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Predigt zur Chrisam-Messe 2016 im Hohen Dom

23.03.2016

- es gilt das gesprochene Wort

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,
meine lieben Firmbewerberinnen und Firmbewerber!

Wenn Sie einmal die Gelegenheit haben, die byzantinische Dom-Basilika von Monreale oberhalb der sizilianischen Hauptstadt Palermo zu besuchen, dann werden Ihre Blicke unausweichlich auf das übergroße  Mosaik in der Apsis der Kirche mit dem Bildnis des Christus Pantokrator, des Weltenherrschers, gelenkt. Christus umfasst das All und zieht auch uns immer tiefer in das Geheimnis seiner allumfassenden Herrschaft hinein. Wir müssen schon tiefer in die Kathedrale hineingehen, uns mitten in die Vierung stellen und nach links wenden, um die Darstellung von Golgota mit dem gekreuzigten Herrn zu entdecken. Aus welchen Gründen auch immer sich die byzantinische Ikonographie mit der Darstellung des gekreuzigten, leidenden und sterbenden Herrn schwer getan haben mag – auch wir müssen uns schon tiefer hineinnehmen lassen in das Geheimnis unserer Erwählung zu Priestern und Königen, um durch das Kreuz Christi zum Leben der Auferstehung mit dem verherrlichten Christus zu gelangen.

Vor allem in dieser heiligen Feier zur Weihe der heiligen Öle, des heiligen Chrisam, des Katechumenen- und des Krankenöls werden wir in besonderer Weise an unsere Erwählung zum priesterlichen und königlichen Gottesvolk erinnert. Das Buch der Offenbarung des Johannes begrüßt uns zu Beginn der 2. Lesung dieses Tages mit einem Segenswunsch, wie wir ihn nur von den Briefen des Apostels Paulus her kennen. Und schon unmittelbar im engeren Kontext davor werden alle diejenigen seliggepriesen, die die prophetischen Worte vorlesen, sie hören und sich daran halten.

Wie schon am vergangenen Palmsonntag in die Hl. Woche, so treten wir mit dieser Eucharistiefeier, der sogenannten Chrisam-Messe, in die Feier der heiligen drei Tage ein, die ein und dasselbe Geheimnis unserer Erlösung durch den gekreuzigten und auferstandenen Herrn auf unterschiedliche Weise entfalten. Auch wenn es die Erneuerung unserer Bereitschaftserklärung zum priesterlichen Dienst nach der Predigt nahelegen mag: Diese Feier ist dennoch keine isolierte Spezialfeier des Bischofs mit seinem Presbyterium. Nein – unser aller Erwählung und Befreiung durch die Taufe als Gemeinschaft der Erlösten wird damit besiegelt. Ja, diese Feier selbst mit ihrer Botschaft und ihren heiligen Handlungen ist eine Confirmatio, eine Bestätigung und Besiegelung unserer geistlichen Befähigung und Kraft entsprechend unserem verschiedenen Sendungsauftrag in der Welt.

Mit geistlicher Vollmacht ausgerüstet, sind wir, liebe Schwestern und Brüder, in der Lage, unseren Sendungsauftrag wahrzunehmen. Laien, Priester und Ordensleute als Getaufte und Gefirmte gleichermaßen.
Die einen aufgrund ihres besonderen Weltcharakters, vom Geist des Evangeliums geleitet, von innen her wie ein Sauerteig zur Heiligung der Welt beizutragen, sie mit dem Geist Christi zu durchdringen und durch das Zeugnis ihres Lebens im Glanz von Glaube, Hoffnung und Liebe den anderen Christus kundzumachen. Die anderen aber, sie darüber hinaus für ihre besonderen, unveräußerlichen Aufgaben zuzurüsten durch ihren priesterlichen Dienst der Verkündigung des Wortes und der Feier der Sakramente, vornehmlich der Hl. Eucharistie, wie auch die Schwestern und Brüder des geweihten Lebens, die ein vielsagendes Zeugnis dafür geben, dass die Welt nicht ohne den Geist der Seligpreisungen verwandelt und Gott dargebracht werden kann.

Ganz und gar unabhängig von der verschiedenen Berufung, der wir gefolgt sind als Diener im geistlichen Amt oder priesterlich gemeinsam mit dem ganzen Volk Gottes: Durch unseren Herrn Jesus Christus, durch die Taufe auf seinen Tod und seine Auferstehung haben wir alle Zugang zu Gott, ja, dürfen wir Mittler sein zwischen Gott, dem Vater Jesu Christi, und den Menschen. Ihm allein sind wir geweiht, und ihm allein dürfen wir dienen. Welches geistliche Potential bilden doch wahrhaft lebendige Gemeinden, die diese ihre priesterliche Sendung in jedem einzelnen ernstnehmen!

