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Predigt zum Gründonnerstag 2017 im Hohen Dom

13.04.2017

- es gilt das gesprochene Wort

In der Hingabe, mit der wir Eucharistie im Vertrauen auf die Gegenwart Christi feiern, liegt unsere Zukunft.

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Manche von Ihnen durften es vielleicht schon einmal miterleben: Die Feier der Hl. Osternacht im Petersdom zu Rom. Die Feier die daselbst zu spätabendlicher Stunde beginnt, weil sie nicht vor Sonnenuntergang begonnen und nicht nach Sonnenaufgang beendet werden soll; die Nachtwache, in der das Gottesvolk wachend und betend des Übergangs seines Herrn vom Tod zum Leben der Auferstehung gedenkt. Seinerzeit, das ist nun schon sehr lange her, sind wir in den nahezu stockdunkel gehaltenen Petersdom eingetreten, um die uns zugewiesenen, lange vorbestellten Plätze einzunehmen und uns betend auf die heilige Feier vorzubereiten.

Da konnte man in der vorherrschenden Stille dennoch schon ganz leise, aber eindeutig in der bekannten Melodie ein österliches Halleluja, von zarten Stimmen gesungen, vernehmen. Schwestern, die später bei der Feier musikalische Dienste übernehmen sollten, stimmten sich wohl ebenfalls schon einmal ein, ganz leise und eher mehr als Vergewisserung und Erinnerung an den österlichen Gesang, der dann, von allen Mitfeiernden wiederholt, die gesamte österliche Zeit immer wieder von Neuem erklingen sollte.

Erst vor kurzem bei der Feier des ökumenischen Versöhnungsgottesdienstes in unserer gut besuchten Kathedrale konnte man daran denken: Ob nicht das mehrfache Halleluja, das da schon an einem Fastensonntag in einer der Chormotetten erklang, von ähnlichem Charakter sein konnte, ein immer noch verhaltener, aber vernehmlicher Hinweis auf den Lobgesang einer eines Tages sichtbar vereinten Kirche?

Heute nun, liebe Schwestern und Brüder, beginnen wir die Feier der österlichen drei Tage vom Leiden, Sterben und Auferstehen des Herrn, den Höhepunkt des Kirchenjahres. Und was wir tun, ist nicht etwa nur so beiläufig einem späteren bedeutenderen Anlass und Ereignis gewidmet, sondern geschieht in Wirklichkeit, ist selber das Eigentliche. Diese Feier, unsere Feier der Liturgie darf bestenfalls in gehobener Sprache als heiliges Spiel vor Gott bezeichnet werden – aber sie ist alles andere als eine Art Oberammergau oder bloßes Nachspielen der biblischen Abendmahlsszene. Nein, Sie ist Feier, große Danksagung der durch Christi Tod und Auferstehung Erlösten als Erfüllung des Vermächtnisses unseres Herrn und im Vertrauen auf seine reale Gegenwart und in der sicheren Hoffnung auf seine Wiederkunft in Herrlichkeit.

Das haben sich keine noch so kulturbewussten Liturgiewissenschaftler, keine noch so belesenen Vertreter einer bestimmten Richtung der Theologie ausgedacht, nein, das ist dankbares Gedächtnis, commemoratio - Erinnerung, ja, repraesentatio – Vergegenwärtigung unserer Befreiung aufgrund der zukunftsweisenden Vorsehung unseres Schöpfers, der uns ins Dasein gerufen hat, um sich mit uns zu verbünden, unseres Erlösers, der sich mit uns verbündet hat, der einer von uns, eins mit uns geworden ist bis in den Tod, damit wir leben und das Leben in Fülle haben in seinem Namen.

