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Predigt zum Hochfest des heiligen Ulrich 2015

09.07.2015

- es gilt das gesprochene Wort -

–   Im Kreuz ist Heil – Im Kreuz ist Hoffnung –

Jeder von uns sollte seine ganz persönliche Allerheiligenlitanei haben. So habe ich es einmal als Kaplan in einer Predigt gesagt. Vielleicht hätte ich das auch bald wieder vergessen, wenn nicht mein damaliger Pfarrer von dieser Aussage ziemlich angetan war. Was ich damit gemeint habe, zu dem stehe ich aber auch heute noch. Natürlich waren in dieser meiner ganz persönlichen Allerheiligenlitanei die Namen meines ersten und zweiten Namenspatrons enthalten, war doch der erste auch zugleich der Patron meiner Heimatkirche, aber auch der Hl. Don Bosco, der Hl. Vinzenz von Paul, der Hl. Petrus Canisius und der Hl. Ignatius von Loyola waren, wenn ich mich recht erinnere, mit dabei. Dagegen, zugegeben, der Hl. Ulrich möglicherweise noch nicht. Aber ich hatte schon als Kind von ihm und der legendären Schlacht auf dem Lechfeld gelesen. Erst viel später erfuhr ich zusammen mit einer intensiveren Lektüre seiner Biographie, dass er der erste Heilige war, der von der Kirche offiziell und feierlich heiliggesprochen worden ist, und das schon 20 Jahre nach seinem Tod.

Vom ersten heiligen Märtyrer der Kirche an erfolgte die Heiligsprechung gleichsam spontan und durch das gläubige Volk Gottes. Man nahm sich die Heiligen zum Vorbild, gedachte ihrer, verehrte sie, rief sie als Fürsprecher und Vermittler bei Gott an und schöpfte aus ihrem Beispiel und Beistand Lebensmut und Kraft. Nun wurde das alles für den Hl. Ulrich offiziell und feierlich von der Kirche erklärt.

Wir können uns ja ohnehin nur recht schwer vorstellen, dass Bischof Ulrich ganz persönlich mit dem Schwert in der Hand in der Schlacht zu Gange gewesen sein soll. Da kommt uns die ziemlich sichere Vermutung der Historiker entgegen, dass der Sieg über die heidnischen Heere der Ungarn vor allem deswegen errungen worden sei, weil die kaiserlichen Truppen über den erforderlichen Nachschub aus einem geordneten befestigten Hinterland verfügten, das unter der Verwaltungshoheit des Augsburger Bischofs stand.

Vergleichbare kriegerische Auseinandersetzungen jener längst vergangenen Zeiten betrachten wir heute vielleicht viel zu schnell und zu leicht ausschließlich unter ökonomischen und rein machtpolitischen Gesichtspunkten. Vielmehr noch aber, als wir uns heute vorstellen können, waren sie doch immer wieder auch wahre glaubensbedeutsame Verteidigungskämpfe, für die sehr viele Leib und Leben eingesetzt haben. Ohne ihren Erfolg hätte wohl unser Land, ja, ganz Europa, da bin ich mir ziemlich sicher, ein gänzlich anderes Gesicht bekommen.

Worum es dabei im Eigentlichen ging, scheint uns auch die Legende zu bezeugen, nach der der Hl. Ulrich während der Schlacht auf dem Lechfeld ein Kreuz von einem Engel empfangen habe, das er als Siegeskreuz deutete. Dabei können wir uns gar nicht so gewiss sein, dass hier überhaupt in sachgerechter Weise von einer Legende gesprochen wird. Wir tun sicher besser daran, diese Erzählung als eine außerordentliche Botschaft und einen feierlichen Lobpreis zu verstehen, der seine Wurzeln in der Dankbarkeit des gläubigen Volkes Gottes für den Sieg und die Bewahrung von Land und Volk besaß. Aber letztlich auch in der gläubigen Überzeugung: die Erlösung kommt vom Himmel, von den Menschen kommt das Schwert.

