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Predigt zum Hochfest des Leibes und Blutes Christi - Fronleichnam 2018

31.05.2018

- es gilt das gesprochene Wort

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

immer wieder muss ich an den jungen Mann zurückdenken, der beim Militärdienst in der katholischen Rhön eine junge Frau kennen- und lieben gelernt hatte. Er war offenbar nichts, wie man den Status solchen religiösen Bekenntnisses gelegentlich bezeichnet, vielleicht auch einmal getauft. Er hatte bei mir als Kaplan angerufen und gefragt, ob man sich umschreiben lassen könne, womit er das Katholischwerden meinte.

Ich verneinte das natürlich, insgeheim ein wenig erheitert über diesen Sprachgebrauch, lud ihn aber zugleich ein, mich doch einmal zu besuchen, damit wir miteinander sprechen und ich ihm etwas über den katholischen Glauben erzählen könnte. Darauf ging er dann auch mehrere Male ein.

Und immer wieder denke ich gern daran zurück. Nicht zuletzt heute auch deswegen, weil ich schon im ersten Jahr meines Priestertums von einer verborgenen Sehnsucht zu erfahren meinte, die freilich auf eine junge Liebe gegründet war. Und ich erfuhr, dass gerade ein junger Mann, der keineswegs kirchlich sozialisiert und schon gar nicht im katholischen Glauben beheimatet war, Fragen stellte, die mir als Priester haben das Herz aufgehen lassen und die ich gern beantwortet habe. In der Tat, der Unbedarfte, kirchlich nicht Sozialisierte stellte die besseren Fragen als mancher Katholik – eine Erfahrung, die ich oft genug von Mitbrüdern bestätigt bekommen habe.

Liebe Schwestern und Brüder, auch wenn Sie es jetzt vielleicht vehement von sich weisen würden, mit einem Ahnungslosen, Unbedarften, kirchlich nicht Sozialisierten verglichen zu werden – möchte ich es doch wagen, Sie dazu zu ermutigen, sich doch einmal gerade in die Rolle eines solchen Menschen hineinzuversetzen, hineinversetzen zu lassen und Fragen zu stellen, Fragen an das, was wir heute zu relativ früher Zeit begannen und mit einem feierlichen Zug durch die Stadt singend und betend weiterführen und vollenden werden. Schon bei der Bezeichnung dieses allgemeinen Feiertags müssen ja Gläubige und Ungläubige, Tiefverwurzelte und Unbe-darfte anheben und ins Fragen und Erklären kommen. Und erst recht, wenn wir eine kleine weiße Hostie – den Fronleichnam, den Leib des Herrn, wie uns mittlerweile auch von nichtkirchlichen Medien immer wieder einmal erklärt wird, – in einem kostbaren, hochverzierten Gefäß durch die Straßen tragen und damit immer wieder an bestimmten Plätzen, geschmückten Tischen mit religiösen Bildern stehenbleiben und schließlich die Menschenmenge in ausladender Kreuzesform bezeichnen. Ihnen wird sicher bereits aufgefallen sein, dass ich mit meiner Rede Begriffe wie Altar, Gebet und Segen, Monstranz und Prozession, die uns durchaus geläufig sind, bewusst vermieden habe. Vor diesem Gang durch die Stadt haben wir in der Kathedrale eine religiöse Feier begangen, bei der wir von einem geistlichen Diener laut und vernehmlich auf ein Geheimnis, auf das Geheimnis des Glaubens, hingewiesen worden sind und wir mit unserer gemeinsamen Antwort erklärt haben, was das für uns bedeutet, nämlich mit unserer Ansage, dass da einer ge-storben, und mit unserem freudigen Lobpreis, dass er von den Toten auferstanden ist, und dass wir damit seinem Vermächtnis folgen, welches er uns im Rahmen eines jüdischen Paschamahls oder auch eines Abschiedsmahls hinterlassen hat mit den Worten: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“

Liebe Schwestern und Brüder, war damit etwa nur jenes Mahl gemeint? Ist das, was wir da vornehmlich auch an jedem Sonntagvormittag vollziehen, jenem Abschiedsmahl unmittelbar vergleichbar? Schon die Bezeichnung unserer Feier als Feier der Eucharistie, das heißt Danksagung, verweist uns auf einen gravierenden  Unterschied: - Jenes Mahl fand, wie sein Name sagt, ausschließlich an ei-nem Abend statt. Unsere Feier begehen wir jedoch vorrangig am Morgen oder in den Vormittagsstunden. - Jenes Abschiedsmahl fand statt, bevor der Herr und Meister der versammelten Jüngerschar hinging und sich den Häschern überließ. Unsere Feier weist darüber hinaus auf die Begegnung der ersten Zeugen mit dem Auferstandenen am dritten Tag.

Ja, liebe Schwestern und Brüder, es geht um die leibhafte Vereinigung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn durch Essen und Trinken. Denn Kommunion bedeutet noch mehr als bloße Union, es geht um ein aktives Handeln, es geht um die Vereinigung mit Christus und untereinander. Wenn er uns noch dazu aufträgt: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“, – geht sein Vermächtnis für uns noch weit darüber hinaus und stiftet zugleich das Priestertum.

