Predigt zum 60. Priester- und 25. Bischofsjubiläum von Weihbischof em. Josef Grünwald am 18. Juli 2020

Ein lebendiges Geschichtsbuch im und rund um den Dom

18.07.2020 15:52

Vor uns steht ein Mann, den die Künstlerin Edeltraud Abel (1924-1994) gezeichnet hat, die sich gern mit den Chassidischen Legenden von Martin Buber beschäftigte. Das Bild, eine Monotypie, hat keinen Titel und hängt im Jüdischen Kulturmuseum hier in Augsburg. Ich nenne es Josef. Die ganze Figur erscheint wie ein großer Resonanzkörper. Josef ist aufmerksam und hört, er ist ganz Ohr.

Und gleichzeitig hat er in der Hand einen Stab. Diese Gesten drücken eine Haltung aus, die den Charakter Josefs zum Ausdruck bringt. Josef ist ein Mensch, der sich aufmacht – und dies im doppelten Sinn: Er öffnet sich für die Botschaft, die ihm zugesprochen wird, und für die Berufung, die er leben soll. Zugleich scheint er im Begriff, aufzubrechen: Er macht sich auf den Weg, Josef ist mit uns unterwegs als Pilger. Ich lade Sie ein, das Bild des Josef zum Sprechen zu bringen. Josef soll uns die Predigt halten. Josef ist wie ein Spiegel. In seiner Persönlichkeit und in seinem Leben entdecken wir auch den Weg unseres Jubilars Weihbischof Josef.

1. Josef macht sich auf. Er ist ein offener Mensch. Wenn Josef eine Botschaft Gottes hörte, dann geschah das oft im Traum. Daher ist es kein Zufall, dass die Künstler Josef gern schlafend dargestellt haben. An Josef lesen wir ab, was das Hohelied sagt: „Ich schlief, aber mein Herz wachte“ (Hld 5,2). Die Sinne ruhen, aber der Grund der Seele ist offen. Der Resonanzraum des Herzens wird zum Ohr für die Botschaft Gottes. Von innen her will er mit jedem und jeder von uns in Kontakt treten, er ist uns nahe, im Innern des Herzens, in der Stimme des Gewissens. In der hebräischen Sprache gibt es für Herz und Gewissen nur ein Wort. Anders gesagt: Wer ein Herz hat, hört auch auf sein Gewissen. Und wer sein Gewissen zu Wort kommen lässt, hat auch ein Herz. Woran mag es liegen, dass unsere Zeit so herzlos scheint? Herzinfarkten können wir medizinisch oft beikommen, doch wir leiden unter einer Herzschwäche ganz anderer Art. Manchmal ist unser Herz so mit Mauern umbaut, so voll gestellt mit Gerümpel, dass die leisen und feinen Töne nicht mehr recht durchdringen können. Unsere Wahrnehmung wird oberflächlich, unsere Arbeitswelt technisch-organisatorisch, auch die Kirche ist an vielen Orten zum Betrieb geworden. Unsere Betriebsamkeit verrät uns! Josef hat das Ohr des Herzens auf Empfang eingestellt. Er war ein Meister des Lauschens. Auf diese Weise hat er eine Ebene berührt, die ihm ungeahnte Tiefen erschloss. Weil er das Herz aufmachte, kam er dem Geheimnis näher.

Auf vielfache Weise bist Du, lieber Weihbischof Josef, in die Hörschule des Lebens und Glaubens gegangen: Der Dom war und ist neben dem Elternhaus Deine zweite Heimat. Im neuesten Pfarrbrief lässt Du uns ein wenig in Deiner Berufungsgeschichte lesen: „Ich bin in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen, mein Vater war ehrenamtlicher Kirchenschweizer und damit für die Ordnung im Dom zuständig. Ich selber habe auch in der Kirche mitgeholfen. Außerdem war ich natürlich Ministrant, und dann hat sich der kirchliche Weg einfach gefügt. Einen richtigen Berufungsmoment, wie es ihn vielfach auch gibt, kann ich von mir nicht feststellen.“ Zum Elternhaus und zum Dom gesellt sich sicher auch die Abtei St. Stephan in Augsburg, wo der Gymnasiast Josef Grünwald Abitur machte und Philosophie studierte. Ein Benediktinerkloster steht ja schon von der Regel des Gründers her unter dem Anspruch, eine Hörschule zu sein, wird dort doch der Dreiklang des Mönchsvaters praktiziert: Höre – nimm an – erfülle!

