Predigt des Apostolischen Administrators Dr. Bertram Meier am 4. Ostersonntag, 3. Mai 2020

Hirten nach dem Herzen Gottes

03.05.2020 11:20

Hirten sind heute Mangelware. Doch wenn ich näher hinschaue, merke ich: Es gibt sie doch noch – die Hirten. Zwei Beispiele sind mir eingefallen beim Lesen des Evangeliums von heute. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein.

Da ist zuerst unser Papst Franziskus. Im November 2016 – kurz vor dem Ende des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit – lädt er Obdachlose aus ganz Europa zu sich in den Vatikan ein. In seinen Worten und mehr noch durch sein Verhalten, seine Hinwendung zu ihnen, macht er deutlich, wie sehr die Kirche auf ihr Verzeihen angewiesen ist überall dort, wo sie den Armen und Schwachen gegenüber versagt hat. Und dann bittet Franziskus die Obdachlosen, ihm – dem Papst – die Hände aufzulegen: Obdachlose segnen den Papst. Als ich das zum ersten Mal hörte, bekam ich eine Gänsehaut. Franziskus erweist sich den Armen gegenüber als Bedürftiger. Er kehrt die zementierten Rollen um. Der oberste Hirte zeigt damit, dass alle Menschen – auch die „in Amt und Würden“ – aufeinander angewiesen sind und einander brauchen. Wichtig ist dem Papst außerdem, dass die Stimmlosen mehr Stimme und die Ausgeschlossenen mehr Mitspracherecht erhalten. Der renommierten italienischen Tageszeitung „La Repubblica“ sagte der Papst: „Christus hat von einer Gesellschaft gesprochen, in der die Armen, die Schwachen, die Ausgeschlossenen diejenigen sind, die entscheiden. Nicht die Demagogen, nicht die Gauner, sondern das Volk.“

Damit kommt das zweite Beispiel in den Blick. Den Titel „Hirte“ sollte man hier besser in Anführungszeichen setzen. Es geht um US-Präsident Donald Trump. Im November 2015, in seinem ersten Wahlkampf um das Präsidentenamt, verhöhnt er einen Reporter der New York Times, der unter einer angeborenen Gelenkversteifung leidet. Trump hat keine Scheu, die durch die Krankheit eingeschränkten Bewegungen des Journalisten öffentlich nachzuäffen. Die Schauspielerin Meryl Streep ist so mutig, dass sie die Szene im Januar 2017 in einer Rede aufgreift: „Es gab eine Performance, die mich fassungslos machte. Sie senkte ihre Widerhaken in mein Herz. Nicht, weil sie gut war. Es gab nichts Gutes daran. Aber sie war wirksam und erreichte ihr Ziel. Sie brachte das Publikum dazu, zu lachen oder seine Zähne zu zeigen. Es war dieser Moment, in dem der Mensch, der danach verlangt, den am meisten respektierten Platz
in unserem Land zu besetzen, einen behinderten Reporter nachmachte. Jemanden, dessen Privilegien, Macht und Fähigkeit, zurückzuschlagen, er übertrumpfte. Als ich das sah, brach es mir das Herz. Ich kann es noch immer nicht aus meinem Kopf kriegen, denn es war kein Film. Es war die Realität. Wenn dieser Instinkt, jemanden zu erniedrigen, von einem mächtigen Menschen vorgelebt wird, so sickert er runter in unser aller Leben. Denn er erlaubt andern, das Gleiche zu tun. Respektlosigkeit lädt ein zu Respektlosigkeit. Gewalt verleitet zu Gewalt. Wenn die Mächtigen ihre Position dazu benutzen, um andere zu tyrannisieren, so verlieren wir alle.“

