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Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2017

05.03.2017

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Das gab es wohl seit Jahrhunderten nicht mehr! Dass der Bischof von Augsburg das heilige Weihnachtsfest nicht in seiner Kathedrale feiern konnte.
Sie wissen, warum. Wegen der Entschärfung einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg ausgerechnet am ersten Weihnachtsfeiertag musste ein ganzer Stadtteil evakuiert werden. Dazu gehörten auch der Dom und das Bischofshaus. Nach einem ersten Schreck musste ich an die Unzähligen denken, die mit einem Schlag Haus, Lebensgrundlage und Lebensperspektive verloren haben, und gerade noch mit dem nackten Leben davongekommen sind.

Wir hatten schon bald eine Lösung gefunden. Die große St. Antonius-Kirche außerhalb des Sperrbezirks sollte uns zur Festfeier dienen.
Ob es wohl eine noch eindrucksvollere Feier mit noch größerer Beteiligung der Gläubigen geben wird? Das waren mein innerer Gedanke und leiser Zweifel zugleich. Meine Bedenken wurden dann leider auch bestätigt. Die Beteiligung an diesem Gottesdienst hielt sich durchaus in Grenzen. Da war es, so schien es mir, aus welchen Gründen auch immer, auf den Punkt gebracht:
Was wir aus diesem Anlass zu Weihnachten erfahren haben, das erleben wir auch an vielen ganz normalen Sonntagen des Jahres: Der Besuch des Gottesdienstes hat drastisch abgenommen. Davon berichten auch zahlreiche Mitbrüder, das erfahre ich auch bei den Visitationen, das wissen wir alle nur zu gut. Und wir leiden darunter.

Auch aufwendig gestaltete Familiengottesdienste mit vielen Akteuren und wahren Drehbüchern, wie mir ein Mitbruder einmal sagte, haben diesen Abwärtstrend nicht aufhalten können. Für die Mitbrüder, die schon lange im priesterlichen Dienst stehen, ist das eine ziemliche Herausforderung, wenn nicht sogar eine schwere Anfechtung.
Wie man denn wieder mehr Gläubige in die Kirche bringen könnte, vor allem Kinder und Jugendliche, wurde ich bei einer Visitation gefragt. Und man war vielleicht nicht wenig überrascht, als ich antwortete, dass es uns gar nicht zuerst darum gehen kann, Kirchen zu füllen. Vorrangigste Aufgabe unserer Seelsorge und Verkündigung muss es sein, Menschen in eine lebendige Beziehung mit Jesus Christus zu brin-gen. Vor allem die, die schon getauft sind, sollen sich daran erinnern, dass ihnen diese lebendige Beziehung von Gott bereits geschenkt worden ist.
Man mag der Kirche heute alles Mögliche vorwerfen, aber sie hält alles für jeden von uns nach wie vor bereit, um eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus zu entwickeln und zu pflegen. An zentraler Stelle steht dabei die sonntägliche Feier der Eucharistie und der Sakramente.
Die Bewunderung seiner Mitbrüder darüber, dass nur so um die 50 Leute von allen Dorfbewohnern den sonntäglichen Gottesdienst nicht besuchten, beantwortete ein schlesischer Landpfarrer seinerzeit mit dem Aufschrei: Was, nur 50? Das sind jeden Sonntag 50 Todsünden in meiner Gemeinde! Der aufgeklärte Zeitgenosse wird dafür vielleicht nur ein müdes Lächeln übrig haben.
Und doch spricht aus dieser Klage die tiefe Sorge eines Seelsorgers um die Heiligung seiner Gemeinde und um seine eigene Verantwortung.
Aus eigener leidvoller Erfahrung schon in sehr jungen Jahren bin ich davon überzeugt: Einer Einladung zu folgen, ist eine Tat der Nächstenliebe. Aber der Einladung Gottes zu Feier von Tod und Auferstehung unseres Herrn zu folgen, ist ein lebendiges Zeichen der Liebe zu Gott.
Wenn nun aber schon die Vernachlässigung einer Einladung unter uns dazu angetan sein kann, die zwischenmenschlichen Beziehungen schwer zu stören, um wieviel mehr belasteten wir unsere Beziehung zum lebendigen Gott, wenn wir vielleicht sogar seine Einladung einfach übergingen und ausschlügen!?
Zugleich verweigerten wir damit auch das notwendige gegenseitige Glaubenszeugnis, schwächten unsere Gemeinschaft und versündigten uns damit schwer an Gott und den Mitmenschen!

