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DER SONNTAG Ein Geschenk des Himmels

Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2018

17.02.2018

 

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Der Sonntag ist tatsächlich ein Geschenk des Himmels. Bei der Lektüre eines aktuellen Dokuments der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung zum Sonntagsschutz bin ich auf diese treffende Formulierung gestoßen. Wir sprechen vom Geschenk des Himmels immer wieder einmal, wenn sich in schwieriger bis auswegloser Lage so gänzlich unerwartet wie unvorhergesehen ein Lichtblick eröffnet, wenn uns in einer misslichen Situation die Lösung gleichsam in den Schoß fällt.

Ein solches Geschenk ist der Sonntag, ist Gottes höchsteigenes Geschenk an uns Menschen: – nicht einfach eine soziale Errungenschaft, von uns selbst ersonnen und erkämpft wie etwa eine Gehaltserhöhung oder Rentensteigerung. Nein, weit mehr als das: Nach Gottes ureigenstem Beispiel ist er der Schöpfungsordnung unverbrüchlich eingeschrieben, wenn wir im ersten Buch der Bibel lesen können: „Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk erschaffen hatte.“ (Gen 2,3)

Wie Gott geruht hat, sollen auch wir Menschen ruhen! Lange vor seiner eigenen Taufe hat das Kaiser Konstantin erkannt und die öffentliche und private Sonntagsruhe per Gesetz erklären lassen. (3. März 321; vgl. Codex Iustinianus 3,12,3) Bis heute ist das erfreulicherweise so geblieben. Andere Versuche wie die Zehn-Tage-Woche der Französischen Revolution verfingen nicht und sind gescheitert.

 

DER CHRISTLICHE SONNTAG
Eine göttliche Gabe begründet unsere menschliche Aufgabe

Den Sonntag als ein Geschenk des Himmels feiern bedeutet aber weit mehr als ihn nur arbeitsfrei zu halten. Wie Gott seinen Ruhetag ausdrücklich geheiligt hat, sollen auch wir seinen Gnadentag feiern. Seit alters her zielt dabei die Kirche nicht nur auf den Besuch der sonntäglichen Messfeier. Alle christlichen Grundvollzüge sollen am Sonntag zu ihrem Recht kommen: – den Glauben unerschrocken zu bekennen, ihn liturgisch festlich zu begehen und fürsorglich füreinander da zu sein. Das alles bedeutet den Sonntag heiligen. Das ermutigt uns, den Alltag der beginnenden Wo-che christlich zu gestalten. Davon soll schließlich unser ganzes Leben geprägt sein.
Der Sonntag ist heilig, weil Gott ihn geheiligt hat. Uns Christen ist er heilig, weil wir Gott für diese Gabe nicht genug danken können. Wir erfüllen Gottes Willen, wenn wir gerade am Sonntag einander helfend und heilend beistehen. Gottes erklärten Willen tun, Gottes befreiendes Handeln an uns feiern, Gottes Wort hören – dafür steht der Sonntag. So hält es auch unser Herr Jesus Christus dem teuflischen Versucher in der Wüste entgegen: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“ (Mt 4,4; vgl. Dtn 8,3) Der Evangelist Matthäus überliefert uns dieses Wort, das Jesus aus dem Alten Testament zitiert.

 

DER TAG DES HERRN
Schöpfungsordnung (Sabbat) und Auferstehungshoffnung (Sonntag)