Die Verehrung aller Heiligen, ihr nachhaltig frommes Angedenken, ihr bleibendes Vermächtnis und die geordnete Anrufung und Bitte um ihre Fürsprache bei Gott ist ohne die Kirche nicht zu denken. Auch die Persönlichkeit unseres Bistumsheiligen kann ohne die Kirche und die Botschaft, die sie auszurichten hat, nicht ausreichend verstanden und gewürdigt werden.

Durch die Kirche und auf dem Boden der Kirche dient uns der Hl. Ulrich bis in diese Stunde, indem er uns das Kreuz entgegenhält, nicht das Schwert. Mit dem Kreuz vollzieht er den absoluten Paradigmenwechsel, indem er uns dazu ermutigt, lieber Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun, indem er uns ohne Worte signalisiert, womit wir diese unsere 60. Ulrichwoche überschrieben haben:

Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Hoffnung.

Das Kreuz ist das Markenzeichen und Gütesiegel der Kirche, und es spricht für den Reinigungsprozess, den die Kirche durchmacht, wenn die, die zu ihr gehören, die Erfahrung des Kreuzes machen. Was nützt es denn, wenn wir uns zwar für den Erhalt der Kreuze in unseren Häusern, Schulen und Amtsstuben einsetzen, in unseren alltäglichen Auseinandersetzungen aber ausschließlich mit dem Schwert hantieren oder gar mit dem Dolch im Gewand?

Es muss uns allen wehtun, wenn es sich kirchliche Mitarbeiter, ja sogar Priester fast schon zur Gewohnheit gemacht haben, von der Kirche immer nur mit einer gewissen Distanz und bisweilen hartnäckig aufrechterhaltenen Ressentiments zu sprechen.

Die Rede von einer sogenannten „Klassischen Kirche“ oder der Amtskirche erweckt alles andere als den Eindruck, dass hier in Dankbarkeit und Liebe von der Kirche als Gemeinschaft der Heiligen gesprochen wird.

Ob denn die Schwestern und Brüder die Kirche niemals als das Haus Gottes oder ihre Mutter erfahren haben? Ob sie denn ihr gesamtes Dasein hindurch immer nur solche Diener der Kirche kennengelernt und erlebt haben, die das Kreuz als Zeichen der Herrschaft und Macht, statt von Demut, Liebe und Kraft missverstanden haben? Dabei kann doch jeder von uns, der seine Taufe, die Heiligung von Gott, nur einigermaßen ernst nimmt sagen: Durch die Kirche bin ich, was ich bin. Ja, durch die Kirche sind wir, was wir sind – geliebte Kinder Gottes.

Lassen wir es uns wieder und wieder in Erinnerung rufen: Alles volkskirchliche Brauchtum und alle christlichen Traditionen müssen verkommen, wenn sie nicht vom Glauben der Kirche getragen sind und auf dem Boden der Kirche stehen. Und es liegt an einem jeden von uns, ob die Feier der Liturgie, ja aller unserer Gottesdienste glaubwürdig und überzeugend erscheinen.

Dann erweist sich das, was nicht gerade außerordentlich wertschätzend als Volksfrömmigkeit bezeichnet wird, schon eher als das richtige Verständnis von dem, was uns mit der literarischen Gattung einer Legende nahegebracht werden soll. Nämlich das, was an demjenigen, von dem die Legende Außergewöhnliches berichtet, das Beispielhafte, das Nachahmenswerte, das durchgehend Vorbildhafte war, was ihn vor allen anderen auszeichnete und was ihm in nahezu einmaliger Weise immerfort eigen war.

„Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden“ sagen die Italiener und meinen damit, was die Legende schildert, hebt das Verhalten eines Menschen auch in allen anderen Situationen und zu jeder anderen Zeit hervor.

So auch die Ulrichslegende: Wie durch ein wunderbares Geschehen der Verwandlung einer Fleisch- in eine Fischspeise vom Hl. Ulrich das Gebot der Freitagsabstinenz gehalten wurde, wie der Heilige auch das noch so unscheinbare Gebot der Kirche beachtete und sich ohne Wenn und Aber daran hielt.