Nun schreibe ich aber diesen Brief an Sie, liebe Schwestern und Brüder, die Sie gekommen sind, um Gottes Wort zu hören und das Opfer Jesu Christi zu feiern und somit Jesus Christus zu begegnen in sei-nem Wort und Sakrament. Dabei bin ich weit davon entfernt, mit meinem Schreiben etwa diejenigen anzuklagen, die vielleicht nur recht selten und über das Jahr verstreut, ja, vielleicht sogar nur zu Weihnachten die Kirche aufsuchen.
Freilich, beklagenswert ist das schon, und es darf uns auch nicht zur Ruhe kommen lassen: Es sind allzu viele, denen es schon zur Gewohnheit geworden ist, unseren Zusammenkünften fern zu bleiben, wie schon der Brief an die Hebräer zu berichten weiß. Um jeden einzelnen und um jede einzelne muss es uns gehen. Jeder Getaufte, der uns fehlt, ist einer zu viel. Darum darf uns die Tatsache, dass Sie, liebe Schwestern und Brüder, die Einladung Gottes angenommen haben, nicht nur ein Grund zur Dankbarkeit und Freude sein, sondern muss in uns auch die Sorge um die Heiligung unserer Brüder und Schwestern wach werden lassen.
Als einer unserer Theologieprofessoren zum ersten Mal den evangelischen Pfarrer seines Wohnbezirks traf und sich ihm vorstellte, rief dieser ganz spontan aus: Ach, da gehören sie ja zu meiner Gemeinde! Der Professor hat uns das erzählt, um uns klar zu machen, wie wir unsere Verantwortung füreinander zu verstehen hätten. Das war nun aber bestimmt nicht nur ein Beispiel für künftige Seelsorger. Über die Grenzen unserer Pfarreien und Pfarreiengemeinschaften hinaus tragen wir alle füreinander Verantwortung. Sonntag für Sonntag und darüber hinaus bestätigen wir das auch schon mit unseren Fürbitten.
Liebe Schwestern und Brüder, und wenn es nur ein einziges Wort wäre, das Sie diesem meinem Brief zur österlichen Bußzeit entnehmen und beherzigen, dann möge es doch meine herzliche Bitte sein, in Ihren Gebeten regelmäßig derer zu gedenken, die wir zwar nur selten oder niemals mehr in unseren Gottesdiensten antreffen, die aber nach wie vor zu uns gehören.
Auch wenn es nicht als kirchenamtliche Verfügung daherkommt: Vergessen wir doch niemals die, mit denen wir in ganz besonderer Weise durch das Sakrament der Taufe verbunden sind. In jedem Got-tesdienst sollte eine Fürbitte ausdrücklich für sie an Gott gerichtet werden.
Wiederum kann es uns dabei nicht nur darum gehen, die leergewordenen Plätze in unserer Kirche wieder aufzufüllen. Sollte es dazu kommen, wollen wir es dankbar als ein willkommenes Geschenk und weitere Ermutigung betrachten. Aber auch wenn es die Älteren in anderer Erinnerung haben sollten: Kirche war niemals eine Veranstaltung der breiten Masse.
Wir machen auch nicht aus der Not eine Tugend, wenn wir uns in diesem Zusammenhang an ein Wort des damaligen Theologieprofessors Joseph Ratzinger erinnern: Die kleine Herde, der Jesus im Evangelium Mut zuspricht , ist keine soziologische Größe nach der Art einer gesundgeschrumpften Elite, sondern sie ist eine theologische Größe von Menschen, die sich trotz aller bleibenden Sündhaftigkeit für ein Leben mit Gott und füreinander entschieden haben.
Damit sind wir auch ganz schnell bei einem anderen großen Theologen, der die Prognose abgegeben hat: Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht mehr sein. Das heißt ganz einfach übersetzt: Der Christ der Zukunft wird einer sein, der mit dem Gott lebt, an den er glaubt, oder er wird nicht mehr sein. Der Christ der Zukunft wird also einer sein, der etwas erfahren hat vom Leben mit Gott und der Gemeinschaft der Gläubigen.
Als sich die hl. Monika, die Mutter des hl. Augustinus, des späteren Kirchenlehrers, noch vor seiner Bekehrung beim hl. Ambrosius über die Eskapaden ihres Sohnes beklagte, gab er ihr zur Antwort: Ein Sohn so vieler Tränen kann nicht verlorengehen.
Kann man die Klage einer Mutter um ihren Sohn etwa nicht mit unserer Verantwortung füreinander vergleichen?
Nun, ob es die Liebe der Eltern zu ihren Kindern ist, oder unsere ungebrochene Treue zur sonntäglichen Eucharistiefeier, oder unser Eintreten für die Schwestern und Brüder in unseren Gebeten – die Liebe, die von Gott kommt, ist unteilbar.

Ich kann Ihnen nichts Besseres wünschen, als darin zu wachsen und zu reifen!


Dazu segne Sie der allmächtige und barmherzige Gott
+der Vater und +der Sohn und +der Hl. Geist.

Augsburg, am Fest der Darstellung des Herrn 2017

Dr. Konrad Zdarsa
Bischof von Augsburg