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Hirtenwort von Bischof Konrad Zdarsa zum neuen Gotteslob: "Ein Buch der Einheit"

08.03.2014


Liebe Schwestern und Brüder!

Nun ist es doch noch eher in allen Pfarrgemeinden eingetroffen: das neue GOTTESLOB für unser Bistum Augsburg. Viele nämlich waren zunächst enttäuscht, dass wegen technischer Probleme unser lang erwartetes Gebet- und Gesangbuch zum Beginn des neuen Kirchenjahrs nicht geliefert werden konnte. Dabei hätte es so gut gepasst – hinein in die Zeit von Advent und Weihnachten, die wir wie keine andere mit Musik und Gesang verbinden.

Wer lobt, geht von Gott aus

Der Auftakt für das neue GOTTESLOB trifft nun auf die österliche Bußzeit. Es ist nicht die Zeit, um aus voller Kehle das Lob Gottes anzustimmen – im Gegenteil: Gloria und Halleluja verstummen nach alter Tradition bis Ostern. Wir halten inne in diesen Wochen und hoffen dabei selber neu inne zu werden, was der tiefste Grund unseres Lebens und Glaubens ist.

Dieser Fastensonntag gibt Anhaltspunkt und Richtung. Wir hören die Erzählung vom Ursprung: Gott schafft den lebendigen Menschen, in dem er ihm seinen Atem einhaucht und den Garten Eden als Lebensraum schenkt. Doch im Menschen nagt das Misstrauen, die Urversuchung schlechthin. Er will nicht glauben, dass da ein väterlich sorgender Schöpfer ist, der uns nicht klein halten will, sondern uns einfach gut ist.

Alles lieber selbst in der Hand haben und eigenmächtig hinbekommen – das legt der Versucher auch Jesus in der Wüste nahe: Brot, Ruhm und Größe, Macht. Aber Jesus widersteht. Denn der Gottessohn lebt aus der Orientierung: Leben gelingt, wenn wir Menschen uns auf unsere Ursprung besinnen; wenn wir Gott anerkennen als den, der für uns sorgt und der so frei ist, uns als sein lebendiges Gegenüber zu wollen, aus Liebe. Das betrachten wir in der Zeit auf Ostern hin und vollziehen es mit: wie Jesus im Vertrauen auf den Vater durch Kreuz und Leiden geht und am Ende von Gott sogar aus dem Tod in das neue Leben geholt wird.

Gott trauen, mit ihm in lebendiger Verbindung bleiben, von ihm das Leben erwarten: Das ist die Urhaltung des Glaubens und macht uns zu wahren aufrechten Menschen; weil er uns Würde schenkt, sogar dann noch, wenn wir uns von ihm abgewandt haben. Menschen, die sich Gott verdanken, antworten mit Dank, mit Lob; nicht nur in den hochgemuten Stunden, sondern auch im Alltäglichen, auch in Not und Sorge, ja selbst noch in Schuld. Wer Gott groß sein lässt, kommt nicht zu kurz – im Gegenteil: der kommt im Klagen und Bitten, im Danken und Staunen selbst ins rechte Lot. Wer lobt, der geht von Gott aus, der will die Welt zum Guten verändern und lässt dabei Gott das letzte Wort.[1]

Das neue GOTTESLOB – neue Chance für unser beherztes Lob Gottes

So hat es sich nun sogar gut gefügt: Zum Beginn dieser österlichen Bußzeit liegt das neue GOTTESLOB in unserer Hand. Es kann Anstoß sein und Chance, dass uns gerade jetzt das Lob Gottes in all seinen Farben wieder ans Herz wächst!

