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Predigt zum Pfingstsonntag 2016

15.05.2016

- es gilt das gesprochene Wort

Dich sendet Gottes Allmacht aus in Feuer und in Sturmes Braus,
du öffnest uns den stummen Mund und machst der Welt die Wahrheit kund.

Verehrte, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,
liebe Firmbewerberinnen und Firmbewerber!

„Warum wollen Sie Ihr Kind taufen lassen?“ – Mit dieser, so oder ähnlich formulierten Frage haben wir, habe ich in der Seelsorge immer wieder einmal das Taufgespräch mit den jungen Eltern begonnen. Meist sind wir darauf – und das war der Sinn der Sache – über den Glauben ins Gespräch gekommen. Bis mich irgendwann einmal ein Mitbruder über diese Methode zum Nachdenken gebracht hat. Denn er sagte: „Gewöhnlich fragen wir ja die Leute danach, warum sie ihr Kind taufen lassen wollen, dabei müssten doch eigentlich wir es sein, die ihnen überhaupt zuerst einmal sagen, was die Taufe bedeutet und warum es gut und richtig ist, ihr Kind taufen zu lassen und im Glauben zu erziehen.“

Auf diesen Einwand habe ich bei vielen weiteren Taufgesprächen wenigstens immer wieder einmal Bezug genommen. Dabei war jedem von uns weiterhin klar, dass es – wie schon gesagt – mit dieser gewöhnlich gestellten Frage eigentlich nur um eine Methode ging, um das Gespräch über den Glauben zu eröffnen und auf das Wesentliche zu sprechen zu kommen.

Aber erst vor wenigen Tagen machte ein Mitbruder erneut seine Anmerkung zu der damaligen Korrektur. Mit seiner Frage: „Müssten es nicht gerade wir Priester sein, die den Gläubigen erst recht bei dieser Frage helfen, sprachfähig zu sein und in der Lage, selber Auskunft geben zu können nicht nur auf die Frage nach der Taufe ihres Kindes, sondern nach ihrer eigenen Hoffnung und ihrem eigenen Glauben?“

Eine Frage, deren Einwand man wiederum nicht zurückweisen konnte, und die wiederum nur mit einem eindeutigen „Ja“ beantwortet werden kann. Ganz und gar der Aufforderung des Apostels Petrus in seinem ersten Brief entsprechend: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ . Und ebenso beseelt von der Überzeugung der Apostel Petrus und Johannes, mit der sie vor dem Hohen Rat bekannten: „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben.“

Wie angsterfüllte und verschreckte Menschen quasi mit einem Schlag die verschlossenen Türen öffnen, aus sich heraus gehen, freimütig von Gott sprechen und Gottes große Taten verkünden, das wird uns wieder in der ersten Lesung dieses Hohen Pfingstfestes eindrücklich geschildert. Sturm und Feuer haben ihre archaische Kraft durch die Jahrhunderte hin-durch nicht verloren. Ja, die Bildhaftigkeit und Sprachgewalt, mit der der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte die Geistbegabung der Jünger Jesu in Szene setzt, lässt uns noch darüber hinaus staunen über die Geistbegabung des Evangelisten selber und seine Sprachfähigkeit im Hl. Geist. 

Stehen wir aber mit unserem Verlangen nach einer zeitgemäßen Sprachfähigkeit der Glaubenden erst am Anfang? War das nicht zu allen Zeiten notwendig? Ist nicht von Anfang der Kirche an das Evangelium so verkündet worden, dass Menschen, die noch nie etwas davon gehört hatten, in sich gegangen, zum Glauben an Jesus Christus gekommen sind und sich haben taufen lassen? Haben wir nicht manchmal heute sogar den Eindruck – uns mancher Mitbruder hat mir das schon bestätigt –, dass die Frohe Botschaft oft von den Menschen verständiger aufgenommen wird, die noch nie etwas davon gehört haben, als von denen, die sie schon lange zu kennen meinen?

