Predigt im Hohen Dom zu Augsburg an Pfingsten 31. Mai 2020

Geistvergessenheit ist Gottvergessenheit, Selbstüberschätzung, Hybris

31.05.2020 11:49

Brausen, Sturm, Feuerzungen, Sprachenwunder. Wenn wir Pfingsten heute hier im Dom neben den Bericht der Apostelgeschichte stellen, klingt das Ganze recht bescheiden: Es braust allenfalls die Orgel, Singen ist derzeit nur mit Mundschutz erlaubt, Völkerscharen sind gerade nicht bei uns versammelt, und ob die Sprache, die wir in der Kirche sprechen, noch verstanden wird, sei auch dahingestellt.

Aber wir würden Pfingsten nicht feiern, wenn es nur Vergangenheit wäre. Auch in der Bibel gibt es nicht nur das laute Pfingsten der „Kraft aus der Höhe“, der Dynamis, die wie Dynamit das enge Gehäuse der Jünger aufsprengt und sie dynamisch in die Öffentlichkeit treten lässt.

Neben dem spektakulären Pfingsten, wie es uns Lukas schildert, steht das stille Pfingsten, von dem Johannes im Evangelium erzählt. Hier geht alles viel verhaltener, unauffälliger, leiser zu. Nicht die Bühne der Weltöffentlichkeit ist der Ort der Kundgabe des Gottesgeistes, sondern der, verschlossene Raum, in dem sich die Jünger versteckt hielten. Und noch etwas: Während Pfingsten sich bei Lukas am 50. Tag nach dem Paschafest ereignet, einem Fest, an dem die Juden für die erste Ernte und das Geschenk der 10 Gebote am Sinai danken, fällt bei Johannes alles auf einen Tag. Was war das für ein Tag: Morgens das Wunder der Auferstehung, abends die Erscheinung des Auferstandenen!

Ich könnte mir denken, dass auch manchem von uns gerade heuer in Coronazeiten das verhaltene Pfingsten näher steht als das laute Sturmesbrausen. Ereignet sich doch auch unser Leben mehr im Kleinräumigen, manchmal sogar Kleinkarierten; wird doch auch unser Christsein nicht nur öffentlich, sondern im kleinen Kreis, in unseren Hauskirchen, Familien, Kommunitäten und im Beruf entschieden.

Setzen wir uns unter die Jünger und versuchen wir, das Pfingstereignis, das zugleich Osterbegegnung ist, ein wenig mitzuerleben:

Shalom. „Der Friede sei mit euch.“ So beginnt es – mit dem alltäglichen, in Israel üblichen Gruß – damals wie heute. Er enthält alles, was Menschen einander nur wünschen können. Gesundheit, Wohlstand, Freude, Glück, Heil, das alles ist Shalom: Der Friede sei mit euch. Doch Grußformeln können sich abnützen. Es kommt darauf an, wer sie spricht und wie er sie spricht. Aus Jesu Mund heißt das: Ihr braucht euch nicht mehr zu fürchten. Kommt heraus aus eurem Schneckenhaus. Ich bin es; ich, der für euch da ist.

„Der Friede sei mit euch“ geht aber noch tiefer. Nicht umsonst sagt es Jesus zweimal: Der die Jünger zweimal grüßt, ist der, den sie in der Stunde seiner Not schmählich im Stich ließen. Die Jünger hatten ihren Meister und Freund allein hängen lassen - am Ölberg, im Prozess, am Kreuz. So fügt Johannes hinzu: Nach diesem Gruß zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Die Wunden sind noch da, aber sie sind verklärt.

Jetzt brauchen die Jünger nicht mehr rot zu werden, denn trotz allem ist ihnen gesagt: Der Friede sei mit euch. Das ist fast wie eine Absolution, die in die Sendung mündet: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Doch Jesus setzt noch eins drauf: Er haucht seine Freunde an, schenkt ihnen den langen Atem seines österlichen Lebens, indem er seinen Geist in sie hineinlegt: „Empfangt den Heiligen Geist.“ Das gibt den Entmutigten Rückenwind.