„Die Seele nährt sich von dem, woran sie sich freut.“ Diese Erfahrung des heiligen Augustinus möchte ich Ihnen als Impuls für Ihre erste Entdeckungsreise durch das neue GOTTESLOB mitgeben. Ein Grund zur Freude ist sicher für viele, dass sie etwa die Hälfte der Lieder aus dem bisherigen GOTTESLOB wieder finden. Zudem ist manches bekannte Lied mit neuem Text hinterlegt – das lässt aufhorchen. Hinzu kommen besonders gern gesungene ältere Lieder, die bisher vermisst wurden. Und dankbar werden viele Gemeinden entdecken, dass jetzt auch qualitätsvolle neue geistliche Lieder im GOTTESLOB stehen. Hilfreich für alle ist, dass Inhalte neu geordnet und leichter auffindbar sind; und dass gute knappe Vorlagen für vielfältige Gottesdienstformen enthalten sind.

Ich lege das neue GOTTESLOB Ihnen allen ganz persönlich, Ihren Familien und Gruppen als einen Schatz für Ihr Glaubensleben ans Herz: Den Auftakt bilden Anregungen zum guten Umgang mit der Bibel – Gottes frohe Botschaft geht unserem Gotteslob ja immer voraus! Eine Einladung sind alte und neue Gebete, aber auch Vorschläge für Feiern in der Familie – von Segensfeiern bis zum Hausgebet für Verstorbene.

Besonders möchte ich Sie auf die kurzen Texte aufmerksam machen, die uns über die Sakramente und das Kirchenjahr informieren und geistlich auf sie einstimmen. Damit trägt das GOTTESLOB unserer Glaubenssituation heute Rechnung: Mehr als je zuvor ist jede und jeder von uns angefragt, Auskunft geben zu können über unseren Glauben und die Formen, mit denen wir ihn feiern und leben. So will das neue GOTTESLOB uns an die Hand nehmen: Bete wieder – und freu dich an alten Schätzen und neuen Impulsen! Sing wieder – und freu dich, wenn viele mitsingen! Ja, glaube wieder bewusst – mit Herz und Verstand! Gut, wenn Ihr GOTTESLOB dazu immer in Reichweite ist – am Esstisch, im Handschuhfach, in der Tasche auf dem Weg zu Zusammenkünften.

Mit dem GOTTESLOB zur größeren Einheit zusammenwachsen

Liebe Schwestern und Brüder! Beim ersten Griff zum neuen GOTTESLOB tun vielleicht viele, was ich auch getan habe: Sie schauen nach, ob Ihre Lieblingslieder wieder aufgenommen sind. Viele erfreuliche „Treffer“ wird es geben; aber auch die eine oder andere Enttäuschung. Bei aller Fülle und Bandbreite hat das Buch eben auch seine Grenzen; es soll ja noch in Taschen passen und handlich bleiben. Die Begrenzung hat freilich auch zu tun mit dem, was das Lob Gottes für Glaubende immer bedeutet: Wer Gott von Herzen groß sein lässt, der ordnet sich ein in die Gemeinschaft aller, die mit ihm vor Gott stehen. Nicht dann gelingt unser Lob Gottes, wenn jeder nur mit seinen eigenen Anliegen den Himmel bestürmt; sondern dann, wenn wir in Liebe einmütig Zusammenstehen und miteinander bestrebt sind, den Willen Gottes immer besser zu erfüllen.

„Zur größeren Einheit zusammenwachsen“ – das bedeutet ja weit mehr, als nur Strukturen zu verändern. Vor diese Aufgabe sind unsere Pfarreiengemeinschaften über alle Raumplanung hinaus vor allem gestellt. Das neue GOTTESLOB ist auch da ein guter Begleiter und eine Sehhilfe: Neben und mit mir glauben Menschen, die anders geprägt sind als ich – im Denken, in der Herkunft, in Alter und Beruf; und in der Art, wie sie ihren Glauben ausdrücken. Mit uns glauben Menschen, die ihre Wurzeln auch in anderen Teilen Deutschlands haben. Ich gestehe, ich habe mich sehr gefreut, im neuen GOTTESLOB Lieder zu entdecken, die die Gläubigen in meinem Heimatbistum Dresden-Meißen und im Bistum Görlitz mit Inbrunst singen, die hier bei uns jedoch kaum bekannt sind. Unser GOTTESLOB fängt den Reichtum des Betens und Singens aus verschiedenen Teilen der deutschsprachigen Kirche ein – und verbindet uns so weit „über den eigenen Kirchturm hinaus“.