Ja, vergegenwärtigt euch das, was ich an euch getan habe, nämlich zunächst die Herausnahme einer besonderen Zeichenhandlung aus einem üblichen Mahl, das ja wohl noch aus manchen anderen Zutaten bestand! Und zwar die Herausnahme von Brot und Wein nicht nur im Hinblick auf Abschied, Sterben und Tod, sondern auch im Hinblick, ja, in sinnenfälliger Vorwegnahme, seiner liebevollen Hingabe für einen jeden von uns, die Hingabe seines Lebens aus Liebe zu uns – seinen Freunden, von denen er sich buchstäblich vereinnahmen lässt. „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“  Denn was hätte denn die Herausnahme von Brot und Wein und ihre Deutung als seinen Leib und sein Blut für einen Sinn gehabt, da er doch noch selber leibhaftig unter seinen Freunden anwesend war! Nur so verstehen wir auch den zutiefst bedeutungsvollen Begriff des Opfers bzw. Opfermahls. Hingabe, freiwilliger Lebensverzicht um anderer, um unser aller willen und nicht unfreiwillig ertragenes Verhängnis.

Das ist weit mehr als ein bloßes Beispiel, das ist die Hingabe, die wir im Psalmtext bereits verheißungsvoll vernommen haben, von der es aber heißt, dass sie kostbar ist in den Augen des Herrn. „Kostbar ist in den Augen des Herrn das Sterben seiner Frommen.“ Die bloße Teilnahme an diesem Mahl, ohne sich selber hineinziehen zu lassen in die Dynamik der Hingabe aus Liebe, nützt nichts. Aber noch die dankbar bewusste Wahrnehmung dieses Geschehens, auch ohne an der Vollgestalt des Mahles teilzunehmen, kann fruchtbar und unserem Herrn noch wohlgefällig sein. Für alle katholischen Christen hat deswegen die Teilnahme an der heiligen Messe immer auch dann noch ihren tiefen Sinn, wenn sie aus welchen Gründen auch immer die heilige Gabe nicht „essen“ können oder wollen. „Ich will dir ein Opfer des Dankes bringen und anrufen den Namen des Herrn. Ich will dem Herrn meine Gelübde erfüllen offen vor seinem ganzen Volk“  – so wird es wieder im Psalm verheißungsvoll vorweggenommen.

Liebe Schwestern und Brüder, was halten wir davon? Wer hat denn schon allein von uns – ganz abgesehen von allen anderen – durchgängig wirkliche und ungebrochene Sehnsucht nach diesem Ganzen, nach solcher Teilnahme am Ganzen?

Was uns nach jeder Heiligen Messe vom Diakon oder Priester zugerufen wird, was ich den Wallfahrern der Familienwallfahrt zu Beginn der Predigt zugerufen habe, das möchte ich Ihnen nicht weniger intensiv vor unserem feierlich vollzogenen gemeinsamen Weg, Prozession genannt, zurufen: Gehet hin in Frieden! Geht hin, zeigt allen Euren Mitmenschen, zeigt den Unbedarften und Ahnungslosen das Procedere des christlichen Glaubenslebens! Zeigt es ihnen, was es heißt, zu glauben, und wie es geht, christlich zu glauben und zu leben! Und spätestens dann geht uns vielleicht auf, dass sich das gar nicht auf Kirche und Sakristei beschränken lässt, sondern dass das ganze Leben in allen seinen Bezügen damit gemeint ist. Was ziehen wir denn an Schlüssen daraus, wenn in den Medien öffentlicher Rufmord betrieben wird und unverhohlen Hassparolen verbreitet werden, als gäbe es keine Gläubigen, die sich in zahlreichen Kirchen unserer Stadt und unseres Bistums Sonntag für Sonntag und darüber hinaus die Liebeshingabe, den freiwilligen Opfertod ihres Herrn vergegenwärtigen und beteuern, das zu tun, bis er wiederkommt? Was tun wir denn in Familie und Schule, Beruf und Politik, Kirche und Gesellschaft zu Seinem Gedächtnis? Was ändert sich denn in unserem Miteinander, wenn alle Anwesenden in aufwendig restaurierten Kirchen fraglos und selbstverständlich zur Kommunion gehen? Was bedeutet denn ein Erlass zum Aufhängen von Kreuzen in öffentlichen Gebäuden, wenn seine Ausführung letztlich doch nicht eingefordert wird, er zuvor aber kurzfristig eine seltsam anmutende Debatte heraufbeschworen hat?

„Christus will das Reifen des Menschen in seinem Menschsein begleiten. Er begleitet, nährt und stärkt uns im Leben seiner Kirche mit seinem Wort und in seinen Sakramenten, mit dem Leib und dem Blut seines Pascha-Festes. Er nährt uns als der ewige Sohn Gottes, lässt den Menschen teilhaben an seiner göttlichen Sohnschaft, vergöttlicht ihn innerlich, damit er im Vollsinn Mensch werde: damit der Mensch, geschaffen nach dem Bild und Gleichnis Gottes, seine Reife in Gott erlange.“ – sagt der Hl. Papst Johannes Paul II. in einem Wort über das Wachsen und Reifen zum Fest des Leibes und Blutes Christi. Papst Johannes Paul II. spricht ausschließlich vom Menschen und damit sind nicht nur eine bestimmte Schicht, sondern alle, erst recht die Unbedarften und Ahnungslosen, die noch nicht Getauften und kirchlich noch nicht Sozialisierten gemeint.      Amen