Predigt zur Chrisam-Messe 2019 im Hohen Dom

17.04.2019 16:15

- es gilt das gesprochene Wort -

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,

in seinem spirituellen Tagebuch aus der Wüste „Lebensspuren im Sand“ stellt Andreas Knapp vom Orden der „Kleinen Brüder vom Evangelium“ im Rahmen einer biblischen Betrachtung die Frage: „Ist Religion eine Art von Zuckerguss, den wir über unser Leben gießen?“ – und gibt sogleich die Antwort: „Manchmal scheint es so. Religiöse Zeremonien und Feste dienen der Verschönerung und rituellen Gestaltung des Lebens. Viele Menschen kommen auch ohne diese Zugabe aus. Dies untermauert den Verdacht, dass Religion nur ein Überbau ist, auf den man eigentlich auch verzichten kann.“ Und er fragt dann noch weiter: „Oder geht es in der Beziehung mit Gott ums Ganze?“ – um schließlich darauf zu erwidern: „Dann würde es gelten, dass man Gott nur begegnen kann, wenn man sich selbst ganz und gar investiert.“

Wie viele Male mögen sich wohl die Leute von Nazareth schon in der Synagoge am Sabbat versammelt und wie viele Male noch versammelt haben? Den Besuch der Synagoge am Sabbat waren sie gewohnt, Ritus und Ablauf des Gottesdienstes war ihnen vertraut. Und doch haben sie die entscheidende Gelegenheit nicht ergriffen, den Kairos, der sich ihnen bot, nicht erkannt.

Auch Jesus ging, wie wir gehört haben, nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge. Manch einem Firmspender ist das eine willkommene Notiz, den Firmbewerbern ein Wort zum regelmäßigen Besuch des Sonntagsgottesdienstes zu sagen und auf die Kraft und den Segen einer guten Gewohnheit zu verweisen. Aber die ganze Botschaft ist damit noch keineswegs ausgeschöpft. Und auch wir haben soeben nur einen Ausschnitt des Evangeliums nach Lukas vernommen, dessen gesamte Dramatik im Hinblick auf die heilige Feier wohlweislich ausgeblendet worden ist.

Was aber für die Betrachtung der Hl. Schrift, den Zusammenhang des Alten und Neuen Testaments, ja, der Texte der Evangelien mit dem Evangelium als Frohe Botschaft schlechthin gilt, das gilt auch für diese heilige Feier. Wir können sie nicht unabhängig von der Heiligen Woche, nicht isoliert von der Feier von Tod und Auferstehung des Herrn begehen, auch wenn sie uns in ihrer Andersartigkeit des Ablaufs besonders anspricht und berührt.

Sogar die Firmkandidaten, die zu dieser heiligen Feier gekommen sind, sind im Hinblick auf das Sakrament der Firmung hierhergekommen, mit dem sie einmal selbst die Gabe Gottes, den Hl. Geist, empfangen sollen.

Und meine Mitbrüder sind mit mir als ihrem Bischof versammelt, um unsere Verbundenheit und Einheit zu bezeichnen, aber auch vor allem, um uns zu Ihm zu bekennen und für unsere Berufung zu danken, vor Ihm zu stehen und Ihm zu dienen, unserem Herrn Jesus Christus. Wann aber wird uns dieser Dienst, die gnadenhafte Erwählung mehr und dankbarer bewusst als in der Verkündigung der Frohen Botschaft und bei der Spendung der Sakramente, der Zeichen der Liebe Gottes?

In jeder Firmpredigt erkläre ich es beinahe gleichlautend: Mit Chrisam werden ja nur Menschen oder Dinge gesalbt, die in besondere Weise von Gott reden und von ihm künden sollen: Also Bischöfe und Priester, alle Getauften und Gefirmten, aber auch neue Glocken, eine neue Kirche oder ein neuer Altar.

Uns ist der Geist des Herrn geschenkt worden, und die wir uns Christen nennen, sind Gesalbte des Herrn.

Der Gesalbte aber ist allein der Retter der Endzeit – unser Herr Jesus Christus.

Und ich werde nicht müde, immer wieder zu betonen, dass uns bei der Verkündigung des Evangeliums nicht irgendwelche Texte aus immer weiter zurückliegenden Zeiten vorgetragen werden, sondern das Evangelium, die Frohe Botschaft, und dass Er es ist, der zu uns spricht, hier und jetzt, der Gesalbte, der Geistbegabte schlechthin, aber auch der von den Menschen Abgelehnte und Gekreuzigte und vom Vater Auferweckte, Lebendige und Erhöhte.

Denken wir aber nicht nur an den Altar, wenn wir uns im Hochgebet für die Berufung bedanken, vor ihm zu stehen und ihm zu dienen. Jesus spricht ja nicht nur von einem Status, verkündet nicht nur seine Begabung mit dem Hl. Geist. Unmittelbar darauf folgt vielmehr die vielfältige Aufzählung dessen, wozu er gesalbt und gesandt ist.

Denken wir doch bei unserem Dank auch an seine Identifizierung mit den geringsten Brüdern und Schwestern, denen wir Tag für Tag begegnen. Die Begegnung mit Ihm ist buchstäblich eine nach oben offene Richterskala. Wir können darin nur wachsen und wachsen – oder auch – sogar da greift die sprachliche Assoziation – dem Gericht verfallen. Lassen wir doch nicht nach in diesem unserem Streben und geben wir niemandem auch nur den geringsten Anlass, mit dem Hinweis auf unsere Schwachheit und unser Versagen den Glauben an Jesus Christus und seine Kirche zu relativieren.

