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Predigt zur Altarweihe im Hohen Dom zu Augsburg 2016

09.10.2016

- es gilt das gesprochene Wort

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Erst vor wenigen Wochen haben wir es gefeiert: Das Fest Kreuzerhöhung. Ursprünglich war es ein Begleitfest am 14. September zum Kirchweihfest der Doppelbasilika, die Kaiser Konstantin nach der Auffindung des Kreuzes Christi durch eine Hl. Land-Expedition der Kaiserin Helena auf dem Golgotahügel hatte errichten lassen. Am Tag der Kirchweihe hielt der Bischof von Jerusalem die große Kreuzreliquie hoch und zeigte sie dem Volk zur Verehrung. Dieses Begleitfest überflügelte bald das ursprüngliche Kirchweihfest und zählte im byzantinischen Kalender zu den zwölf Hochfesten. Später brachte man das Fest auch in Verbindung mit der Wiedergewinnung des heiligen Kreuzes durch Kaiser Heraklius im Jahre 628, der das Kreuz feierlich an seinen Platz in Jerusalem zurückbrachte, nachdem es in einem unglücklichen Krieg an die Perser verlo-rengegangen war. Wir wissen sehr wohl, was der ersten Festfeier von Kreuzerhöhung am 14.09. des Jahres 335 etwa 20 Jahre zuvor vorangegangen war. Wie uns aus der römischen Geschichte berichtet wird, hatte Konstantin, bevor er Kaiser wurde, bei der Milvischen Brücke zu Rom eine entscheidende Schlacht zu schlagen. Er gewann sie, wie es heißt, weil er auf den Schilden und Standarten seiner Soldaten das Christusmonogramm Chi-Rho (☧), von manchen fälschlicherweise als PAX bezeichnet, hatte anbringen lassen. „In hoc signo vinces“ – in diesem Zeichen wirst du siegen – sei ihm zuvor im Traum signalisiert worden.

Ich erinnere mich noch genau an die Vorlesung eines Kunsthistorikers während meines Theologiestudiums in Erfurt. Anhand einer römischen Münze, auf der der Kaiser und der Bischof von Rom abgebildet waren, erklärte uns der Historiker, welche erneute Auseinandersetzung nunmehr auf die Kirche zukam, nachdem zwar die blutige und diskriminierende Verfolgung der Christen beendet, das Christentum aber vom Kaiser zur Staatsreligion erhoben worden war.
Was nämlich zunächst der Ausbreitung des Evangeliums entgegengekommen sein mochte, begann sich bald auch als eine Gefährdung des christlichen Bekenntnisses und seiner glaubwürdigen Bezeugung zu erweisen. War es doch nun im öffentlichen Leben opportun, Christ zu sein und von staatlichen Behörden bevorzugt zu werden.

