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Predigt zur Auferstehung des Herrn 2018 im Hohen Dom

01.04.2018

- es gilt das gesprochene Wort

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Meister, wo wohnst du? Das war die erste Frage, die die kommenden Jünger an den Herrn stellten.
Meister, wo wohnst du? Das ist die erste Frage von Menschen an den Menschensohn nach dem Evangelium des Johannes.
Das ist die erste Frage der Suchenden im Bericht des Johannesevangeliums von der Berufung der ersten Jünger. Und die Antwort Jesu ist einfach: keine Ortsangabe, keine Beschreibung, kein Name, sondern eine Aufforderung: Kommt und seht!

Als wir am ersten Fastensonntag die Zulassung von 30 Bewerbern zur Aufnahme in die Kirche und zu den Sakramenten der christlichen Initiation gefeiert haben, habe ich die Frauen und Männer gefragt, ob sie sich noch an den Augenblick erinnern können, an dem alles angefangen hat. Vielleicht war das nicht so punktuell festzumachen wie im Evangelium, aber doch ziemlich genau zu beschreiben.
Denn die, die Jesus zum ersten Mal begegnet sind, die sich von ihm haben fragen lassen, was sie wollen, konnten sich noch sehr genau an den Zeitpunkt erinnern, an dem er sie aufgefordert hat, zu kommen und zu sehen, und sie mit ihm gegangen sind und sahen, wo er wohnte, wenn der Evangelist notiert: Es war um die zehnte Stunde.
Auch die, die da um den Empfang der Sakramente der christlichen Initiation gebeten haben, haben irgendwann ein erstes Mal vom Glauben gehört, sind Menschen begegnet, die glauben, haben mit ihnen gesprochen und haben nach und nach begriffen, was Glauben ist, und das Geschenk des Glaubens mehr und mehr ergriffen.

Und wenn dann doch bisweilen vielleicht sogar mitten aus der Kirche heraus der leise Verdacht des bloßen Opportunismus` oder der Nachgiebigkeit gegenüber dem katholischen Ehepartner erhoben wurde, habe ich dem nicht nur widersprochen, sondern gefragt: Gibt es denn etwas Schöneres, und kann es denn etwas Besseres geben, als durch einen Menschen zum Glauben zu finden, den man am meisten liebt und dem man sich auf immer anvertraut hat?
Es ist was es ist sagt die Liebe, antwortet der Dichter Erich Fried in seinem Gedicht, „Was es ist“, regelmäßig auf die ver-schiedensten Einwände und Einschätzungen der Vernunft, der Berechnung, der Angst, der Einsicht, des Stolzes, der Vorsicht und der Erfahrung. Es ist was es ist sagt die Liebe.
Auch ich habe seinerzeit die Taufbewerber der Gemeinde eingeladen, sich gewissermaßen umzusehen, die Gottesdienste zu besuchen ohne Verpflichtung, alles mitmachen zu müssen, ganz entsprechend der Einladung Jesu an seine ersten Jünger mit den Worten: Kommt und seht!
Und ich war immer wieder darüber erstaunt, wie bereit und offen manche von ihnen waren, welche Fragen oft gerade die gestellt haben, die nicht im Geringsten kirchlich sozialisiert waren.
Die, die zum Glauben gekommen waren, hatten keine Probleme mit den immer wieder vorgebrachten Vorwürfen, Anklagen und Verdächtigungen gegenüber der Kirche, deren gelegentliche Berechtigung angesichts der langen Kirchengeschichte und Sündhaftigkeit ihrer Glieder gar nicht immer in Frage gestellt werden muss. Aber all das war, so schien es mir jedenfalls, für sie kein Thema. Und ob es ihnen bewusst gewesen sein mag oder nicht, ihr beginnender Glaube war sicher ebenfalls nicht davon zu trennen, wenn wir auch hier feststellen, dass es die Liebe war, von der sie im Tiefsten dabei bewegt und motiviert waren.