Wozu sollte denn wiederum einer von ihnen gewissermaßen als kirchenamtlich autorisierter Ansprechpartner nominiert werden, wenn der Diener im geistlichen Amt in einer größeren Einheit nicht überall vor Ort sein kann? Woher soll denn das priesterliche Gottesvolk seine geistliche Kraft beziehen, wenn es auf die bloße Präsenz eines Menschen baut, sich aber nicht vielmehr auch unter Einsatz von Zeit und Kraft wenigstens Sonntag für Sonntag um Jesus Christus versammelt und von ihm stärken und beleben lässt in der Feier der Hl. Eucharistie? Die Zusage der Gegenwart unseres Herrn, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, geht doch weit darüber hinaus und gilt genauso in der Fremde wie im heimatlichen Dorf, und nicht nur am Sonntagvormittag, sondern Tag für Tag beim gemeinsamen Gebet und Lob Gottes zu jeder Stunde. Beten, so hat einmal jemand gesagt, bedeutet priesterlich eine Brücke schlagen, auf der der Bruder oder die Schwester heimkehren können zu Gott. Also genuin priesterliches Tun eines jeden von uns.

Noch gänzlich unbelastet von der Herausforderung pastoraler Raumplanung habe ich meine Freunde und Verwandten seinerzeit zur Feier meines 25jährigen Priesterjubiläums an einem Wochentag in der Fastenzeit unter anderem eingeladen mit den Worten: die Feier der Eucharistie lohnt jeden Aufbruch. Das Gebot der Kirche, am Sonntag und an den gebotenen Feiertagen den Gottesdienst zu besuchen, ist doch eigentlich nur der letzte Extrakt eines Auftrags, der sich schon aus unserer Taufe und aus unserer existentiellen Verbindung mit Jesus Christus ergibt.

Liebe Mitbrüder,
meinen wir wirklich, dieser Lebensgemeinschaft mit Christus ausreichend zu dienen, wenn wir noch kleinste Gruppen von Gottesdienstbesuchern in ihren Kirchen, die nur wenige Kilometer voneinander entfernt sind, mit wahrlich zügigen Zelebrationen der Hl. Messe „versorgen“? Können wir denn wirklich ernsthaft von einer Feier sprechen, wenn liturgische Teile der Eucharistiefeier einfach zusammengestrichen werden und Priestern wie Gläubigen nur noch das II. Hochgebet geläufig ist, weil der Mitbruder schon nach einer knappen Stunde am anderen Ort sein muss? Von der notwendigen Einstimmung auf die Hl. Feier und anschließenden Begegnung mit den Gläubigen ganz zu schweigen.

Wollt Ihr, dass unsere Kirche verfällt? Mit dieser Frage, so berichtete mir einer der Kirchenpfleger bei der Pastoralvisitation, versuchte er Spendengelder für die dringend erforderliche Renovierung der Pfarrkirche einzuwerben. Dieselbe Frage möchte ich aber an alle Angehörigen der ganzen Pfarreiengemeinschaft gerichtet haben. Denn unsere Kirchen mögen baulich und ästhetisch noch so untadelig sein, sie verlieren aber ihre eigentliche Bestimmung, wenn sie uns nicht mehr zum gemeinsamen Gotteslob dienen.

Was kürzlich einer von der liturgischen Feier der Osternacht gesagt hat, ist auf anderer Ebene auch auf die sonntägliche Eucharistiefeier anzuwenden. Wer dem Auferstandenen begegnen will, muss sich noch zu nachtschlafender Zeit (die Feier der Osternacht soll nicht vor Anbruch der Dunkelheit beginnen und nicht nach Anbruch des Tages enden) auf den Weg machen: Was die Jünger einst erlebt haben, bleibt auch den Christen nicht erspart – die Enttäuschung, das Warten und Ausharren, die Ungeduld und das Zweifeln. Wer will, dass die Prägekraft und Nachhaltigkeit der Symbole sich entfalten, braucht die entsprechende Kompetenz. Das Tun „als ob“ ist der Tod jeder Liturgie.

Lässt sich solche Bewusstseinslage nicht auch auf die Feier der Sakramente übertragen? Muss es uns nicht ernsthaft zu denken geben, wenn wir Jahr für Jahr große Scharen von Heranwachsenden mit viel Mühe jahrgangsweise auf die Firmung vorbereiten, von der wir erfahrungsgemäß wissen, dass es für einen ebenso hohen Prozentsatz der einstigen Erstkommunionkinder bis auf weiteres der letzte Kirchenbesuch sein wird?

Mit großer Freude dürfen wir nun schon seit Jahren in dieser Hl. Feier Bewerberinnen und Bewerber für den Empfang des Firmsakraments begrüßen.

