Ansprache beim 60. Professjubiläum von 9 Schwestern Maria Stern OSF
im Mutterhaus Maria Stern am Sonntag, den 5. Juli 2020

Ein lebenslanger Liebesdialog

05.07.2020 12:48

Neun Schwestern sind heute in der Wiege des Sterns versammelt, um ihr Berufungsjubiläum zu feiern. Vor mehr als 60 Jahren brannte das Kohlenfeuer, um das sich junge Frauen sammelten, die sich mit dem Gedanken trugen, um Aufnahme in der Gemeinschaft von Maria Stern zu bitten.

Mit ihnen zusammen dürfen wir eintreten in den Raum der Liebe, der sich für Petrus einst am See von Tiberias aufgetan hatte, als Jesus ihn dreimal fragte: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“ „Liebst du mich?“ Mit dieser Frage hat Jesus vor vielen Jahren unsere Jubilarinnen konfrontiert. Die namentlich Angesprochenen haben persönlich geantwortet. Dafür bekamen sie einen neuen Namen. Den neun Schwestern, die heute feiern können, klingt heute Jesu Frage neu im Ohr: Hast du mich lieb? Damit lockt er die geheimsten Gedanken und tiefsten Gefühle hervor - das, worum es in jeder Berufungsgeschichte eigentlich geht: geliebt zu werden und selbst zu lieben.

Die Liebe und der neue Name

Sr. Basilia, liebst du mich? Sie hat geantwortet, indem Sie den Dienst der Hausfrau und Köchin übernommen und viele Jahre bei den Benediktinern in St. Stefan gewirkt hat.

Sr. Fidelia, liebst du mich? Sie hat ihre persönliche Antwort gegeben, indem sie sich als Chauffeuse betätigte und vor allem bis heute dafür sorgt, das musikalische Leben im Mutterhaus lebendig zu halten.

Sr. Rosalinde, liebst du mich? Sie hat die meiste Zeit ihres Berufslebens als Krankenschwester gearbeitet und ist nun im Mutterhaus dafür verantwortlich, die Kirche zu pflegen und für eine Kultur der Gottesdienste zu sorgen.

Sr. Jutta, liebst du mich? Ihre Kraft und Energie hat sie als Erzieherin eingesetzt. Gern ist sie unterwegs – das Fahrrad ist ihr Markenzeichen.

Sr. Liguoria, liebst du mich? Ganz aus der Nähe, von Bobingen, gebürtig, ging ihr Herz den Kindern auf, und jetzt ist sie als Pförtnerin eine der ersten Visitenkarten des Konvents von Bergheim.

Sr. Laetitia, liebst du mich? Näherin, Erzieherin, Mesnerin – das sind die vielfältigen Tätigkeiten, die sie in ihren franziskanischen Nachfolgeweg eingebracht hat.

Sr. Ludwina, liebst du mich? Sie hat als Erzieherin das Elisabethenheim in Würzburg maßgeblich mitgeprägt und bringt sich dort immer noch tatkräftig ein.

Sr. Ruth, liebst du mich? Sie ist die Künstlerin unter den Jubilarinnen und ist aufgegangen in ihrer Arbeit als Paramentenstickerin. Kunst ist für sie eine Weise, Gott zu loben und zu preisen.

Sr. Ludowika, liebst du mich? Ausgebildet zur Sonderschullehrerin, hat sie schon in jungen Jahren Leitungsaufgaben für die Kongregation von Maria Stern übernommen und ist unermüdlich dabei, den Dienst der Einheit zu leisten – als Provinzoberin und als Hausoberin von St. Elisabeth.

Sr. Hiltraud, liebst du mich? Diese Frage geht heute bis in den Süden Afrikas nach Mosambik, wo sie zusammen mit ihrer leiblichen Schwester Avila als Missionarin tätig ist. Gern wäre sie heute dabei, aber Corona macht es unmöglich.  

Neun Schwestern, die auf 60 Professjahre zurückblicken: Auf Ihrem bisherigen Weg haben sie sicher auch die Erfahrung gemacht, die selbst großen geistlichen Menschen nicht erspart bleibt: wie angefochten und zerbrechlich Freundschaft sein kann, zu Jesus ebenso wie zu Menschen. Wir brauchen uns gegenseitig, um einander zu tragen und zu stützen. Papst Gregor der Große, einer der Nachfolger Petri, steht zu seinen Schwächen: „Ich habe den Guten Hirten beschrieben, aber ich bin keiner; ich habe das Ufer der Vollkommenheit gezeigt, aber ich selbst kämpfe noch gegen die Sturzwellen meiner Fehler, meiner Nachlässigkeiten; darum tut mir den Gefallen und werft mir euer Gebet als Rettungsring zu, damit ich nicht untergehe.“[1]

Das Gebet als Rettungsring, damit wir nicht untergehen. Kann es eine bessere Stütze geben als das Gebet? Liebe Jubilarinnen, manches sind Sie vielleicht einander schuldig geblieben in Ihren Konventen, die auch nur aus Menschen bestehen. Aber bitte bleiben Sie einander nie das Gebet schuldig! Beten Sie nicht nur miteinander, was Pflicht einer Ordensfrau ist, sondern auch füreinander. Das Füreinander-Einstehen bei Jesus, der unser aller Freund sein will, schuldet eine Gemeinschaft besonders denen, die gerade eine Krise zu bestehen oder eine schwere Krankheit zu durchleiden haben.

