Predigt des Apostolischen Administrators Dr. Bertram Meier am Hochfest der Auferstehung des Herrn 2020

Ostern: ein göttlicher Schubs für das Gartenfest des neuen Lebens

12.04.2020 08:57

„Ich fühle mich wie in einem Käfig“, kommentierte Papst Franziskus seine Situation im Vatikan. Der Hintergrund: Corona, doch wie mag sich der Papst auch sonst oft fühlen, wenn er umgeben ist von Kardinälen und Prälaten, die sich ihm andienen, aber vielleicht nicht immer seine Linie teilen? Ja, es ist ein einsames Ostern, nicht nur für den Papst.

Seit 35 Jahren dekoriert der niederländische Florist Paul Deckers den Petersplatz und die Benediktionsloggia für den Ostersegen „Urbi et Orbi“, der Stadt und dem Erdkreis, den Päpste im frühlingsfrohen Rom den Pilgern alle Jahre spenden. Ich weiß noch, wie Papst Johannes Paul II. jedes Mal das Herz aufging, wenn der ansonsten von Stein geprägte Petersplatz plötzlich in ein Blumenmeer verwandelt wurde. Papst Franziskus hat sich letztes Jahr nach dem Segen sogar öffentlich bei Paul Deckers für die „wunderschönen Blumen“ bedankt – und der mit zig-Tausenden von Pilgern gefüllte Petersplatz jubelte. Heuer ist alles ganz anders: Der Platz ist leer, statt Blumen alles Stein, der Päpstliche Segen ist nur per Live-Stream zu haben.

Und dennoch: Ostern fällt nicht aus. Das Halleluja ist zwar leiser, aber vielleicht umso hoffnungsvoller und tiefer. Der Osterplärrer bei uns hier in Augsburg ist abgesagt, Jahrmärkte und Tänze um den Maibaum dürfen nicht sein, selbst das Oktoberfest steht auf der Kippe. Doch Ostern bleibt. Ausflüge und Familienfeiern müssen wir lassen, aber nicht das Osterhalleluja und die Freude darüber, dass es ein Leben gibt, das noch wichtiger ist als Gesundheit, Wellness und Fitness. Diese Freude kann uns keiner nehmen. Und wir wollen sie teilen, auch mit diesem Gottesdienst. 

Schauen wir auf das erste Osterfest bei Jerusalem, dann wird klar, was Ostern eigentlich ist: Ostern ist ein Gartenfest auf das neue Leben! Am Karfreitag wird der Garten vorbereitet, in dem dieses Leben sprießen soll: „An dem Ort, wo man Jesus gekreuzigt hatte, war ein Garten, und in dem Garten war ein neues Grab, in dem noch niemand bestattet worden war. Wegen des Rüsttages der Juden und weil das Grab in der Nähe lag, setzten sie Jesus dort bei.“ (Joh 19,41-42).

Dieses Gartengrab dient als Bühne für das Osterfest. Als Maria Magdalena sich mit anderen Frauen am frühen Morgen zum Garten aufmacht, um das Grab zu besuchen, kommt es zu einer Verwechslung: Der Auferstandene begegnet ihr als Gärtner. Maria ahnt nicht, wen sie vor sich hat. Und noch weniger ahnt sie, dass der Gärtner sie zur Mitarbeiterin in seinem Garten berufen wird, zur „Apostolin der Apostel“. An dieser Verwechslung merke ich, dass der Heilige Geist ein kleiner Schelm ist. Gottes Pädagogik arbeitet mit einem echten Geistesblitz: Jesus ist nämlich wirklich ein Gärtner; sein Bereich ist der Garten des Lebens. Er will den Menschen den Zugang zum Garten Eden neu eröffnen. Bereits vom Kreuz herunter hat er es einem der Schächer zugesichert: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43).

