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Predigt zum Pfingstsonntag 2017

04.06.2017

- es gilt das gesprochene Wort

„Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren! Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott." (Ruth 1,16)

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,
liebe Firmbewerberinnen und Firmbewerber!

Schon vor mehr als 30 Jahren hat ein angesehenes demoskopisches Institut eine Umfrage über das Pfingstfest veranstaltet. Dabei ergab sich, dass 53% der Bürger in der Bundesrepublik Deutschland seine Bedeutung nicht kannten. Unter der jüngeren Generation waren es sogar nur 23%, die etwas über den religiösen Ursprung dieses Festes wussten. Sollte sich das heute etwa zum Besseren entwickelt haben?

Verfügten wir Christen etwa heute über eine gesellschaftsprägende Kraft, die ein Hirtenfest zur religiösen Grunderfahrung hat werden lassen wie das Pesachfest des Volkes Israel?

Wissen wir denn heute etwas vom Ursprung des Pfingstfestes als einem der drei großen Wallfahrtsfeste, an dem jeder männliche Israelit zum Tempel ziehen und das Erstlingsopfer als Dankopfer für die vollendete Weizenernte darbringen sollte?

Wären wir überzeugend genug, einem heidnischen Fest wie dem des unbesiegten Sonnengottes einfach unseren Stempel aufzudrücken und ihm das Geburtsfest des menschgewordenen Gottes wirksam entgegenzusetzen?

Oder brauchten wir nicht gerade heute viel, viel Zeit, um sogar Katholiken das Pfingstfest als den krönenden Abschluss der österlichen Zeit und die ganz und gar voneinander verschiedene Darstellung der Begabung mit dem Hl. Geist in der Apostelgeschichte und beim Evangelisten Johannes zu erklären?

Andere mögen dagegen pragmatischer gesinnt sein und den zweiten Pfingstfeiertag entgegen der liturgischen Disziplin der Kirche als ökumenischen Feiertag begehen.

Aber, so könnten wir sogleich einwenden, greift nicht ein Verständnis von Ökumene zu kurz, wenn sie lediglich auf die Herstellung einer äußerlich wahrnehmbaren Harmonie zwischen der Katholischen Kirche und einigen der über 300 aus der Reformation hervorgegangenen christlichen Denominationen gerichtet ist?

Sind wir nicht gerade bei der Betrachtung von Pfingsten auf den Ursprung der jüdisch-christlichen Tradition in der Geschichte des Volkes Israel verwiesen?

Das einstige Wallfahrts- und Dankfest für die Weizenernte wurde schon bald als das Gedächtnis des Bundesschlusses und der Übergabe der zehn Gebote auf dem Sinai 50 Tage nach dem Fest der ungesäuerten Brote als Wochenfest mit der hebräischen Bezeichnung für Pfingsten begangen.

Entgegen seiner Verselbständigung in der römischen Liturgie ist der 50. Tag nach Ostern in der Tat als der krönende Abschluss der österlichen Zeit anzusehen. Die östlichen Kirchen haben das ohne Unterbrechung immer so gehalten.

Denn uns ist ja ein neues Gebot gegeben worden und von Jesus Christus durch sein Leiden und Sterben hinterlegt. Und wie Gott am Sinai aus dem Feuer zu Mose gesprochen hatte, so kam der Geist jetzt mit Brausen und Zungen wie von Feuer auf die Apostel herab, und sie begannen, in fremden Sprachen zu reden, so dass die jüdischen Pilger aus aller Herren Länder sie verstehen konnten.

Am jüdischen Gedächtnisfest des Bundesschlusses und der Übergabe des Dekalogs erfolgte die Ausgießung des Heiligen Geistes als Frucht und Vollendung der Heilstat Christi: Ein neuer Bund war geschlossen, ein neues Erntedankfest berechtigt. Das Sprachenwunder erweist sich als Zeichen für die Universalität des Evangeliums, und die Jüngergemeinde wird öffentlich durch den Geistbesitz als das wahre Gottesvolk ausgewiesen.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

vielleicht hat es Sie verwundert, dass ich unserer Betrachtung trotz der Vielfalt biblischer Verkündigung am heutigen Pfingstfest scheinbar ohne jeden Bezug einen weiteren biblischen Text vorangestellt habe. Es sind die Worte der Ruth, die von ihrer Schwiegermutter bei der Heimkehr nach Juda aufgefordert wurde, in ihr Stammland zurückzukehren. Ruth aber wollte trotz dieser Aufforderung nicht von ihr lassen.

Und wiederum begegnen wir hier der jüdisch-christlichen Tradition. Das Buch Ruth aus dem Alten Testament diente der Liturgie der Synagoge nämlich als Festrolle zum Wochenfest. Es spielte ja zum großen Teil während der Gersten- und Weizenernte.

 

Was mag eine Ruth wohl bewogen haben, trotz dieser Aufforderung, die doch auch einen Ruf in die Freiheit bedeutete, die alte Heimat zu vergessen und ihre vom Schicksal schwer geschlagene Schwiegermutter weiter zu begleiten? Warum wollte sie trotz allem ins fremde Land mitgehen?

Ich glaube, wir machen es uns nicht zu leicht, wenn wir schlicht und einfach feststellen, dass es die Liebe war, von der sie sich hat bewegen lassen.