Noch nie haben den schon Getauften so viele Möglichkeiten zur Verfügung gestanden, über ihren Glauben nachzudenken, ihn zu vertiefen und in Freiheit zu leben und zu bekennen wie in unserer Zeit und Gesellschaft! Und wenn Sie in der Apostelgeschichte weiterlesen, werden auch damals die Spötter keineswegs verschwiegen, die sich dem Anspruch der Erfahrung des Geistes entziehen wollen – außer sich und ratlos – wie es heißt – waren sie allesamt.  Davon unangefochten, redet ihnen der Apostel Petrus in seiner Pfingstpredigt alles andere als nach dem Mund. Oder wie würde wohl nach Ihrer Meinung heute eine Menge von Menschen reagieren, wenn ihnen der Mord am größten aller Propheten vorgehalten würde mit den Worten: „Ihn, der nach Gottes beschlossenem Willen und Vorauswissen hingegeben wurde, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht.“

Es ist der Geist Gottes, der schon die Jünger von Emmaus fragen lässt: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift er-schloss?“ , und sie ganz entgegen aller Vernunft noch in der Nacht nach Jerusalem zurückkehren lässt, um dort zunächst das Auferstehungszeugnis des Simon zu vernehmen und da-rauf ihre eigene Erfahrung mitzuteilen.  Es ist der Geist Gottes, der schon lange davor die Samariterin vom Gespräch mit Jesus am Jakobsbrunnen in ihr Dorf zurückkehren und bezeugen lässt, dass er ihr alles gesagt hat, was sie getan hat.  Es ist der Geist Gottes, der die meisten auf die Predigt des Apostels hin den Petrus und die übrigen Apostel tief betroffen fragen lässt: „Was sollen wir also tun, Brüder?“ – und sie das Wort annehmen und sich taufen lassen lässt, so dass sie – wie es heißt – der Gemeinschaft der Apostel hinzugefügt wurden.

Wir haben nicht das geringste Problem mit der Tatsache, dass der Evangelist Johannes von der Geistbegabung der Apostel schon am Tag der Auferstehung selbst, der Evangelist Lukas jedoch davon erst am 50. Tag nach Ostern berichtet. Denn der Geist ist der Beistand, dessen Ankunft der Herr noch vor seinem Leiden und Sterben angekündigt hat. Der Auferstandene und Erhöhte ist nun selber der Sendende, weil er selber der von Gott Gesalbte und Gesandte ist. Der Friede ist die erste Gabe, die er den Seinen zuspricht und mit dem Hinweis auf seine Wunden hinterlegt. Wer überzeugen will, muss Wunden zeigen, hat irgendjemand einmal gesagt. Jesus hat dafür Leiden und Sterben auf sich genommen. Der Zweifler Thomas findet dadurch schließlich zum Glauben und zur Anbetung. Der sinnenfällige Erweis von Jesu Hingabe für sie löst bei den Jüngern tiefere Erkenntnis und Freude aus. Sie sind nicht mehr nur auf sich allein gestellt. Der Herr hat sein Versprechen eingelöst, im Hl. Geist immer bei ihnen zu bleiben.

„Wir sind der Gegenstand einer unendlichen Sehnsucht des Vaters, und der Hl. Geist ist das Atmen dieser Sehnsucht“ – so hat ein Dichter die Sehnsucht Gottes nach dem Menschen umschrieben und einer der Theologen schlussfolgert daraus: „Wenn wir der Gegenstand einer unendlichen Sehnsucht des Vaters sind, dann muss sich der Mensch nicht abstrampeln und irgendwie Gott spielen. Gott kommt zum Menschen und will in ihm zur Welt kommen. Nicht wir können überall Frieden schaffen … Der wichtigste Impuls dazu kommt uns immer von woanders her schon entgegen, z. B. im Mut zur Vergebung oder dem Willen zur Versöhnung.“ - (soweit der Theologe).