Damit korrigiert Jesus die Arbeit eines anderen Gärtners. Es ist Adam. Adam, so erzählt die Geschichte aus dem Alten Testament, wird von Gott in den Garten Eden gesetzt. Dort wird er mit einer wichtigen Aufgabe betraut: Er soll den Garten bestellen, pflegen und schützen. Doch Adam, der Gärtner von Eden, überschreitet seine Kompetenz. Er vertauscht die Rollen. Der Mensch will sein wie Gott, er will entscheiden, was gut ist und was böse. Das Geschöpf schwingt sich auf zum Schöpfer. Und so wird dem Gärtner Adam gekündigt, er muss den Garten verlassen und harte Arbeit leisten. Das Lachen ist ihm vergangen, er und seine Frau Eva müssen schaffen im Schweiße ihres Angesichtes. Seither fehlte dem Garten Eden ein Gärtner. Mit dem Auftreten Jesu von Nazareth ist die Stelle des Gärtners in Eden wieder besetzt! Er stellt die Ordnung in Gottes Garten wieder her. Jesus selbst verschweigt seine Ahnenreihe nicht. Gern nennt er sich den „Menschensohn“, auf Hebräisch „Ben Adam“, der Sohn, der Nachkomme des Adam. Jesus ist der neue Adam, der Gärtner, dem es nicht um sich selbst geht, sondern nur um den Willen Gottes.

Noch in anderer Hinsicht legt die Verwechslung am Gartengrab eine tiefsinnige Botschaft frei: Zum Gärtner gehört die Stechschaufel. Damit wendet er die Erde. So wird sie neu fruchtbar und nimmt frischen Samen auf. Jesus, der Gärtner, setzt seinen Spaten an bei der Geschichte vom Garten Eden. Er schlägt nicht nur ein neues Kapitel auf, er wendet das Blatt wie ein Stück Erde: Danach bekommt die alte Geschichte von Sünde und Schuld ein neues Gesicht, sie gleicht einem neu angelegten Garten. Unter dem Einsatz des eigenen Lebens macht Jesus aus dem dornigen Erdengarten den blühenden Garten Eden. Ist es nicht ein wunderschönes Wort, das Blaise Pascal im 17. Jahrhundert prägte: „In einem Garten ging die Welt verloren, in einem Garten wurde sie erlöst.“ Inmitten von all dem Schlechten und Schlimmen, auch von menschlichen Verschwörungs- und göttlichen Straftheorien, die mit der Pandemie im Umlauf sind, glaube ich fest, dass Gott etwas Neues und Gutes mit uns und seiner Kirche plant; dass er mit Ostern den Startschuss setzt für den Weg einer wirklich geistlichen Erneuerung. Die Zeit nach Corona birgt geistliches Potential. Eine meiner Lieblingsstellen aus den Prophetenbüchern steht bei Jesaja: „Seht, ich mache etwas Neues. Schon keimt es auf. Seht ihr es nicht? Ich bahne einen Weg durch die Wüste und lasse Flüsse in der Einöde entstehen.“ (43,19) Manchmal muss Gott uns einen Schubs geben, um auf das hinzuweisen, was er neu machen will. Wahrscheinlich deswegen, weil niemand von uns in der Wüste, in der Dürre, im Niemandsland einen Aufbruch oder gar Durchbruch erwartet. Corona ist für mich ein solcher Schubs: Bleibt nicht stehen! Geht nach vorn! Der Auferstandene weist euch den Weg. Und vor allem: Habt keine Angst vor dem Heiligen Geist! Beklagt euch nicht über die religiöse Steppe, freut euch darüber, dass mit Ostern auch in der Kirche der Frühling kommt.

Deshalb feiern wir Ostern zu Recht als Gartenfest. Historiker haben festgestellt, dass Jesus zur Hinrichtungsstätte durch das „Gennathtor“ ging, was übersetzt „Gartentor“ heißt. Seit er das Kreuz dorthin getragen hat, ist das Gartentor offen. Der neue Garten Eden tut sich auf. Er grünt und blüht. Ich weiß, dass die Kirche nicht das Paradies auf Erden ist. Aber schauen wir in unsere Klöster! Undenkbar ohne Garten: Kreuzgang, Gemüsegarten, Bibelgarten. Orte, wo die Schöpfung lebt, wo Franziskanerinnen den Sonnengesang anstimmen. Es braucht Menschen, die den Garten hegen und pflegen. Das gilt auch im übertragenen Sinn. Ich finde, dass unsere Klöster eine prophetische Funktion für die Kirche haben: als Biotope der Hoffnung. Wie viel Leben regt sich da, doch oft merken wir es nicht oder wollen es nicht sehen. Es sind kleine Dinge, die groß sind im Leben. Die Lebewesen im Biotop drängen sich nicht auf. Wer gibt sich da nicht alles ein Stelldichein! Wasserflöhe, Mücken, Rückenschwimmer, zirpende Grillen und hüpfende Heuschrecken, Schnecken mit und ohne Haus, tänzelnde Libellen und summende Bienen, getupfte Marienkäfer und brummende Maikäfer, dazwischen ein quäkender Frosch. Schon der Gärtner Jesus liebt die kleinen Dinge, wenn er das Reich Gottes beschreibt. Er erzählt von Feldblumen und Samenkörnern, von Spatzen und anderen Vögeln des Himmels, von Salz und Sauerteig, von Wasser und Wein, nur selten vom Geld - und wenn, dann von den paar Pfennigen einer Witwe, die für den Klingelbeutel kostbar sind. Ich wünsche uns an diesem Osterfest, das keine großen Sprünge zulässt, neue Lebensfreude und Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge, die den Garten des Lebens so liebenswert machen!

