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Predigt zum Pfingstsonntag 2018

20.05.2018

- es gilt das gesprochene Wort

Verehrte liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,
liebe Firmbewerberinnen und Firmbewerber!

„Wie wir denn unser Leben einer solchen anonymen Macht anvertrauen könnten“ – fragte der Armeeoffizier, der uns, die wir per Anhalter unterwegs waren, freundlicherweise mitgenommen hatte.
Wir hatten ihm gesagt, dass wir Theologie studierten, und er verwies mit seinen Fragen auf alle Widerfahrnisse, die mehr oder weniger auf die Frage hinausliefen, wie denn ein Gott all das zulassen könne.
Worauf ich ihm die fiktive Geschichte von dem Juwelier erzählte, der keineswegs ein Nazi oder Antisemit gewesen war, aber gemerkt hatte, dass sein Geschäft noch viel besser ging, nachdem die Nazihorden das Juweliergeschäft seines jüdischen Konkurrenten auf der gleichen Straße zerstört und seinen Inhaber umgebracht hatten. Als dann aber die Kriegsmaschine weiter um sich gegriffen hatte, und sein Sohn zum Militärdienst eingezogen worden war und schließlich doch eines Tages die bittere Nachricht aus Stalingrad eintraf, dass sein Sohn für Führer, Volk und Vaterland … – liebe Schwestern und Brüder, Sie wissen schon, wie das weiter ging – fing auch er an zu fragen und Vorwürfe zu machen genau in der Art, wie denn Gott das habe zulassen können. Erst jetzt war plötzlich offenbar Gott ins Spiel gekommen, erst jetzt bewegte ihn die Frage nach Leid und Tod, obwohl er doch schon Jahre zuvor damit konfrontiert worden war.

Liebe Schwestern und Brüder,
ich habe mir diese Geschichte nicht ausgedacht, um damit irgendeine Person anzuklagen, und habe sie schon gar nicht erzählt, um Menschen, die so fragen, damit zu verurteilen.
Aber die Gegenfrage sei dennoch erlaubt: War denn im Leben des Juweliers Gott erst jetzt am Wirken? War er nicht schon, so lange er atmen konnte, mit seinen Geboten, ja, wenigstens mit der Stimme des Gewissens gegenwärtig, einer Stimme, die ihm zumindest nahelegte, das Böse zu meiden und das Gute zu tun? Hätte ihm nicht wenigstens die Gewinnsteigerung seines Unternehmens nach dem gewaltsamen Tod seines Konkurrenten schwer zu denken geben müssen? Andererseits, was hätte er denn unter den gegebenen Verhältnissen tun können? Und was immer er unternommen hätte: Ob er denn auch die Kraft und die Fähigkeit gehabt hätte, das durchzustehen?

Liebe Schwestern und Brüder,
dieser fiktiven Geschichte, die ich mir in meiner Erklärungsnot kurzfristig ausgedacht habe, steht heute eine Jahrtausende alte, manifeste und tiefbezeugte Botschaft gegenüber, das Wort des Lebendigen Gottes und die Frohe Botschaft unseres Herrn Jesus Christus. Dabei ist das, was wir gehört  haben, immer nur das, was die Jünger Jesu, die Apostel und Evangelisten am eigenen Leibe erfahren, was von vielen mit ihrem Blute bezeugt, und erst dann zur Bewahrung und Weitergabe an alle, die zum Glauben gekommen waren, vom Hl. Geist inspiriert niedergeschrieben worden ist.

Zum Hohen Pfingstfest wird uns durch das Evangelium die zentrale Aufgabe des Hl. Geistes enthüllt, der uns gesandt worden ist: Er wird euch in die ganze Wahrheit führen, weil er selbst der Geist der Wahrheit ist.[1]

Das ist die Wahrheit Gottes, die sich uns endgültig und unausschöpflich in Jesus Christus geoffenbart hat: Gott ist die Liebe, und Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.[2]

Weder die Jünger, noch wir, niemand von uns hätte das verstanden, wenn uns nicht der Geist Gottes selbst geschenkt worden wäre, um uns in die innere Gesinnung und Heilstat Gottes einzuführen.