Der Liebesdialog zwischen Jesus und Petrus steht im Zusammenhang einer Amtseinsetzung. Ein Examen ganz eigener Art: Weder bei der Einführung ins Petrusamt noch bei der Einsetzung in Ämter und Aufgaben, die eine Ordensgemeinschaft zu vergeben hat, stellt Jesus die Frage: Was hast du gelernt an Führungskompetenz? Was bringst du mit an Managerqualitäten? Kannst du kooperieren, organisieren und Projekte finanzieren? Er fragt ganz einfach: „Liebst du mich?“ Diese Frage begleitet uns durch unser ganzes Leben. Wir werden sie nicht los, immer wieder kehrt sie zurück, Jahr für Jahr, Stufe um Stufe, den Phasen unseres Lebens entsprechend. Mal reagieren wir skeptisch und zurückhaltend, dann wieder eindringlicher und verbindlicher. Entlang dieser Frage sind auch unsere Jubilarinnen gereift und gewachsen.

Oberinnenamt und Liebe

Wird die Liebe nicht immer alles Amtliche, alle Regeln, alles Verwaltete und Organisierte heilsam beunruhigen? Es ist die notwendige Aufgabe des Amtes, zu ordnen und zu regeln. Aber die Anfrage der Liebe an das Amt macht alle Regelung und alles System immer wieder auch fragwürdig. Sie erinnert das Amt daran, dass das Herz einer Gemeinschaft nicht Gesetz und Satzung, sondern die Liebe ist. Ordnung und Satzung sind dazu da, der Liebe das Haus zu bauen.

Liebe Jubilarinnen, Ihre Lebensphase ist eine Gnadenzeit. Wie ich Priester im Rentenalter oft sagen höre: „Jetzt kann ich wieder viel mehr Geistlicher sein“, so könnte Ihr Diamantenes Jubiläum als Ansporn dienen, die Zukunft noch mehr geistlich zu gestalten. Mancher Pflicht entledigt, sind Sie jetzt freier, der Liebe das Haus zu bauen. Es geht in erster Linie um Ausstrahlung. Herzensweite ist gefragt, um der Wertschätzung und Zuneigung füreinander den Hof zu machen.

Was einst Gregor der Große seinem bischöflichen Mitbruder Johannes in Konstantinopel schrieb, gilt auch uns: „Petrus wollte von dem rechtschaffenen Hauptmann Cornelius, der sich demütig vor ihm niederwarf, keine übertriebene Ehrenbezeugung und erkannte ihn als Bruder an, indem er sprach: ‚Steh auf und tu nicht so, denn auch ich bin nur ein Mensch!’ (Apg 10,26).“[2]

„Steh auf, denn auch ich bin nur ein Mensch!“ Wir wünschen Ihnen, liebe Schwestern, dass Sie Menschen, Frauen mit Leib und Seele, bleiben. Lassen Sie sich ein wenig mehr hineinschauen in Ihre Menschlichkeit! Sie verlieren nichts dabei, Sie können nur gewinnen. Das Leben in der Gemeinschaft wird nicht ärmer, sondern reicher. Denn Menschsein bedeutet nicht Schwäche, sondern Stärke. Zur Menschlichkeit gehört auch, einander das Herz zu öffnen. Vielleicht ist gerade jetzt für Sie, liebe Jubilarinnen, die Zeit einer neuen, großen Chance: Sie stehen nicht mehr unter dem Druck von Dienstplänen und Arbeitspflichten. Ist das nicht die Gelegenheit, das zu pflegen, was vorher vielleicht zu kurz gekommen ist: die Kultur des Herzens? Mögen Sie die Zeit nach dem Jubiläum als Chance dafür entdecken, noch freier, noch offener, noch weiter das Herz sprechen zu lassen. Wenn du einen Menschen gewinnen willst, musst du zuerst sein Herz gewinnen.

Mit Ihnen, liebe Jubilarinnen, stimmen wir heute das Te Deum an und wünschen Ihnen, dass Ihr weiteres Leben die Liebesgeschichte fortschreibt, die vor 60 Jahren mit der Profess ihren Anfang nahm. Selbst wenn Sie erfahren müssen, dass Sie an Ihre Grenzen stoßen, wenn Sie sich einmal alt fühlen, gebrechlich und krank, wenn Sie sich in die Hände anderer geben müssen im Bewusstsein, dass ein Anderer Sie gürtet und Sie führt, wohin Sie nicht wollen (vgl. Joh 21, 18), soll auch in den Augenblicken, da Sie kleinlaut und schweigsam werden, die Liebesmelodie durchklingen, die der hl. Petrus am See von Tiberias für uns alle angestimmt hat: „Herr, du weißt alles. Du weißt auch, dass ich dich liebe“ (Joh 21,17).

[1]  Zit. n. Johannes Bours, Da fragte Jesus ihn. Schritte geistlicher Einübung in die Jesusnachfolge,  Freiburg-Basel-Wien (5. Auflage) 1988, S. 219.

[2]  Vgl. Reinhard Körner, Liebst du mich? Impulse für eine Not-wendende Hirtenspiritualität, Leipzig (2.Auflage) 1997, S. 28.