Liebe Mädchen und Jungen,
die Teilnahme an dieser Hl. Feier ist unter keinen Umständen auch nur annähernd mit dem Besuch einer sozialen Einrichtung oder etwa einer Hostienbäckerei zu vergleichen. Schon heute nämlich könnt Ihr beginnen zu begreifen, was Firmung bedeutet: Bestätigung, Bestärkung und Besiegelung Eures Christseins, Eurer Taufe durch die Gabe Gottes, den Hl. Geist. Aber auch sakramentale Bezeugung des Glaubens der Kath. Kirche. Jede Firmspendung ist auch eine Befestigung und Bestärkung Eurer Verbindung mit Jesus Christus durch die Kirche unseres Bistums Augsburg. Jede Firmfeier in der Weite unseres Bistums ist ein unübersehbares Zeugnis für die Leitung der Kirche unseres Herrn durch einen Nachfolger der Apostel, den Bischof. Und wie nach jeder Feier der Hl. Messe mit dem Entlassungsruf des Priesters oder des Diakons gilt es auch nach dem Empfang der Firmung: Jetzt fängt alles erst an. Jetzt gilt es, selbständig Euren Glauben zu bezeugen so wie es nach jeder Hl. Messe gilt, im Alltag die Hl. Messe mit dem Brot des eigenen Lebens zu feiern, sich verwandeln zu lassen und ein anderer Christus für die Menschen zu sein.

Liebe Schwestern und Brüder,
ich kann mir denken, dass diese Formulierung, die ich selber von einem anderen übernommen habe, keineswegs allen sofort einleuchtet oder auch ganz schnell wieder vergessen wird. Aber das ist der eigentliche Sinn der Salbung mit dem Hl. Chrisam und ich baue darauf, dass es von den Jugendlichen wenigstens verstanden wird, wenn ich ihnen erkläre, dass mit dem Chrisam nur Menschen oder Dinge gesalbt werden, die in besonderer Weise von Gott verkünden sollen. Also Priester und Bischöfe, aber auch neue Glocken, eine neue Kirche oder ein neuer Altar. Zuerst und vor allem aber nenne ich dabei alle Getauften und Gefirmten, und ich könnte auch mit den Worten der Offenbarung des Johannes sagen, die ganze Gemeinschaft derer, die Christus liebt, die er von ihren Sünden erlöst durch sein Blut und zu Königen und Priestern gemacht hat vor Gott seinem Vater.

Manch einen, der in den drei österlichen Tagen bisweilen kurz vor der Feier der Liturgie zur Beichte kam, habe ich auch schon einmal rhetorisch gefragt, dass er sich doch wohl zunächst vor allem wieder einmal dazu aufgemacht habe, weil Ostern naht und weil Karfreitag ist, was er unumwunden zugab. Was alles andere als ehrenrührig ist. Denn die Kirche lehrt uns, was wahre Actio und wahre Contemplatio ist. Die Kirche stellt uns das Lamm vor Augen, das geopfert wurde und uns nach Gottes Willen mit ihm versöhnt hat – wie wir im Eucharistischen Hochgebet bekennen. Da schreitet Christus durch die Zeit in seiner Kirche Pilgerkleid – singen wir in einem unserer schönen Hl. Geist-Lieder.

Durch die Kirche spricht Christus, der Menschgewordene, Gekreuzigte und Verherrlichte zu uns. Wir armseligen Menschen leihen ihm nur unsere Stimme und stellen ihm unsere Person zur Verfügung. In der Gemeinschaft der Kirche haben wir Hoffnung auf den wiederkommenden Herrn.

Lassen wir uns nicht verwirren noch ängstigen mit Parolen von der Gefahr für Deutschland und dem Untergang des Abendlandes. Was manche damit meinen, ist vielleicht schon lange passiert. Denken wir nur an die Sonntagsgestaltung oder auch den Verfall der christlichen Bestattungskultur.

Alle wahre Integration von wem auch immer kann nur in Christus angegangen und vollendet werden. Er selbst verkündigt es uns am heutigen Tag, lange vorbereitet durch seine Propheten. Er ist das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte. Er ist, er war und er kommt. Der Herrscher über die ganze Schöpfung ist auch zugleich der Menschgewordene und Gekreuzigte. Seine allumfassende Überzeitlichkeit ist zugleich die geschichtlich einmalige Tatsache seines Leidens und Sterbens.

In der Tat müssen wir schon tiefer hineingehen in die sakramentale Vergegenwärtigung von Kreuz und Auferstehung unseres Herrn in den kommenden heiligen drei Tagen. Da wollen wir sein Kreuz verehren und seine heilige Auferstehung preisen und rühmen, denn seht, durch das Holz des Kreuzes kam Freude in alle Welt.  Amen