Auch Jesus hat uns heute in seiner Rede vom Hirten zwei Beispiele vor Augen gestellt (Joh 10, 1-10). Das eine sind die Diebe und Räuber. Die kommen zu den Schafen nicht durch das Tor, sondern steigen ein irgendwo übers Gatter. Sie schleichen sich an. Sie wollen nicht gesehen und schon gar nicht erkannt werden, denn sie kommen „zu nichts als zum Stehlen, zum Schlachten und zum Zugrunderichten“ (Übersetzung Fridolin Stier). So beschreibt Jesus Menschen, die ihre Macht missbrauchen und üble Absichten hegen. Ihnen geht es nur um sich, um den eigenen Gewinn. Diese Diebe und Räuber leben ihre niedersten Instinkte aus. Tun sie das in verantwortlichen Positionen, dann geschieht, was Meryl Streep benennt: „Wenn dieser Instinkt, jemanden zu erniedrigen, von einem mächtigen Menschen vorgelebt wird, so sickert er runter in unser aller Leben. Denn er erlaubt andern, das Gleiche zu tun.“
Welches Kontrastprogramm legt Jesus auf, wenn er vom guten Hirten erzählt! Seine Hirtenrede ist keine harmlose Schäferidylle. Es geht um Leben und Tod. Der gute Hirt gibt sein Leben für die Schafe (vgl. v.3). Jesus zeichnet ein Bild, das die Züge seiner Lebensgeschichte trägt. Dessen markante Züge sind:

  • Der gute Hirt kennt die Seinen, er ruft sie „einzeln beim Namen und führt sie hinaus“ (v.3). Er schaut nach ihnen – nicht mit dem Kennerblick eines Händlers, der darauf aus ist, die Schafe auszuschlachten, sondern um sie ins „Leben in Fülle“ (v.10) zu führen.
  • Der gute Hirt bleibt auch denen nahe, die sich verlaufen haben. Er steigt ihnen hinterher, bis in die finstersten Täler und entlegensten Schluchten. Den Gestrandeten und Verlorenen geht er nach, hebt sie auf, trägt sie heim und freut sich, dass er sie wiedergefunden hat (vgl. Lk 15,1-7).
  • Wenn’s zum Stechen kommt, kneift er nicht. Er setzt sein Leben ein für die Schafe. Darin unterscheidet er sich vom „bezahlten Knecht“, der sich im Ernstfall aus dem Staub macht, weil ihm „an den Schafen nichts liegt“ (v.13).

Auf diesem Hintergrund erhebt sich noch eine wichtige Frage, der wir uns stellen sollten: Können wir das Bild vom guten Hirten, wie Jesus es zeichnet, für die Hirten und Oberhirten der Kirche in Anspruch nehmen? Die Heilige Schrift tut es, aber mit durchaus kritischem Unterton: Sie geißelt die Hirten, die sich nur selber mästen (vgl. Ez 34). Papst Franziskus legt den Priestern seiner Diözese Rom ans Herz: „Seid Hirten mit dem Geruch der Schafe.“ Also: Man muss riechen können, dass ihr es mit den Menschen von heute zu tun habt – nicht wie sie sein sollen, sondern wie sie tatsächlich sind. Es gilt, der Versuchung zu widerstehen, geruchsneutral zu sein, steril. Die Frohe Botschaft ist nicht nur gedacht für das Hirn, sondern auch für das Herz.

Die Zeit nach Corona wird einen Digitalisierungsschub bringen. Dass es möglich war, über Livestream und Fernsehen die vergangenen Wochen mit Ihnen, liebe Schwestern und Brüder aus nah und fern, Verbindung zu haben, ist ein Segen der Technik, ohne Zweifel. Die Bischöfliche Hauskapelle wurde zum Mittelpunkt eines großen Netzes von Betern. Aber diese Zeit muss wieder aufhören. Papst Franziskus hat Gottesdienste ohne Menschen als „gefährlich“ bezeichnet: Es sei nicht die wahre Kirche, nur über Medien virtuell zu kommunizieren. Diese Einschätzung teile ich voll: Es darf keine Wende zur virtuellen Frömmigkeit geben. Jesus will Realpräsenz! „Eine Vertrautheit mit dem Herrn ohne Gemeinschaft, eine Vertrautheit ohne Brot, ohne Kirche, ohne Volk, ohne Sakramente ist gefährlich.“ Der Ausnahmezustand ist der Notsituation geschuldet, „denn das Ideal der Kirche ist immer mit dem Volk und mit den Sakramenten.“ Am Tag meiner Ernennung zum Bischof von Augsburg habe ich im Dom den Satz gesagt: „Hirt und Schafe sind aus einem Stall.“ Das stimmt. Doch wir dürfen in unserem Bistumsstall nicht bloß ein Aroma zulassen, etwa Weihrauchduft. Wir sollen an die Ränder gehen, Marginalität ernst nehmen, wie auf einer Spruchkarte der Schweizer Caritas zu lesen ist: „Wo die am Rande sind, da ist die Mitte.“

