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Predigt zum Gründonnerstag 2016 im Hohen Dom

24.03.2016

es gilt das gesprochene Wort -

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Gern denke ich immer wieder einmal an die Zeit zurück, als ich noch Religionsunterricht halten durfte. Das war nämlich alles andere als eine einseitige Lehrveranstaltung, alles andere als eine Einbahnstraße. Denn so sehr ich hoffte, dass ich den Kindern etwas mit auf den Weg geben konnte, so sehr habe auch ich davon profitiert. Allein was die Begegnung mit den Kindern anging wie auch das, was sie gelegentlich von sich gaben und mich immer wieder auf ihre Umgangsart und ihren Sprachgebrauch aufmerksam machten. Aber auch wie sie auf manche Lehrinhalte und biblischen Erzählungen reagierten.

Wie ich einmal einigermaßen engagiert die Verwiesenheit des Opfertodes unseres Herrn, den wir in der Eucharistie feiern, auf das Paschamahl der Israeliten vor ihrem Auszug aus Ägypten klarzumachen suchte. Ich weiß nicht, was in den Köpfen der Kinder vorgegangen sein mag, als ich vom Blut des Opferlammes, unseres Herrn Jesus Christus, gesprochen habe, das nun zu unserem Schutz und Heil an unsere Türpfosten gestrichen worden ist. Vom Begreifen des theologischen Inhalts vielleicht ganz zu schweigen. Religionspädagogisch betrachtet, war das womöglich aufs Ganze gesehen nicht die größte meiner Übungen.

Dabei spreche ich zunächst nur von mir und meiner armseligen Unterrichtsstrategie gegenüber den Kindern, von denen ich nicht weiß, wo sie heute sind und was sie aus meinem Religionsunterricht überhaupt für ihr Leben mitgenommen haben. Ich kann nur hoffen und wünschen, dass ich dennoch Sprachrohr und transparent für das Wirken des Hl. Geistes gewesen bin.

Aber müssten wir uns nicht Ähnliches fragen und hoffen dürfen nach vielen Jahrzehnten katholischen Religionsunterrichts als ordentlichem Lehrfach an den Schulen des Freistaats Bayern? Bedeutet es denn etwas im Nachhinein schlechtreden, wenn wir feststellen müssen, dass bei vielen, die eine ganze Schulzeit an einem noch so professionell gehaltenen Religionsunterricht teilgenommen haben, vom Glaubenswissen nicht allzu viel übrig geblieben ist?

Aber damit kein Irrtum entsteht – ich bin nicht angetreten, den Religionspädagogen oder gar meinen Mitbrüdern im priesterlichen Dienst eine pauschale Philippika zu halten oder das bei manchen mittlerweile schon üblich gewordene Klagelied über die Situation des Glaubens und den Zustand der Kirche in unserem Land anzustimmen.

Wir sind heute vielmehr zusammengekommen, um uns am ersten der heiligen drei Tage nicht etwa von den Menschen, sondern vom Menschensohn, von dem von Gott Gesandten selber fragen und in Frage stellen zu lassen mit der weit übergreifenden Frage, nachdem er seinen Jüngern die Füße gewaschen hat: Begreift ihr , was ich an euch getan habe?

Wahre Jüngerschaft hat diese Frage unseres Herrn durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder an sich herankommen lassen, um doch immer wieder hinter der einzig angemessenen Antwort darauf zurückzubleiben.

Wenigstens Petrus, der Ungestüme, scheint ansatzweise begriffen zu haben, wenn er diese Liebestat des Herrn und Meisters als das völlig Unzulässige, als total verkehrte Welt empfand. Ficht es denn unsereiner überhaupt noch an, wenn wir immer wieder einmal im Eucharistischen Hochgebet hören: „Denn in der Nacht, da er verraten wurde, nahm er das Brot und sagte Dank.“? Ist denn das etwa eine normale menschlich plausible Reaktion? Danke sagen in der Nacht des Verrats?

Die Handlungsweise unseres Herrn war weder eine spontane Tat noch eine punktuelle Aufwallung des Gefühls, sondern ein weiterer ganz bewusster entscheidender Schritt auf dem Weg, an dessen Höhepunkt er sterbend der Welt verkündet: „Es ist vollbracht.“.

Wir stehen wohl vor keiner geringeren Herausforderung als die Kinder im Religionsunterricht. Einseitige Fragen nach der Vertretbarkeit, wie denn die Erschlagung der Erstgeburt der Ägypter oder auch der Untergang ihres gesamten Heeres im Roten Meer gerechtfertigt werden könnte oder beispielsweise warum denn die fünf klugen Jungfrauen im Evangelium nicht nach dem Gebot der Liebe gehandelt und ihren dummen Schwestern von ihrem Öl abgegeben haben, gehen an der Einheit der Verkündigung des Alten und Neuen Testamentes vorbei und treffen den tieferen Inhalt der Verkündigung durch die Kirche nicht.

