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Predigt zum Hochfest der Geburt des Herrn 2017

25.12.2017

- es gilt das gesprochene Wort

„Es geht ein Lied um die Welt, ein altes Lied, das immer wieder neu gesungen wird, dieses Lied von den Rosen, vom Glanz der Ringe, vom Tausch der Herzen, vom Anbruch neuen Lebens. Dieses Lied von den Wundern der Liebe.

Verehrte, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Sie wissen, was mit diesen Versen besungen wird: Die Liebe nämlich, besser, der Lebensbund der Liebe von einem Mann und einer Frau, der auf immer geschlossen wird. Der Lebensbund, den wir einzig und allein als den Bund der Ehe verstehen. Der begonnen hat an einem großen Tag, mit einer strahlenden Feier. Der der schönste Tag des Lebens sein sollte. Langfristig vorbereitet in allen möglichen Details. Er sollte einmalig und unvergesslich sein für alle irgendwie daran Beteiligten. Allzu hoch ist die Last, die in der Vorbereitung auf den künftigen Ehepartner zu liegen scheint. Nichts soll vergessen werden, kein Detail versäumt. Wenn möglich, die schönste Hochzeit aller Zeiten. Doch, das wissen wir ebenso, die Wirklichkeit spricht eine andere Sprache, diese Statistik lügt nicht. Und nicht nur was die Feier angeht. Nein, vielmehr das, was doch eigentlich damit begründet, was damit angefangen werden sollte: Das lebenslange Miteinander in guten und in schlechten Tagen, in Gesundheit und Krankheit, wie das Versprechen lautet, das Eheleben, die Ehe halt, ewig, worin das Wort ja seinen sprachlichen Ursprung hat. Wir müssen das zur Kenntnis nehmen ohne alle Überlegenheit, noch den geringsten Hauch von Häme. Nein, das müssen wir da oder dort, müssen wir immer wieder leidvoll zur Kenntnis nehmen und möchten am liebsten gar nicht darüber reden. Denn wir sind immer selber davon betroffen, werden selber zutiefst getroffen und erschüttert, wenn, wo auch immer , aber erst recht bei denen, die uns nahestehen, die Treue versagt, die Liebe zerbricht, das Leben nicht gelingt.

Doch, Gott sei Dank, dürfen wir auch das Gelingen erleben, und es wäre geradezu verheerend, wollten wir es verschwei-gen und als selbstverständlich konstatieren. Die feierlichen Segnungen der Ehejubilare in den Pfarreien oder während der Feier unserer Ulrichswoche erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Die gemeinsamen Dankfeiern sind nahezu überfüllt. Von denen, die ihre Freude und ihren Dank für das Geschenk andauernder Liebe und Treue, jahrzehntelang gehaltener Versprechen, langwährender gemeinsamer Lebenstage vor Gott und den Menschen zum Ausdruck bringen wollen und bekennen, dass sie doch nicht nur auf sich selbst und das von ihnen Machbare gebaut und vertraut haben, sondern auf den Segen ihres Herrn und Schöpfers, der das von Anfang an so gewollt, begleitet und behütet hat.

Es mag nach 10, 25, 50 oder noch mehr Jahren sein, dass sie die alltäglich vollzogene Zustimmung zueinander auf außer-ordentliche Weise festlich begehen. Zeiträume, die nach noch so langen Jahren doch immer noch gering erscheinen und auf ihre Weise dennoch hindeuten auf die alles übersteigende Ewigkeit.

