Predigt des Apostolischen Administrators Dr. Bertram Meier am Gründonnerstag 2020

Die Stunde der Testamentseröffnung

09.04.2020 19:30

„Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war“ (Joh 13,1). Wenn jemand spürt, dass seine Stunde kommt, um für immer Abschied zu nehmen, dann lässt er seine Familie und seine Freunde noch einmal zusammenrufen. Und in dieser Stunde versucht er, den Menschen seines Vertrauens in aller Dichte noch einmal das mitzuteilen, was ihm selbst im Leben wichtig und wesentlich war.

Die Stunde des Abschieds – eine Stunde des Dankes und der Wertschätzung, aber immer auch eine Stunde des Schmerzes und der Zerbrechlichkeit. Was bleibt zurück? Vielleicht ein wertvoller Gegenstand, ein Buch, ein Brief, ein Schmuckstück, ein Rosenkranz – etwas, was dem Menschen lieb und teuer war.

In diesen Wochen spüren wir, dass Normales nicht mehr geht. Ein Bruder eines am Corona-Virus verstorbenen Priesters sagte mir: „Am schlimmsten war es, dass wir als Geschwister unserem Bruder nicht mehr beistehen konnten. Er musste seine letzte Wegstrecke allein gehen.“ Kein letztes Wort, kein fester Händedruck, kein Testament. „Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war“. Heute ist sie gekommen – Seine Stunde im Abendmahlssaal.

Wir sind es, die mit dem Herrn zusammen sind. „Als seine Stunde gekommen war, aus dieser Welt zum Vater heimzukehren“ (Joh 13,1), hinterließ er seinen Freunden sein Testament. Jesu Freunde: das sind wir. „Ich nenne euch nicht mehr Knechte (und Mägde), ich nenne euch Freunde“. Die heutige Stunde – eine Stunde des Abschieds: kein Abschied mit leeren Händen, ein Abschied mit vollen Herzen: die Stunde einer Testamentseröffnung. „Tut dies zu meinem Gedächtnis“. Dieser Auftrag Jesu hallt auch heute wieder, selbst wenn wir darauf verzichten müssen, leibhaft zu kommunizieren. Senioren, die z.T. Krieg, Vertreibung und Flucht miterlebt haben, erzählen mir, wie sie oft monatelang auf eine hl. Messe verzichten mussten und sie trotzdem Kraft und Trost schöpften aus der Frohen Botschaft. Da kann nur den Hut ziehen: Chapeau! Heute Abend wird das Neue Testament eröffnet, und ich versichere Ihnen: Keiner wird leer ausgehen. Jeder ist zum Erben bestellt. Doch das Testament fordert mutige Erben, keine Nachlaßverwalter, sondern Zukunftsbereiter. Wie ist das zu verstehen?

Wir haben soeben das Evangelium von der Fußwaschung gehört. Es war damals Sklavendienst, dem andern die Füße zu waschen. Jesus hat den Mut, diese Ordnung umzukehren. Das Sichbeugen zum Sklavendienst ist Zeichen seiner Freiheit. Dies ist das Erste in Jesu Testament: MUT ZUM DIENEN.

„Wie stehst du zu ihr oder ihm?“ So fragen wir einander. Dabei spielen die Positionen eine wichtige Rolle. Wo stehst du: Höher? Tiefer? Auf gleicher Ebene? Bist du Kaplan oder Pfarrer, Professor oder Domkapitular, Monsignore oder Prälat, Bischof oder gar Kardinal? Diese Frage lässt sich auch auf andere Bereiche übertragen: Wir tragen – beim kleinsten Titel – nicht nur den Kopf hoch, sondern auch die Nase. Und Hochnäsige waschen den anderen lieber den Kopf als die Füße.

Jesus hatte Mut zum Dienen. Er ist heruntergestiegen, auf die unterste Stufe. Er bückt sich tief nach unten, tiefer als die Jünger stehen oder sitzen. Es ist die wehrlose Liebe Gottes, die das tut. Die Liebe lässt sich nicht gnädig herab, sie ist schon unten. Wohlgemerkt: Es geht um die nackten Füße, nicht etwa um das feine Schuhwerk. Schuhe putzen – das ist schon allerhand. Wer lässt sich schon gern zum Stiefelputzer machen? Doch hier sind es nicht nur die Schuhe, sondern die Füße, mit denen wir auf der Erde stehen, die dreckig sind und stinken. Man muss sich bücken, wenn man sie waschen will, sehr tief, bis auf den Boden. Das ist peinlich, das fällt aus dem Rahmen.

