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Predigt zum Hochfest des heiligen Ulrich 2018

12.07.2018

- es gilt das gesprochene Wort

Am Hochfest des Hl. Ulrich – unseres Bistumsheiligen – lassen wir uns sagen:
Die Heiligen lenken unseren Blick auf den Himmel,
unser aller ewige Bestimmung
und zugleich darauf,
was das für unseren konkreten Alltag und unseren alltäglichen
Umgang miteinander bedeutet.
  
Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
liebe Schwestern und Brüder in Christus!
 
Als ich vor einiger Zeit – es war am Gedenktag des Heiligen Aloisius von Gonzaga – von den Mitgliedern der Bayerischen regionalen Kommission für die Ordnung des diözesanen Arbeitsrechts gebeten worden war, mit ihnen im Haus St. Ulrich die Hl. Messe zu feiern, sah ich mich natürlich auch vor die Aufgabe der Verkündigung gestellt. Und wenn das Wort des Hl. Dominikus wahr ist, dass ein Christ dort, wo er ist, predigt, erlaube ich mir einmal, die Fragen, die sich mir bei der Vorbereitung aufdrängten, auch an Sie weiterzugeben.
Was würden Sie wohl den Dienstgeber- und Dienstnehmervertretern sagen wollen, die miteinander über die Anwendung des kirchlichen Arbeitsrechts beraten?
Was würden Sie wohl denen sagen, die beauftragt sind, sich über tarifliche Ansprüche im kirchlichen Dienst zu verständigen?
Und was würden Sie wohl den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im kirchlichen Dienst am Gedenktag des Hl. Aloisius von Gonzaga verkünden wollen, der beinahe 500 Jahre vor unserer Zeit lebte, dem Adel entstammte und dennoch den geistlichen Stand einer eher arm zu nennenden Ordensgemeinschaft wählte?
Und was halten Sie überhaupt für die Botschaft eines Heiligen, der sich schließlich bei der Pflege Pestkranker infizierte und noch in jungen Jahren daran starb, angesichts der heutigen arbeitsrechtlichen Auseinandersetzung von Dienstgebern und Dienstnehmervertretern, die vor allem auf ihren auskömmlichen und gerecht empfundenen Lebensunterhalt bedacht sind?

Spätestens jetzt wird vielleicht der eine oder andere aufbegehren und geltend machen, dass wir doch zur Feier der Hl. Messe am Hochfest unseres Bistumspatrons, des Hl. Ulrich, zusammengekommen sind, und nicht zu historischen und sozialpolitischen Überlegungen. Aber allein schon mit dem Gebrauch eines Wortes wie Bistumspatron könnte er sich schon selbst widerlegen. Welche Vorstellungen haben wir denn heute noch von einem Patron? Der Unbedarfte bringt das doch schon rein sprachlich bestenfalls mit gesellschaftlichen Verhältnissen in Verbindung, die noch vor nicht allzu langer Zeit in dem einen oder anderen südeuropäischen Land herrschten.

Oder gibt es da vielleicht doch eine ganz andere, von den gegenwärtig bestehenden Verhältnissen gänzlich verschiedene Ebene, auf der wir unsere Betrachtung zum Hochfest des Hl. Ulrich anstellen, ganz gleich, zu welcher Zeit die Heiligen gelebt haben? Machen wir es kurz: Alle Heiligen der Kirche, alle, die wir als bei Gott Vollendete ansehen, lenken unseren Blick auf den Himmel, unser aller ewige Bestimmung und zugleich darauf, was das für unseren ganz konkreten, irdischen Alltag und unseren Umgang miteinander bedeutet. Unter diesem Blickwinkel ist es allerdings mehr als angebracht, gerade das Leben und Handeln der Heiligen zu betrachten und auszulegen, was das für uns bedeutet.
Und wenn es schon ein guter Brauch ist, vom Heiligen Land als vom Fünften Evangelium zu sprechen, so ist es nur mehr konsequent, das Leben und Vorbild der Heiligen als die unmittelbar darauf folgende Verkündigung der Frohen Botschaft zu verstehen. Dann ist es aber auch nicht anders als bei der Heiligen Schrift unsere Aufgabe, uns in das Leben der Heiligen hineinzuversetzen, es auszulegen und zu deuten.

„Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben, schaut auf das Ende ihres Lebens und ahmt ihren Glauben nach.“ – werden wir in der zweiten Lesung dieses Tages aus dem Hebräerbrief aufgefordert. Der dies geschrieben hat, wusste, dass das Lob Gottes aus einem aufrichtigen Herzen kommen muss, das ohne Vorbehalt die Nähe Gottes sucht. Das aber wiederum kann nirgendwo anders umgesetzt werden als in unser aller ganz konkretem Alltag. Und dazu braucht es den Gehorsam, den Frieden und das Gebet.