Und: Unbekannte Lieder, der manchmal unerwartet neue Text eines vertrauten Liedes oder auch die neue Ordnung im GOTTESLOB lassen uns alle neu aufmerken. Das kann Menschen entgegenkommen, die sich gerade erst suchend in den Glauben oder den Gottesdienst hineintasten – oder denen ein Schicksalsschlag die Stimme verschlagen hat. Wohltuend ist es dann, eine Gemeinde zu erleben, die sich selbst erst wieder neu einfindet ins Beten und Singen und nicht allzu selbstgewiss feiert. Denn auch in diesem Sinn ist das GOTTESLOB ein verbindendes Buch, ein Buch der Einheit: dass darin die Fülle von unterschiedlichen Lebenserfahrungen Platz hat – von der Klage bis zum Jubel – und die Fülle der Gebets- und Liturgieformen in den verschiedenen Farben des Kirchenjahrs. Dann ist unser neues GOTTESLOB nicht nur das verbindende Buch zur Mitfeier der Liturgie. Es spiegelt zugleich wieder, was unsere Liturgie ausmacht: Sie ist die Klammer, die uns in der Vielfalt zur Einheit zusammenführt. Ihr geht das Glauben und Beten des Einzelnen voraus und sie verbindet und wandelt unsere Herzen in der Gegenwart Gottes, die wir gemeinsam feiern – besonders in der heiligen Eucharistie.

Weil uns das neue GOTTESLOB wertvoll ist für das Leben der Gemeinden und für ihr Zusammenfinden zu größerer Einheit, finanziert das Bistum jeder Pfarrei einen Grundbestand an Büchern. Vieles macht mich zuversichtlich: Pfarrgemeinden haben mit dem „Lied des Monats“ schon den Vorgeschmack des neuen GOTTESLOB gesucht; und überwältigend viele Gläubige waren beim „Tag der Kirchenchöre“ in der Ulrichswoche und am „Tag der Kirchenmusiker“ offen und begeistert dabei. Schon damals habe ich allen, die an der Erstellung des neuen Buches und seiner Einführung beteiligt waren, ein herzliches Dankeschön und Vergelt’s Gott gesagt, das ich heute noch einmal aussprechen möchte. Da ist längst angeklungen, was ich uns – Einzelnen und Gemeinden – mit dem neuen GOTTESLOB wünsche: Dass wir mit Leib und Seele spüren, was Glaubende seit alters im Psalm bekennen: „Schön ist es, unseren Gott zu loben“ (Ps 147,1).

Liebe Schwestern und Brüder, das neue GOTTESLOB ist da. Ob es wirklich ankommt, liegt jetzt an uns allen. Viele Gläubige nutzen gern einen Fastenkalender für ihren Weg auf Ostern zu. Ich empfehle Ihnen heute das GOTTESLOB als persönlichen und gemeindlichen Fastenbegleiter.

Vertiefen Sie sich bewusst hinein, statt nur darin zu blättern! Lesen Sie gespannt darin und lassen Sie sich auf neue Lieder in Ihrer Gemeinde ein! Entdecken Sie dabei wieder neu, wie kostbar unser Glaube ist. Wie sollten wir denn sonst dem auferstandenen Herrn „das neue Lied“ singen können (GL 329,5), wenn wir in unserem Beten und Singen alles beim Alten lassen wollten? Ja, mögen wir als neue Menschen das österliche Halleluja singen!

Dazu segne Sie der allmächtige und gute Gott,
der +Vater, und der +Sohn, und der +Heilige Geist.

Amen.


Augsburg, am Fest der Darstellung des Herrn 2014

+ Konrad Zdarsa
Bischof von Augsburg


[1] vgl. GOTTESLOB Nr. 30, S. 130