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Predigt zum Hochfest der Geburt des Herrn 2018

25.12.2018

- es gilt das gesprochene Wort

Darin besteht der Sinn unseres Lebens – Jesus kennenzulernen, ihn zu erkennen, den Menschensohn, ihn zu lieben, ihm nachzufolgen und mehr und mehr so zu werden wie er –.
   
Verehrte, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,
   
so habe ich am ersten Adventssonntag im Laufe meiner Predigt zu den Gefangenen im Gefängnis von Kempten gesprochen. Nicht, ohne es vorher auch zugestanden zu haben mit den Worten: Auch wenn mir das keineswegs jeder abnehmen wird.
„Und auf diesem Untergrund“, so habe ich im weiteren Verlauf hinzugefügt, „auf diesem Untergrund schließe ich noch kürzer, wenn ich sage: Alle Bedrängnisse sind eigentlich letztlich eine Aufforderung und ein Angebot von Gott, den Sinn unseres Lebens zu erkennen, unser Leben zu ändern und neu zu orientieren. Und dazu kommt uns Gott in seinem Sohn, im Menschensohn, unserem Herrn Jesus Christus, entgegen.“
So habe ich zu den Gefangenen, die sich zu diesem Gottesdienst angemeldet haben, gesprochen. Und keiner hat mir widersprochen.

Nun wird vielleicht der eine oder andere sagen: Wie sollte das einer auch, bei einer Predigt und noch dazu in solch einer prekären Situation. Dem aber möchte nun ich widersprechen: Ein Prediger spürt schon sehr deutlich, zumal wenn er zu den Menschen von Angesicht zu Angesicht spricht, ob er mit seinen Worten auf Unmut, Ablehnung oder sogar auf Empörung stößt, oder ob sich, trotzdem nur er selber spricht, dennoch ein nahezu geistlicher, geistgetragener Dialog entwickelt. Aufmerksamkeit, Gestik und Mimik der Zuhörer sprechen da oft eine unmissverständliche Sprache. Und ich darf hinzufügen: Nicht allzu oft haben mir die Menschen so zugehört wie bei einer Predigt am zweiten Weihnachtsfeiertag in der Untersuchungshaft auf der Karmelitengasse in Augsburg oder auch anderswo im Gefängnis.
Manchmal denke ich mir, ob es nicht ungerecht ist, Gefangene und sozial Betreute nur zu Weihnachten oder am Tag der Gefangenen oder Armen zu besuchen, während wir freie, bewegliche Menschen Woche für Woche im Umkreis weniger Kilometer mit mehreren Feiern der Eucharistie versorgen. Bestätigt wurde meine Wahrnehmung noch im anschließenden Gespräch mit ausgewählten Gefangenen. Da kam kein Vorwurf irgendeiner Art, und auch wenn ich mich bestenfalls nach der Länge der noch zu verbringenden Haft erkundigte, nie aber nach der Straftat gefragt habe, wenn einer nicht selbst damit angefangen hat. – Einer von ihnen stellte mir jedenfalls die Frage in etwa, wie man denn Gott oder das Gute erkennen könne. Fast genauso hat mich einige Zeit später an gänzlich anderem Ort ein gutsituierter hoher Beamter gefragt. Eine Frage jedenfalls, auf die ich keineswegs sogleich präzise und wie aus der Pistole geschossen geantwortet, sondern selber nachgedacht und darauf hingewiesen habe, dass das unter Umständen einen längeren Zeitraum braucht und resümierend vielleicht sogar ein ganzes Leben beansprucht.

Heute nun, liebe Schwestern und Brüder, am Hochfest der Geburt unseres Herrn Jesus Christus, wird uns die Antwort auf diese Frage aller Fragen feierlich verkündet: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ [1] 
Auf die griechische Vorgabe könnten wir durchaus auch übersetzen: Der Sinn ist Fleisch geworden. Alles das, was alles zusammenhält, worin alles seinen Ursprung hat und was allem eine reale Perspektive verleiht, hat sich manifestiert, ist sichtbar und greifbar geworden in dem Wort, das Fleisch geworden ist, in einer lebendigen Person.
Den ersten Christen, die aus dem Judentum kamen, war diese Sprache des Evangeliums nach Johannes aus dem Buch der Sprichwörter des Alten Testamentes wohlvertraut. Wenn da z. B. die Weisheit von sich selber sagt, dass sie dabei war, als er den Himmel baute und den Erdkreis abmaß über den Wassern [2] und als geliebtes Kind bei ihm war als seine Freude Tag für Tag und vor ihm spielte allezeit … und es ihre Freude war, bei den Menschen zu sein [3].
Am Anfang seines Evangeliums hat uns das Johannes aufgeschrieben, der von sich selber ganz persönlich sagen konnte: „Was von Anfang an war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben vom Wort des Lebens – das Leben ist erschienen und wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist – was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt.“[4]
Also einer, der Jesus kennen- und liebengelernt hat, ihm nachgefolgt ist und sein Leben radikal nach ihm ausgerichtet hat. Seine Antwort auf die Frage nach dem Sinn ist Jesus, auf die Frage, wofür es sich zu leben lohnt, in welcher Situation auch immer und unter welcher Perspektive und Konstellation. Was unterscheidet denn einen wahren Jünger Jesu heute, den wahren Christen von denen ganz am Anfang?
Die Juden, aus denen die stammten, waren doch keine Gottlosen, sondern dem Glauben der Väter verpflichtet. Niemand brauchte doch einen dunklen Hintergrund, um den Glauben der Jünger Jesu und der ersten Christen zu propagieren. Aber vielleicht ist die Anfechtung und Verunsicherung unter denen, die sich zum Glauben bekennen, viel größer als die zwischen Glauben und Unglauben. Auch Glaubende sind nicht ohne Sünde und leider oft alles andere als lupenreine Zeugen der Frohen Botschaft. Und der Strich zwischen Gut und Böse geht mitten durch das menschliche Herz. Aber fortan werden sich die wahrhaft Glaubenden aller Zeiten nur mehr an dem Einen messen lassen müssen und orientieren können. Keine interreligiösen Kontakte, keine einzige ökumenische Bewegung und keine noch so aufrichtig angestrebte innerkirchliche Reform kommen an Ihm vorbei. An Ihm nämlich, von dem der Apostel Paulus nicht weniger hymnisch und beinahe gleichlautend mit dem Evangelium schreibt:
„Er war Gott gleich,
hielt aber nicht daran fest Gott gleich zu sein,
sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave
und den Menschen gleich.
Sein Leben war das eines Menschen.“[5]
Damit entfaltet der Apostel ja, was es für den Menschgewordenen, das fleischgewordene Wort bedeutet hat, unter uns zu wohnen, vom fehlenden Platz in der Herberge bis zum Kalvarienberg außerhalb der Stadt. Was der Evangelist Johannes, ergriffen von der Auferstehung des Herrn und begabt mit dem Hl. Geist, gewissermaßen überspringt mit dem freudigen Bekenntnis: „… und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“[6]

