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Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2012

25.02.2012

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Zukunft der Kirche unseres Bistums stellt uns immer wieder vor neue Herausforderungen. Schon in der Vergangenheit haben viele der Verantwortlichen für das kirchliche Leben, Hauptamtliche und Ehrenamtliche, eingehend darüber nachgedacht und sich auf vielfältige Weise tatkräftig für den Fortgang des kirchlichen Lebens eingesetzt. Für allen diesen Einsatz an Zeit, Kraft und Mühen, aber auch für ihre Begeisterung möchte ich ihnen ein herzliches Dankeschön und Vergelt’s Gott zurufen.

Aber jeder von uns weiß, dass die Herausforderungen, die an uns gestellt sind, keineswegs geringer geworden sind. Ja, es gibt dafür Anzeichen in Kirche und Gesellschaft, die uns veranlassen, uns erst recht auf die Wurzeln und die Kraft unseres katholischen Glaubens zu besinnen. Es wird notwendig sein, Vertrautes und Gewohntes mutig zu überdenken, die Kräfte zu bündeln, Strukturen zu vereinfachen und neue Wege zu beschreiten. Dazu möchte ich alle herzlich einladen. Wie keine andere Zeit des Kirchenjahres, scheint mir die österliche Bußzeit dafür besonders geeignet zu sein.

1. Die Forderung der Stunde

„Es ist mit Sicherheit notwendig, überall die christliche Substanz der menschlichen Gesellschaft zu erneuern. Voraussetzung dafür ist aber die Erneuerung der christlichen Substanz der Gemeinden, die in diesen Ländern und Nationen leben“(1), schrieb Papst Johannes Paul II. im Jahre 1988 in seinem Nachsynodalen Schreiben CHRISTIFIDELES LAICI über die Mitverantwortung der Laien für die Kirche in ihrer Sendung und die Forderung der Stunde nach einer neuen Evangelisierung. 15 Jahre später schreibt er in seiner Enzyklika ECCLESIA DE EUCHARISTIA über die Apostolizität der Eucharistie und der Kirche: „Wenn nichtgeweihte Gläubige wegen des Priestermangels mit der Mitarbeit an der Seelsorge einer Pfarrei betraut worden sind, sollen sie sich bewusst bleiben, dass – wie das II. Vatikanische Konzil lehrt – „die christliche Gemeinde nur aufgebaut wird, wenn sie Wurzel und Angelpunkt in der Feier der Eucharistie hat.“(2) Sie müssen deshalb dafür sorgen, dass in der Gemeinde ein wahrer „Hunger“ nach der Eucharistie lebendig bleibt. Dieser „Hunger“ soll dazu führen, keine Gelegenheit zur Messfeier zu versäumen und auch die gelegentliche Anwesenheit eines Priesters zu nützen, der vom Kirchenrecht nicht an der Messfeier gehindert ist.“(3)

Wir haben also Grund und Auftrag, jeder Entwicklung zu wehren, in deren Verlauf das Bewusstsein für die zentrale Bedeutung der sonntäglichen Eucharistiefeier verloren zu gehen droht.

2. Die Priester entlasten und alle ermutigen

Aufgrund der zurückgehenden Zahl der Priester wird es weniger und weniger möglich sein, in jeder Kirche unseres Bistums Sonntag für Sonntag die Hl. Messe zu feiern.

Da aber nicht nur die Zahl der Priester, sondern auch die der Gottesdienstteilnehmer zurückgeht, ist es mir ein dringendes Anliegen, Sie, liebe Schwestern und Brüder, zur regelmäßigen Teilnahme an der sonntäglichen Eucharistiefeier einzuladen und darüber hinaus zu einer gelebten eucharistischen Frömmigkeit zu ermutigen.

Zugleich möchte ich alle meine Mitbrüder im priesterlichen Dienst bei der Wahrnehmung ihrer priesterlichen Aufgaben durch klare Vorgaben entlasten und bestärken.

Darum habe ich mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den vergangenen Monaten auf Bistumsebene darüber nachgedacht, wie wir diesem Anliegen durch klar benannte Ziele und die Neuordnung der pastoralen Räume nachkommen können. Das bedeutet nicht, dass gravierende Veränderungen quasi „über Nacht“ und „von oben“ vorgenommen werden. Hier hat nun wirklich der vernünftige, respektvoll vorgenommene Dialog seinen Platz.

