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Predigt zum Gründonnerstag 2018 im Hohen Dom

29.03.2018

- es gilt das gesprochene Wort

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Um König David das Vergehen des Ehebruchs mit der Frau seines Soldaten vorzuhalten, erzählt ihm der Prophet Nathan die Geschichte von dem reichen Mann, der es nicht über sich brachte, eines von seinen vielen Schafen oder Rindern herzu-nehmen, um es für seinen Besucher zur Speise zuzubereiten, sondern dem Armen sein einziges wohlgehegtes Lamm weg-nahm, um es zu schlachten und seinem Besucher als Speise vorzusetzen. „So wahr der Herr lebt,“ - brauste der König auf, „der Mann, der das getan hat, verdient den Tod.“ Worauf ihm der Prophet entgegnet: „Du bist der Mann.“  Die Größe Davids bestand schließlich in seiner Einsicht und seiner Fähigkeit zur Umkehr. Doch was bedeutet die vom Propheten klug eingesetzte und doch frei erfundene Geschichte vom wohlbehüteten Lamm des armen Mannes, um einen einzigen in der Heilsgeschichte noch so bedeutenden Patriarchen zur Umkehr zu bewegen, gegenüber der Botschaft von dem Lamm, das dem Volk Israel in der Paschafeier zu schlachten und zu essen aufgetragen war? Der Auszug aus dem Sklavenhaus Ägypten und die Rettung Israels beim Durchzug durch das Rote Meer sind zur Urerfahrung des Glaubens Israels geworden. Für uns aber sind die geschichtlichen Ereignisse am Roten Meer zum Wort des lebendigen Gottes in der Verkündigung dieses Hohen Donnerstags wie in der Feier der Osternacht, des Übergangs unseres Herrn vom Tod zum Leben, geworden. Ihr prophetischer Sinn und Charakter sind in der Feier vom Letzten Abendmahl unseres Herrn erfüllt und werden in jeder Feier der Eucharistie aufs Neue gegenwärtig. Ihre Feier bedeutet nicht etwa nur den rituellen Ausdruck eines religiös kultivierten Lebensstils, sondern ist Voraussetzung und Gründung, Medium und Stärkung der eigentlichen Bestimmung und letztendlichen Zielsetzung unseres irdischen Daseins.

Wo er denn seine Möbel habe, fragte ein Besucher Rabbi Hofetz Chaim in seinem mehr als nur karg ausgestatteten Zimmer. Wo er denn die seinen hat, fragte der Rabbi zurück. Aber er sei doch auf der Durchreise, antwortete der Besucher, was der Rabbi nur schlicht mit der Antwort konstatierte: Ich auch.

Liebe Schwestern und Brüder,

sind nicht auch wir nur auf der Durchreise? Oder haben wir uns nicht doch eher niedergelassen, wenigstens auf eine länere Dauer, ausgestattet und abgesichert nach allen Seiten? Hauptsache gesund, gehört dann noch dazu.
Vor jeder Feier der Hl. Messe sollten wir uns wenigstens ansatzweise darüber im Klaren sein, ob wir Niedergelassene oder letztlich doch nur Durchreisende sind.
Was schwebt uns denn als eine Kirche vor, die vom Geist Christi durchwirkt ist? Was für eine Vorstellung haben wir denn von einer erneuerten Welt?
Zum Aufbruch, zur Wanderung gekleidet kann das hastig ein-genommene Paschamahl Israels christlich nur bedeuten, aus der sterblichen Welt zu Gott hin durch die Wüste des Todes in das Gelobte Land bei ihm aufzubrechen, nicht in der Gemächlichkeit sorglosen Weitermachens in die irdische Zukunft hinein.
Und solcher Aufbruch und Übergang ist nicht etwa erst angesagt, wenn unsere Kräfte schwinden und unsere Ärzte nicht mehr weiter wissen. Ja, es darf sogar gefragt werden, ob uns der entscheidende Übergang überhaupt gelingt, wenn wir das Loslassen, Weitergehen, Abschiednehmen und Aufbrechen nicht schon lange zuvor immer wieder eingeübt haben.
Das christliche Lamm ist ja der Auferstandene, der uns (schon heute) in ein mitauferstandenes in Gott verborgenes Leben hineinnehmen will. Und das Blut dieses Lammes soll schließlich an unsere Türpfosten gestrichen sein, damit wir vor den verheerenden Konsequenzen unseres offenen oder auch geschickt verborgenen Versagens bewahrt bleiben. Seine Klage über die vielen, die als Feinde des Kreuzes Christi leben, beschließt der Apostel Paulus im Brief an die Gemeinde von Philippi mit der lapidaren Aussage: „Unsere Heimat ist der Himmel.“ 
Und auch im Brief an die Hebräer wird aus dem Leiden Christi außerhalb der Stadt die gleiche Schlussfolgerung gezogen, wenn es heißt: „Lasst uns also zu ihm vor das Lager hinausziehen und seine Schmach tragen! Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir suchen die zukünftige.“  Und mit dem Bekenntnis: „… doch dass des Menschen Herz gesättigt werde, hast du vom Himmel Speise uns gegeben zum ewigen Leben.“  – schließen wir gewissermaßen den Kreis und beziehen wir uns auf die Stärkung, die uns mit der heiligen Eucharistie geschenkt ist, damit wir unser ewiges Ziel erreichen.