So sollten die essen, die kurz davor standen, in Ägypten aufgerieben zu werden: die Hüften gegürtet, Schuhe an den Füßen, den Stab in der Hand, also zur Wanderung ausgerüstet und zum Aufbruch bereit. Allein das Blut des Paschalammes an ihren Türpfosten bewahrte sie vor dem göttlichen Strafgericht an Ägypten beim Vorübergang des Herrn. Im Aufbruch begriffen waren sie, nicht zurückgelehnt, nicht im vertrauten Kreis sitzend einander in die Augen schauend – sondern ausgerichtet auf den Auszug, Ausschau haltend nach dem Ziel, Gott in der Wüste die Große Danksagung zu feiern, um zu der einen Nation, zum heiligen Volk Gottes zu werden und nicht im Sklavenhaus Ägypten nach und nach integriert, assimiliert und schließlich gänzlich aufgelöst zu werden.

Es ist ein Hl. Bild, ein unübersehbares Zeichen, das uns mit dem Paschamahl des Volkes Israel gegeben wird. Jesus darf voll davon ausgehen, dass seine Freunde, seine Jünger darum wissen – was sage ich – dass sie ja diesem Volk angehören in seiner religiösen Tradition stehen, von einer unzerstörbaren Hoffnung auf das Kommen des Messias beseelt. Und der, der sich den Titel eines Messias verbeten hat, der so oft für sie unverständlich, geheimnishaft redete und handelte, kommt bei diesem Abschiedsmahl auf die rettende Kraft des Paschamahls der Väter Israels zurück – mit Brot und Wein – in denen er den Seinen auf immer seine hl. Gegenwart schenkt, sooft sie davon seinem Auftrag gemäß essen und trinken. Aber nicht, indem sie etwas, ein noch so erhabenes Mahl halten, noch so einmütig miteinander essen und trinken, sondern indem sie in den hl. Gestalten Ihn selbst, ihren Herrn und Meister in sich aufnehmen, ja, verzehren dürfen, sich sein hl. Fleisch und Blut im hl. Mahl einverleiben und sich so mit seiner heiligen Gegenwart, mit ihm selbst vereinigen, ja identifizieren. Das bedeutet nicht nur eine hehre Erklärung, das bleibt nicht nur ein feierliches Mahl, ja darf nicht beim noch so feierlich gehaltenen Mahl und einer Erklärung bleiben.

Johannes, vielleicht dem Theologischsten unter den Evangelisten, ist es gerade einmal eine kurze Notiz wert, darauf hinzuweisen, dass ein Mahl stattfand. Judas war schon vom Teufel programmiert. Der lange Diskurs mit Petrus zeigt das immer noch präsente Unverständnis der Jünger Jesu. Er selbst aber stand von eben diesem Mahl auf, um den Seinen den Dienst der Fußwaschung zu tun; zu seiner Zeit die Arbeit von Sklaven und Dienern, einen Dienst, den, soweit wir wissen, Angehörige des jüdischen Volkes nicht einmal zu leisten brauchten. Sinnenfällig wahrnehmbar setzt Jesus um, was er seinen Jüngern schon früher als Leitlinie gegeben hat: „Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der erste sein will, soll euer Sklave sein.“ Das anschauliche Beispiel, das er mit diesem Sklavendienst gegeben hat, beschließt er mit den wegweisenden Worten: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so han-delt, wie ich an euch gehandelt habe.“