2. Hörschule des Glaubens: Aus Josefs Offenheit für das Geheimnis, aus der Fähigkeit zu hören erwächst ganz natürlich der Gehorsam. Sich aufmachen heißt eben auch Aufbrechen, es bedeutet Mobilität. Josef ist beweglich um Gottes willen. Indem er sich aufs Geheimnis einlässt, wird er zum Geheimnisträger. Wenn Maria sagt: „Ich bin die Magd des Herrn“ (Lk 1,38), dann heißt das für Josef: Ich bin Diener Gottes. Ich bin bereit, ich stehe zur Verfügung. Josef muss Wege gehen, an die er nicht im Traum gedacht hat. Die Botschaft des Engels zieht ihn hinein in das Abenteuer Gottes mit den Menschen, in die Nähe des brennenden Dornbuschs, ins Geheimnis, das er mittragen soll. So bleibt Josefs Leben ein Weg in der Stille. Er hat sich aufgemacht; immer wieder wurde er auf den Weg geschickt, und doch blieb ihm vieles verborgen...

Unser Jubilar hat sich immer wieder senden lassen. In verschiedenen Diensten hat er sich bestens bewährt. Vor allem hat Josef Grünwald gezeigt, wie wichtig Briefpastoral sein kann. Das machte ihn zu einem ebenso kompetenten wie menschlichen Faktor im Bischöflichen Ordinariat. Wie von selbst kamen dann nach und nach die Ernennungen: vom Domkaplan zum Domvikar und Sekretär des Generalvikars, vom Ordinariatsrat zum Stellvertretenden Generalvikar, vom Summus Custos zum Domdekan, und schließlich zum Weihbischof und Dompropst. Weihbischof Josef nahm den liturgischen Gruß ernst, mit dem ein Bischof den Gottesdienst eröffnet: „Der Friede sei mit euch.“ (Joh 20,19) So war es keine Verlegenheit, sondern wohl bedacht, dass das Domkapitel Weihbischof Josef, einen Freund des Friedens, gleich zweimal zum Diözesanadministrator wählte, als 2004 und 2010 die Sedisvakanz im Bistum zu überbrücken war. Danke für diesen Dienst der Vermittlung und des Ausgleichs! Du hast Deinem Namenspatron alle Ehre gemacht.

Hören wir, was der Jesuitenpater Alfred Delp über Josef niedergeschrieben hat: „Er ist der Mann am Rande, im Schatten. Der Mann der schweigenden Hilfestellung und Hilfeleistung. Der Mann, in dessen Leben Gott dauernd eingreift mit neuen Weisungen und Sendungen. Die eigenen Pläne werden stillschweigend überholt. Immer neue Weisung und neue Sendung, neuer Aufbruch und neue Ausfahrt. Er ist der Mann, der sich eine bergende Häuslichkeit im stillen Glanze des angebeteten Herrgotts bereiten wollte, und der geschickt wurde in die Ungeborgenheit des Zweifels, des belasteten Gemütes, des gequälten Gewissens, der zugigen und windoffenen Straßen, des unhäuslichen Stalles, des unwirtlichen fremden Landes. Und er ist der Mann, der ging. Das ist sein Gesetz: die dienstwillige Folgsamkeit: der Mann, der dient. Dass ein Wort Gottes bindet und sendet, war ihm selbstverständlich, weil er ein Mann war, der bereitet, zugerüstet war zu Anrufen Gottes und der bereit war. Die dienstwillige Bereitschaft, das ist sein Geheimnis.“ (Gesammelte Schriften, hrsg. v. Roman Bleistein, Bd. IV Frankfurt 2. Auflage 1985, Aus dem Gefängnis, Dezember 1944, 199f.)