Pfingsten heißt, dass sich uns Gott rückhaltlos mitteilt und uns in den lebendigen innergöttlichen Austausch zwischen Vater und Sohn hineinnimmt. Der Geist verherrlicht Christus, macht seine göttliche Sendung sichtbar und vollendet sein Werk. Uns wird kein neues Evangelium verkündet, aber wir werden befähigt, das Evangelium Christi zu hören, zu verstehen und weiterzusagen. Wir reduzieren das Hören ja allzu leicht nur auf die ausdrückliche akustische Wahrnehmung. Doch wahres Hören bedeutet weit mehr. Wahres Hören vernimmt, registriert Stimmungen, Atmosphäre, Befürchtungen und Erwartungen. Zu solchem Hören, zu solcher Sensibilität für Gottes Gegenwart sollen wir befähigt werden, zu einem Hören, von dem der Glaube kommt.

Schon um eine Stelle in der Hl. Schrift recht zu verstehen, ist es ratsam, sich in die jeweilige Szene hineinzuversetzen, oder besser, sich hineinversetzen zu lassen, und noch besser, den Hl. Geist zu bitten, uns hineinzuversetzen. Der Hl. Geist wird uns in die Frohe Botschaft hineinversetzen, damit wir verstehen und fähig sind, das, was wir verstanden haben, weiterzusagen, weiterzugeben.

Durch die Jahrhunderte hindurch haben wir uns durch die Verkündigung im wahrsten Sinne des Wortes hineinversetzen lassen in die eindrucksstarke Schilderung der machtvollen Geistbegabung der Apostel. Ihre Fähigkeit, aus sich herauszugehen, aufzutreten und zu bezeugen ist die sinnenfällig greifbare Konsequenz der Begabung durch den Hl. Geist und ihrer Beherzigung. Aller Skepsis und allem Zweifel am Pfingstgeschehen von Anfang an können wir gelassen die weltweite Ausbreitung und Entwicklung der Katholischen Kirche trotz allen Widerstands und aller Verfolgung entgegensetzen.

Wir Menschen sind ja oft nicht willens und in der Lage, die Konsequenzen, die sich aus unserem Tun und Lassen ergeben, anzuerkennen und zu tragen.
Wenn sich uns Gott rückhaltlos mitteilt, dann nimmt er nichts zurück. Wohl aber nimmt er jeden von uns ganz persönlich ernst. Wer da auch nur die leiseste Drohung herauszuhören meint, möge in sich gehen und sich auf seine Würde, seine Erwählung und Begabung besinnen und das ganze Potenzial seines Gemüts und aller seiner Kräfte auf Gottes Liebe ausrichten, auf Gottes Allmacht, seine Barmherzigkeit und seine Ewigkeit. Gott schenkt sich rückhaltlos und nimmt nichts mehr zurück. Und unsere Antwort darauf kann nur Liebe sein. Das Maß der Liebe aber, sagt der Hl. Augustinus, ist Liebe ohne Maß.

An diesem Pfingstfest dürfen (durften) wir wieder selbst lebendige Zeugen der Besiegelung von neun getauften Christen durch die Gabe Gottes, den Hl. Geist, im Sakrament der Firmung sein. Auch ihnen will sich Gott rückhaltlos schenken, wie er sich auch uns schon rückhaltlos geschenkt und seine Gabe nicht zurückgenommen hat. Und selbst wenn hier noch kleine Kinder anträten (angetreten wären), schenkt Gott sich den Kleinen und Unmündigen nicht weniger als den Erwachsenen. Denn die Besiegelung durch Gottes Gabe soll ja nicht nur das schon Empfangene der Getauften festigen, sondern die Gläubigen für das künftig noch ausstehende Glaubenszeugnis ausrüsten und bestärken.

Als wir Priester nach dem politischen Umbruch in der DDR von manchen Lehrern schon einmal in die Schule eingeladen wurden, um uns vorzustellen und zu den Kindern und Jugendlichen zu sprechen, fragte mich eines der Mädchen aus der Klasse nach meinen Ausführungen: Da denken Sie also, dass uns etwas fehlt? Die Jugendliche hat mir da fast ein wenig leidgetan, aber nach kurzem Zögern habe ich dennoch ohne Wenn und Aber mit „Ja“ geantwortet.

„Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts“, – sagt Jesus zu den Jüngern, die ob seiner Rede auf das eucharistische Geheimnis hin aufbegehrten und im Begriff waren, sich von ihm zu trennen.[3]

„Wenn wir aus dem Geist leben, dann wollen wir dem Geist auch folgen“[4], – haben wir am Schluss der zweiten Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Galater gehört.

„Folgen – Leben mit Jesus hat Folgen“, haben die Jugendlichen nun schon vor längerer Zeit gesungen und in den darauffolgenden Strophen aufgezählt, was das praktisch heißen könnte. Bis es zuletzt in die Schlussfolgerung mündet: „Zum Leben durchzudringen – so wie es Jesus tat.“

Ich habe in der Vergangenheit wohl schon wiederholt im Rahmen der Verkündigung von der kleinen Schwesterngemeinschaft in einem Ostberliner Kindergarten gesprochen, über die der Schriftsteller Rolf Schneider noch in einer DDR-Wochenzeitung berichten konnte und sie in der Überschrift als „Die freundliche kleine Minderheit“ bezeichnete. Kirchliches Leben und menschliches Miteinander in der ehemaligen DDR war vielleicht für manchen Zeitgenossen im freien Westen eine zu vernachlässigende Größe. Solch einer wird wohl auch kaum nachvollziehen können, dass eben überall dort und unter allen Umständen, wo wir dem Geist folgen, sich eine Menschlichkeit ergibt, die auch von nichtglaubenden Menschen als eine gelungene Humanität angesehen wird.

Wer „Liebe, Freude, Friede, Güte“ verbreitet, – das sind doch die Lebensäußerungen, die der Apostel als Frucht des Geistes aufzählt –. Wer „Freundlichkeit“ zeigt und „sich selbst beherrscht“, mit dem geht doch jeder, der guten Willens ist, gern um. Und nur wer genauer hinsieht, wer also das besagte Feingefühl besitzt, wird merken, dass all diese erfreulichen Eigenschaften nicht bloße Charakteranlagen oder sittliche Leistung sind, sondern eine tiefere, geheimere Quelle haben.

Denn nicht auf die korrekte Anwendung von Ehrenbezeichnungen, Titeln und Anreden kommt es an, sondern dass wir miteinander, ja, dass wir mit jedem unserer Mitmenschen respektvoll und menschenwürdig umgehen. Deswegen müssen wir noch lange nicht in das irrige Bemühen verfallen, es allen Leuten recht machen zu wollen.

Von der Wahrheit kann nicht abgegangen werden, sagt der Dichter Reinhold Schneider, aber nur die Liebe kann die Wahrheit verwalten. Und bevor wir anderen Vorhaltungen machen, müssen wir immer zuerst unsere eigene Wortmeldung und unseren eigenen Sprachgebrauch überprüfen, nicht zuletzt in den innerkirchlichen Auseinandersetzungen.

Menschen, die „ihre Leidenschaft und Begierde“ in der Zugehörigkeit zu Christus gekreuzigt haben – wie der Apostel unzweideutig feststellt – lassen andere nicht merken, dass sie aus dem Geist Gottes leben, und noch weniger, dass sie ihm folgen. Es ist eine verborgene Quelle in ihnen, aus denen die Früchte des Geistes hervorsprudeln.
Mögen wir doch dauerhaft davor bewahrt bleiben, die Wahrheit vor uns herzutragen oder sie gar von Mehrheitsvoten abhängig zu machen.

Es mag schon viel zu lange her und manch einem nach wie vor zuwider sein, aber noch heute halte ich unsere Begegnung mit dem Offizier und die Tatsache, dass wir mit einem Offizier der Nationalen Volksarmee der DDR ein nahezu geistliches Gespräch führen konnten, in dessen Nachgang er uns noch bis zu unserem S-Bahnhof gefahren hat, für eine solche Frucht des Geistes Gottes. Unverbrüchlich glaube ich daran, dass alles, was auch nur ansatzweise aus diesem Geist , dem Geist der Liebe, heraus geschieht, zutiefst menschenwürdig und langfristig von hoher Fruchtbarkeit gesegnet ist, weil es geistgewirkt ist.   Amen

 

[1] vgl. Joh 16,13

[2] vgl. Joh 3,16

[3] vgl. Joh 6,63

[4] Gal 5,25