Trifft das für die Hirten von heute zu? Oder meinen sie, ihr „Kerngeschäft“ besteht darin, festliche Gottesdienste zu zelebrieren und den Gang in die Diakonie zu meiden? Mit Dankbarkeit und Respekt durfte ich in den Corona-Krisen-Wochen feststellen, wie reich an pastoralen Initiativen unsere Pfarreien, Gruppen und Orden sind. Was ist da nicht alles aufgeblüht! Wieviel Buntheit und Vielfalt gab es zu bestaunen – nicht nur weil es zum Frühling passt und zur aufkeimenden Saat! Corona hat Einfallsreichtum geweckt. Dafür sage ich ein herzliches Vergelt’s Gott! Danke für alle phantasievollen Projekte! Mögen sie nicht nur Notfallprogramm bleiben!

Doch wir dürfen die Augen auch nicht vor der Wirklichkeit verschließen. Ehrlichkeit ist angesagt. Es gibt Priester, Diakone und unzählige Frauen und Männer, die dafür gesorgt haben, dass Ostern nicht ausgefallen ist, sondern dass wir den Höhepunkt des Kirchenjahres zwar anders, aber nicht weniger intensiv feiern konnten. Ich kenne viele Engagierte, die kreativ sind, wenn es darum geht, Menschen zu erreichen, die nicht besucht werden können, Leute am Rande, die niemand haben. Die übergroße Mehrheit unserer Geweihten und Hauptberuflichen war und ist hier engagiert – und zählt weder Zeit noch Kraft. Doch leider habe ich auch gemerkt, dass einige wenige sich vom Hirtendienst einfach frei genommen und dies damit entschuldigt haben, dass ja keine öffentlichen Gottesdienste erlaubt waren. Ist das der Hirtendienst, wie Jesus ihn versteht? „Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“ (Joh 10,14) Es muss allen klar sein: Die Weihe zum Hirten ruft nicht nur an Altar und Ambo, sondern zu den konkreten Menschen. Vielleicht ist ja diese Zeit, die uns gezwungen hat, die geplante Diakonenweihe aufzuschieben, eine Chance zur Gewissenserforschung: Worum geht es mir wirklich, wenn ich um die Weihe bitte? Und den schon geweihten Diakonen, die sich jetzt die Priesterweihe wünschen und schon alles dafür vorbereiten, stellt sich dieselbe Frage. Womöglich tröstet sie Eines: Warten können wird leichter, wenn man sich bewusst macht, dass derjenige, der eigentlich weihen sollte, in derselben Situation ist: Er wartet auf seine eigene Weihe zum Bischof. Was will Gott uns Weihekandidaten damit sagen?

Allen, die jetzt zuhören, vor allem den Betroffenen, möchte ich keine respektlose Gardinenpredigt halten, sondern einen hoffnungsvollen Impuls setzen. Der Mangel an geweihten Hirten und die damit verbundene Dehnung und Streckung unserer Seelsorgeeinheiten bringt es mit sich, dass die Hirten ihre „Schafe“ kaum mehr kennen, deren Namen nur noch in der Computerdatei stehen haben. Dieser Befund ruft die Verantwortung wach, die wir füreinander tragen – unabhängig ob wir eine Weihe oder kirchliche Beauftragung empfangen haben oder nicht. Wir sind füreinander und miteinander auf dem Weg. Wir sind einander Hirtinnen und Hirten.

Ist diese Zeit der Kirche vielleicht die Stunde, den Hirtendienst aller getauften und gefirmten Christinnen und Christen tiefer zu erfassen und engagierter wahrzunehmen? Mit dem Ziel, den Menschen von heute eine neue Gestalt des Christentums zu präsentieren – was immer sich dabei herausschälen mag. Ich selbst habe mir zum Vorsatz genommen: Mach weniger dein eigenes Ding! Lass dich in die Zukunft führen von Gott!