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Predigt zum Hochfest der Geburt des Herrn 2016

25.12.2016

- es gilt das gesprochene Wort

„Wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande, wärst du, Kindchen, doch bei uns geboren! Sieh, du hättest nicht auf Heu gelegen, wärst auf Daunen weich gebettet worden.“

Und so geht es dann sieben Strophen lang weiter mit dem, wie sie das Kind aufgenommen, was sie ihm alles geschenkt und zu essen gegeben hätten. Kurzum, was sie dem Kind alles an Gutem getan und wie sie sogar ihren Lebenswandel gebessert hätten, wenn nur das Kind nicht im elenden Betlehem, sondern bei ihnen, im Kaschubenland geboren worden wäre.

Verehrte liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Wenn überhaupt, so werden wohl kaum viele unter uns sein, die wissen, wo das Kaschubenland zu finden ist geschweige denn dieses kaschubische Weihnachtslied von Werner Bergengruen kennen. Ich muss gestehen, dass auch ich bis vor wenigen Tagen nicht wusste, wo ich das Kaschubenland verorten sollte und habe es bestenfalls im Baltikum nicht aber im nördlichen Polen, südöstlich vom ehemaligen Danzig angesiedelt. Wenn wir aber diese einfältige Logik schon auf uns im mittleren Europa übertragen wollen, müssten wir dann nicht sogar fragen, ob dieses Kind überhaupt geboren worden wäre, wenn es nur nach den Menschen gegangen wäre? Und wenn schon, ob es denn mit seiner Entwicklung und seinem Auftreten eine viel längere Lebenserwartung hätte haben können als der, dessen Geburtstag wir heute feiern?

Aber bevor ich Ihnen mit kritischen Fragen ins Haus falle, liebe Schwestern und Brüder, möchte ich Ihnen erst einmal ganz herzlich dazu gratulieren, dass es uns, wenn auch in denkwürdiger Zeit, wieder einmal gegeben ist, den Geburtstag unseres Herrn Jesus Christus festlich zu begehen und Weihnachten zu feiern. Immer wieder erinnere ich mich an unseren Professor für neutestamentliche Exegese, einen zweifellos frommen und gläubigen Mann. Nachdem er uns die Geschichte von Betlehem auch unter historisch-kritischen Gesichtspunkten erklärt und von manchen Fehlinterpretationen befreit hatte, fügte er am Ende seiner Vorlesung hinzu: Wenn Sie aber jetzt nicht mehr Weihnachten feiern könnten, wie Sie es von Kindesbeinen an gewohnt sind, haben Sie meine Vorlesung nicht verstanden. (Er war ein ausgewiesener Spezialist für die Er-forschung der Kindheitsgeschichten Jesu, wie sie uns vom Evangelisten Lukas überliefert worden sind.)

Den Firmkandidaten erkläre ich fast jedes Mal, dass mit dem Empfang dieses Sakramentes keineswegs alles abgeschlossen ist, sondern jetzt alles erst richtig beginnt. Meistens füge ich dann hinzu, dass es jetzt darauf ankommt, seinen Glauben im Leben zu bezeugen und für die anderen Menschen, so wörtlich, „ein anderer Christus“ zu sein. Aber, so könnten wir jetzt fragen, geht das denn nicht vielleicht an der Wirklichkeit vorbei? Und damit meine ich noch nicht einmal, dass das für die Zwölf- oder Dreizehnjährigen, die auch nach der Firmung nur noch sehr selten oder gar nicht mehr am Sonntag in der heiligen Messe zu sehen sind, ein wenig zu hoch gegriffen sein könnte. Nein, – wir dürfen diese Frage durchaus auch als an jeden von uns gerichtet verstehen. Unter welch wohlbehüteten Umständen sind wir doch fast allesamt auf die Welt gekommen und darin groß geworden bis zum heutigen Tag! Und wenn das nicht ohne weiteres von den älteren Menschen zu sagen ist, die möglicherweise noch Flucht und Vertreibung aus der alten Heimat ertragen mussten, für die jungen Menschen gilt es doch allemal. Allein schon dem rein physischen Anspruch, ein anderer Christus für die Menschen sein zu können, kämen doch am allerwenigsten wir nahe, aber schon viel eher die in Unsicherheit und Ohnmacht Geborenen und vom Schicksal Geschlagenen.

Sind wir denn etwa unerbittlicher mit der sogenannten harten Realität des Lebens konfrontiert als die, von denen Jesus sagt, dass wir das Gute ihm tun, wenn wir es ihnen tun bzw. ihm verweigern, wenn wir es ihnen verweigern, den Gerings-ten nämlich unserer Brüder und Schwestern? Aber auch seine Identifikation mit ihnen war keine bloß theoretische: Armut und Flucht, Ablehnung und Verrat, Leiden und Sterben – durch all das ist er doch selbst hindurchgegangen. Sind wir nicht sogar Voyeuren vergleichbar, wenngleich mehr oder weniger von den Medien in diese Rolle gebracht, wenn wir Tag für Tag die Bilder des Krieges, der Zerstörung, des Terrors und vor allem völlig hilfloser Menschen in den Nachrichten mehr oder weniger gelassen zur Kenntnis nehmen? Und wenn wir uns gegenüber unseren Vorfahren schon als die Aufgeklärteren verstehen wollen: Müssten wir nicht viel dringlicher als seinerzeit sie aufbrechen, um nicht nur die Heiligen Stätten der Christenheit zurückzuerobern, sondern um unsere Schwestern und Brüder aus der Gewalt ihrer Unterdrücker, Verfolger und Peiniger zu befreien? Nun bin ich weit davon entfernt, auch nur den Hauch einer Kreuzzugsmentalität verbreiten zu wollen. Aber die Frage, was wir gegenüber unseren Vorfahren für unseren Glauben einzusetzen bereit sind, darf doch wohl einmal gestellt werden. Wir brauchen auch gar nicht in den Nahen Osten aufzubrechen, sollten aber auch nicht dem Irrtum verfallen, dass mit unserem materiellen Wohlstand auch zugleich der geistig-geistliche Zustand christlicher und bürgerlicher Tugenden, des Mutes und der Untadeligkeit automatisch gegeben ist.