Erst heute mit dem gehörigen Abstand von nahezu zwei Jahrtausenden und nach den Erfahrungen der Geschichte der Kirche wird uns so richtig bewusst, dass dieser Wandel keineswegs der reine Segen war. Erst heute geht uns so richtig auf, dass die Kirche von jeder Verflechtung mit staatlicher Ordnung und Gewalt frei sein muss, mag das anfangs unter bestimmten Verhältnissen noch so günstig und gerechtfertigt erschienen sein. Die Kirche darf ihr einzigartiges Glaubenszeugnis weder verfälschen noch instrumentalisieren lassen, wenn sie das Evangelium von der Barmherzigkeit Gottes gegenüber jedem Menschen glaubwürdig verkünden will.
Sowohl beim weitumfassenderen Umgang mit dem Thema Kirchensteuer und Kirchenzugehörigkeit wie auch beim Verhalten gegenüber dem Fremden (ich spreche ausdrücklich vom Fremden und nicht vom Vertrauten aus dem sogenannten christlich-abendländischen Kulturkreis), bei beiden wäre eine ernsthafte Besinnung und immer neue Gewissenserforschung durchaus angeraten. Dennoch brauchen wir uns von niemandem eine Diskussion über einen durchaus beachtlichen Aufwand für einen Altar aufzwingen zu lassen, der Christus in den Mittelpunkt stellt und unmissverständlich auf die Gegenwart des Herrn im Allerheiligsten Sakrament des Altares verweist, wenn man z. B. heutzutage ohne weiteres bereit ist, Millionenbeträge für Entertainment  und Freizeitgestaltung auszugeben. In unserem Bistum gibt es eine erst vor Jahrzehnten errichtete Kirche, über deren Erhalt als Pfarrkirche ich bereits eine Entscheidung treffen sollte, als ich zwar schon zum Bischof von Augsburg ernannt worden war, aber weder die Stadt, wo sie steht, noch die Kirche selber überhaupt betreten oder gesehen hatte. Erst viel später habe ich das Gebäude aufsuchen können, das keineswegs von vornherein als Kirche zu erkennen war. Und nicht nur dabei ist es mir so ergangen.
Erst als wir über die Neugestaltung dieses Altares nachzudenken begonnen hatten und eine Diskussion entfacht war, bin ich von verschiedenen Personen mit voneinander recht verschiedenen Erklärungen über den Sinn und die Bedeutung des bisherigen Ensembles an dieser Stelle auf-geklärt worden. Der entbrannte Meinungsaustausch geriet bis zur Befragung von zufällig den Dom passierenden Leuten, von denen, in aller Öffentlichkeit ausgestrahlt, sogar die Vermutung geäußert wurde, der Bischof beabsichtige, sich ein Denkmal zu bauen.
Jene Kirche, über deren Bestand als Pfarrkirche ich mehr oder weniger entscheiden sollte, bevor ich sie überhaupt in Augenschein nehmen konnte, ist mittlerweile von einer außerkirchlichen Behörde zum Denkmal erhoben worden. Und das Bistum ist gerade dabei, das zum Denkmal erklärte Haus wieder mit geistlich-pastoralem und sozial-caritativem Leben zu erfüllen.
Ja, wir gehen heute in der Tat daran, ein Denkmal zu weihen, aber wir bedürfen dazu keiner außerkirchlichen Behörde, um dies erklären und festschreiben zu lassen. Wiederholt haben die zuständigen Gremien über dieses Vorhaben beraten und zugestimmt. Und obwohl wir bei seiner Gestaltung auf die anrührende Darstellungskraft eines bildenden Künstlers der Vorzeit aus dem bildnerischen Programm des Domes zurückgreifen können, machen wir uns doch nicht daran, nur menschliche Überlegungen oder menschliche Werke durch eine Weihe zu überhöhen.
Die Sprache des Glaubens, wie sie die Väter und Lehrer der Kirche geprägt und gebraucht haben, erlaubt uns, bei dem, was wir hier anbeten und verehren, wirklich von einem Denkmal sprechen zu können, wenn wir anbetend singen:
„Denkmal, das uns mahnet an des Herren Tod! Du gibst uns das Leben, o lebendig Brot. Werde gnädig Nahrung meinem Geiste du, dass er deine Wonnen koste immerzu.“
Dieser Altar wird künftig der Dompfarrei Herz Jesu zur Feier der Hl. Eucharistie dienen. Zugleich dürfen wir in ihm den Ort und die Stelle sehen, wo das Herz der Hauptkirche unserer Diözese, dieser unserer Kathedrale schlägt. Sie ist dem festlichen Gedenken der Begegnung der Jungfrau Maria und ihrer Verwandten Elisabeth gewidmet, die von Gott gesegnet waren.
Es war immer wieder schmerzlich, diesen Ort des Allerheiligsten beim feierlichen Ein- und Auszug vor und nach den festlichen Gottesdiensten oftmals regelrecht verstellt zu sehen und noch dazu das Knie vor Menschen zu beugen, die bisweilen davon peinlich berührt waren. Der Allmäch-tige, der in Jesus Christus einer von uns geworden ist, hat mit dieser Zwischenstation von Menschen gewiss kein Problem, wohl aber wir, die wir doch gerade aufgrund und dank der Menschwerdung unseres Herrn auf Sichtbarkeit, Vernehmbarkeit, und auf eine Verehrung des Heiligen an-gewiesen sind, die doch wohl auch sichtbar nach außen bezeugt werden darf.
„Gott hat ein Herz für den Menschen. Jesus ist dieses Herz.“ So haben wir es noch aus dem alten Gotteslob gesungen.
Vor ihm, der nicht daran festhielt, Gott gleich zu sein, sondern sich um unseretwillen entäußert hat, uns Menschen gleich und bis zum Tod am Kreuz gehorsam war – vor ihm und seinem Hl. Namen soll sich jedes Knie beugen im Himmel und auf Erden.
Was können wir uns Tiefgehenderes wünschen, als dass wir alle davon ergriffen und bewegt werden und erschauernd innehalten, um uns immer wieder freudig und dankbar des Bundes zu vergewissern, den Gott mit uns durch das Blut seines Sohnes geschlossen hat.
So dass auch uns wie einst dem Urvater Jakob staunend, anbetend und gelobend aufgeht:
„Wirklich, der Herr ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht … Wie ehrfurchtgebietend ist doch dieser Ort! Er ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor zum Himmel.“

Amen