Begehen doch auch wir heute wieder die durch alle Zeit der Schöpfung hindurch bestehende Zustimmung des Allerhöchs-ten und Allergütigsten zu uns auf außerordentliche, höchst festliche Weise. Einen wahren Hymnus darauf haben wir im Evangelium schon vernommen. Heute, am Hochfest der Geburt unseres Herrn Jesus Christus haben wir allen Grund, einander allerherzlichst zu gratulieren und einander Glück und Segen zu wünschen und füreinander weiter zu erbitten. In der Tat, heute feiern wir den ewigen Liebesbund des lebendigen Gottes mit uns Menschen. Das Risiko das darin lag, hat er dank seiner Gnade in ewiger Zuneigung und Liebe zu uns ganz allein auf sich genommen, um uns vor dem endgültigen Scheitern zu bewahren und durch seinen Tod unseren Tod zu überwinden. Wiederum ist es uns gegeben worden, das Jubiläum der ewigen Liebe Gottes zu begehen, des Herzens, das Gott für uns Menschen hat und dessen Name Jesus ist – das heißt übersetzt: Gott rettet. – Und sind zugleich aufgefordert, uns zu besinnen, unsere Liebe zu erneuern und unser Leben wieder auf ihn auszurichten, der schon gekommen ist in unser Dasein, damit wir aus unserem Dasein zu ihm kommen können. Auch darum haben wir allen Grund, einander zu beglückwün-schen dafür, dass es uns gegeben worden ist, ihn zu empfangen und ihn aufzunehmen.

Liebe Schwestern und Brüder,

Woher wir auch stammen, von welcher Herkunft und von welchem Lebensstand wir auch sind: Wir alle, die wir im Glauben Christus aufgenommen und empfangen haben, sind aus Gott geboren. Das ist die Heimat, aus der wir stammen, und in die wir zurückkehren sollen. Die Hoffnung auf diese Heimat aufrecht zu erhalten und auf die Rückkehr dorthin vorzubereiten, ist Auftrag der Verkündigung der Kirche. Das ganze Kirchenjahr mit seinen geprägten Zeiten, mit der Festfeier der Geheimnisse des Glaubens und der Entfaltung unseres Glaubensbekenntnisses soll uns immer neu die Möglichkeit eröffnen, die Wahrheit und Wirklichkeit Gottes tiefer zu erfassen. Ja, es soll eine stetig aufsteigende Wegstrecke sein, auf der wir eingeladen sind, zu lernen, das Unvergängliche mehr zu lieben als das Vergängliche. Vor allem aber soll es von unserer Taufe an darum gehen, in der personalen Be-ziehung zu unserem Herrn Jesus Christus zu wachsen und zu reifen, ihm immer ähnlicher zu werden, der selbst der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, und schließlich gemäß unse-rer Berufung ein anderer Christus für die Mitmenschen zu sein. Was keineswegs nur eine ausschließlich intellektuelle und schon gar nicht nur emotionale Bewegung ist. Die Identi-fizierung unseres Herrn mit den Geringsten unserer Schwes-tern und Brüder, denen wir das Gute tun oder auch verweigern, bildet den letztgültigen Maßstab, nach dem eine jede, ein jeder von uns einmal gerichtet werden wird.

Das Weihnachtsfest will darum in uns neu die Frage wachrufen: Wer bist du, Jesus, wer bist du eigentlich? Du, nicht nur die biblische Gestalt des fernen Damals, sondern zugleich der Auferstandene, der uns gegenwärtig ist in seinem Wort und Sakrament? Was für ein Herz verbirgt sich hinter deinem Namen? Wie denkst du, wie fühlst du, wie bist du eigentlich? Und: Wie siehst du Gott? Wie siehst du uns Menschen? Ja: Was wolltest du eigentlich, als du dich darauf eingelassen hast, Mensch zu sein? Und wer sich so fragt, wer dieser Jesus ist, der nehme sich doch den edelsten, den liebenswürdigsten und vorbildhaftesten Menschen vor, den er kennt, und vergleiche ihn mit Jesus oder frage auch, ob er diese lobenswerten Züge etwa nicht an Jesus findet und finde dabei heraus, dass dieser Jesus noch viel mehr solche Eigenschaften aufweist als viele solcher lie-benswerten Menschen miteinander und zusammen. Jesus, der sich schließlich doch hat so radikal in Frage stellen lassen, dass er nicht einmal die Hand erhoben hat zur Gegenwehr trotz seiner Wahrheit, seiner Reinheit, seiner Liebe und Gerechtigkeit, seiner Barmherzigkeit und seiner Macht. – Dass er so selbstlos die reine Liebe war, dass er all das hat auslöschen lassen durch unseren Tod, den er zu seinem Tod hat werden lassen, den er starb, wie wir ihn nicht einmal alle sterben müssen, aber auch gar nicht zu sterben vermögen, noch im Verlöschen an die Liebe glaubend, die das Leben ist und die das geschaffene Leben im Leben Gottes vollendet, so dass alle zum Leben Geschaffenen im Leben Gottes vollendet werden können – wenn sie glauben.