Ein Hauch ist etwas sehr Leises, Unaufdringliches, fast nicht zu hören. Auf das Leise im Leben hören müssen auch wir wieder lernen, die wir uns so an das Laute gewöhnt haben. Schon im Alten Bund musste einer in diese Schule gehen. Elia erfährt am Gottesberg Horeb die Gegenwart Jahwes. Zuerst kommt ein gewaltiger Sturm, dann ein mächtiges Erdbeben, schließlich zuckendes Feuer. Schließlich hört Elia ein sanftes Säuseln: die Stimme Gottes. Martin Buber nennt es die „Stimme eines verschwebenden Schweigens“. Und diese Stimme spricht das entscheidende Wort: „Empfangt den Heiligen Geist. Allen, denen ihr die Sünden erlasst, sind sie erlassen; allen, denen ihr sie nicht erlasst, sind sie nicht erlassen.“ Damit berühren wir die tiefste Bedeutung des Grußes: „Der Friede sei mit euch“. Von dort her nehmen die Jünger ihren Anspruch: „Wir bitten euch an Christi Statt: Lasst euch mit Gott versöhnen“ (2 Kor 5,20).

Ich bin mir bewusst, dass manche von uns eine Schwellenangst daran hindert, sich diese Vergebung im Heiligen Geist zusprechen zu lassen. Wie viele Gesichter hat diese Angst: Scheu, sich seiner Schuld zu stellen; schlechte Erfahrungen bei früheren Beichten, Hemmungen vor der Armut eigener Worte, Furcht davor, man könnte beim Beichten etwas falsch machen, weil einem die Praxis schon jahrelang fehlt.

„Der Friede sei mit euch“, das wird uns an Pfingsten neu gesagt. Ich weiß, dass Vorbehalte nicht von heute auf morgen vergehen, aber man sollte sie auch nicht zur Entschuldigung dafür machen, sich auf dem Status quo auszuruhen. Wenn das Wort „Der Friede sei mit euch“ nicht in der Unverbindlichkeit eines alltäglichen Grußes verrinnen soll, dann könnten wir vielleicht einen neuen Versuch wagen, unser belastetes Leben zu entlasten. Gott sei Dank erleben viele Katholiken diese Entlastung auch heute immer noch in der Beichte. Wenn sich der Priester in dieser äußerst sensiblen Situation demütig als Stimme des menschgewordenen Wortes sieht, kann er wahrhaft zur Schale werden, die die überfließende Gnade Gottes weitergibt.

„Der Friede sei mit euch.“ Jesu österlicher Gruß stellt uns die Frage, ob wir den Heiligen Geist wirklich ernst nehmen als die fortlebende Gegenwart Christi in Kirche und Welt. Geistvergessenheit kann auch ein Zeichen sein für Gottvergessenheit, ja Gottlosigkeit. Geistvergessenheit im kirchlichen Leben hat fatale Wirkungen: sie ist menschliche Hybris, Selbstüberschätzung, Größenwahn. Babel lässt grüßen, nach dem Motto: „Wir schaffen es – allein. Wir reformieren – allein.“ Oder das andere Extrem: „Das haben wir schon immer so gemacht. Veränderungen nur über meine Leiche!“ Wer so denkt, braucht keinen Heiligen Geist, auch wenn er in salbungsvollen Worten vom Heiligen Geist redet und predigt. Taufe, Firmung und Weihe haben mit Salbungen zu tun, doch salbungsvolle Worte danach reichen nicht aus. Man kann sogar theologisch über das innertrinitarische Liebesspiel der drei göttlichen Personen spekulieren und dem Heiligen Geist dabei eine wichtige Rolle zuteilen. Doch solch steile Theologie bleibt kraftlos, wenn sie sich nicht in die Niederungen des Lebens begibt und der Phantasie des Heiligen Geistes Raum zur Entfaltung gibt: Was bedeutet mir der Heilige Geist? Rechne ich mit seinen Überraschungen? Was traue ich ihm zu? Bete ich zu ihm? Gottes Geist treibt uns zur Zeugenschaft. Sonst bleibt alles tönernes Erz, geistlose Betriebsamkeit.

Komm, Heiliger Geist,

in unsere Kirche,

in unsere Stadt,

in unser Haus,

in unsere Familien,

in unsere Gemeinschaften,

in unsere Herzen.

Ohne dich lesen wir Bücher

und werden nicht weise.

Ohne dich reden wir lange

und werden nicht eins.

Ohne dich sehen wir nur Fälle,

Zahlen und Fakten.

Ohne dich zerfällt unser Leben

in eine Reihe von sinnlosen Tagen.

Ohne dich werden wir treulos.

Ohne dich werden die Kirchen Museen.

Ohne dich wird das Beten Geschwätz.

Ohne dich finden wir keine Vergebung.

Komm, Heiliger Geist, und sprich zu uns:

Der Friede sei mit euch. Amen.