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Hirtenwort zur österlichen Bußzeit im Jahr des Glaubens 2013

15.03.2013

Liebe Schwestern und Brüder!

„In der täglichen Ausübung unseres apostolischen Hirtenamtes geschieht es oft, dass bisweilen Stimmen solcher Personen unser Ohr betrüben, die da meinen, in den heutigen Verhältnissen der menschlichen Gesellschaft nur Untergang und Unheil zu erkennen … Wir aber sind völlig anderer Meinung als diese Unglückspropheten, die immer das Unheil voraussagen, als ob die Welt vor dem Untergang stünde. In der gegenwärtigen Entwicklung der menschlichen Ereignisse … muss man viel eher einen verborgenen Plan der göttlichen Vorsehung anerkennen.“


Diese Worte der Glaubenszuversicht aus der Ansprache Papst Johannes XXIII. zur Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils zitierte der emeritierte Bischof von Magdeburg, Leo Nowak, in seiner Predigt bei der Feier des Requiems für den verstorbenen früheren Bischof von Görlitz, Rudolf Müller, vor wenigen Wochen. Dessen Wahlspruch hatte ihn dazu veranlasst, den Konzilspapst zu zitieren: „Ihr seid in Gnade, darum singet Gott“. (1)

Noch am Abend dieses Tages war ich in Rom mit einem katholischen Diplomaten zusammengetroffen, um völlig unabhängig davon Vergleichbares zu vernehmen. „Wir leben in einer Gnadenzeit“, sagte er und belegte das mit zahlreichen politischen Ereignissen aus der jüngsten Vergangenheit in Deutschland und Europa. Nicht zuletzt machte er darauf aufmerksam, dass die Katholische Kirche gegenwärtig den höchsten Stand an Mitgliedern und ihre weiteste Verbreitung in der gesamten bisherigen Geschichte erlangt hat.

Als ich am darauffolgenden Hochfest der Erscheinung des Herrn bei der Bischofsweihe im Petersdom zugegen sein durfte, flüsterte mir ein bischöflicher Mitbruder nach einer kurzen gegenseitigen Vorstellung zu: „Aus Deutschland werden viele gute Priester hervorgehen.“

In kurzen zeitlichen Abständen, zu den verschiedensten Anlässen, völlig unabhängig voneinander und nicht eigens erfragt, wurde ich von ziemlich verschiedenen Menschen mit einem persönlichen Zeugnis ihrer eigenen Glaubenszuversicht beschenkt. Es ist mir ein dringendes Anliegen, diesen Geist der Ermutigung nicht für mich zu behalten, sondern an Sie, liebe Schwestern und Brüder in der Weite unseres Bistums, weiterzugeben und Sie im Glauben und in der Zuversicht zu bestärken.

Bereits zur Eröffnung des Jahres des Glaubens habe ich in meiner Ansprache auf die zahlreichen geistlichen Ereignisse hingewiesen, die allein schon seit der vergangenen Ulrichswoche in unserem Bistum stattgefunden haben. Am letzten Tag des Jahres habe ich erneut daran erinnert und dazu aufgefordert, all das Schöne und Gute, das wir im vergangenen Jahr erfahren haben, doch nicht zu vergessen, sondern uns immer wieder gern daran zu erinnern, dafür zu danken und daraus zu leben.

Denn unser Glaube lebt von dem, was wir empfangen haben, wie von dem, was wir selber tun, und von dem, was wir erwarten.