In der Kraft zur Vergebung der Sünden besteht zuerst die Gabe des Hl. Geistes. Aber gerade im Jahr der Barmherzigkeit dürfen wir die Vollmacht zur Verweigerung der Vergebung nicht unterschlagen. Zu Recht verstehen wir die Vollmacht zur Vergebung der Sünden auch als einen Appell an die ganze Gemeinschaft der Glaubenden. Es kann doch einer zehnmal von einem ordentlichen Gericht öffentlich freigesprochen worden sein. Wenn wir ihn immer noch wie einen Delinquenten behandeln, nützt ihm der nachdrücklichste Freispruch nichts. Aber könnten wir damit nicht auch ganz leicht dabei sein, die Vollmacht zur Verweigerung der Vergebung still-schweigend zu übergehen? Vom Evangelium her lässt sich ein solches Vorgehen jedenfalls nicht rechtfertigen.

Wie Jesus selbst kann und muss die Gemeinde das Verhaftet-sein bestimmter Menschen in Sünden feststellen. Von Anfang an strebte die christliche Gemeinde nach der Freiheit von der Sünde. Die Lossprechung davon ist ein Geschenk, aber auch ein verantwortungsvoll wahrzunehmender Auftrag des Herrn.
Haben wir vielleicht in unserer Verkündigung oftmals ein ziemlich harmloses, einseitiges und darum falsches Bild von Jesus gezeichnet?

Hat Jesus etwa nur bei der Tempelreinigung durchgegriffen? Hat er nicht auch andere Vergehen der Menschen verurteilt und die Sünde ausdrücklich beim Namen genannt? Hat er nicht die Ehebrecherin vor der Steinigung bewahrt, aber sie nicht weniger ernsthaft aufgefordert zu gehen und von jetzt an nicht mehr zu sündigen? Hat er nicht seine Jünger sogar angewiesen, weiter zu gehen und den Staub von ihren Füßen zu schütteln, wenn man sie mit ihrer Botschaft vom Reich Gottes in einem Ort nicht aufnehmen und nicht hören wollte?

Waren denn all diese seine Äußerungen, die wir höchst selten in unserer Verkündigung aufgreifen, ausschließlich den Zeitumständen und den sozialen Gegebenheiten geschuldet? Ob es nicht vielleicht auch an einem von uns weichgespülten Religionsbegriff und verfälschten Jesusbild liegen könnte, wenn mancher Zeitgenosse mit dem katholischen Glauben nur wenig anzufangen weiß?

Warum spricht der Herr so? Warum stattet er die Apostel zweifellos auch mit der Vollmacht aus, die Sündenvergebung zu verweigern? Jesus spricht und handelt so, weil er die Wahrheit ist.  Weil er dazu geboren und in die Welt gekommen ist, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen , wie er vor Pilatus bekennt. Und weil er alle kannte und von keinem ein Zeugnis über den Menschen brauchte, und wusste, was im Menschen ist.  Der Geist, dessen Beistand er den Jüngern versprochen hat, ist der Geist der Wahrheit, der sie in die ganze Wahrheit führen wird.

Wenn es nun wahr ist, dass die Hl. Kommunion keine Belohnung für die Braven ist – ist denn da etwa jemand unter uns, der deswegen diese göttliche Gabe für sich einfordern dürfte – dann ist auch die Verkündigung der Frohen Botschaft unseres Herrn Jesus Christus nichts für Langweiler und Pazifisten, für Menschen ohne Eifer und ohne Ziel, ohne Sehnsucht und jegliche Leidenschaft. Sehnsucht und Leidenschaft können nämlich sehr wohl auch in eine ganz und gar verkehrte Richtung gelenkt werden.

Frieden bringt nur die Wahrheit über das ICH. Wer seine Ruhe haben will, braucht um den Geist der Wahrheit nicht zu beten. Das heißt noch lange nicht, dass sich die Begabung mit dem Hl. Geist in überschwänglicher Begeisterung oder spektakulärem Aktionismus äußern muss. Zum Glaubenszeugnis muss sie aber jeden von uns sprachfähig werden lassen, und wenn es nur mit den wenigen Worten ist: Herr, ich will an dich glauben, hilf meinem Unglauben. Amen