Allein von dieser Einheit her leuchtet uns der Zusammenhang der verschiedenen Lesungen dieses Tages aus dem Buch Exodus, dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther und dem Evangelium nach Johannes ein. Es ist ein und dieselbe Botschaft, die uns durch die mündliche und schriftliche Überlieferung, aber nicht weniger durch diese gottesdienstliche Feier im besonderen Gedenken an das Geschenk der Hl. Eucharistie zusammen mit dem Ritus der Fußwaschung verkündet wird.

Jesus hat dem Paschamahl seinen endgültigen Sinn gegeben. Er selbst ist der Knecht Gottes, der sein Leben für die Vielen dahingibt, wie es vom Propheten angesagt worden ist.

Er ist das Lamm, das geopfert wird und mit seinem Blut den Neuen Bund begründet. Nach dem Evangelium des Johannes starb Jesus am Kreuz zu der Stunde, in der im Tempel die Paschalämmer geschlachtet wurden.

Die Teilnahme an seinem Mahl bedeutet Gemeinschaft mit Christus in seinem Tod und seiner Verherrlichung, aber auch Gemeinschaft mit allen, die von diesem Brot essen, und mit allen, für die Christus gestorben ist. In diesem Mahl hat Jesus die großen Vorbilder und Verheißungen des Alten Bundes erfüllt.

Fußwaschung und Abendmahl nehmen vorweg und bezeichnen im Vorhinein, was dann auf Golgota geschehen und vollendet worden ist: Jesus war nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern um sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde. Diese Worte spricht Jesus zu seinen Jüngern und tritt betend bei seinem Vater für sie ein, nachdem er seinen Jüngern den Dienst der Fußwaschung getan und der Verräter bereits die Abendmahlsgemeinschaft verlassen hatte.

„Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“ Nicht die intellektuelle Fassungskraft seiner Jünger spricht er mit dieser Frage an, sondern ihren Willen, ihre Bereitschaft und ihr Herz. Und er traut es seinen Freunden ganz offensichtlich zu, das umzusetzen, was er beispielhaft an ihnen getan hat.

Das Tun der Liebe, die Bereitschaft zum Dienst unterschiedslos an allen, die unsere Hilfe brauchen, erscheint als die Voraussetzung und Grundlage, die offenbarenden Worte Jesu über den Weg zum Vater zu verstehen, seinen Trost zu empfangen und gegen allen Widerstand des Bösen den Frieden in der Kraft des Geistes zu bewahren.

Es muss uns immer wieder zu denken geben, dass sehr viele Ehrenamtliche, der Kirche eher ferne und über die konfessionellen Grenzen hinweg mit echter christlicher Motivation ihre Mitarbeit bei der Flüchtlingshilfe angeboten haben, während – so das Zeugnis, dass ich vielfach gehört und bestätigt gefunden habe – treue Kirchgänger sich eher damit schwer getan haben. Deren Treue zur Kirche und dem Gottesdienst soll damit aber keineswegs kleingeredet, relativiert oder gar geringeschätzt werden. Aber den einen wie den anderen muss es bewusst sein oder immer erst noch werden, dass der Glaube ohne die Werke tot ist.

Es gibt sie schon, die Menschen, die unabhängig von ihrer Treue zur Feier des Kirchenjahres, den prophetisch zu nennenden Vorstellungen von der kleinen Herde entsprechen. Nicht aber, weil sie von vielen anderen übriggeblieben sind, sondern weil sie sich immer wieder bekehrt haben und von neuem aufgebrochen sind.

Wie die umfangreiche Anweisung an Israel zur Feier des Paschamahls, wie die Aufforderung unseres Herrn bei der Stiftung der Hl. Eucharistie: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ – können wir auch seine Frage als Auftrag verstehen und ein Ausrufezeichen dahinter setzen:

Begreift, was ich euch getan habe! Wenn ich, euer Herr und Meister euch die Füße gewaschen habe, müsst auch ihr einander die Füße waschen!

Und es bedeutet weit mehr als nur eine tröstliche Verheißung, was der Herr dem abwehrenden Petrus antwortet, wenn er sagt: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht, doch später wirst du es begreifen!

Bei jeder Hl. Messfeier behaupten wir, dass wir dem Auftrag unseres Herrn nachkommen, wenn wir manchmal fast schon routinehaft beteuern: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.

Ist aber dieses Zeugnis jeweils vom Tun der Liebe und Selbstverleugnung, vom gegenseitigen Dienst hinterlegt?

Unser Herr rechnet mit unserer ganzen Freiheit, die wir aber nur in der festen Verbindung mit ihm im Glauben, im Gebet und im Tun der Liebe fruchtbar gestalten können, wenn er an einer anderen Stelle, die fast schon bange klingende Frage stellt: „Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde (noch) Glauben vorfinden?“. [1]

[1] Lk 18,8