Die dienstwillige Bereitschaft zeichnet auch Dich, lieber Weihbischof Josef, aus. Du hast Deinen bischöflichen Dienst unter das Wort gestellt: Testificari Evangelium Gratiae Dei. Das Evangelium von der Gnade Gottes bezeugen. (Apg 20,24). Es stammt aus der Feder des Völkerapostels Paulus, der auf sein Engagement für Christus bilanziert und dabei bekennt: „Ich will mit keinem Wort mein Leben wichtig nehmen, wenn ich nur meinen Lauf vollende und den Dienst erfülle, der mir von Jesus, dem Herrn, übertragen wurde: das Evangelium von der Gnade Gottes zu bezeugen.“ (Apg 20,24) So wichtig ist ihm dieser Dienst am „Wort der Gnade“ (Apg 20,32), dass er feststellt: „Ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde.“ (1 Kor 9,16). Vergelt’s Gott, lieber Josef, dass Du ein Zeuge des Evangeliums bist!

3. Werfen wir nun noch einen Blick auf das „Outfit“ des Josef. Er schaut aus wie ein Wanderer, ein Pilger. Sein Weg steht im Zeichen Abrahams, des ersten historisch greifbaren Menschen, zu dem Gott sprach: „Zieh fort aus deinem Land in das Land, das ich dir zeigen werde“ (Gen 12,1). Das Neue Testament greift diese Existenzweise auf: Wir Christen sind Fremdlinge, Pilger und Gäste (vgl. 1 Petr 1,1.17; 2,11; Hebr 13,14). Denn „unsere Heimat ist im Himmel“ (Phil 3,20). Wir hören das heute nicht mehr so gern, dass unsere Heimat im Himmel sei. Wir meinen ja, dass wir dadurch von der Welt weggeführt würden und amputiert seien in unserer Freiheit. Doch wer so denkt, greift zu kurz. Denn Christsein ist weder Weltverachtung noch Weltflucht, sondern die Bereitschaft, alles Menschen Mögliche dafür einzusetzen, um die Welt human zu gestalten.

Aber diese Bereitschaft bedeutet nicht, den Himmel zu stürmen, die Rollen zu vertauschen und uns als Geschöpfe zum Schöpfer aufzuschwingen. Es gibt Krankheiten, Gebrechen und Behinderungen, denen gegenüber wir machtlos sind. Weihbischof Josef ist in den letzten Jahren wiederholt an die Grenzen seiner Gesundheit gestoßen und hat erfahren, dass die Gesundheit des Leibes ein Geschenk des Schöpfers ist. Und bis heute hältst Du durch und bist bei uns!

Wir alle freuen uns mit Dir, dass es Dich gibt als Mensch, Priester und Bischof:

- Die Pilger, die mit Dir bis heute gern Wallfahrten unternehmen – Du bist unser „Pilgerbischof“!

- Die Franziskanerinnen von Maria Stern, mit denen Du täglich im Kloster St. Elisabeth ganz treu die hl. Messe feierst.

- Und wir im Bistum, im Domkapitel und in der Dompfarrei: Du kennst die Gegend - vor allem innerhalb der alten Stadtmauer - wie Deine eigene Westentasche.

Deshalb flechte ich in meinen Dank noch eine Bitte ein: Lieber Weihbischof Josef, wie wäre es, wenn Du Dich doch noch erweichen ließest und manche Geschichte und Anekdote rund um den Dom zu Papier bringen könntest. Viele würden es Dir danken! Denn Du hast so viel zu erzählen. Du bist ein lebendiges Geschichtsbuch im und rund um den Dom.

Werfen wir noch einmal einen Blick in die Heilige Schrift: Nach der Erscheinung des Auferstandenen berichtet Johannes vom reichen Fischfang. Diese Verheißung gilt auch Dir nach 60 Priesterjahren und 25 Jahren im bischöflichen Dienst. Wenn Dein Lebensschiff einmal am Gestade der Ewigkeit anlegt – was noch etwas dauern möge, sollst auch Du wie damals Petrus ein Netz ans Ufer ziehen, das zum Zerreißen voll ist – mit Menschen, die der Gute Hirt durch Deinen Dienst in sein ewiges Leben geführt hat. Das wünschen wir Dir von Herzen: wir Bischöfe, Priester und Diakone, Deine Freunde und Bekannten sowie das ganze pilgernde Volk Gottes von Augsburg. Amen.