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Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2011

13.03.2011

„Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.“ i

Liebe Schwestern und Brüder!

Ganze achtmal schallt uns dieses Wort aus dem Buch der Offenbarung des Johannes entgegen. Wir wissen, dass darauf keineswegs nur Worte des Lobes und der Erbauung, sondern auch Sätze harscher Kritik folgen. Insgesamt aber erweist sich das Buch der Offenbarung des Johannes als eine ausgesprochene Trostbotschaft für die frühchristlichen Gemeinden in schwerer Zeit.


Bei allem, was die verschiedenen Medien über meine Ernennung zum Bischof von Augsburg berichtet haben, wurde ziemlich oft mein bischöflicher Wahlspruch zitiert. Es ist ein Wort aus dem Brief des Apostels Paulus an die Epheser aus dem Neuen Testament. Sein Tiefgang und seine Weite sind mir selber erst nach und nach immer mehr aufgegangen. Mit dem Begriff Wahlspruch ist dieses Wort aber eigentlich nur unzureichend beschrieben. Ich sehe es vielmehr als eine Gabe an, ein unverdientes Geschenk. Es entstammt ja selber der Gabe aller Gaben, dem Geschenk Gottes an uns Menschen in seiner göttlichen Offenbarung. Wir können uns eigentlich gar nicht genug darüber freuen, dass damit ein Wort der Heiligen Schrift in so umfassender Weise multipliziert und in aller Welt verbreitet worden ist. Ähnlich wie der Apostel Paulus könnten wir sagen: Niemand kann sagen, Christus ist unser Friede, außer im Heiligen Geist. Der Heilige Geist spricht nämlich zu uns nicht nur durch die Heilige Schrift, sondern auch durch die Kirche. Er spricht nicht nur durch andere Menschen zu uns, sondern auch durch die Zeichen der Zeit.

Es müssen auch nicht immer nur angenehme und plausible Botschaften sein, die wir dabei vernehmen. Plausibilität ist gewiss kein erstes Kriterium für die Stimme des Heiligen Geistes. Aber wir dürfen auf das Wort des Apostels bauen: „Der irdisch gesinnte Mensch (aber) erfasst nicht, was vom Geist Gottes kommt.“ii „Der geisterfüllte Mensch aber urteilt über alles, ihn selbst vermag niemand zu beurteilen.“iii Als gläubige Menschen sind wir befähigt, die Botschaft des Geistes aufzunehmen, zu verstehen und zu beherzigen. Bleiben wir darum sensibel für die Stimme des Geistes auch in unserem eigenen Herzen und hören wir bei allem auf das, was uns der Geist sagt.


Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.“


Noch bevor ich in die Diözese Augsburg kam, hatte ich von der Initiative eines Pastoralgespräches unter dem Leitwort „Missionarisch Kirche sein“ aus dem Jahr 2007 erfahren. Nach dem Vorwort meines bischöflichen Vorgängers haben die Perspektiven, die dabei formuliert wurden, breite Zustimmung gefunden. Da konnte sich einem zunächst schon die Frage aufdrängen, wieso die Diözese dennoch von solchen Turbulenzen ergriffen werden konnte, in deren Nachgang so viele der Kirche den Rücken gekehrt haben. Die Krise habe ihren Grund im bestehenden Glaubensmangel gefunden, stellte ein Mitbruder im Priesterrat fest. Ein anderer verwies auf die Nähe Gottes in jeder Situation. Als derzeit dringlichste Botschaft machte er aber das Jesuswort geltend: „Nein, sage ich euch, vielmehr werdet ihr alle genauso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt.“iv Das ist ein Satz aus dem Evangelium nach Lukas, das uns die Kirche am Tag meiner Einführung ins Bischofsamt von Augsburg vorgelegt hat.

Was kann denn ein pastorales Gespräch anderes sein, als nach der Art des Guten Hirten miteinander zu reden, einander gut zuzureden, einander zu Herzen und füreinander zum Herzen Gottes zu reden, also füreinander zu beten?

