uns. Wir verdanken es nicht unserer menschlichen Tat, sondern dem göttlichen Willen. Wir können es nicht machen, wir dürfen es empfangen, es uns sagen lassen. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“
Gott war und ist Wort. Wie ist das zu verstehen? Der damalige Papst Benedikt XVI. hat in der Christmette 2006 eine interessante Deutung vorgelegt. Er spricht vom sog. „abgekürzten Wort“. An Weihnachten habe Gott sein Wort kurz gemacht, es gleichsam abgekürzt. Keine langen Prophetenpredigten, keine historischen Schriftrollen, kein diffiziles Geflecht von Geboten und Gesetzen werden angeboten. Stattdessen hat Gott sein Wort kurzgehalten. Das göttliche Wort ist klein geworden: „Der Sohn ist das Wort, der Logos; das ewige Wort hat sich klein gemacht – so klein, dass es in eine Krippe passt. Es hat sich zum Kind gemacht, damit uns das Wort fassbar werde.“ Und das Wort ist Kind geworden.

Das Kind kann noch nicht sprechen, doch das Kind selbst ist Wort, Frohe Botschaft, Evangelium. Wo ein kleiner Mensch das Licht der Welt erblicken kann, da kommt Gottes Licht in die Welt. Ist das nicht die große Klammer für die Ökumene und ein Anknüpfungspunkt für den Dialog der Religionen? Gottes Wort ist einfach, klein, kurz und knapp, dass es in eine Krippe passt. Das Wort ist Kind geworden. Diese Botschaft ist an keine Konfession gebunden. Diese Botschaft hat auch die Kraft, Grenzen zu anderen Religionen zu sprengen.  Kardinal Henry de Lubac folgert daraus: „In dieser einfachen Wahrheit, in der tatsächlich der ganze christliche Glaube enthalten ist und zusammengefasst ist, kommen alle Christen überein.“

Gottes „abgekürztes Wort“ hat noch eine weitere Tönung. In einer katholischen Bibelübersetzung von 1763 finden wir das „abgekürzte Wort“ im Zusammenhang mit Röm 9,28: „Dann wird Gott das Wort vollenden und abkürzen in Gerechtigkeit: Dann wird der Herr ein abgekürztes Wort machen auf Erden.“ Es handelt sich dabei um eine Übersetzung aus der lateinischen Bibel, der sog. Vulgata: „Verbum enim consummans et abbrevians in aequitate, quia verbum breviatum faciet Dominus super terram.“

Diese Schattierung des abgekürzten Wortes entspricht dem Anfang des Hebräerbriefes: „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn“ (Hebr 1,1-2). Das heißt: Alle Worte der Heiligen Schrift streben auf Jesus Christus zu. Auf ihn hin konzentrieren sie sich, in ihm erfüllen sie sich und von ihm her werden sie verwandelt. Von Jesus Christus her wird die Bedeutung des Alten Bundes erschlossen, im wahrsten Sinn des Wortes aufgehoben, in ein neues Licht gesetzt.

Hören wir noch einmal in die Predigt von Papst Benedikt hinein: „Das Wort, das Gott uns in den Büchern der Heiligen Schrift mitteilt, war lang geworden im Lauf der Zeit. Lang und unübersichtlich. Jesus hat das Wort kurz gemacht – uns seine tiefste Einfachheit und Einheit wieder gezeigt.“ Beide Deutungen, wie Gott sein Wort kurz macht, umschreiben das Geheimnis der Inkarnation. Weihnachten heißt: „Gott ist nicht mehr weit entfernt. Er hat sich zum Kind gemacht für uns. Er hat sich zu unserem Nächsten gemacht und so auch das Bild des Menschen wiederhergestellt.“ Nicht umsonst heißt die Zusammenfassung, die Kurzformel der christlichen Liebe: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit allen deinen Kräften; und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Gott hat das Wort kurz gemacht.