Unter Umständen fällt es uns sogar leichter, mit einer durchaus ansehnlichen Geldspende materielle Not zu lindern, gegen eine immer verheerender um sich greifende geistige Verwahrlosung anzugehen, sind wir aber kaum imstande. Aber gegenüber dem geringsten Verdacht, liebe Schwestern und Brüder, ich wollte Ihnen die Freude am Weihnachtsfest verderben, möchte ich mich von vornherein ausdrücklich verwahren. Nein, „wir dürfen nicht nur Weihnachten feiern, wir müssen es“, betonte kürzlich einer meiner bischöflichen Mitbrüder, und sprach mir damit aus dem Herzen. „Dieses Fest erinnert daran, dass Gott Mensch geworden ist, also die ganze Armut und Friedlosigkeit an sich herangelassen und durchlitten hat.“ – sagte er in einem Interview gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur. Und der maronitische Erz-bischof von Aleppo verstärkt das noch mit den Worten: „Wir werden auf den Trümmern feiern, um zu erleben, dass die Hoffnung nicht stirbt, dass aus dem Tod das Leben hervorkommt.“

Wenn in der allerersten liturgischen Lesung dieses Hochfestes in der Hl. Nacht der Prophet Jesaja die Freude über das Geschenk des neugeborenen Kindes mit der Freude des Siegesjubels und der Freude beim Verteilen der Beute vergleicht, dann ist das eben nun schon damals eine von zahlreichen typisch menschlichen Vorstellungen, die vielleicht schon von der nachfolgenden Generation in Frage gestellt werden, niemals aber die eigentliche Botschaft: „Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.“ So jedenfalls übersetzt sie die neue Einheitsübersetzung der Hl. Schrift und verzichtet damit auf die bloße Ankündigung für die spätere Zukunft, wie der uns bekannte Text bislang geläufig ist, sondern sieht die Mutterschaft Marias gleichsam als in Gottes Ratschluss schon gegeben an. Was für die einen sogleich eine Anfrage an ihr bisheriges festgefügtes chronologisches Verständnis von Altem und Neuem Testament bedeuten mag, kann sich für uns auch als ein Fingerzeig auf Gottes ewigen Ratschluss und als Geschenk seiner zeitlosen Weisheit und Güte erweisen.

Gerade am Fest von Christi Geburt erfahren wir ein Stück mehr, was die göttliche Offenbarung und die Einheit der Hl. Schrift bedeutet. Nur in unserer begrenzten Sicht lässt sie sich aufteilen in Altes und Neues, erstes und zweites Testament. Können wir denn näher an der göttlichen Offenbarung sein als jene Gottesmänner? Können wir denn näher dran sein, als die Propheten, die geschichtlich bedingt, zwar der weittragenden Bedeutung ihrer Worte gänzlich unbewusst, aber vom Geist Gottes inspiriert, die Bundestreue Israels gegen die Treulosigkeit des Volkes und seiner Führer mit ihrer Botschaft und dem Einsatz ihres Lebens angemahnt und verteidigt haben? Können wir denn näher an der Selbstoffenbarung Gottes sein, als die Evangelisten, die ganz bewusst aus Liebe zu ihren Nachfahren im Glauben sorgfältig daran gegangen sind, alles aufzuschreiben, was lange Zeit von Mund zu Mund und Herz zu Herz weitergegeben worden war?

Ja , liebe Schwestern und Brüder, wir können es! Gott selbst hat uns dazu befähigt. „Vielfältig und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; am Ende dieser Tage hat er zu uns gesprochen durch den Sohn …“, - beginnt der Brief an die Hebräer und umreißt damit zugleich die Ernsthaftigkeit und Authentizität, mit der sein Wort an uns ergeht. Im Sohn hat Gott nie mehr aufgehört, zu uns zu sprechen. In jeder Hl. Messe bringt sich der Sohn für uns dem Vater als Opfergabe dar. Jedem von uns ist es mit seiner Taufe eröffnet, eine immer tiefere Beziehung zu Jesus Christus, dem Menschgewordenen, Gekreuzigten und Auferstandenen und Erhöhten aufzubauen und zu pflegen. Indem wir sein Wort ernstnehmen und seinen Auftrag wahrnehmen, hinauszugehen und weiterzugeben, was wir empfangen haben, können wir mit seiner bleibenden Nähe rechnen. Vor allem dazu, liebe Schwestern und Brüder, zu dieser seiner bleibenden Nähe in der Feier des Heils, in jeder Feier der Hl. Eucharistie und seinem Wort und Sakrament dürfen wir uns glaubhaft und unwiderruflich gratulieren und Glück und Segen wünschen lassen. Nur wünschen lassen? Nein, - nicht nur wünschen, sondern immer wieder von neuem schenken lassen. Von Gott. Durch Jesus Christus. Im Heiligen Geist. Amen