3. Das österliche Geheimnis regelmäßig feiern

Jeden Sonntag begehen wir das österliche Geheimnis von Tod und Auferstehung unseres Herrn. Deswegen soll auch künftig wie bisher in jeder Pfarrei bzw. Pfarreiengemeinschaft ein zentraler Eucharistieort festgelegt werden. Dort wird an jedem Sonn- und Feiertag zu gleichbleibender Zeit die Hl. Messe gefeiert. Das ist die vom Kirchenrecht festgelegte und für den Pfarrer verpflichtende Messfeier für die Pfarrgemeinde. Ich halte es für eine bewusste Irreführung, wenn publiziert worden ist, nun müssten sich alle Gläubigen nur noch auf den Weg in eine andere Kirche machen, um am Sonntag die Hl. Messe zu besuchen. Dank der tatkräftigen Mitarbeit der Priester und Ruhestandsgeistlichen, die noch durch längere Zeit hindurch in unserem Bistum gewährleistet ist, wird auch weiterhin die Hl. Messe an anderen Orten zu unterschiedlichen Zeiten gefeiert werden können.

An eine längerfristig bevorstehende Veräußerung oder gar Abriss von Kirchen unserer schwäbisch-bayerischen Kulturlandschaft sollten wir nicht einmal denken. Jahrhunderte lang sind kleine Kapellen, in denen nur ganz selten die Eucharistie gefeiert wurde, unübersehbare Zeichen des Glaubens und Stätten der Verehrung der Gottesmutter und aller Heiligen.

Für viele Pfarrgemeinden wird sich darum in dieser Hinsicht in nächster Zeit gar nichts ändern. Wir haben aber mit dieser Regelung die Möglichkeit, uns in Gelassenheit auf künftig eintretende personelle Veränderungen einzustellen.

4. Der Wert außereucharistischer Feiern

Die Tatsache, dass eine Wortgottesfeier die Eucharistiefeier am Sonntag nicht ersetzen kann, mindert keineswegs ihren Wert. Genauso wie andere „Andachtsübungen des christlichen Volkes“(4) wie z. B. Frühschichten, Kreuzwegandacht, Maiandacht oder Rosenkranzgebet trägt sie zur Förderung und zur Verlebendigung des geistlichen Lebens aller Gläubigen bei. Die Gegenwart Christi nach seinem Wort: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“(5), ist sein Geschenk. Aber wir dürfen uns nicht auf die bloße Alternative von Eucharistiefeier oder Wortgottesfeier am Sonntagvormittag einengen lassen. Katholische Kirche kann sich am Sonntag nicht eucharistielos organisieren. Die Feier von Wortgottesdiensten mit Austeilung der Hl. Kommunion soll denjenigen entgegenkommen, die aus Gründen der Krankheit, des Alters oder der Gebrechlichkeit die Hl. Messe am Sonntag nicht besuchen können. Sie muss als Ausweitung der Eucharistiefeier der Pfarrgemeinde und als pastorale und diakonische Aufgabe verstanden werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich die Konzentration aller Gläubigen auf die Communio, das heißt, auf die Vereinigung mit Christus und untereinander, segensreich und förderlich auf die Gemeinschaft unserer Kirche wie einer jeden städtischen und dörflichen sozialen Gemeinschaft auswirken wird.

5. Zu größerer Einheit zusammenwachsen

Mittel- bzw. langfristig sollen mehrere kleine Seelsorgeeinheiten (Pfarreien) zu einer großen Einheit (Pfarreiengemeinschaft) zusammenwachsen. Wann der geeignete Zeitpunkt für eine Fusion gekommen ist, bestimmen die Beteiligten selbst. Dabei müssen die oft jahrhundertealten Traditionen und Besonderheiten der früheren Pfarreien keineswegs aufgegeben werden. Sie gewinnen vielmehr damit eine noch größere Bedeutung und Verbindlichkeit für die gesamte Seelsorgeeinheit. Das bedeutet womöglich sogar noch eine Herausforderung für die Pflege solcher Traditionen. Unter Umständen müssen sie nämlich in einem noch viel größeren Maße als gewohnt in den Dienst der Verkündigung des Evangeliums und der Verlebendigung des katholischen Glaubens gestellt werden. Schon mehrfach durfte ich bei meinen Besuchen Zeuge solchen pfarrgrenzenübergreifenden Austauschs und freiwillig vorgenommener fruchtbarer Zusammenarbeit sein.