Das Wort abkürzen ist etwas anderes als das Wort verkürzen. Abbreviatio ist nicht reductio. Oft laufen wir Gefahr, aus eigenem Antrieb, durch eigene Tat das Wort Gottes zu verkürzen, seine Bedeutung zu reduzieren, es zu verstümmeln und es so seiner Kraft zu berauben.
- Wer im Sohn Gottes lediglich ein Menschenkind sieht, verkürzt die Botschaft von Weihnachten.
- Wer die Bibel nur nimmt als Pamphlet zur Verbesserung der Erde, verkürzt die Rede vom Himmelreich.
- Wer die Heilige Schrift mit dem Seziermesser zerlegt und alles auflöst in historisches Gerippe, reduziert das Wort Gottes auf pures Menschenwort.
- Wer das Wort Gottes für seine eigenen Interessen instrumentalisiert, nimmt ihm seine Fülle und Tiefe. Er setzt das Katholische aufs Spiel: Reichtum und Vielfalt.

Das schließt Weite und Großzügigkeit ein. Wer einen katholischen Dialog will und praktiziert, der arbeitet nicht mit grünen und roten Karten, sondern lässt die Verschiedenheit der Meinungen offen und unverkrampft zu. Er tut alles, damit auch Andersdenkende zu Wort kommen und eine Stimme haben. Dass eine solche Debattenkultur gerade bei uns in der Kirche schwer scheint, belastet mich. Es steht gegen die vielbeschworene Synodalität als Lebensstil der Kirche. Mein Eindruck ist: Wir wollen nichts dem Zufall überlassen, wir haben Angst vor Spontaneität, wir ziehen unser jeweiliges Drehbuch durch. Daher die Frage: Wer führt in der Kirche Regie? Kommt bei unseren Strategien der Heilige Geist noch durch, bei den vielen Wörtern das Eine Wort? Oder wollen wir lieber alles selber machen, was wir in theologischen Kammern und akademischen Runden ausgedacht haben? Im offenen Dialog geht es nicht darum, die vielfältigen Wortbeiträge schon im Vorfeld zu sortieren und, was gegen den Strich steht, zu kritisieren, sondern möglichst viele Stimmen wohlwollend zu analysieren und zu integrieren. Ignatius von Loyola gibt den guten Rat, alles zu tun, um die Meinung des anderen zu „retten“. So werden synodale Initiativen gelingen, der Erneuerung der Kirche dienen aus der Mitte Jesu Christi, des Wortes Gottes.  

Deshalb müssen wir unterscheiden zwischen Wort und Stimme. Es gibt so viele Stimmen, auch in der Kirche, aber es gibt nur ein Wort: das kurze Wort, das Gott in eine Krippe gelegt hat. Der hl. Augustinus hat mit seiner bestechlichen Beobachtungsgabe auf den Punkt gebracht, was der Unterschied ist zwischen Wort und Stimme: „Nimmst du das Wort weg, was bleibt von der Stimme? Wenn in der Stimme kein Gedanke ist, ist sie leeres Lärmen. Die Stimme ohne Wort pocht zwar ans Ohr, doch das Herz erbaut sie nicht. Der Klang der Stimme trägt den Sinn des Wortes zu dir, um sogleich zu verhallen. Das Wort hingegen, das der Laut zu dir gebracht hat, ist nunmehr in deinem Herzen, ohne mein Herz verlassen zu haben“ (Sermo 293,3 [PL 38, 128f]).
Stimmen sind laut und leise, Stimmen sind mächtig und verstummen wieder; was bleibt, ist das Wort: Gott hat es kurz gemacht. Er hat uns das Wort in die Wiege gelegt: in die Wiege des Herzens, damit wir es wiegen und wägen, es bewegen und tragen. So ist Weihnachten das Fest des Wortes. Das Wort ist nun in unserem Herzen, ohne Gottes Herz verlassen zu haben. Das ist Weihnachten: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14), in Menschen mit Herzen aus Fleisch.