Auch für die Jünger Jesu war es ein längerer Weg, bis sie den Menschensohn und seinen Auftrag erkannt und ihr Leben danach ausgerichtet haben. Ihre wie auch unsere Erwählung und unser Auftrag sind mit der Fleischwerdung des Wortes, der Menschwerdung des Gottessohnes in Gottes ewigen Ratschluss schon grundgelegt. Und es gibt sie, die vielen, die ihn aufnahmen und die Fähigkeit, ja die Vollmacht empfangen haben, Kinder Gottes zu werden. Konkret durch die Taufe, die Erziehung und das Vorbild ihrer Eltern von Kindesbeinen an oder umwälzend radikal und unverhofft und unerwartet. Und die sich zu dem bekennen, dem sie dieses Geschenk verdanken, - „der für alle gestorben ist, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde.“[7]
Heute feiern wir den Geburtstag unseres Herrn Jesus Christus. Er hat uns seine bleibende Gegenwart zugesagt mitten unter uns in der Versammlung seiner Jüngerinnen und Jünger, in seinem Wort und Sakrament, vor allem im Allerheiligsten Sakrament des Altares, der heiligen Eucharistie. „Auch wenn wir früher Christus dem Fleische nach gekannt haben, jetzt kennen wir ihn nicht mehr so“, … – erklärt der Apostel Paulus der Gemeinde von Korinth, um sogleich auf die noch viel innigere Christusgemeinschaft der wahren Jüngerinnen und Jünger Jesu zu verweisen, wenn er hinzufügt: „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“[8]

Versuchen wir uns doch in die Situation der ersten Christen hineinzuversetzen, zu denen ja auch der Evangelist gehört. Als kleine Minderheit in einer immerhin noch religiös geprägten Gesellschaft waren sie davon überzeugt, dass da ein neuer Schöpfungsbericht geschrieben werden muss, ein Hymnus, ein Lobgesang auf Gott, der den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wiederhergestellt hat. Trotzdem das Licht in der Finsternis scheint und die Finsternis es nicht erfasst, trotzdem er in sein Eigentum gekommen ist und nach wie vor viele von den Seinen ihn nicht aufnehmen. Wer singt denn heute das neue Lied? - fragt einer der Theologen unserer Tage, das neue Lied, das nicht nur klingt und nicht nur stimmt, sondern das weitererzählt. Weitläufig hat er davor aufgezählt, wo und von wem es gesungen worden ist als Danklied nach dem Durchzug durch das Rote Meer bis hin zu seiner bitteren Perversion zum Totenlied in Auschwitz. Wer singt heute das neue Lied?

Liebe Schwestern und Brüder, sollten wir uns das nicht auch einmal fragen lassen am Hochfest der Geburt unseres Herrn? Darf es uns in unseren weihnachtlichen Gottesdiensten bloß darum gehen, die Werke großer Komponisten anlässlich eines Jubiläums aufzuführen und zu hören, anstatt vor allem und mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln mit voller Stimme und aus ganzem Herzen Gott zu loben und zu preisen? Und wenn uns selbst eine Staatskapelle und Solisten der Spitzenklasse zur Verfügung stünden, den wahren Gottesdienst feiern wir erst dann, wenn wir selbst unseren Mund öffnen und unsere Stimme erheben, um Segensgruß und Friedenswunsch zu erwidern und beim Gebet des Vaterunser mitzusprechen. Wer das als eine unangemessene Herausforderung empfindet, möge es sich von einem Dichter des Barock sagen lassen. Johannes Scheffler, den meisten von uns als Angelus Silesius bekannt, greift noch viel weiter aus, wenn er uns Weihnacht für Weihnacht zuruft: „Wär‘ Christus tausendmal in Betlehem geboren und nicht in dir, Du wärest ewiglich verloren.“ Amen

[1] 1 Joh 1,14

[2] vgl. Spr. 8,27

[3] vgl. Spr. 8,30f

[4] 1 Joh 1ff

[5] Phil 2,6f

[6] vgl. Joh 1,14

[7] vgl. 2 Kor 5,15

[8] 2 Kor 5,16f