Mag das Leben des Hl. Ulrich nun schon mehr als ein Jahrtausend zurückliegen, seine Biographie bietet uns nach wie vor eine schier unerschöpfliche Fülle für den Erweis des untrennbaren
Zusammenhangs von wirksamer Tatkraft und geistlicher Motivation. Und vermutlich verbinden wir den Befestiger der Stadt Augsburg und Sieger vom Lechfeld immer noch viel zu wenig mit dem vielfältigen fruchtbaren Wirken des geistlichen Hirten. Wissenschaftlich fundierte und eher volkskirchlich an der Legende orientierte Biographien stimmen jedenfalls bei diesem Zusammenhang durchaus überein.
Denn er befestigte nicht nur die Stadt Augsburg, ließ nicht nur Kirchen wieder aufbauen, die den Verheerungen der Ungarneinfälle zum Opfer gefallen waren, sondern errichtete Dom und Domschule und gründete mehrere Klöster. Jedem einigermaßen über die Geschichte seiner Stadt informierten Augsburger wird das nicht unbekannt sein. Eher weniger aber vielleicht die Tatsache, dass Bischof Ulrich auch den Ausbau der feierlichen Liturgie und der Predigt förderte.
Die ältesten Zeugnisse darüber, wie der Laienwelt die Festgeheimnisse der Heilsgeschichte veranschaulicht werden sollen – so wird in einer seiner Lebensbeschreibungen geschlussfolgert, – stammen aus dem Augsburg des Hl. Ulrich.
Eine Palmsonntagsprozession mit der Christusfigur auf dem hölzernen Palmesel, die Fußwaschung an zwölf Armen am
Gründonnerstag, die Grablegung Christi in ein erst symbolisch angedeutetes Heiliges Grab, die Weihe der Osterkerze am Karsamstag, die Verehrung des Allerheiligsten in einer liturgischen Feier unter dem Wechselgesang von Knabenchören waren Bestandteile der Karwoche, wie sie Bischof Ulrich zu seiner Zeit begangen hat.
Die Worte Papst Benedikt XVI., wonach der Umgang mit der Liturgie über das Schicksal der Kirche entscheidet, dürfen wir fraglos auch auf die Freude unseres Bistumsheiligen an der Feier der Liturgie anwenden.
Als Bischof und Reichsfürst, aber auch als Vertrauter von weltlichen Herrschern leistete er sowohl dem Reich wie der Kirche wertvollen Dienst mit Rat und Tat. Ganz verhalten, aber bezeichnend mag uns der Hinweis einer der Biographen erscheinen, dass Ulrich beim Ansturm der Ungarn die Männer zum Widerstand aufrief und selber hoch zu Ross, ohne Helm und Harnisch, aber mit umgehängter Stola als Zeichen seines Priestertums die Verteidigung geleitet haben soll. Und noch
heute dürfen wir darauf setzen, dass auch das Standbild vor unserer Domkirche, bei manch einem noch seine geistliche Wirkung zu entfalten vermag, denen der Mann auf dem Pferd mit dem Kreuz in der Hand zunächst nur als attraktiver Hintergrund erschienen ist.
Ob ich sie segnen könne, fragte mich kürzlich eine Kontrolleurin auf dem Berliner Flughafen, die auf ihrer Dienstkleidung ein kleines türkisches Fahnenabzeichen trug. Meine Priesterkleidung hatte sie offensichtlich dazu ermutigt, diese Bitte zu äußern, der ich gern entsprochen habe. Und gegenüber manchem meiner Mitbrüder stellt sich mir die Frage: Meinen wir wirklich, näher bei den Menschen zu sein, wenn wir auf die priesterliche Kleidung verzichten und nicht als Geistliche zu erkennen sind?
  