Liebe Schwestern und Brüder, Sie kennen vielleicht die Geschichte von dem Mann, der erfuhr, dass ihn Gott besuchen wollte. „Was, in meinem Haus? Unmöglich“, schrie er, in diesem Sauhaufen kann man keinen Besuch empfangen. Alles verdreckt, alles voll Gerümpel, kein Platz zum Ausruhen, keine Luft zum Atmen. „Brüder, Freunde“, ruft er aus dem Fenster, „helft mir aufräumen – irgendeiner. Aber schnell.“ Und er begann sein Haus zu kehren. Durch die Staubwolke sah er, dass ihm einer zu Hilfe gekommen war. Und gemeinsam gingen sie zu Werke. Scheinbar ohne großes Vorankommen. „Das schaffen wir nie“, schnaufte der Mann. „Das schaffen wir, sagte der andere.“ (Ja, denken Sie jetzt ruhig an das umstrittene Wort angesichts der Flüchtlingsströme.) Sie plagten sich den ganzen Tag. Als es Abend geworden war, gingen sie in die Küche und deckten den Tisch. „So“, sagte der Mann, „jetzt kann er kommen, mein Besuch! Jetzt kann Gott kommen. Wo er nur bleibt?“ „Aber ich bin ja da“, sagte der andere und setzte sich an den Tisch. „Komm, iss mit mir!“

Liebe Schwestern und Brüder, nennen Sie mir einen einzigen Text der liturgischen Verkündigung des Advents in dem schon von der armseligen Geburt im Stall die Rede ist, wie wir sie feiern und besingen. Aber vom Kommen des Herrn wird unablässig gesprochen, sein Friedensreich beschrieben und um eine gute Vorbereitung auf seine Ankunft gebetet. Erst in den letzten Tagen vor dem Hl. Abend wird die Geburt Christi und seines Vorläufers Johannes zum Thema, niemals aber im Widerspruch zu seinem Kommen am Ende aller Zeit, sondern als die konkrete Erfüllung der Verheißung der Propheten in der Geburt des Menschensohnes aus Maria. Und noch die dürftigste, routinierteste Schaufensterdekoration dieser Tage hat noch Anteil an der Bedeutung dieser Geburt für alle Menschen.

Alles, was uns überliefert worden ist, ist niedergeschrieben worden, nachdem er schon als Mensch gekommen war. Mehr als nur einmal haben die Menschen aufgrund seiner Worte und Taten gefragt: Wer ist dieser?, er, zu dem wir uns als un-seren Herrn und Heiland bekennen, dessen Leib und Blut wir im eucharistischen Opfermahl empfangen. Weihnachten ist kein bloß innergeschichtliches Ereignis, sondern der Einbruch der Ewigkeit in die Zeit, so wie Ostern kein bloß innergeschichtliches Ereignis ist, sondern der Ausbruch des Auferstandenen aus der Geschichte in die Ewigkeit. Jedes Weihnachten ist aber die tiefe Vergewisserung, dass Gott schon eingetreten ist in unsere Geschichte und schon damit begonnen hat, sein Volk aus allen Richtungen zu sammeln, wenn wir es nur zur Kenntnis nehmen wollen. Weihnachten ist darum nicht nur seine Geburt, es muss auch unsere Geburt aus Gott mit Jesus Christus sein. Auch dazu dürfen wir einander herzlich gratulieren und noch mehr als bisher bemüht sein, uns gegenseitig auf dem Weg zu Gott voranzu-bringen. Vor allem aber in der Hoffnung erneuert und bestärkt, noch inständiger darum zu bitten. Komm, Herr Jesus, komme    bald. Amen