Sie hat sich bewegen lassen von der Liebe, die sich als Vertrautheit und mitmenschliche Fürsorge äußerte, die aber ihren tiefsten Grund schon im Wirken des Geistes Gottes, in Gottes ewigem Ratschluss besaß.

Sie hat sich bewegen lassen von einer Liebe, die noch die resignierten Jünger von Emmaus sich hat um den Fremden kümmern lassen, um ihn vor den Gefahren der Nacht zu bewahren, in Wirklichkeit aber damit dem Auferstandenen die Gelegenheit boten, sich ihnen beim Brotbrechen zu offenbaren.

Sie hat sich bewegen lassen von einer Liebe, die die Jungfrau Maria ins Bergland von Judäa hat aufbrechen lassen, um ihrer Verwandten Elisabeth in den letzten Monaten und Wochen der Schwangerschaft beizustehen, die sie in Wirklichkeit aber erst richtig erkennen ließ, was der Allmächtige Großes an ihr getan hat.

Im Ursprung war es vor allem die Liebe, die die Moabiterin Ruth, die Fremde, auf einen Weg geführt hat, in dessen Verlauf sie schließlich zu einer der Stammmütter des Messias, unseres menschgewordenen Herrn Jesus Christus geworden ist.

Es ist die Liebe, mit der sich der allmächtige Gott selbst von der Erschaffung allen Daseins an über die Geschichte der Patriarchen und des Volkes Israel – von Menschen noch ungewusst – gleichsam aus sich herausgewagt hat, ohne sich zu verlieren.

Es ist die Liebe, mit der Gott aus sich herausgegangen ist, nicht um sich zu verwirklichen, nicht um zu sich selbst zu kommen, sondern um sich seinen Geschöpfen zu eigen zu machen.

Das ist Gott als Heiliger Geist. Er ist der in die Welt eingegangene Gott, der wahrhaft Neues entstehen lässt. Er ist der Geist der liebenden Zuneigung Gottes, in der Sprache der christlichen Tradition „Gnade“ genannt. Er ist das innere Beten und Rufen, der Trost, der Impulsgeber. Er ist der Geist der Versöhnung und der Heiligung. Er ist jedem Menschen individuell zugedacht, je nach den Anlagen, nach den Fähigkeiten und Aufgaben, für die Gott Menschen braucht.

Es ist schon wahr, dass im göttlichen Heilsplan jeder etwas von uns zu tun hat, viel oder wenig, und dass es nur durch ihn geschieht. Aber es ist eine alte gemeinsam-christliche Überzeugung, und so auch beim Glauben, dass unser Wollen, unser Können und das tatsächliche Gelingen von Gott allein kommen.

 

Der Heilige Geist im Inneren des Menschen – inwendiger in mir, als ich mir selber bin – wie der Hl. Augustinus sagt – erleuchtet das Herz und den Geist des Menschen und erwirkt den Glauben des Menschen. Keinerlei Initiative geht vom Menschen aus.

Setzen wir uns darum nicht selber fälschlicherweise unter Druck in der Annahme, dass es allein unsere Sache wäre, den Glauben zu vermitteln und weiterzugeben. Das kann richtig und falsch verstanden werden. Die vielfach unreflektiert gebrauchte Rede von der Weitergabe des Glaubens erscheint aber manchmal allzu selbstbewusst. Denn im Letzten und Eigentlichen vermag das nur Gott. „Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt.“ (1 Kor 12,7)

Und wenn schon niemand auch nur zu sagen vermag: „Jesus ist der Herr“, wenn er nicht aus dem Hl. Geist redet (vgl. 1 Kor 12,3b), um wieviel mehr dürfen wir hoffen, erhört zu werden, wenn wir um die Gabe des Geistes bitten.

Tritt doch sogar nach den Worten des Apostels der Geist selber mit unaussprechlichen Seufzern für uns ein, wenn wir nicht wissen, was wir in rechter Weise beten sollen (vgl. Röm 8,26). Und noch in der Bedrängnis lässt uns die Hoffnung – wie uns das Wort des lebendigen Gottes durch den Apostel versichert – nicht zugrunde gehen, weil die Liebe Gottes ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Hl. Geist. (vgl. Röm 5,5f)

 

Zu jedem Menschen spricht der Geist Gottes mit leiser, werbender Stimme und mahnt ihn, das Gute zu tun und das Böse zu lassen. Und er mahnt ihn, das Gewissen zur Richtschnur seines gesamten Verhaltens zu machen.

Uns aber, die wir in der Kraft des Gottesgeistes als getaufte Christen die Offenbarung Gottes angenommen haben, gibt der Geist immer neue Einsichten in das Wort Gottes. Er zeigt, wie unergründlich und unerschöpflich der Reichtum der Liebe Gottes ist.

Lassen wir uns doch wenigstens von seiner leisen Sprache leiten und der Stimme des Gewissens folgen.

Lassen wir doch in den geringsten Zeichen der Mitmenschlichkeit, der Fürsorge und Güte Gottes Geist zum Zuge kommen, damit wir schließlich selber gleich den Stammmüttern des Messias eingereiht werden als notwendige Glieder in die Kette der Verkündigung des fleischgewordenen Wortes, unseres menschgewordenen Herrn Jesus Christus. Amen