Jesus ist nicht auf dem ersten, sondern auf dem letzten Platz, und das nicht nur auf Zeit! Der letzte Platz ist der Platz seines Lebens. Jesus lässt das Unterste und Niedrigste nicht unerledigt. Er ist sich für nichts zu schade. Sein Mut zum Dienen geht bis zum Kreuz. Danke allen, die sich mühen, diesen „Dienstweg Jesu“ nachzugehen. Durch ihren Dienst bauen und tragen Sie die soziale und kirchliche Gemeinschaft. In dieser Krise, die wir gerade durchleiden, wird das sichtbar: Wer bei den Kranken, Leidenden und Sterbenden ist, geht den „Dienstweg Jesu“!

Dabei geht es nicht mehr nur um eine wertvolle Sache, um die „Sache Jesu“, es geht um Jesus selbst. In seinem Testament gibt er nicht nur etwas von sich, ein Andenken, ein gutes Wort. Er setzt sich selbst aufs Spiel in unseren Händen. Wir haben Jesus in der Hand, im wahrsten Sinn des Wortes: Das Brot – es ist mein Leib für euch. Das ist der neue Bund in meinem Blut (vgl. 1 Kor 11,24 f.). „Eine größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde“ (Joh 15,13).

Sich hingeben an einen Menschen, an Gott: Wie leicht ist es dahingesagt! Wie schnell reden wir von der Freundschaft Jesu, aus der dann der Auftrag erwächst, Jünger zu „machen“, wie wir das in kirchlichen Kreisen oft hören. Doch wir „machen“ keine Jünger; Jesus ist es, der in seinen Freundeskreis, in die Jüngerschaft ruft. Das einzige, was wir tun können, ist: Jesus beim Rufen helfen; dazu beitragen, dass die Menschen ihre Antennen ausfahren, um Jesu Ruf besser und aufmerksamer zu hören. Darin liegt die Chance in dieser Zeit, die uns auch zur Ruhe und Stille zwingt.

Noch etwas gehört zur Stunde Jesu, in sein Testament. Vom Abendmahlssaal führt der Weg zum Ölberg. Getsemani (aramäisch) heißt übersetzt: die Ölpresse. In Getsemani steht Jesus am Ort der Kelter. Dort ringt er mit seinem Vater, was denn dessen Wille sei. Er kommt ins Schwitzen, wie wir, wenn wir an unsere Ölbergsstunden denken: „Vater rette mich aus dieser Stunde!“ In Getsemani ereignet sich noch etwas: Jesu Stunde wird zur Stunde der Kirche. Und gerade als ihre Stunde kommt, schläft die Kirche ein: Petrus, der Erste, das Amt; Johannes, der Nächste, der Lieblingsjünger, und Jakobus, der Treue, der sich so sehr darum mühte, dass die jüdische Tradition gewahrt blieb. Die Kirche der ersten Stunde ist eingeschlafen: „Konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen?“ Der Herr soll uns nicht schlafend antreffen. Auch heute, unter diesen besonderen Umständen, wollen wir mit ihm wachen und beten. Es wäre schön, wenn sich der eine oder andere von Ihnen noch ein wenig Zeit nehmen könnte, um zu bleiben, um wachend bei Ihm zu sein, einfach da zu sein mit ihm und für ihn – als Zeichen der Treue. Das kann man übrigens auch im Wohnzimmer oder im Herrgottswinkel tun.

Viele tragen einen Ring der Treue: einen Ehering oder Professring, manche einen Bischofsring. Vielleicht auch ich irgendwann. Es ist bezeichnend, dass die italienische Sprache dasselbe Wort gebraucht für den Ring der Treue und den Glauben: la fede. Das schlägt die Brücke zu einem eindrucksvollen Symbol göttlicher und menschlicher Treue, das der Künstler Egino Weinert geschaffen hat. Aus 200 Professringen verstorbener Ordensschwestern gestaltete er eine kleine Monstranz. Jeder einzelne Ring ist ein Hinweis auf das lebenslange Bemühen eines Menschen, Christus treu zu sein. Jeder einzelne Ring weist aber auch hin auf die Nahrung dieser Treue: Das Brot des Lebens, Jesus Christus selbst, der den Mut hatte, sich ganz hinzugeben.

Ein Zeichen für diese Hingabe können auch wir setzen, auch wenn wir damit leben müssen, nur geistig zu kommunizieren. Es geht nicht nur um das Schaugefäß aus Edelstein und Gold, das die Hostie birgt. Es geht darum, dass unser ganzes Leben immer mehr zu einer Monstranz dafür wird, dass Jesus in unserer Welt gegenwärtig ist. Ihr seid meine Freunde, sagt Jesus uns an diesem Abend, in dieser Stunde, die seine Stunde ist: die Stunde des Testaments, seine Stunde für uns. Machen wir unser Herz weit, damit es auch unsere Stunde wird für ihn.