Liebe Schwestern und Brüder, der Sonntag ist der Tag des Herrn. Unmissverständlich nennt man ihn so im Italienischen: „domenica“. Das heißt auf Deutsch „dem Herrn gehörend“. Dieser Tag soll in der Tat dem Herrn gehören. Dessen sollen vor allem wir Christen uns bewusst sein.
In seiner Hingabe für uns am Kreuz und seiner Auferstehung von den Toten hat Jesus Christus, das „Licht der Welt“(Joh 8,12 u.ö.), unserer Welt, die sich in Eigenliebe und Selbstbezogenheit verstrickt hat, neue Hoffnung gebracht. Die Rede vom Samstag spiegelt das Wissen wider, dass Gottes Schöpfungswerk am siebten Tag der Woche vollendet und gefeiert wird. Der Sonntag aber steht als erster Tag der jüdischen Woche ganz und gar im Licht der Auferstehung. Die Auferstehung markiert den Beginn der neuen Schöpfung, an der wir durch unsere Taufe schon Anteil haben. „Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln. Wenn wir nämlich mit der Gestalt seines Todes verbunden wurden, dann werden wir es auch mit der seiner Auferstehung sein.“(Röm 6,4f)
Bringen wir es auf den Punkt: Jeder Sonntag ist ein kleines Ostern und damit Ausdruck unserer Hoffnung auf das zukünftige Leben in der Gemeinschaft mit Gott und zugleich eine Aufforderung, schon hier und heute als neue Menschen zu leben.

 

 

DEN TAG DES HERRN HEILIGEN
Eine religiöse Tugend stiftet humane Werte

Das gilt aber auch umgekehrt: Wer hier und jetzt als neuer Mensch leben will, der soll zunächst den Sonntag heiligen. In unseren Beichtspiegeln, wie die Hilfen zur Erforschung des Gewissens genannt wurden, war bislang oft nur von der sogenannten Sonntagspflicht als drittem göttlichem Gebot die Rede. Den Tag des Herrn zu heiligen, ist jedoch alles andere als eine mehr oder weniger lästig empfundene Pflicht. Den Tag des Herrn zu heiligen, ist vielmehr eine religiöse Tugend. Als Christen darf uns das im positiven Sinne durchaus ein wenig stolz machen. Wir treten ja vor Gott nicht etwa wie vor einen strengen Richter, sondern wir danken dem dreieinen Gott, unserem Schöpfer, unserem Erlöser und Begleiter mit einer heiligen und zugleich heilenden Handlung. Aus einer solchen religiösen Haltung erst erwachsen dann wahrhaft humane Werte. Weil wir den Sonntag als den von Gott geheiligten Tag des Herrn feierlich begehen, wissen wir möglicherweise besser als viele unserer Mitmenschen um unser aller innerstes Bedürfnis nach Ruhe aus recht verstandener Sorge um uns selbst, um unsere Familien und Vertrauten und unser aller Beziehungen zu Gott und seiner Welt.
Heiligen wir also den Sonntag, und wir werden sehen, dass religiöse Tugenden viel besser dazu imstande sind, unsere humanen Wertvorstellungen zu begründen und zu pflegen, als noch so gut gemeinte sozialpolitische Forderungen. Der wahren Menschenwürde jedenfalls entspricht es mehr, den heiligen Tag des Herrn in aktiver Gelassenheit zu gestalten, als einen bloß regelmäßig arbeitsfreien Tag im Freizeitstress zu verbringen oder gleichgültig verstreichen zu lassen.

 

 

DEN TAG DES HERRN FEIERN
Dankbar handeln vor Gott, Sorge tragen für den Menschen

Als Ihr Bischof gehe ich nach wie vor davon aus, dass wir alle um die Bedeutung der sonntäglichen Eucharistiefeier wissen. Dabei dürfen wir uns „durch das Wort Gottes formen lassen“ und „am Tisch des Herrenleibes Stärkung finden“, wie das II. Vatikanische Konzil sagt.(SC 48) Darüber hinaus ist die ganze Feier des Herrentages ein Fest der Beziehung zum dreieinen Gott wie der Beziehungen untereinander, ja zur gesamten Schöpfung ebenso wie zu uns selbst. Wenn wir den Tag des Herrn bewusst begehen, handeln wir nicht nur dankbar gegenüber Gott, sondern tragen auch Sorge für unsere Mitmenschen.
Ganz nach dem Wort des Apostels Paulus: „Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“(Gal 6,2) – betrachten wir die Sonntagsruhe als eine feste Regel, die auch ihre Ausnahme kennt. Wo Sonntagsarbeit unbedingt erforderlich ist, mögen sie doch die Arbeitnehmer als Dienst am Nächsten akzeptieren können, wogegen die Arbeitgeber jegliche Sonntagsarbeit auf das unbedingt Notwendige beschränken und dafür Sorge tragen sollen, dass sie die Ausnahme bleibt und sich nicht nach und nach zur schlecht verbrämten Regel fortentwickelt.

