Predigt zum 12. Sonntag im Jahreskreis A (Einführung Domdekan – Domkapitular)

Das Domkapitel: eine „starke Truppe“ für den Bischof

21.06.2020 13:51

Fürchtet euch nicht!

Dreimal spricht Jesus so zu seinen Jüngern. Wem tut eine solche Aufmunterung nicht gut, wenn er sie nicht nur an die Jünger von damals, sondern ganz persönlich an sich gerichtet hören darf! Fürchte dich nicht!

 Besonders wird ein solcher Satz den anrühren, der etwas Besonderes fürchtet oder überhaupt mit Lebensangst zu kämpfen hat. Fürchte dich nicht! Dieses Wort kann Balsam sein für eine verängstigte, aufgeschreckte und furchtsame Seele.

Ob diese Ermutigung nicht gerade uns Christen heute gesagt ist? Verfolgungen sind wir, Gott sei Dank, in unseren Breiten nicht ausgesetzt. Wir können und dürfen unseren Glauben leben, ungefährdet und ungeniert, noch…! Doch seit uns die Corona-Welle überrollte, haben wir hautnah erlebt, dass nicht nur äußere Feinde die Religionsfreiheit einschränken, sondern auch eine Pandemie uns daran hindern kann, Gott öffentlich die Ehre zu geben und unseren Glauben in Gottesdiensten zu bezeugen. Dennoch: Bei offiziellen Anlässen wird hier zu Lande das Wort der Kirchen weiterhin willkommen sein. In vielerlei Weise gehört der Segen mit Grußwort der Kirchenvertreter bei unseren Festlichkeiten dazu. Ist es mehr als schmückendes Beiwerk?

Fürchtet euch nicht! Dieses Thema ist auch bei uns aktuell.

Furcht – wenn ich mich am Arbeitsplatz ständig so bedeckt halte, dass ich mit meiner Glaubensüberzeugung ja bei niemandem anecke.

Furcht – wenn ich im Gespräch mit Freunden und Kollegen meinen christlichen Standpunkt nicht einbringe und offen lasse, um es mir mit keinem zu verderben. Aber aufgepasst: Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht mehr ganz dicht!

Furcht – wenn ich in der Familie um des lieben Friedens willen den Besuch des Gottesdienstes und das Engagement in karitativen Anliegen ganz unterlasse.

Furcht – wenn ich in der Pfarrgemeinde, in der Ordensgemeinschaft keine Courage habe, um Jesu willen für die einzutreten, die keinen guten Namen haben, und gegen den Strom zu schwimmen, nur weil ein paar Meinungsführer(innen) schon einen anderen Kurs ausgegeben haben.

Also doch: Wir sind ertappt. Unser Verhalten ist nicht angstfrei; manche Masche, mit der wir unser Lebensmuster stricken, ist besetzt von Furcht.

Fürchtet euch nicht! Damit hat Jesus auch uns im Auge: Verkriech dich nicht in deiner Angst! Lass dir den Schneid nicht abkaufen! Wenn du zu meinen Jüngern gehören willst, dann darf sich das nicht nur abspielen in der Sakristei, in deiner guten Stube, in der Kammer deines Herzens. Fürchtet euch nicht! Jesus hat erfahren, dass sein Wort nicht nur Applaus hervorruft. Es gibt auch Widerstand und Protest. Bis heute werden in vielen Teilen der Erde Jesu Jünger belächelt und veräppelt, benachteiligt, bedroht und verfolgt, gefoltert und ermordet. Da kann es einem angst und bang werden. Messerscharf ist die Analyse, die Roland Freisler, der Vorsitzende des Volksgerichtshofes, vor dem angeklagten Alfred Delp SJ herausbrüllte: „Was Sie und uns verbindet, das ist, dass wir beide den ganzen Menschen wollen.“ Der brutale Jurist Freisler, vom ehemaligen Kommunisten zum fanatischen Nazi mutiert, hat damit sogar Recht. Jesus Christus will nicht nur einen Teil von uns, er will den ganzen Menschen. Es gibt Ideologien, die das nicht ertragen können. Sie wollen jeden und alles total bestimmen: Totalitarismus in vielen Facetten. Jesus hält entgegen: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Leib und Seele ins Verderben stürzen kann.“

Wir dürfen unsere Seele nicht verlieren. Oft reden wir von der Seele. Wenn wir uns etwas von der Seele reden können, fühlen wir uns erleichtert. Wir fordern, dass der Sonntag eine Seele und die Seele den Sonntag brauche. Die Architekten für das Haus Europa erinnern daran, dass unser Kontinent eine Seele benötige, um am Leben zu bleiben und auszustrahlen. Menschen, die der Gemeinschaft eine Seele geben, sind Gold wert. Gerade die Kirche darf ihr Seelenleben nicht vergessen. Sonst wird sie ein seelenloser Apparat. Wenn unser Kerngeschäft die Seelsorge ist und wir die Zahl unserer Mitglieder in Seelen zählen, dann müssen wir darauf achten, dass uns die Seele nicht genommen wird. Ein alter Pfarrer hat bei seinem Priesterjubiläum vielen Wegbegleitern und Mitarbeitern gedankt: „Ich habe versucht, den Leib Christi in der Gemeinde, die mir anvertraut war, zu beseelen.“ – Wir brauchen nicht alles selbst machen, unser Wert besteht nicht allein im Funktionieren und Organisieren, es geht vor allem darum zu beseelen: dem Raum, den wir bewohnen, eine Seele zu geben. 

Dem Dom eine Seele geben, die Liturgie beseelen: das gehört zu den Aufgaben des Domkapitels. Gleichzeitig soll das Domkapitel den Bischof beraten und ihm helfen, die Diözese zu leiten. Denn der Bischof ist kein Einzelkämpfer, er braucht eine starke Truppe, um in das Bistum hineinzuwirken. Ich danke Euch, liebe Mitbrüder, für alle Dienste, die Ihr tut: für die Spendung der Sakramente - vor allem der Firmung, für die Vertretung bei Jubiläen und Festgottesdiensten, für Euer Engagement in den Gremien, Gruppen und Verbänden!

Zum Zeichen dafür tragt Ihr ein Birett, im Einführungsritus wird es „Helm des Heiles“ genannt. Das Birett ist mehr als ein violettes Hütchen, das ins Auge sticht. Das Birett verpflichtet. Wer einen Helm trägt, kann aufrecht stehen und gehen. Das hat nichts mit Arroganz zu tun. Wir tragen den Kopf nicht hoch, wir sind nicht hochnäsige Kleriker, doch wir sind selbstbewusst, weil der Herr mit uns verbündet ist. Die Worte aus dem Epheserbrief gelten heute besonders Euch, lieber Domdekan Wolfgang und lieber Weihbischof Florian: „Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn! Zieht an die Waffenrüstung Gottes (…) damit ihr am Tag des Unheils widerstehen, alles vollbringen und standhalten könnt. Steht also da, eure Hüften gegürtet mit Wahrheit, angetan mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit, die Füße beschuht mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens. Vor allem greift zum Schild des Glaubens! (…) Und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes! Hört nicht auf, zu beten und zu flehen! (…) Betet jederzeit im Geist – auch für mich, dass mir das rechte Wort gegeben werde, sooft ich meinen Mund auftue, mit Freimut das Geheimnis des Evangeliums zu verkünden.“ (Eph 6, 10-19) 

Amen.