1. Unser Glaube lebt von dem, was wir empfangen haben

Das Wertvollste in unserem Leben haben wir uns nicht selbst gegeben, sondern wir haben es empfangen: Das Leben selber, die Liebe unserer Mitmenschen und nicht weniger den Glauben. So wie das Leben ist uns der Glaube von Gott geschenkt worden. Bei unserer Taufe haben noch unsere Eltern und Paten ihren eigenen Glauben bekannt, in dem sie uns erziehen und begleiten wollten. Im Sakrament der Firmung sind wir im Glauben bestärkt und durch Gottes Heiligen Geist dazu befähigt worden, unseren Glauben selbstständig zu bekennen und zu bezeugen. Die kirchliche Gemeinschaft, in die wir durch die Taufe aufgenommen worden sind, lebt und ernährt sich durch das Hören auf das Wort Gottes und die Feier der Heiligen Eucharistie.
Wenn wir aufrichtig und reumütig unser Versagen eingestehen, finden wir im Sakrament der Buße Vergebung der Sünden, Versöhnung mit Gott und den Menschen und die Kraft der Gnade zu einem neuen Anfang.

Die meisten von uns sind von ihren Eltern im Glauben erzogen worden. In Religionsunterricht und Katechese wurden wir im Glauben unterwiesen und auf den Empfang der Sakramente vorbereitet. Unsere Eltern und Paten, Priester, Lehrer und viele andere Menschen haben uns ein Beispiel gegeben und den Glauben vorgelebt.

In der freiheitlichen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland dürfen wir unseren Glauben in der Öffentlichkeit leben und bezeugen.

In Frieden und Freiheit darf die Kirche ihrer Sendung nachgehen. Noch nie hatten wir so viele Möglichkeiten, unseren eigenen Glauben zu bilden und zu vertiefen, ihn anderen Menschen zu verkünden und unseren notleidenden Mitmenschen auf der ganzen Welt zu helfen. Wir haben allen Grund, uns auf das zu besinnen, was wir empfangen haben, und Gott und den Menschen dafür zu danken.

2. Unser Glaube lebt von dem, was wir selber tun.

Wenn man mich fragt, was mir an unserem katholischen Glauben besonders gefällt, so ist das seine Sinnenfälligkeit. Dass der Ehebund zwischen getauften Gläubigen ein Sakrament, also ein heilserfülltes Zeichen ist, das sich die Eheleute selber spenden, müssen wir uns gerade in einer Zeit bewusst machen, in der Ehe und Familie in ihren Fundamenten angefochten sind. Die tiefgehendste Feier unseres Glaubens wird mit Essen und Trinken in der Hl. Eucharistie begangen. Aber auch alle anderen sakramentalen Vollzüge beziehen immer den ganzen Menschen mit allen seinen Sinnen ein.

Bereits wenn wir die Kirche betreten, bezeichnen wir uns mit dem Kreuz und geweihtem Wasser, um uns an unsere Taufe zu erinnern. Wir machen eine Kniebeuge und bezeigen unsere Ehrfurcht vor dem eucharistisch gegenwärtigen Herrn. Wir knien nieder und stimmen uns betend auf die heilige Feier ein. Wir sitzen, stehen und knien im Verlauf der Feier des Gottesdienstes, wir schauen, schweigen, hören, antworten, beten und singen und nehmen so am liturgischen Geschehen teil.

Die lebendige Teilnahme an der Feier der Liturgie ist ein zutiefst missionarisches Tun. Auch Außenstehende können sich oft dem tiefgehenden Eindruck der Weihe einer Kirche, eines Altares oder der Glocken nicht entziehen und ahnen etwas vom Geheimnis des Glaubens. Das findet in vielfältigen Zeichen wie der Segnung mit dem Kreuzzeichen, der Besprengung mit geweihtem Wasser, der Salbung mit den heiligen Ölen seinen sinnenfälligen Ausdruck.

Wer sich all diesen Vollzügen von vornherein entzieht, soll sich nicht wundern, wenn sich in ihm das Gefühl breitmacht, der Gottesdienst habe ihm nichts gegeben, weil ihn vielleicht nur die Predigt nicht angesprochen hat. Damit habe ich noch keineswegs das gesamte Spektrum dessen aufgefächert, was wir selber tun, damit der Glaube lebt. Der Entlassungsruf am Schluss der Hl. Messe bedeutet, dass es nun gilt, den christlichen Sendungsauftrag mitten im Alltag wahrzunehmen und ein anderer Christus für die Menschen zu sein.

