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Predigt zur Chrisam-Messe 2017 im Hohen Dom

12.04.2017

- es gilt das gesprochene Wort

Christus repräsentieren und in persona Christi handeln, das bedeutet, sich im Gewohnten seiner Sendung bewusst zu bleiben und seinen Auftrag zu erfüllen.

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder in Christus, meine lieben Firmbewerberinnen und Firmbewerber!

Daran werde ich mich wohl immer wieder lebhaft erinnern. Wie Papst Johannes Paul II. nach langem Krankenlager aufgrund seiner lebensbedrohlichen Verletzungen bei jenem Attentat auf dem Petersplatz seine wöchentlichen Audienzen wieder aufnahm: Die piazza dei protomartiri zwischen Petersdom und unserem Kolleg am Campo Santo war wie leergefegt. Nur der weiße Jeep stand da. Bis der Papst mit seinem Dienstwagen vorfuhr und sich anschickte, den Jeep zu besteigen. Noch heute sehe ich vor mir, wie er, nachdem er das Papamobil erklommen hatte, in der Mitte stehend sichtlich entschlossen die rechte Hand auf den Querholm des Fahrzeugs legte, das sich nun langsam dem Petersplatz entgegen bewegte.

Wie viele Male wohl war das ein gewohnter nahezu alltäglich vorgenommener Ritus. Da durften auch noch andere Fahrzeuge vor der Sakristei des Petersdoms parken. Nun aber war das Ganze von höchster Brisanz. Lange schon vor den Gräueltaten der Gegenwart war der internationale Terrorismus auch auf dem Petersplatz angekommen. Eine bis dahin kaum reflektierte Gewohnheit war vom Angriff des Bösen jäh unter-brochen worden. Und dennoch ließ sich Papst Johannes Paul II. nicht darin beirren, auch weiterhin die Nähe der Menschen zu suchen. Heute verehren wir ihn als den Heiligen, der uns vorangegangen ist. 

Gewohnheiten können doch sehr ambivalent, ja können von recht unterschiedlicher Bedeutung sein. Gern erinnere ich mich noch an meinen Bischof, der mich zum Priester geweiht hat und den ich eine gewisse Zeit auf seiner Firmreise begleiten durfte. Immer wenn das Evangelium vom Besuch unseres Herrn in der heimatlichen Synagoge vorgetragen worden war, wies er die jungen Leute daraufhin, dass Jesus dort, wo er aufgewachsen war, wie gewohnt am Sabbat in die Synagoge ging. Auf die Gewohnheit Jesu kam es ihm dabei an und darauf, von welch hohem Wert doch die gute Gewohnheit gera-de beim regelmäßigen Besuch des Sonntagsgottesdienstes ist.

Wenn doch auch unsere Kinder und Jugendlichen, die sich auf den Empfang der Hl. Firmung vorbereiten, eine solche gute Gewohnheit seit ihrer Erstkommunion entwickelt hätten! Sie sollen doch durch die Gabe Gottes den Hl. Geist empfangen! Dann brauchte sich auch niemand von ihnen den Besuch von Gottesdiensten bescheinigen zu lassen. Und auch wir brauchten uns nicht fragen zu lassen, wie denn jemand durch das Sakrament des Geistes in einem Glauben bestärkt werden kann, den er nicht wenigstens mit der regelmäßigen Teilnahme an der Hl. Messe am Tag der Auferstehung unseres Herrn bezeugt und vollzieht. Vom weiteren Glaubensleben der Gefirmten ganz zu schweigen.

Die bloße Gewohnheit des Synagogengangs übertrifft jedoch Jesus mit seinem Auftreten weit. Jesus macht seinen Anspruch geltend, die Lesung vorzutragen. Von der jüdischen Liturgievorschrift ist das auch hinterlegt. Im Hl. Geist übernimmt aber Jesus gleichsam selber die Rolle des Propheten. Er findet ja die Stelle, die wir als Lesung dieses Tages vernommen haben.

Gut dreißig Jahre sind inzwischen vergangen, aber nicht nur deswegen ist die Szene in der Synagoge keineswegs viel weiter von der am Kreuz entfernt als seinerzeit die Krippe. Wenn es nach der Empörung seiner Landsleute gegangen wäre, hätte sie sogar unmittelbar bevorgestanden.