Auch wenn es vielleicht zur Allgemeinbildung gehören sollte, muss es doch immer wieder gesagt werden. Der Name des Gründonnerstag, den wir ja auch als den hohen oder heiligen Donnerstag bezeichnen, kommt ja nicht von der grünen Farbe. Er kommt aus dem mittelhochdeutschen Tätigkeitswort des „Weinens“, des „Klagens“. Denn an diesem Tag wurden in der römischen Kirche die öffentlichen Büßer, auch „die Weinenden“ genannt, wieder in die kirchliche Gemeinschaft aufgenommen, so dass sie mit der Gemeinde das eucharistische Ostermahl feiern konnten. Was uns doch eigentlich zu denken geben sollte! Sind wir nicht immer wieder vor allem darauf bedacht, zu betonen, dass die, die im Widerspruch zu den Geboten Gottes und der Kirche leben, nach wie vor zur Gemeinschaft der Kirche gehören, und dass darauf nicht zuletzt auch immer wieder von den Päpsten in jüngerer Vergangenheit hingewiesen worden ist? Ob aber, so muss man ja in diesem Zusammenhang auch einmal fragen dürfen, die „öffentliche Buße“, ein Stand von öffentlichen Büßern wenigstens der geschichtlichen Kenntnis nach gleichermaßen geläufig ist? Wenn jemandes Ehe scheitert, dann bedeutet das doch nicht, dass ihm mit dieser Zumutung quasi im Gegenzug das Charisma der Ehelosigkeit zuwächst. Es gibt Menschen in unserer Diözese, die trotzdem an ihrem einmal gegebenen Treueversprechen festhalten und trotz der bitteren Trennung bewusst keine neue zivile Verbindung mit einem anderen Partner anstreben. Sie haben sich in einer Gruppe gleichermaßen Betroffener zusammengeschlossen, um sich gegenseitig im Leben nach Gottes und seiner Kirche Gebot zu bestärken. Sie verdienen nicht nur unsere Würdigung, sondern brauchen auch unser Gebet, und wir können sie durchaus in die Nähe jener öffentlichen Büßer der Kirchengeschichte stellen.

Die Kirche hat auch das Zeichen der dienenden Liebe mit der Fußwaschung immer ausgeübt. Schon im vierten Jahrhundert begegnet uns die Fußwaschung als Bestandteil sogar im Rahmen des Taufritus. In Klöstern wurde die Fußwaschung an den Gästen, den Armen und den Kranken vollzogen, bis sie schließlich auf dem 17. Konzil von Toledo im Jahr 694 für alle Kirchen Spaniens und Galliens am Gründonnerstag vorgeschrieben wurde. Dass sie zunächst ohne Verbindung mit der Messfeier vor allem für Bischofs- und Abteikirchen vorgesehen war, kann uns nicht weniger als ein vielsagender Hinweis auf die Bedeutung dieses Zeichens der Demut und Liebe erscheinen. Je mehr wir uns nämlich unserer Berufung und geistlichen Vollmacht bewusst sein mögen, umso mehr gilt es, im Gottesdienst und mitten im Alltag unsere Verbindung mit Jesus Christus zu erkennen und unsere Christusförmigkeit tagtäglich einzuüben. Ich glaube nicht, dass sich dabei die Getauften und Gefirmten von vornherein einfach so herausnehmen dürfen. Zum bloß biblischen Szenarium mit einer strikt eingehaltenen Zahl von zwölf Männern jedenfalls darf die Fußwaschung keineswegs verkommen. Sie muss vielmehr unsere bewusst im Zeichen vollzogene Hingabe an den Willen des Herrn und Gleichförmigkeit mit seiner Einladung und seinem Versprechen sein, das da lautet: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ Und alle, die dieses Zeichen dienender Liebe empfangen, ebenso wie die, die diesen Dienst an den Brüdern und Schwestern vollziehen, sollen dieses Zeichen als ein sakramentales Zeichen der Liebe Gottes verstehen, der uns in Jesus Christus solche sakramentale Begegnung zusagt, in dem er uns versichert: „Was ihr einem von den Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

So sind die Feier des Wortgottesdienstes, der Fußwaschung und der hl. Eucharistie nicht etwa nach- und nebeneinander vollzogene verschiedene liturgische Riten, sondern die eine Feier unserer Hingabe im Vertrauen auf die Gegenwart Christi, in der unsere Zukunft liegt. Ja, die Feier vom Gedächtnis des letzten Abendmahls unseres Herrn und der Einsetzung der Hl. Eucharistie ist nicht nur ein liturgischer Auftakt zur Feier der drei österlichen Tage, son-dern Vergewisserung und Vergegenwärtigung unserer Erlösung durch den Tod und die Auferstehung unseres Herrn. Amen