Noch etwas lehrt uns das österliche Biotop der Kirche. Das Leben ist viel reicher als wir meinen. Ich höre den Einwand: „Reichtum des Lebens kenne ich nicht“. Vielleicht wurden Sie schon einmal richtig enttäuscht und fühlten sich alles andere als gelungen: „Ach Gott, hättest du mich doch etwas intelligenter geschaffen oder einige Zentimeter länger oder ein paar Pfunde leichter!“ Sie verstehen nicht, was an Ihnen so liebenswert sein soll? Ich jedenfalls genieße es, dass die Kirche keine Monokultur ist. Zum Biotop gehört Artenvielfalt. Monokulturen tun nicht gut. Wer sich auf die Kirche einlässt, dem wird nicht langweilig. Bei uns sollen die Menschen erleben, wie unterschiedlich sich Glauben, Hoffen und Lieben entfalten können. Im Garten Gottes sind nichts und niemand gering. Adam und Eva mussten das Paradies verlassen; sie nahmen Blätter vom Feigenbaum, weil sie ordentlich groß sind, um sich ihre Blöße zu bedecken. Seit der Gärtner Jesus das österliche Biotop angelegt hat, brauchen wir keine Angst haben, uns eine Blöße zu geben. Wir müssen uns des Lebens nicht schämen, auch wenn bei uns nicht alles in voller Blüte steht. Eine zurechtgestutzte Monokultur sieht zwar schön aus, ist aber auch ungesund. Das Biotop der Hoffnung, die katholische Kirche, ist bunt. Kenner wissen, dass fleckige Äpfel oft geschmacklich die besten sind. Ob Adam und Eva auf einen gespritzten Apfel mit roten Bäckchen hereingefallen sind? Im Biotop der Kirche soll der Reichtum des Lebens blühen; die Menschen sollen spüren, wie Leben kriecht und krabbelt, wie es fliegt und jubiliert. Ein solches Biotop zieht an, ohne dass wir viel dazu tun müssten. Wo Leben ist, wirken wir einladend.

„In einem Garten ging die Welt verloren, in einem Garten wurde sie erlöst.“ Auf dieses Wort von Blaise Pascal spielt Papst Johannes XXIII. an, wenn er uns Christen sagt: „Wir sind nicht auf der Erde, um ein Museum zu hüten, sondern um einen Garten zu pflegen, der von blühendem Leben strotzt und für eine schöne Zukunft bestimmt ist.“ Wir haben Zukunft, wenn wir dem Leben trauen, das nie vor Überraschungen sicher ist. Auch Maria Magdalena war ganz schön perplex, als Jesus vor ihr als Gärtner stand. Bis heute ist er der Grund, dass wir Ostern feiern als Gartenfest. Schauen wir noch einmal auf den Floristen Paul Deckers aus Holland. Er hatte eine gute Idee: In der Krise wolle er versuchen, den Menschen eine Freude zu machen. Und so hat er die Blumen für den Papst an Alten- und Pflegeheime sowie an Krankenhäuser in seiner Umgebung gespendet. Blumen sollen schließlich nicht welken, sondern schmücken, gute Laune schaffen und das Herz erfreuen. 

Dieses Beispiel macht Schule: Ein großes Unternehmen hat jetzt bei Deckers mehrere Hundert Sträuße für die Mitarbeiter im Homeoffice bestellt – als Dankeschön für den besonderen Einsatz in diesen Wochen. Ein Blumengruß vom Chef – mit Osterglocken oder kunterbunten Frühlingsprimeln. Denn eine Lieferung vor die Haustüre im Inland, das funktioniert immer noch. Ich möchte nicht warten bis zum Oktoberfest, das vielleicht gar nicht stattfinden kann. Die Osterfreude will ich mir auch heuer nicht nehmen lassen und so stoße ich im Geiste mit Euch an: Prosit auf das Leben!