Aber die Erfüllung göttlicher Verheißungen wird weder von guten Gewohnheiten noch von menschlichen Hassausbrüchen bestimmt, auch wenn es vielleicht manchmal den Anschein haben mag. Jesus ist der Souverän. Er fügt sich nur der Stunde, die der Vater für ihn bestimmt hat. Und erst zu der Zeit, in der sie gekommen ist. Denn er ist der Gesalbte, das heißt der Gottgesandte, der seine Sendung immer erst noch vor sich hat.

Wer sind denn die Armen, denen er eine gute Nachricht zu bringen hat? Wer die Gefangenen, die entlassen und befreit werden sollen? Sind das etwa die, die eher unfreiwillig vom Bösen, ja vom Satan besessen sind oder von ihrer Sünde gefangen? Wird da im Weiteren nur an die physisch Blinden, also die Sehbehinderten gedacht oder auch an solche, denen es an der notwendigen Einsicht und Erkenntnis fehlt? Beim Propheten werden auch noch die genannt, die zerbrochenen Herzens sind. Und es scheint, das ist die Zusammenfassung aller, zu denen Jesu sich gesandt weiß, um ihnen das Gnadenjahr des Herrn auszurufen. Befreiung und Heilung aller, die zerbrochenen Herzens sind, ist Auftrag und Sendung des Gesalbten. Ja, die Siegesbotschaft für die Armen ist die Heilung des zerbrochenen Herzens. Wer von uns will da noch Unterschiede machen?

Allerdings, wer zerbrochenen Herzens ist, trägt seine Befindlichkeiten, seine Verletzungen, ja, vielleicht nicht einmal seine innersten Sehnsüchte niemals demonstrativ vor sich her. Denn dazu ist er gar nicht in der Lage.

Was für mich Barmherzigkeit bedeute, wurde ich kürzlich von Firmanwärtern gefragt; eine Frage, die sie sich womöglich nicht selber ausgedacht haben. Ich sagte ihnen, dass ich jetzt mit den klassischen Gleichnissen unseres Herrn antworten könnte, die von keiner persönlichen Stellungnahme zu übertreffen sind. Ich habe ihnen quasi negativ geantwortet und erklärt: Das Schlimmste für mich ist, wenn die, die schon am Boden liegen, noch getreten werden, wenn die, die ohnehin schon keine Stimme haben, noch mundtot gemacht werden, und es denen auch noch schwerer gemacht wird, die es schon schwer genug haben. Ich habe es ihnen dann auch noch am deutschen Wort Barmherzigkeit klar gemacht, an dem es doch gar nicht schwer abzulesen ist, was Barmherzigkeit bedeutet: Nämlich das Herz beim Armen zu haben.

Es ist doch seltsam in unserer Kirche. Da schickt uns der Papst ein nachapostolisches Schreiben, das von Hinweisen auf eine gediegene Ehevorbereitung nur so strotzt. Wir aber diskutieren nahezu ausschließlich über den Umgang mit einer pastoralen Sondersituation, anstatt nun noch intensiver über eine gute Vorbereitung der ehelichen Verbindung von Mann und Frau nachzudenken.

Wenn doch unsere Brautleute nur halb so intensiv auf ihre Verantwortung und ihren künftigen Lebensstand vorbereitet würden wie jene, die sich entschlossen haben, Priester zu werden und um des Himmelreiches willen ehelos zu bleiben! Die Bereitschaft, in der Ehevorbereitung altgewohnte ausgefahrene Gleise zu verlassen und neue Wege zu beschreiten (doch eigentlich von den Familien und vom Kindergarten an) scheint nicht sonderlich stark ausgeprägt zu sein.

Bei allen Diskussionen und noch so vielen Lese- und Verstehenshilfen ist doch die im Wort des Herrn begründete Lehre der Kirche über den Ehebund zwischen einem Mann und einer Frau nicht außer Kraft gesetzt. Darum bleibe ich dabei: Nicht nur bei der Ehevorbereitung, sondern auch bei der Vorbereitung aller anderen Sakramente ist von uns eine noch viel mehr der einzelnen Person zugewandte Pastoral gefordert. Denn der unendliche Wert des Einen ist der Schlüssel zum christlichen Verständnis der Vielen, sagte der anglikanische Primas seinen Priesteramtskandidaten vor der Weihe.