Wir dürfen dabei auch an das Herrenwort denken: „Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen (und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen)“. [1] Oder erscheinen uns etwa bei der Rede Jesu von den Geboten die Gebote der Kirche nur als eine zu vernachlässigende Größe, obwohl sie uns doch klar und deutlich ansagen, was das Leben und den Habitus eines katholischen Christen ausmacht?

  • Der Besuch des Gottesdienstes an Sonn- und Feiertagen und die Heiligung des Sonntags.
  • Der Empfang des Bußsakramentes wenigsten einmal im Jahr und der Empfang der Hl. Kommunion mindestens zu Ostern.
  • Ja, auch das Halten der Fast- und Abstinenzgebote wie die Unterstützung der materiellen Erfordernisse der Kirche.

Wird etwa deswegen die Kirche bisweilen sogar von den eigenen Leuten schlecht gemacht, nur weil sie uns damit ins Gewissen redet?

Dabei sollten wir in der sogenannten Ulrichslegende die fast schon archetypische Bedeutung der Symbolik des Fisches nicht unterschätzen. Auch der Hl. Benno von Meißen hat der Legende nach, als er an seinen Bischofssitz zurückkehrte, den Schlüssel zu seiner Kathedrale in einem Fisch gefunden.

Gehen wir etwa zu weit, wenn wir schon die Erwähnung der zwei Fische zusammen mit den fünf Broten bei der Speisung der 5000 als einen zarten Hinweis auf die Bedeutung des Fischsymbols für die frühe wie für die gegenwärtige Zeit des christlichen Glaubens und der Kirche deuten?

Ichtys – heißt der Fisch in griechischer Sprache, und das sind die Angangsbuchstaben einer ersten Kurzformel des Glaubens:  – Jesus Christus, Gottes Sohn, Erlöser –. Das ruft das Symbol des Fisches allen Eingeweihten an den Wänden der Katakomben wie auf dem Heck des Autos eines bekennenden Christen heute gleichermaßen zu.

Darum brauchen wir gar keinen Unterschied zwischen einem ungenau gebrauchten Begriff der Legende und dem der Volksfrömmigkeit herzustellen. Beide legen uns die Christozentrik und Christusförmigkeit, die Heiligkeit und die Kirchlichkeit der Person des Hl. Ulrich gleichermaßen zur Nachahmung vor.

Man mag die Diadochenkämpfe um die Vorherrschaft im alten Rom einschätzen wie man will, man mag mit recht gemischten Gefühlen an die Erhebung des christlichen Glaubens zur Staatsreligion des Römischen Reiches denken, an der tiefgründigen Wahrheit der Verheißung: „In diesem Zeichen wirst du siegen.“ – besteht kein Zweifel. Die diese Verheißung mitten in ihrem Alltag beherzigen, sind ihrer Wahrheit sicher näher, als die Eroberer, die das Zeichen des Kreuzes an ihren Segeln und Schiffen, Fahnen und Standarten anbringen ließen.

„Sankt Ulrich ruft uns Christen den Sinn des Kreuzes und seine Fruchtbarkeit in Erinnerung. In einer Stunde, in der die Kirche eine Art Karfreitag durchlebt, ist es gut zu wissen, dass dies der normale Weg ist, über den, seit Kalvaria, die Erlösung der Welt und alle Erneuerung der Kirche geht…“, erklärte schon der belgische Konzilsbischof, Kardinal Suenens, in einem flammenden Appell, als er vor über 40 Jahren an den Ulrichsfeierlichkeiten in unserem Bistum teilnahm.

Der Brief an die Hebräer, aus dem wir die 2. Lesung gehört haben, klingt wie eine Zusammenfassung und geistliche Bestätigung unseres Gedenkens an den Hl. Ulrich. Am Ende gemahnt er uns daran, an die zu denken, die uns das Wort Gottes verkündet haben, auf das Ende ihres Lebens zu schauen und ihren Glauben nachzuahmen. Vor allem aber verweist er uns in ganzer Tiefe und Breite auf den, der uns allein dazu motivieren und befähigen kann, Gott allzeit das Opfer des Lobes darzubringen, die Frucht der Lippen, die seinen Namen preisen, auf Jesus Christus, der derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit. Amen

 

[1] LK 16,10