Ohne diesen Zusammenhang muss uns die Botschaft von der Fußwaschung als Hauptgegenstand der Verkündigung der Frohen Botschaft am Hohen Donnerstag geradezu wie ein Paukenschlag vorkommen. Die erste heftige Abwehrreaktion sogar eines Petrus spricht davon Bände.
Jesus ist uns zur Nahrung des ewigen Lebens geworden, indem er uns bis in den Tod gedient hat. Der uns so dient, ist der für jeden Genießbare. Wer aber diese Gesinnung des Dienstes, die Gesinnung Jesu Christi nicht an sich heranlässt, wer sich hartnäckig weigert zu dienen, muss auf die Dauer für alle und jeden ungenießbar werden. Ob er es nun will oder nicht.
Die liturgische Fußwaschung ist doch keine spektakuläre Demonstration klerikaler Dienstbereitschaft, sondern gleichsam sakramentale Vergegenwärtigung dessen, was unser Herr Jesus Christus an einem jeden von uns getan hat. Im letzten Abendmahl mit seinen Jüngern hat Jesus nicht nur seine Lebenshingabe vorweggenommen. Er hat sie vielmehr noch dadurch überhöht und gesteigert, dass er sie unserem Tun anvertraut und unserem Handeln übergeben hat, damit wir das, was er durch seine Hingabe zu unserem Heil getan hat, in den Gestalten von Brot und Wein selber wirksam vollziehen. Tut dies zu meinem Gedächtnis, sagt er zu den Seinen, und nicht etwa nur:  – empfangt das – .
Genauso wie der Auferstandene nach Ostern zu den Aposteln sagen wird: – denen ihr die Sünden vergebt – , und nicht nur: – empfangt meine und des Vaters Vergebung – .
Mit dem Dienst der Fußwaschung aber zeigt er uns Voraussetzung und notwendige Konsequenz alles dessen, was er uns selber zu tun übergeben und aufgetragen hat. Und mit unserer steten Bereitschaft zum Dienst bekennen wir unseren Glauben an den eucharistischen Herrn möglicherweise in einer viel tieferen und überzeugenderen Weise als mit einer noch so glanzvoll und perfekt gestalteten Fronleichnamspro-zession. Denn in der Weigerung zu dienen, besteht das ei-gentliche Wesen der Sünde.
Aber mit den Worten: „Seht das Lamm Gottes, das hinweg-nimmt die Sünde der Welt.“ – werden wir zur Teilnahme am eucharistischen Mahl eingeladen.
Bevor wir aber dieser Einladung zum Hochzeitsmahl des Lammes folgen, sollten wir uns prüfen und ernsthaft danach fragen, was wir denn als unser eigentliches Lebensziel verstehen und ob wir wirklich schon dorthin aufgebrochen sind.   Amen