Im Hinblick auf die Eheschließung aber schließt das die Verpflichtung des Seelsorgers ein, dafür zu sorgen, dass die eigene kirchliche Gemeinde den Gläubigen die Hilfe bietet, durch die der Ehestand im christlichen Geist bewahrt wird und in der Vollkommenheit vorankommt (CIC can. 1063). Und wenn nun jemand durchaus zu Recht auf jenes Kapitel und die besagte Anmerkung über den pastoralen Umgang mit den geschiedenen und zivil wiederverheirateten Katholiken hinweist, soll uns immer bewusst bleiben, dass es zuerst um Seelsorge und nicht um pfarrherrliche Amtshandlungen geht. Da wird von einem Prozess gesprochen, der mit Sicherheit ein erheblich höheres Maß an Einsatz von Zeit, Kraft und Empa-thie erfordert als ein routinemäßig vorgenommenes Brautgespräch.

Sogar die Hilfe durch die Sakramente darf nicht auf eine kurzfristig erteilte und immer noch fragwürdige Zulassung zum Kommunionempfang reduziert werden. Sakramente sind Zeichen der Liebe Gottes, für deren Empfang leider auch über unsere Problematik hinaus nun einmal nicht jeder gleichermaßen disponiert ist. Gott nimmt uns ernst, weil er uns liebt, auch in unserem Versagen. Aber er bestimmt auch, auf welchem Weg Menschen am besten zu ihm gelangen.

Liebe Mitbrüder, einer der Exegeten stellt fest, dass mit dem Besuch Jesu in der Synagoge nicht etwa jegliches vorheriges Wirken ausgeschlossen werden soll und betont wörtlich: So ist Jesu erstmaliges Auftreten in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth nur eine – „nachgeholte Primizfeier“ – als solche aber für Lukas von fundamentaler Bedeutung (soweit). Als wir meine Primiz gefeiert haben, fragte einer der anderen Gäste jenes Parkrestaurants verwundert: Hier wird wohl eine Hochzeit gefeiert, aber wo ist denn die Braut?

Liebe Mitbrüder, wo ist denn die Braut bei den Primizfeiern, die in den Dörfern und Gemeinden immer noch da und dort gefeiert werden und von denen die regionale Presse immer noch aufwendig berichtet? Wen haben wir uns denn vertraut gemacht, dem wir zeitlebens verantwortlich sind? Als die in der Synagoge gemerkt haben, dass da einer von ihnen plötzlich einen göttlichen Anspruch geltend macht, war es mit dem Staunen und dem Beifall ganz schnell vorbei.

Liebe Mitbrüder, erkennen wir doch neu das Heute unserer Berufung und Erwählung. Mag auch das feierliche Ereignis ihres zeitlichen Beginns nur fünf oder schon fünfundvierzig Jahre zurückliegen. Kehren wir zurück – oder besser – brechen wir doch auf von leergewordenen Brauchtümern und Gewohnheiten zur erneuten Wahrnehmung unserer Sendung und unseres Auftrags, wenn wir nun schon nach guter Gewohnheit unsere Bereitschaft zum priesterlichen Dienst erneuern und die heiligen Öle weihen. Mehr denn je sind wir herausgefordert, uns bei aller Gewohnheit unserer Sendung bewusst zu bleiben und unseren Auftrag zu erfüllen und so die messianische Erfüllung zu repräsentieren, die wir immer wieder neu erfahren, wenn wir bei der Feier der Eucharistie in persona Christ handeln dürfen. Dann gilt es nicht nur für unseren priesterlichen Dienst am Altar, sondern für jeden unserer Brüder und Schwestern und gerade für Euch, liebe Firmbewerberinnen und Firmbewerber, womit einer der Mitbrüder die Einladung zur Feier seines 25jährigen Priesterjubiläums abschließend begründet hat: Die Feier der Hl. Eucharistie lohnt jeden Aufbruch. Amen