6. Der bleibende Auftrag

Die Einrichtung eines einzigen gemeinsamen pastoralen Gremiums, des Pastoralrates, soll der Entlastung zugunsten einer wirksameren Wahrnehmung seelsorglicher Aufgaben dienen. Der Pastoralrat unterstützt den Pfarrer durch Beratung und Umsetzung der Beschlüsse in seinem Leitungsamt. Um die unmittelbaren Belange vor Ort sollen sich weiterhin feststehende Gruppen Ehrenamtlicher kümmern, die auch Seelsorgeräte genannt werden könnten. Mit einem Vertreter gehören sie dem Pastoralrat an und sind ihm zugeordnet. Der spezifische Weltauftrag der Laien wird damit nicht infrage gestellt. Papst Johannes Paul II. verwies dazu auf die Dogmatische Konstitution über die Kirche des Zweiten Vatikanischen Konzils, wo es heißt: „Die geweihten Hirten wissen sehr gut, wie viel die Laien zum Wohl der ganzen Kirche beitragen. Sie wissen ja, dass sie von Christus nicht bestellt sind, um die ganze Heilsmission der Kirche an der Welt auf sich zu nehmen, sondern dass es ihre vornehmliche Aufgabe ist, die Gläubigen so als Hirten zu führen und ihre Dienstleistungen und Charismen so zu prüfen, dass alle in ihrer Weise zum gemeinsamen Werk einmütig zusammenarbeiten.“(6)

7. Die Neuordnung als Chance begreifen

Alle Neuordnung der pastoralen Räume und die damit verbundenen Veränderungen der Strukturen bitte ich vor allem als Chance zu betrachten. In meiner Predigt anlässlich des 75jährigen Jubiläums des Bischöflichen Amtes für Jugendseelsorge am 1. März des vergangenen Jahres habe ich unter anderem gesagt: „Nicht selten höre ich im Hinblick auf die notwendig vorzunehmenden Veränderungen verschiedener Art Klage, ja Angst und ziemlich sichere Befürchtungen. Die dürfen ja auch sein vor dem, was immer wieder vor uns liegt, und wir wollen sie nicht vom Tisch fegen oder als gegenstandslos ideologisieren. Manchmal empfinde ich das aber auch nur als Protest, Reden um des Redens willen, bei dem gar keine Antwort erwartet oder auch gar nicht mehr darum gerungen wird. Dann sind die Zeichen doch eigentlich schon zurückgesetzt, was übersetzt heißt, Resignation.

Warum denn nicht einmal ganz anders herum: Also noch mehr Möglichkeiten, die Menschen zusammenzuführen, auf das eine, auf den Einen auszurichten, die Gläubigen in ihren Gaben und Fähigkeiten zu fordern, ja, herauszufordern und damit zugleich zu fördern? Ihnen das Große des gemeinsamen christlichen Zeugnisses, unserer festlichen Gottesdienste, unserer Liturgie und Weltkirche in großer Versammlung vor Augen zu führen?! Durch ein noch attraktiveres, gegenseitiges Zeugnis noch mehr Stärkung im Glauben zu erfahren?!

Bewegt uns die Sorge um das Heil der Menschen? Ihre eigentliche und wesentliche Perspektive und Bestimmung?

Trauen wir unserer Verkündigung, der Feier der Eucharistie, unserem geistlichen Lebensstil und der Frohen Botschaft keine Kraft zu? Dem Leben mit Gott, an den wir glauben?“

Auf meinen ersten Hirtenbrief, der kein anderes Thema zum Inhalt hatte, habe ich viel Widerspruch bekommen. Die darauffolgenden Begegnungen bei verschiedenen Konferenzen und Dekanatstagen waren für mich alles andere als ein Spaziergang. Dennoch konnte dabei im gemeinsamen Gespräch und Austausch manche Klärung erreicht werden. Darum wiederhole ich, dass hier nun wirklich der vernünftige, respektvoll vorgenommene Dialog seinen Platz und seine Bedeutung hat, und lade alle herzlich dazu ein. Auf dem Boden der Lehre der Kirche und mit einer klar vorgegebenen Zielstellung werden wir uns nicht in endlos geführten Grundsatzdebatten verzetteln. Aber wir dürfen die Hoffnung haben, dass unsere Kirche in der Eucharistie „Christus verbunden bleibt, damit sie ihre Sendung in der Welt erfüllen kann und in Freiheit zum Aufbau des Reiches Gottes beiträgt“(7).

Dazu ermutige Sie der dreieinige Gott
+der Vater und +der Sohn und +der Heilige Geist. Amen.

Augsburg, am Fest der Darstellung des Herrn 2012

+Dr. Konrad Zdarsa
Bischof von Augsburg


(1) Johannes Paul II., CHRISTIFIDELES LAICI, III,34
(2) II. Vat. Konzil, Dekret über Dienst und Leben der Priester, I,6
(3) ECCLESIA DE EUCHARISTIA, III,33
(4) II Vat. Konzil; Konstitution über die hl. Liturgie, I,13
(5) Mt 18,20
(6) CHRISTIFIDELES LAICI, III,32
(7) Vgl. Die Feier der heiligen Messe, Messe im besonderen Anliegen, Für die heilige Kirche, C, Schlussgebet