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Predigt zur Chrisam-Messe 2018 im Hohen Dom

28.03.2018

- es gilt das gesprochene Wort

Verehrte liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,liebe Firmbewerberinnen und Firmbewerber, liebe Schwestern und Brüder in Christus,

„Sie erleben jetzt eine historische Stunde. Denn ich werde nie mehr über das reden und von dem erzählen, über das zu reden Sie mich eingeladen haben.“

Mit diesen Worten oder wenigstens wörtlich mit dem ersten Satz habe ich nun schon wieder vor längerer Zeit meinen Vortrag eingeleitet, zu dem mich die Augsburger Katholische Hochschulgemeinde eingeladen hatte. Ich sollte darüber sprechen, wie ich seinerzeit den Fall der Berliner Mauer und die damit einhergehende Entwicklung erlebt habe.
Aber um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe diesen Vorsatz nicht gehalten, habe das Vorhaben nicht ausgeführt, habe den Mund schlicht und einfach zu voll genommen.
Denn ich weiß nicht, wie viele Male ich inzwischen wieder und wieder über die damaligen Ereignisse gesprochen, wie oft ich von neuem davon erzählt habe. Ja, darüber sprechen und davon erzählen musste, weil ich bei den verschiedensten Anlässen immer wieder mit Menschen zusammengetroffen bin, die trotz aller medialen Verbreitung oder auch ganz einfach aufgrund ihrer noch jungen Jahre von all diesen Dingen nur sehr wenig oder überhaupt noch nichts gehört haben oder auch mittlerweile alles, was sie gewusst haben mögen, wieder vergessen haben. Und so ist es vielleicht gerade gegenwärtig erst recht geboten, jene geschichtlichen Ereignisse nicht dem Vergessen anheimzugeben und sich davor zu hüten, die hohe Brisanz des damaligen Geschehens etwa zu verharmlosen oder gar noch zu verklären, was da an Rechtlosigkeit und Unfreiheit überwunden worden ist.

Wenn es aber angezeigt ist, von einer wahrhaft historischen Stunde zu sprechen, dann ist es die, von der uns heute und immer wieder neu im Evangelium nach Lukas berichtet wird, eine Stunde, die auf die Ewigkeit gegründet ihre Wirksamkeit entfaltet hat bis zum heutigen Tag, bis in diese Stunde.

Wir alle sind eingeladen, uns in diese Stunde, in diese Szene in der Synagoge von Nazareth hineinzuversetzen, um zu verstehen. Ja, wir sind gewürdigt, uns in den hineinzuversetzen, der sich selbst zuerst in unser Dasein, in unser Menschsein hineinversetzt hat, um unserer Stunde Heilsbedeutung und unserer Zeit Ewigkeit zu verleihen.

In solchem Hineinversetzen, liebe Mitbrüder, besteht wohl auch wesentlich das Geheimnis des priesterlichen Gehorsams. Besser als mit gefalteten Händen in den Händen des Bischofs kann das liturgisch kaum zum Ausdruck gebracht werden. Und das geht wohl auch nicht ohne die ausgesprochene Ehrfurcht.
Denn Er, der uns in seine Nachfolge und den priesterlichen Dienst gerufen hat, ist nach seinem eigenen Zeugnis nicht gekommen, um aufzuheben, sondern zu erfüllen, und nicht, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen, um zu suchen, was verloren ist, und schließlich damit sie (d. h. wir) das Leben haben und es in Fülle haben.

Von Anfang an hat er sich von Gottes Geist leiten lassen, um der Versuchung des Bösen Widerstand zu leisten. Und noch seine Gewohnheit, am Sabbat in die Synagoge zu gehen, zeugt von seiner geistgeleiteten Persönlichkeit. Denn eine gute Gewohnheit ist eine vom Geist geleitete Gewohnheit.
Seit Jahren besuchen auch immer wieder junge Firmbewerber diese Hl. Messe zur Weihe der Hl. Öle. Liebe Firmbewerber, mit einer guten Gewohnheit fängt alle Vorbereitung auf die Firmung an. Nämlich der guten Gewohnheit, Sonntag für Sonntag die Hl. Messe zu besuchen, so wie es Jesus gewohnt war, am Sabbat in die Synagoge zu gehen. Wie soll denn einer durch den Hl. Geist im Glauben bestätigt und gestärkt werden, wenn er den Glauben nicht bezeugt? Das muss wenigstens mit der regelmäßigen Teilnahme am Sonntagsgottesdienst geschehen, da brauchst Du gar keine großen Reden zu halten.

Liebe Schwestern und Brüder!

Versetzen doch auch wir uns hinein, um zu verstehen. Denn nur wer selber verstanden hat, wird anderen etwas erklären können. Nur wer den Glauben lebt, vermag ihn zu bezeugen. Die revidierte Einheitsübersetzung macht es uns noch ein Stück anschaulicher, wenn sie davon spricht, dass man Jesus die Buchrolle des Propheten Jesaja reicht, woraus er nun aus der Verheißung des Propheten in der Vergangenheit zitiert, wozu er in der Gegenwart gekommen ist. Darauf kommt es der Kirche heute an: Mit den Worten Jesu bricht die Lesung ab und berichtet nicht vom beginnenden Widerspruch gegen ihn, der doch nicht nur von ihnen, sondern zuerst und vor allem vom himmlischen Vater zu ihnen gekommen ist.

