18:41:28
18:41:28
18:41:28

Predigt zum Hochfest der Geburt des Herrn 2015

25.12.2015

 -  es gilt das gesprochene Wort

Verehrte liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
liebe Schwestern und Brüder in Christus!

In einer bedenkenswert besinnlichen Geschichte bei unserer adventlichen Feier der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bischöflichen Ordinariates hörten wir von Jesus, der sich an Weihnachten auf den Weg machte, um zwei alte Schwestern zu besuchen. Die nahmen ihn zwar überglücklich auf, führten ihn aber in die gute Stube, wo er noch ein bisschen warten sollte, da sie ja noch so viel an Vorbereitung für das Fest zu tun hatten. 

Worüber sie den anwesenden Herrn offensichtlich ganz vergessen haben, und Jesus schließlich aufsteht und leise aus dem Haus geht.

„Draußen wird es allmählich Nacht“, schließt die Geschichte, „hinter vielen Fenstern brennen Lichter. Die Menschen stecken in hundert Vorbereitungen für seinen Geburtstag. Und er ist wieder auf dem Weg.

Vielleicht zu euch …“[1]

Liebe Schwestern und Brüder,

großartiger und deutlicher als mit der Verkündigung der Frohen Botschaft zu Weihnachten kann uns die Antwort auf diese Vermutung nicht gegeben werden.

Festlicher und authentischer als mit der Feier der Hl. Eucharistie, der tiefgründigsten Feier unseres Glaubens, können wir die Antwort gar nicht aufnehmen. Denn heute, am Hochfest von Christi Geburt, feiern wir die Erfüllung der Verheißung, die der Vater Johannes‘ des Täufers empfangen hat. Denn in der Tat hat uns alle durch die barmherzige Liebe unseres Gottes das aufstrahlende Licht aus der Höhe besucht, um uns, die wir in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, zu erleuchten und unsere Schritte auf den Weg des Friedens zu lenken.[2]

Die das zuerst erfahren haben, sind schließlich davon beseelt und erfüllt mit dem Hl. Geist in alle Welt hinausgegangen, um das weiterzusagen und zu verkünden, was von Anfang an war, was sie gehört haben, was sie mit ihren Augen gesehen, was sie geschaut und was ihre Hände angefasst haben – das Wort des Lebens – .[3]

 

Ob wohl jene, die später einmal dorthin zurückgekehrt sind, um die hl. Stätten der Christenheit mit Feuer und Schwert zurückzuerobern, noch davon ergriffen und beseelt waren?

Hofften sie etwa, mit Waffen Menschen für Christus zu gewinnen? Sei es wie es sei. Diese Zeiten liegen schon lange zurück.

 

Aber entsprechend unserer Zeit, die eine Zeit des Abbruchs und des Aufbruchs zugleich ist, scheint sich eine neue Ökumene auszubreiten, eine Ökumene der Verzagtheit und Besorgnis, wenn nicht sogar der Angst, aber auch eine Ökumene der neuen Besinnung und der Zuversicht.

Sollen wir es denn anders deuten, wenn da gelegentlich eines Austauschs mit den Vertretern der politischen Gemeinde sich eine Frau, die sich als Nichtkatholikin bekennt, in großer Sorge an mich den katholischen Bischof mit der Frage wendet, ob ich denn nicht auch den Eindruck hätte, dass der Glaube an Boden verliert, zurückgeht und nach und nach verschwindet?

Und kommt es denn nicht dieser Frage ziemlich gleich, wenn die Katholische Nachrichtenagentur anlässlich des bevorstehenden 500-jährigen Reformationsgedenkens den katholischen Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt danach befragt, was denn die christlichen Kirchen tun müssen, um nicht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken?

 

Sollte ich etwa jener Frau lachend auf die Schulter klopfen und versuchen, mit Allgemeinplätzen ihre Bedenken zu zerstreuen?

Nein, ich habe vielmehr ihren Eindruck bestätigt und sie daran erinnert, dass dort, wo einst lebendige christliche Gemeinden waren, an die der Apostel Paulus seine Briefe geschrieben hat und wo ein Hl. Augustinus einmal Bischof gewesen ist, heutzutage kaum noch Christen zu finden sind. Ich habe sie aber auch damit zu ermutigen versucht, dass Jesus seiner Kirche bleibenden Bestand verheißen hat, auch wenn er dabei außer dem Felsen Petri keine weiteren Ortsangaben gemacht hat.[4] Vor allem aber suchte ich ihr nahezubringen, dass die Kirche der Zukunft wie die des Anfangs eine Kirche von Menschen sein müsse, die mit dem Gott leben, an den sie glauben, um bestehen zu können. Durchaus die kleine Herde, von der schon Jesus gesprochen und ihr Mut zugesprochen hat.

Sollten wir denn nur deswegen darüber nachdenken, was wir als Christen zu tun haben, um vor den Menschen nicht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken, anstatt uns vielmehr auf den Ursprung unseres Glaubens zu besinnen, auf unseren Weg und unser Ziel?