Liebe Schwestern und Brüder,

Menschen, die zum Glauben kommen wollen, brauchen vor allem Menschen, die selber glauben. Und auch Menschen, die meinen, nicht oder nicht mehr glauben zu können, brauchen keine Apologetik, keine Argumente, vielleicht auch keine aus Liebe zur Kirche wohlwollend vorgenommene Geschichtsinterpretation, von Belegen und Beweisen ganz zu schweigen. Nur so haben doch auch die Gegner Jesu die Zeichen verstanden, die sie andauernd von ihm verlangten.
Nein, Menschen, die zum Glauben kommen sollen, die wir für Jesus Christus gewinnen wollen, brauchen vor allem das Gefühl, aufgenommen und angenommen zu sein, willkommen zu sein und bleiben zu dürfen. Sie brauchen vor allem ihresgleichen, Menschen, die es gut mit ihnen meinen, warmherzige Menschen, Mitmenschen, um den Menschgewordenen kennenzulernen, ihn lieben zu lernen, ihm nachzufolgen und sich zu ihm vor den Menschen zu bekennen.
Es ist die Liebe, ja, es war die Liebe – und niemand braucht sich jetzt daran zu machen, diesen Begriff aufzudröseln, im Tiefsten gibt es nur die eine unteilbare Liebe.
– die die Frauen und auf ihr Zeugnis hin auch die Jünger, wir könnten sagen, ihre Hauptprotagonisten Petrus und Johannes zum Grab des Herrn hat aufbrechen lassen, um wenigstens den Sachverhalt des leeren Grabes bestätigt zu finden. Dabei wollen wir nicht etwa die feinsinnige Deutung mancher Bibelkundiger sogleich von der Hand weisen, dass es in dem Jünger Johannes eben das Charisma war, das zuerst am Grab angelangt ist und verstanden hat, dann aber dem Leitungsamt, dem ordentlichen Lehramt in der Person des Petrus den Vortritt lässt.
Aber es ist, es war auch die Liebe, die Maria von Magdala am leeren Grab ausharren lässt, freilich ohne verstanden zu haben, was da geschehen war.
Aber wer von denen, die Jesus nachgefolgt waren und jetzt trauerten, deren Hoffnungen sich mit dem Tod Jesu offensichtlich als Illusionen erwiesen hatten, wer von ihnen hatte denn schon irgendetwas verstanden?
War nicht schon der Weg mit Jesus lange vor der Katastrophe auf Golgota gespickt mit Unverständnis, Zweifel und Unglauben?
Hat denn Jesus von Anfang an durchweg ihren Vorstellungen entsprochen? War denn der Weg mit ihm bis zu seiner Gefangennahme nur ein einziger Höhenflug? Hatte denn ein einziger von ihnen Jesu Tod am Kreuz auch nur in Erwägung gezogen? Oder gar als notwendig erachtet? Auch ihr beginnender Glaube, ihre Freundschaft mit Jesus und die im Wachsen begriffene Liebe reichten nicht aus, den Ratschluss des Ewigen, den Gehorsam des Menschgewordenen nachzuvollziehen.
Glaube muss immer weiter wachsen und reifen, die Liebe geläutert und vertieft werden, gleichwohl, wie sie sich bei Jüngerinnen und Jüngern äußern.