Liebe Schwestern und Brüder, es mögen nicht allzu viele sein, die die sogenannte Flüchtlingskrise auch als eine Chance verstehen. Aber an einen jeden von uns ist zu allen Zeiten und unter allen Umständen die Frage gerichtet, ob wir die Bereitschaft und den Willen und nicht weniger überhaupt das Wissen und die geistliche Kraft haben, den Menschen, die nicht aus unserem christlichen Kulturkreis kommen, Auskunft über unseren Glauben zu geben und die Hoffnung, die uns beseelt.
Der Hl. Ulrich sollte schon viel früher als Bischof das Bistum Augsburg übernehmen, hielt sich aber für zu jung, diese Würde – wie es heißt – anzunehmen.
„Du wirst das Bistum dennoch übernehmen müssen, dann aber, wenn es in Trümmern liegt und du harte Mühe haben wirst, es wieder aufzurichten.“ – hatte ihm der Papst nach seiner Ablehnung geweissagt, und so war es dann auch gekommen.
Als neuer Bischof fand er sein Gebiet in schlimmer Verfassung vor. Und niemand soll meinen, dass die Widerstände, die sich ihm entgegenstellten, etwa rein materieller Natur aufgrund der militärischen Bedrohung durch die Ungarn gewesen sind. Auch die uns allen bekannte Legende, auf die sich die Darstellung des Heiligen in der Kunstgeschichte stützt, weist uns darauf hin, dass es Menschen gab, die ihm alles andere als wohlgesonnen und darauf aus waren, seinen guten Ruf zu zerstören. Als Beweis dafür sollte ein Stück Fleisch herhalten, das der Bischof einem Boten des bayerischen Herzogs am Donnerstag zu später Stunde als Lohn übergeben hatte, ohne daran zu denken, dass der Freitag, der Abstinenztag, bereits angebrochen war. Als der Übelwollende jedoch das Indiz vorzeigen wollte, war es in einen Fisch verwandelt worden.
Die literarische Gattung der Legende ist zwar vor allem ein Hinweis auf das, was an dem Heiligen besonders nachahmenswert war. Ich werde jedoch den Gedanken nicht los, dass die Verwandlung des Fleisches in einen Fisch ein verborgener aber unübersehbarer Hinweis auf die ungebrochene Christusbezogenheit des Heiligen ist.
Jesus Christus, Gottes Sohn, Erlöser, wie die fünf Anfangsbuchstaben des griechischen Wortes für den Fisch von alters her gedeutet werden. Jesus Christus ist die Quelle der Kraft, aus der der Hl. Ulrich bei der Feier des Hl. Opfers und im treuen Gebet auf seinen beschwerlichen Reisen und Visitationen schöpfte.
Die Übertragung seiner Reliquien an seine ehemalige Wirkungsstätte Ottobeuren, Benediktbeuern, Kempten und Nördlingen soll möglichst vielen Gläubigen in unserem Bistum dazu dienen, im Nachdenken über sein Vorbild auf seine Fürsprache Jesus Christus zu begegnen und ihm Lob und Dank zu sagen für das Gute, das er mit dem Wirken des Heiligen an unseren Vorfahren im Glauben getan hat.

Jesus Christus ist derselbe
gestern, heute und in Ewigkeit. –

ist das Wort des lebendigen Gottes am Hochfest des Heiligen Ulrich, der unseren Blick auf den Himmel lenkt und zugleich darauf, was das für unseren ganz konkreten Alltag und unseren alltägliche Umgang miteinander bedeutet.
 
Liebe Schwestern und Brüder!
Das Leitwort der ersten Ulrichswoche, die ich im Bistum Augsburg begehen durfte, lautete:
„Bleibt in meiner Liebe.“ – aus dem Evangelium nach Johannes, das wir auch heute gehört haben. Es war unterlegt mit dem Titel: „Bleiben heißt Weitergehen.“
Das diesjährige Leitwort ist Teil einer Bitte des „Vater unser - Gebets“, die als Ganzes lautet: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“
Die Liebe, von der Jesus zu uns im Evangelium spricht, hat ihren Ursprung in der Liebe, mit der Gott seinen Sohn liebt, und ihr Vorbild in der Innigkeit, mit der sich der Sohn dem Vater zuwendet. Darum wiederhole ich, womit ich vor einiger Zeit die Gläubigen zur Feier der Priesterweihe ermutigen wollte: Trotz immer noch hoher Austrittszahlen aus unserer Kirche, entgegen allem statistischen Befund und wider alle Klage: Wir sind nicht etwa nur angetreten, um Kirchen zu füllen und Mitgliederzahlen zu steigern, sondern um Menschen in eine lebendige Beziehung zu unserem Herrn Jesus Christus zu bringen und den Getauften und Gefirmten zu helfen, das Geschenk zu erschließen, das sie von Gott bereits empfangen haben.
Wenn nun aber unser Herr Jesus Christus die Liebe, von der er im Evangelium zu uns spricht, zum Gebot macht und wenn es wahr ist, dass Bleiben Weitergehen heißt, dann müssen wir uns schon einmal als Bistum, als Pfarreiengemeinschaft aber auch ganz persönlich fragen, ob und wie wir in den vergangenen Jahren in unserer Nähe zu Gott und in der lebendigen Beziehung zu unserem Herrn Jesus Christus vorangekommen sind.
Denn das ist doch nicht nur der Sinn und das Ziel unseres bischöflichen und priesterlichen Wirkens, sondern unserer gesamten Glaubensverkündigung, aller unserer Gottesdienste und Gebete wie der Feier des Kirchenjahres und als einem seiner Höhepunkte der festlich begangenen Woche zu Ehren unseres Bistumsheiligen und erst recht jenes Gebetes, in dem wir täglich darum bitten, dass der Wille unseres himmlischen Vaters geschehe und wir mit allen Heiligen an das Ziel unserer ewigen Bestimmung gelangen. Amen