„Wichtig ist“, so auch der Ministerpräsident in seiner Antwort, „dass sich die Kirche auf das konzentriert, wofür sie einmal ins Leben gerufen wurde: die Verkündigung des ewigen Lebens. Sie müsse deutlich machen, dass es Gott gibt, einen Sinn, einen Anfang, einen Ursprung und damit auch ein gutes Ende – die christliche Botschaft als Alternative zu sonstigen Lebensentwürfen.“[5]

 

Der wunderbare Text, mit dem das Evangelium nach Johannes beginnt, will uns doch keine zeitgeschichtlichen Informationen liefern, sondern den tiefen Grund christlicher Lebensgestaltung verkünden. Der Urgrund allen Daseins, der Sinn schlechthin, alle Vernunft und Weisheit hat sich ein für alle Mal mit unserer Armseligkeit und Hinfälligkeit, mit unserer Schwäche und Sterblichkeit in der Menschwerdung Gottes identifiziert.

 

„Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“[6]

Der großartige Prolog des Johannesevangeliums wurde seit dem Hochmittelalter nicht nur als Evangelium in der dritten Weihnachtsmesse gelesen, sondern er war auch Teil des Segensritus und seit dem 13. Jahrhundert bis 1970 als Schlussevangelium der Hl. Messe gebräuchlich. Er wurde häufig auch bei der Taufe, bei der früher noch so genannten „Letzten Ölung“ und vor der Erteilung des Wettersegens verlesen.

„Das Wort ist Fleisch geworden

und hat unter uns gewohnt“, –

das ist das Urevangelium, das alle anderen Evangelien trägt und begründet. Damit lassen wir doch nicht bloß zu Weihnachten unseren Geist erheben und uns der tiefgehenden Wurzeln christlicher Kunst und Kultur vergewissern.

Wir sind vielmehr aufs Neue aufgefordert und ermutigt, uns auf den tragenden Grund unseres Christseins zu besinnen und auf die Quelle unserer Kraft.

Nicht nur an Weihnachten ist das Jetzt des Kommens Gottes in unsere Welt neu aktuell. Es gibt keinen anderen Augenblick unseres gewöhnlichen Alltags, in dem er uns etwa nicht nahe, nicht gegenwärtig ist.

Nehmen dabei etwa viele unserer Kirchen gar die Rolle der guten Stube ein, in der wir den Herrn warten lassen, anstatt ihn einzuladen – oder besser –  uns von ihm einladen zu lassen?

 

Vielleicht hat sich mancher schon an meinem recht eigenwilligen Gebrauch des Begriffs der Ökumene gestört. Der Hl. Augustinus scheute nicht einmal davor zurück, sogar hinsichtlich der Zugehörigkeit zu der einen Kirche zu differenzieren, wenn er sagte: Da sind viele drinnen, die in Wirklichkeit draußen sind und viele draußen, die drinnen sind.

Muss es uns denn nicht nachdenklich stimmen, dass, wie ich von Mitbrüdern hörte, bei der Flüchtlingshilfe vor allem Kirchenferne mit echter christlicher Motivation ihr Hilfe anboten, während sich Kirchgänger eher damit schwer getan haben?

Wahre Christen sind am besten dafür gerüstet, die vielfältigen Herausforderungen, die sich uns gegenwärtig stellen, mutig anzugehen und zu bestehen.

Und das sage ich nicht nur im Hinblick auf die Flüchtlingsproblematik, sondern auch im Hinblick auf den Umgang mit dem Leben, sei es nun an dessen Ende oder an dessen Beginn.

 

Wenn es denn wahr ist, dass das Erlernen der deutschen Sprache das Mittel Nr. 1 für eine gelingende Integration von Asylbewerbern ist, so sind unsere Fähigkeiten und unsere Bereitschaft, Auskunft über unseren Glauben zu geben und unser christliches Lebenszeugnis – nein –, nicht die Voraussetzung, um andere zu bekehren, sondern die erste unabdingbare Voraussetzung, selber als Christ leben und bestehen zu können.

Ob es uns dann gegeben ist, Menschen für Jesus Christus zu gewinnen, liegt letztlich in Gottes Hand.

 

Der uns dieses heilige Evangelium niedergeschrieben hat, konnte es nur aus tiefer Christusinnigkeit und Christusförmigkeit heraus tun. Die ihn noch angesichts von Verleumdung und Verfolgung, Gefangenschaft und Folter beteuern ließen: „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben.“.[7]

In diesen Tagen erhielt ich Weihnachtswünsche zusammen mit einem Wort von Meister Eckhart, des deutschen Dominikaners und Mystikers aus dem 13./14. Jahrhundert, wo es heißt: „Wir feiern Weihnachten, auf dass diese Geburt auch in uns Menschen geschieht. Wenn sie aber nicht in mir geschieht, was hilft sie mir dann? Gerade, dass sie auch in mir geschehe, darin liegt alles.“

Die meisten von uns kennen ein ähnliches gereimtes Wort späterer Zeit aus dem Munde des Barockdichters Angelus Silesius, das da heißt:

„Wär‘ Christus tausendmal in Betlehem geboren, und nicht in dir, du wärest ewiglich verloren.“

 

Liebe Schwestern und Brüder,

was kann ich Ihnen zu diesem Weihnachtsfest Besseres wünschen, als dass einmal jede und jeder von Ihnen wie der Apostel Paulus von sich sagen kann:

„Nicht mehr ich lebe,

sondern Christus lebt in mir.“[8]  Amen

 

[1] Eva Rechlin „Der Besuch“

[2] vgl. Lk 1,78ff

[3] vgl. 1 Joh 1,1

[4] vgl. Mt 16,18

[5] vgl. KNA vom 17.12.2015

[6] Joh 1,14

[7] Apg 4,20

[8] Gal 2,20