 

 

DEN TAG DES HERRN BEDENKEN
Rasten am Sonntag, Ruhen in Frieden

Bedenken wir den Tag des Herrn, so ist es nicht damit getan, dass wir ihn nur als einen Tag leiblicher Ruhe und geistlicher Rast betrachten. Seine Bedeutung reicht noch viel weiter. In älteren Katechismen konnte man dazu immer wieder einmal lesen: Wie dein Sonntag, so dein Sterbetag. Was heutzutage allzu rasch als Drohbotschaft angesehen werden könnte, bedeutet doch im Tiefsten eine Frohbotschaft von der bleibenden Gemeinschaft mit Gott auch über den Tod hinaus. Schon bei der Taufe eines kleinen Kindes scheuen wir uns ja nicht, davon zu sprechen: Mit Christus begraben werden, heißt mit ihm auferstehen. Denn die Getauften dürfen voll Zuversicht auf die ewige Gemeinschaft mit Gott hoffen, wenn Jesus zu uns sagt: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.“(Joh 14,2ff)
Wenn alle menschlichen Handlungsoptionen ausgeschöpft erscheinen, um ein drohendes Übel abzuwenden, vernehmen wir manchmal das halb resigniert halb trotzig hingeworfene Wort: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Wenn wir jedoch als Christen aus dem Glauben leben, dürfen wir gewiss sein: Unsere Hoffnung stirbt niemals.

 

 

DER CHRISTLICHE SONNTAG
Vorschein zukünftiger Gottesgemeinschaft

Um uns auf Ostern, das Hochfest unseres Glaubens vorzubereiten, steht uns die lange österliche Bußzeit, die Zeit der vierzig Tage zur Verfügung. Allein schon die Gestaltung des Sonntags als österlicher Tag, der nicht zu den vierzig Tagen zählt und an dem das Fasten aufgehoben ist, ermutigt uns, uns im Bekenntnis, der Feier und der Umsetzung unseres christlichen Glaubens zu erneuern und den Weg der österlichen Bußzeit noch bewusster zu beschreiten:
Mit dem Besuch der Gottesdienste und im persönlichen Gebet, im freiwilligen Verzicht um Gottes und der anderen Menschen und auch um unserer selbst willen wie in der Besinnung auf die Zusage bleibender Gemeinschaft mit Gott als unserem Schöpfer und Erlöser.
Wenn nun aber jeder Sonntag schon ein kleines Ostern ist, dann birgt er quasi in komprimierter Form schon alle Vorbereitung in sich.
Gerade in den vergangenen Monaten und Wochen haben viele, die uns nahestanden, ihren irdischen Weg vollendet und sind uns schon vorangegangen. Bei ihrem Gedenken und erst recht zu Beginn der Vorbereitungszeit auf Ostern erscheint es mehr als nur angebracht, einmal zu fragen: Wer von uns weiß denn, wie viele Osterfeste ihm oder ihr auf dieser Erde noch gegeben sind zu feiern? Der nächste Sonntag schon, den wir erleben, ist ein Geschenk des Himmels, damit wir schon hier und jetzt beginnen können, uns auf den ewigen Ostertag vorzubereiten.

Dazu segne Sie Gott, unser Schöpfer und Erlöser,
+der Vater und +der Sohn und +der Hl. Geist.

Augsburg, am Fest der Darstellung des Herrn 2018

 

+Konrad Zdarsa
Bischof von Augsburg

 

Dieses Hirtenwort ist am 1. Fastensonntag, 18. Februar 2018, in allen Gottesdiensten einschließlich der Vorabendmessen zu verlesen.