Dabei möchte ich nicht unterschlagen, dass die Rede nach Art des Guten Hirten auch das richtungweisende, notfalls gebietende Wort kennt. Dabei können wir uns auch auf die Anweisungen des Apostels Paulus an seinen Schüler Timotheus stützen.v


Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.“


Als eine Fügung des Geistes dürfen wir es wohl auch ansehen, wenn ich schon recht bald nach meiner Einführung aus dem Diözesanrat heraus danach gefragt wurde, welchen Stellenwert ich der Wort Gottes Feier in unserer Diözese beimesse. Ich schreibe es demselben Geist zu, wenn ich darauf mit meiner Erfahrung aus den Ortskirchen antwortete, aus denen ich komme. Die Wort Gottes Feier kann die Feier der Eucharistie am Sonntag nicht ersetzen und muss immer auf die Feier der Eucharistie bezogen bleiben.

Im Hinblick auf die Ökumene würdigt Papst Benedikt XVI. den Nutzen solcher liturgischen Feiern des Wortes Gottes. Er weist aber ausdrücklich daraufhin „…dass sie den Gläubigen nicht als Ersatz für die Teilnahme an der Heiligen Messe angeboten werden, die unter das Sonntagsgebot fällt.“vi

Die Kirche lebt und wächst aus der Heiligen Eucharistie. Papst Johannes Paul II. hat diesem Geheimnis noch im Jahr 2003 eine eigene Enzyklika gewidmet.vii

Die Eucharistie ist, wie die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht müde werden, zu betonen, Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens.viii Dieses Glaubensbewusstsein darf nicht gemindert werden. Darum kann die Teilnahme an einer Wort Gottes Feier dort nicht als Erfüllung der Sonntagspflicht angesehen werden, wo unter zumutbarem Einsatz die Teilnahme an der sonntäglichen Eucharistiefeier möglich ist. Der Vertrautheit mit der eigenen Pfarrkirche halte ich die Mobilität unserer Gesellschaft entgegen.

Der Sturm, den meine Antwort bei manchen ausgelöst hat, bestärkt mich darin, wie notwendig es ist, über diese Frage eindringlich nachzudenken, um zu einer noch tieferen Wertschätzung der Heiligen Eucharistie zu gelangen.

Einen jungen Mitbruder hat das Gespräch darüber sehr nachdenklich gemacht. Nach seinem Freijahr als Theologiestudent in Erfurt hat er die Lebenserfahrung der Gläubigen in der Diaspora auf die Formel gebracht: Der Ort meiner religiösen Heimat ist nicht der Ort meines Wohnsitzes. Ohne seine Sorge, ja seine Angst vor der Zukunft zu verhehlen, äußerte er schließlich die Vermutung, dass auch wir uns künftig dieser Herausforderung stellen müssen, um als Christen zu überleben. Dabei dürfen wir uns durchaus unserer Hilflosigkeit bewusst sein. Die vor uns liegenden Aufgaben werden wir nicht allein durch organisatorische Maßnahmen und immer größere Pfarreiengemeinschaften lösen können. Wenn sich aber die Gläubigen solcher Pfarreien einmütig dazu entschließen, mit ihrem Pfarrer fortan eine einzige Pfarrei bilden zu wollen, soll ihnen das nicht verwehrt werden.

Wir werden unterschiedliche Wege beschreiten müssen, um den Gläubigen unserer Diözese Zugang zur regelmäßigen Eucharistiefeier und zu einer lebendigen Seelsorge zu ermöglichen. Allein die gelebte Sehnsucht nach dem Allerheiligsten Sakrament des Altares wird letztendlich auch wieder mehr junge Männer dazu bewegen, ihrer Berufung zum Priestertum zu folgen. Für uns alle wird es darauf ankommen, dass wir uns nicht nur von der Sorge um die Bewahrung des Bestehenden, sondern noch vielmehr von der Zuversicht auf die Führung des Geistes Gottes in die Zukunft leiten lassen.


Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.“


Die erforderlichen Schritte, die dazu von den Verantwortlichen der Diözese unternommen werden müssen, wurden bislang unter dem Begriff „Weichenstellung“ zusammengefasst. Wir sollten aber unsere pastoralen Aufgaben nur sehr behutsam und nur dann mit technischen Begriffen umschreiben, wenn wir uns über deren begrenzte Aussage von vornherein im Klaren sind. Wir laufen sonst Gefahr, dass solche Begriffe bei den einen nur ein müdes Lächeln, bei vielen anderen aber vielleicht sogar Angst und Sorge hervorrufen.

Wenn nun schon Weichen gestellt werden müssen, sollte das möglichst rasch und zügig geschehen. Am wichtigsten ist, dass die Gläubigen bereit sind, in den Zug einzusteigen und in die vorgegebene Richtung mitzufahren. Gerade bei solchen Entscheidungen ist es notwendig, mit dem Evangelium zu argumentieren. Wir dürfen uns von niemandem eine Sprache aufzwingen lassen, die weder die Sprache der Heiligen Schrift noch die Sprache des Glaubens der Katholischen Kirche ist. Wir haben der Gesellschaft wahrlich mehr zu geben als nur christliche Werte. Wir selber müssen allezeit dazu bereit sein, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die uns erfüllt.ix Wir müssen eine Sprache sprechen, die die Menschen verstehen, ohne dass wir damit den Inhalt unseres Glaubens verkürzen und verfälschen. Eine Sprache, mit der wir unsere Mitmenschen von der Wahrheit unseres Glaubens überzeugen und für Jesus Christus gewinnen können.

Er ist der wahre Entwickler unserer Gemeinden ganz nach seinem Wort: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“x Wir können und dürfen uns die Sprache des Menschgewordenen nicht entfremden lassen. Das Fleisch darf, wie ich kürzlich gelesen habe, nicht wieder Wort werden.

Der Auferstandene geht seinen Jüngern nach Galiläa voraus. Dort fordert er uns auf: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“xi

In jeder heiligen Eucharistiefeier begehen wir das Geheimnis der Menschwerdung, des Lebens, Leidens und Sterbens, der Auferstehung und Verherrlichung des Menschensohnes, unseres Herrn Jesus Christus.

Unsere diesjährige Ulrichswoche ist mit einem Leitwort von Silja Walter OSB überschrieben. Erst vor wenigen Wochen hat sie unser himmlischer Vater in sein ewiges Reich gerufen. Dieses Wort interpretiert die Aufforderung unseres Herrn: „Bleibt in meiner Liebe!“xii mit dem Satz: „Bleiben heißt weitergehen.“. Schon in der kommenden österlichen Bußzeit können wir uns davon leiten lassen. Sie bietet uns dazu vielfältige Gelegenheit.


Gern erbitte ich Ihnen dazu den Segen des dreieinigen Gottes,

des +Vater, des +Sohnes, und des +Heiligen Geistes. Amen


Augsburg, am Fest Kathedra Petri 2011



+Konrad Zdarsa

Bischof von Augsburg


i Offb 2,7.11.17.29; 3,6.13.22; vgl. 13,9

ii 1Kor 2,14

iii 1Kor 2,15

iv Lk 13,3.5

v vgl. 2Tim 4,2ff

vi Verbum Domini, Verlautbarung des Apostolischen Stuhls Nr. 187,77

vii Ecclesia de Eucharistia, Verlautbarung des Apostolischen Stuhls Nr. 159

viii Presbyterorum ordinis 5; Lumen Gentium 11; Christus Dominus 30 (2)

ix vgl. 1Petr 3,15

x Mt 11,28

xi Mk 16,15; vgl. 16,7

xii Joh 15,9b

Die Schriftzitate sind der Einheitsübersetzung (Revisionsfassung 2009) entnommen.