Wie soll sich aber einer auf den Dienst an seinen Mitmenschen konzentrieren können, der sich nicht zuvor auf Gottes Dienst an uns und unseren Dienst an Gott hat konzentrieren wollen?

Die lebendige Mitfeier der Liturgie der Kirche gerade in der österlichen Bußzeit wird nicht ohne Wirkung auf unser Leben aus dem Glauben bleiben.

3. Unser Glaube lebt von dem, was wir erwarten.

„Unsere Heimat aber ist im Himmel“ (2), schreibt der Apostel Paulus an seine geliebte Gemeinde von Philippi. „Der Himmel kann warten“, mag darauf mancher Zeitgenosse antworten. Damit meint er vielleicht, dass sein ganzes Trachten ausschließlich auf die Zeit seines irdischen Daseins gerichtet ist.

Es ist schon ein gewisses Dilemma, dass wir auch in unserer Verkündigung diese Dimension des Glaubens nicht genug in Betracht ziehen und viel zu wenig vom Himmel reden. Dabei ist der Glaube an die Gemeinschaft der Heiligen, die Vergebung der Sünden, die Auferstehung der Toten und das ewige Leben wesentlicher Bestandteil des Apostolischen Glaubensbekenntnisses.

Unsere Vorfahren im Glauben haben schon in der frühen Kirche viel mehr darüber nachgedacht und gesprochen:

- dass Gott vollenden wird, was er begonnen hat,
- dass w i r einmal vollendet werden,
- dass er uns sich zum Verwechseln ähnlich machen wird als Bild und Gleichnis,
- dass wir m i t e i n a n d e r vollendet werden,
- dass wir denen begegnen werden, die uns vorangegangen sind,
- dass wir einander wiedersehen werden, aber mit dem geläuterten Blick der Liebe,

weil Gott uns liebt, und weil er unsere Liebe zueinander liebt, und weil er nicht will, dass wir einander verlieren.

Im Hinblick auf unser ganzes Leben und die Bewältigung unserer irdischen Aufgaben lohnt es sich, in Glaubenskursen und -gesprächen darüber nachzudenken, dass wir der Ewigkeit entgegenleben. Denn wenn wir die vielfältigen Zeugnisse der Kultur und Wissenschaft, der schönen Künste und des sozialen Miteinanders unserer gläubigen Vorfahren aufmerksam zur Kenntnis nehmen, wird wohl niemand behaupten wollen, dass sie ihre irdischen Aufgaben vernachlässigt haben. Mit großer Freude habe ich der Sonntagszeitung entnommen, dass unser neuer Bistumsjugendseelsorger wie der Hl. Pfarrer von Ars der Jugend den Weg zum Himmel zeigen will.

Ein Fernfahrer, der seinerzeit gefragt wurde, was es für ihn bedeute, dass er als einer von wenigen auf dem Fährschiff „Estonia“ dem Tod entronnen sei, antwortete, dass er auf dieser Welt eben noch etwas zu tun habe. „Jeder Mensch hat irgend etwas zu tun, das Gott ihm zugedacht hat“, sagt uns ein geistlicher Schriftsteller, „ob es wenig ist oder viel, es geschieht nur durch ihn. Wenn er es versäumt, bleibt es in Ewigkeit ungeschehen.“

Unser Glaube lebt von dem, was wir empfangen haben, damit wir es einsetzen, um zu unserem ewigen, von Gott bestimmten Ziel zu gelangen. Die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria möge uns dazu Vorbild und Fürsprecherin sein

als von Gott Begnadete und Beschenkte,
als große Glaubende und Liebende und
als von Gott Vollendete und Gekrönte!

Dazu segne Euch der dreieinige Gott,
der +Vater und der +Sohn und der +Heilige Geist!

Augsburg, am Fest der Bekehrung des Hl. Apostels Paulus

Dr. Konrad Zdarsa
Bischof von Augsburg


(1) Kol 3,16
(2) Phil 3,20