Die Botschaft der Propheten mag noch so altehrwürdig daherkommen, veraltet sind ihre Verheißungen nie. Wenn es beim Propheten Jesaja heißt: Siehe, nun mache ich etwas Neues. Schon sprießt es, merkt Ihr es nicht?[1], und wenn Jesus seinen Widersachern entgegenhält: Mein Vater ist noch immer am Werk, und auch ich bin am Werk[2], so ist das die verbriefte Lehre, auf die sich die Kirche verlassen kann.

Das aber, liebe Brüder, ist kein Freibrief für uns, der Vergegenwärtigung des Herrn durch unsere Person und unser Wirken nicht die unabdingbar notwendige Aufmerksamkeit zu widmen oder gar durch ein schwer sündhaftes Ausleben unserer Triebe zu missbrauchen. Sonst gäben wir in der Tat noch denen Recht, die behaupten, es käme nur darauf an, auf menschliche Fähigkeit und Kompetenz zurückzugreifen und sie unterschiedslos einzusetzen, unabhängig davon, ob ihnen noch eine Weihe fehlt oder nicht.

Die Menschen brauchten Ansprechpartner, ob sie nun geweiht seien oder nicht, hielt mir kürzlich einer der Ständigen Diakone entgegen. Dabei hat er aber offensichtlich übersehen, dass diesen Dienst alle Getauften und Gefirmten leisten sollten, alle, die den Geist Christi und Anteil an seinem königlichen Priestertum empfangen haben.

Wenn aber heute Ihr, liebe Mitbrüder, aufgefordert seid, Eure versprochene Bereitschaft zum priesterlichen Dienst öffentlich zu erneuern, dann bezeichnet das einen Unterschied dem Wesen und nicht nur dem Grade nach.

Hören wir darum genau hin, liebe Schwestern und Brüder – oder lesen sie mit – das ist doch der Sinn des Heftes, das uns vorliegt – wenn ich meine Mitbrüder mit meinen Fragen dazu auffordere, feierlich vor Gott und vor uns allen zu wiederholen, was sie, jeder einzelne ganz persönlich und nicht weniger feierlich vor geraumer Zeit, genauso vor Gott und der Kirche versprochen und – das dürfen wir doch bei aller Schwachheit und allem Versagen von den vielen Priestern unseres Bistums dankbar sagen – in Liebe und Treue gehalten haben bis zum heutigen Tag.

Da geht es um zuverlässige Zusammenarbeit mit dem Bischof und die Leitung der Gemeinde im Hl. Geist.

Da geht es um die Feier der Geheimnisse Christi und der Sakramente gemäß den kirchlichen Vorgaben in gläubiger Ehrfurcht. Und auch wenn man das Wort Papst Benedikts nicht zu eng fassen darf, so gilt es doch auch für unser gesamtes liturgisches Handeln noch im Unscheinbaren und scheinbar Geringen: Am Umgang mit der Liturgie entscheidet sich das Schicksal der Kirche. Die Eucharistiefeier ist niemals nur ein bloßes Zeremoniell.

Immer geht es um ein proaktives Tun, ein Handeln und Wirken für andere, wenn wir nach unserer bleibenden Bereitschaft gefragt werden, den Geplagten und Geschlagenen aller Art beizustehen und die Anliegen der uns anvertrauten Gläubigen im Gebet vor Gott zu tragen.

Fast sollte es einen wundern, dass noch niemand von den Kritikern der Kirche vom Zwangsgebet und von der überfälligen Abschaffung des Stundengebets gesprochen hat.

Persönliches Gebet, Betrachtung der Worte des Herrn, bei ihm Verweilen wie bei einem Freund, Anbetung – alles das ist aktiver unersetzbarer priesterlicher Dienst.

Vom Hl. Franz von Sales stammt der Rat: Nimm dir jeden Tag eine Stunde Zeit für Gott, außer wenn du ganz viel zu tun hast. Dann müssen es mindestens zwei Stunden sein. Es wäre ja schon viel, wenn wir uns das halbe Zeitmaß zur Regel machten. Sich Christus, dem Herrn, selber von Tag zu Tag enger zu verbinden, ist doch alles andere als eine spröde gesetzliche Formel, sondern empfängt von der Hingabe Christi an den himmlischen Vater und dem Einsatz für die Menschen zugleich seine Sinnhaftigkeit und Kraft.

Und vergessen Sie nicht, bis zum Ende zu lesen und zu hören, liebe Schwestern und Brüder. Dann werden nämlich sie aufgefordert, für uns zu beten, dass Gott das gute Werk, das er an uns begonnen hat, vollende und uns Gnade und Segen verleihen möge.

 

Ist denn etwa auch unser Glaube nur eine Art Zuckerguss, den wir über unser Leben gießen? Sollten denn auch wir zu denen gehören, denen religiöse Zeremonien und Feste nur der Verschönerung und rituellen Gestaltung des Lebens dienen? Auch die tiefsten Atheisten und die aufgeklärtesten Theologen nehmen die arbeitsfreie Zeit an den Hochfesten unserer Kirche gern in Anspruch. Worum aber geht es uns in der Beziehung mit Gott?

 

Andreas Knapp hat seine Betrachtung zu den Worten unseres Herrn über die arme Witwe im Tempel angestellt, wo es heißt: Denn alle haben nur von ihrem Überfluss gegeben, diese Frau aber hat in ihrer Armut alles eingeworfen, was sie zum Leben hatte.[3]

Liebe Mitbrüder, seid Ihr dazu bereit?
Wer immer wir sind, wie immer wir situiert sein mögen:
Gott können wir nur begegnen, wenn wir uns selbst ganz und gar investieren.   Amen

[1] Jes 43,19a

[2] Joh 5,17

[3] Mk 12,44