Jesu Sterben war kein Missgeschick der Geschichte oder ein Schönheitsfehler im göttlichen Plan, der durch das, was wir Auferstehung nennen, ganz schnell wieder wett- und vergessen gemacht worden ist. Die dreimalige Frage, die der Auferstandene wenig später an Petrus stellen wird: Liebst du mich? – ist nicht etwa nur so ein literarisches Pendant zu seiner dreimaligen Verleugnung, sondern ist die Frage schlechthin, die der Herr auf die jeweils angemessene Weise an jeden Menschen, an jeden von uns stellt.
Auch Maria von Magdala musste begreifen, dass Jesus nicht einfach in unser Leben und Lieben zurückgekehrt ist, sondern auferweckt worden ist in das Leben bei Gott, seinem Vater. Und dass er uns vorangegangen ist, so dass wir Hoffnung haben dürfen – Hoffnung, keine fraglose Selbstgewissheit.
Zu denen, die ihn einst gefragt haben: Meister, wo wohnst du? – sagt er nicht mehr nur: Kommt und seht! – sondern er fordert sie auf, es ihm gleichzutun mit den Worten: Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Das haben wir noch vom Beginn der drei österlichen Tage im Ohr.
Aber er hat auch gesagt: Liebt einander, wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Da wird es schon enger, das geht schon weit über einen noch so engagierten sozial-caritativen Einsatz hinaus. – Und viele weitere unzählige Worte unseres Herrn zu seiner Nachfolge.
Erscheint nicht nach den Worten des Auferstandenen an Maria von Magdala: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen , also sein Aufgang zum Vater geradezu als Voraussetzung dafür, mit ihm auf Erden in lebendigem Kontakt bleiben zu können? Darum müssen die Worte des Anfangs noch einmal vertieft und verdeutlicht werden: Ja, es ist wahr, Menschen, die zum Glauben kommen, brauchen vor allem Menschen, die selber glauben, brauchen das Gefühl von ihnen aufgenommen und angenommen zu sein. Sie brauchen Menschen, warmherzige Menschen, um den Menschgewordenen kennen und lieben zu lernen. Menschen, die über die Wahrheit des Glaubens nicht nur angestrengt wachen, sondern sie auch anziehend erscheinen lassen.
Aber im gleichen Zuge heißt das: Menschen, die zum Glauben gekommen sind, brauchen vor allem und zutiefst Menschen, die Hoffnung haben, Hoffnung auf den Himmel, auf unser aller ewige Bestimmung und Vollendung.
„Wir haben uns alle, gerade in der Zeit nach 1945, tief in die Welt und das Diesseits vergraben und verkrallt, auch in der Kirche. Das gilt auch für mich“ – bekennt der verstorbene Karl Kardinal Lehmann in seinem Geistlichen Testament, und fährt fort: „Ich bitte Gott und die Menschen um Vergebung. Die Erneuerung muss tief aus Glaube, Hoffnung und Liebe kommen. Deshalb rufe ich allen die Worte meines Wahlspruchs zu, die vom Heiligen Paulus stammen, und mir immer wichtiger geworden sind: Steht fest im Glauben!“
Kardinal Lehmann hat diese Worte erst im Jahr 2009, also vor nicht einmal 10 Jahren niedergeschrieben.
Liebe Schwestern und Brüder, ich werde manchmal den Eindruck nicht los, dass auch bei manchen von uns die Rede von den Werten, wenngleich als christliche bezeichnet, und von der Bewahrung der Schöpfung an die Stelle des Gottesdiens-tes und des katholischen Glaubensbekenntnisses getreten zu sein scheint.

Liebe Schwestern und Brüder,

Ostern bedeutet die Menschwerdung unseres Herrn Jesus Christus und seine Auferstehung von den Toten zugleich wahrnehmen und dadurch von tiefer unzerstörbarer Freude erfüllt sein. Ostern heißt die Menschwerdung unseres Herrn, und das bedeutet seine Entäußerung und Selbsterniedrigung für uns bis in den Tod und seine Erhöhung über alle und alles durch den himmlischen Vater buchstäblich wahr nehmen, das heißt Glauben und Hoffnung auf den Himmel haben. Ich erinnere mich, dass mir eine ältere Frau aus der Gemeinde zum Geburtstag gratulierte oder Abschiedsgrüße sandte – das weiß ich nicht mehr genau – aber noch ganz genau, dass sie ihren vielen verschiedenen guten Wünschen abschließend hinzufügte: „Und dann den herrlichen Himmel!“

Liebe Schwestern und Brüder,

ich vermag ihnen keine froheren Ostern zu wünschen als mit diesem abschließenden Wunsch jener einfachen Frau. Amen. Halleluja