Liebe Mitbrüder,

davon sollen wir uns tragen und ermutigen lassen, wenn wir uns anschicken, die heiligen Öle zu weihen. Diese Weihe ist mit der Bereitung der Gaben für die eucharistische Feier zu vergleichen. Gott selbst nimmt die Frucht des Ölbaums und der menschlichen Arbeit in Besitz, um uns seine göttliche Gabe, den Hl. Geist, sinnenfällig zuteilwerden zu lassen, wie er auch uns in der Weihe in Besitz genommen hat, damit wir seinem heiligen Volk zum Segen werden:
Im Öl zur Salbung am Beginn des christlichen Lebens für die Taufbewerber, damit sie das Evangelium Christi tiefer erfassen und mit Kraft, Entschlossenheit und Weisheit die Mühen und Aufgaben eines christlichen Lebens hochherzig auf sich nehmen.

Im Öl für die Kranken zum Zeichen des Erbarmens Gottes, das Krankheit, Schmerz und Bedrängnis vertreibt und heilsam ist für den Leib, für die Seele und den Geist. – Auch ich durfte die heilbringende Wirkung dieser heiligen Salbung an Kranken schon erfahren, durfte erleben, dass sogar schwer Erkrankten noch die Zeit und der Frieden geschenkt wurden, sich auf das Ziel unserer Pilgerschaft zu besinnen.

Und schließlich im Öl für den heiligen Chrisam. Darum, so sage ich es regelmäßig den Firmkandidaten, darum sollst Du auf die Bezeichnung mit dem Chrisam laut und vernehmlich antworten: Amen. Du sollst jetzt selber deinen Glauben bezeugen und Dich als Sohn oder Tochter Gottes zu erkennen geben (oder „outen“, wie vielleicht heute mancher auf Neudeutsch sagen würde). Denn mit Chrisam, so fahre ich fort, werden ja auch nur Menschen oder Dinge gesalbt, die in besonderer Weise von Gott reden und von ihm künden sollen. Also Bischöfe, Priester, alle Getauften und Gefirmten, aber auch neue Glocken, eine neue Kirche oder ein neuer Altar.

Liebe Schwestern und Brüder, ist da etwa irgendjemand unter uns, den ich damit nicht aufgezählt habe? Bis in den Raum unserer Kirchen hinein und weit darüber hinaus können wir der Gegenwart und dem Wirken des Geistes Gottes begegnen und werden zugleich dazu aufgefordert, uns auf die Gabe des Hl. Geistes, den wir empfangen haben, zu besinnen und uns in allem von ihm leiten zu lassen – nicht nur in unseren Kirchen und Pfarrzentren. Ich überlasse es Ihnen, zu beurteilen, wer von unseren Mitmenschen wohl am schwersten von Armut, Blindheit und Gefangenschaft und dem Verlust jeglicher menschenwürdiger Perspektive betroffen ist. Aber beklagen wir nicht nur ein allgemeines Elend, sondern erkennen wir gerade unter diesen Umständen unsere christliche Berufung und Sendung. Auch für jeden von uns gilt im übertragenen Sinne das, was ich den Firmkandidaten unmittelbar vor dem Empfang des Sakraments zurufe: Als Kinder, als Söhne und Töchter Gottes sollt Ihr darin bestärkt werden, selber immer mehr zum Bilde Gottes und Jesus Christus immer ähnlicher, ja, schließlich selber zu einem anderen Christus für die Menschen zu werden.
Ist denn etwa der Empfang des Firmsakraments, der Gabe des Geistes, an einen Menschen nur ein schöner Anlass, wieder einmal mit der Verwandtschaft zusammenzutreffen und ein Familienfest zu feiern, gänzlich unabhängig davon, ob sich der eine oder andere noch an seine eigene Taufe und Firmung erinnert? Ist denn die Botschaft, mehr und mehr zum Bilde Gottes und schließlich zu einem anderen Christus für die Menschen zu werden, nur eine Botschaft für ganz junge, erst noch heranwachsende Menschen?

Wer den Empfang des Hl. Geistes ernst nimmt und sich darauf besinnt, darf die Verheißung des Propheten wie unser Herr Jesus Christus auch auf sich anwenden.

Ja, liebe Schwestern und Brüder und liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst gleichermaßen: Der Geist des Herrn ruht auf Euch, damit Ihr Armen eine gute Nachricht bringt, damit Ihr Gefangenen die Entlassung verkündet und Blinden das Augenlicht, damit Ihr Zerschlagenen aufhelft und selber im Stand der heiligmachenden Gnade lebt. Und Arme, Gefangene, Blinde und Zerschlagene gibt es nun wahrlich genug in unserer Wohlstandsgesellschaft im engsten und weitesten Sinne des Wortes.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

die Kirche überlässt es dem örtlichen Brauch, ob die anwesenden Priester nach der Ansprache des Bischofs ihre Bereitschaftserklärung zum priesterlichen Dienst erneuern. Auch wir wollen das vollziehen, wie wir es in den vergangenen Jahren gehalten haben. Ihnen allen aber möchte ich geradezu ans Herz legen, dass wir uns alle dankbar unserer Erwählung zum heiligen Volk Gottes und zu einer königlichen Priesterschaft erinnern und darum bitten, dass sich die Verheißung des Geistes auch heute in dieser unserer geschichtlichen Stunde erfüllt.   Amen.