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Predigt zur Diakonenweihe 2018

05.05.2018

- es gilt das gesprochene Wort

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Was verstehen Sie unter Diakonie? Was bedeutet für unsere Gemeinden und für uns ganz persönlich dieser Grundvollzug, Grunddienst der Kirche? Und wie sind wir selber daran beteiligt?

Am Ende des Erhebungsbogens, den die Pfarreiengemeinschaften lange vor der Bischöflichen Pastoralvisitation erhalten, wird nach dem Vollzug der christlichen Diakonie in der Seelsorgeeinheit gefragt. Befinden sich auf dem Pfarrgebiet caritative oder soziale Einrichtungen, kann mehr oder weniger darüber berichtet werden. Ist dies nicht der Fall, muss sich die Berichterstattung auf die pfarrlichen caritativen Aktivitäten beschränken. Dann sind es bisweilen bestehende Besucherdienste oder auch besondere Gratulationen zu runden Geburtstagen, die von wenigen Getreuen bei Alten und Kranken vorgenommen werden. Bisweilen wird lediglich auf die sogenannte Nachbarschaftshilfe verwiesen, manchmal beleben sich organisierte Caritas und pfarrliche Diakonie gegenseitig. Bei besonderen sozialen Aktionen wie bei der Flüchtlingshilfe, der Tafel oder einem Eine-Welt-Laden wird auch von ökumenisch oder bürgerschaftlich betriebenen Einrichtungen gesprochen, an denen sich einige katholische Christen aus der Gemeinde beteiligen. Ob es nicht eigentlich umgekehrt sein müsste? Dass sich die Leute aus der Bürgerschaft an den Einrichtungen zeitgemäßer Diakonie beteiligen, die von der Kirchgemeinde betrieben werden? Dürften Fragen, ob sich etwas rechnet, bei der Ausweitung gemeindlicher Caritas und Diakonie im Vordergrund stehen (die hauptsächlichen Kriterien bilden)? Wenn denn die Kirche im Dorf bleiben soll, dann muss sie es auch mit ihrer diakonischen Fürsorge sein. Wie auch immer: Insgesamt wird man wohl sagen können, dass auch die organisierte, institutionalisierte Caritas und Diakonie sich nur dann auf Dauer als christlich wirksame Kräfte erweisen können, wenn sie von der gelebten Diakonie in der Gemeinde begleitet und getragen werden. Gerade beim Grundvollzug christlicher Diakonie lassen sich Leben und Organisation gewiss nicht voneinander trennen. Und noch genauer wird die Diakonie als eine der Grunddienste der katholischen Kirche wesentlich davon abhängen, ob lebendige Menschen dafür zeichnen, einzelne Persönlichkeiten sich dafür bezeichnen lassen und zur Verfügung stehen.

Heute sind vier junge Männer zur Weihe angetreten, die die Diakonie als Grundvollzug von Kirche künftig in ihrem Namen tragen werden. Das ist ihr erstes amtliches Zeugnis, das sie mit ihrer Person geben, aber damit zugleich stellvertretend für viele andere stehen, die zur Kirche gehören, welche sich im Gottesdienst, im Zeugnis für das Evangelium und in der christlichen Diakonie verwirklicht.

Oder wie es im Weiheritus amtlich formuliert wird: Der Diakon empfängt die Gabe des Heiligen Geistes, und in dessen Kraft steht er als Helfer dem Bischof und seinem Presbyterium zur Seite – im Dienst des Wortes, des Altares und der Liebe ist er für alle da – wie aber auch auf seinen kirchlichen Ursprung und seine Hauptaufgabe hingewiesen wird, wenn es heißt: Aufgrund apostolischer Überlieferung durch Handauflegung geweiht und dem Altare eng verbunden, versehen die Diakone im Auftrag des Bischofs oder des Pfarrers den Dienst helfender Liebe.

Bei keiner Weihe in den vergangenen Jahren habe ich es versäumt, die konkreten Dienste zu benennen, die für den Diakon aus der Verbundenheit mit dem Altar erwachsen: Im Gottesdienst verkündet er das Evangelium, bereitet die Gaben für das eucharistische Opfer und teilt den Gläubigen den Leib und das Blut Christi aus. Im Auftrag des Bischofs soll der Diakon Ungläubige und Gläubige ermahnen und in der heiligen Lehre unterrichten, Gebetsgottesdienste leiten, die Taufe spenden, den Brautleuten assistieren, wenn sie sich vor ihm auf immer füreinander verbürgen und ihren Bund segnen, Kranken und Sterbenden Kommunion und Wegzehrung bringen und die Verstorbenen zur letzten Ruhe bestatten. In all dem schließlich sollen sie mit Gottes Hilfe so handeln, dass man in ihnen wahre Jünger Jesu Christi erkennt, der nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen.

Der Dienst des Diakons ist also weder auf den Dienst am Altar noch auf die kirchlich legitimierte und gesegnete Sozialarbeit zu reduzieren. Da kann auch nichts gegen das andere ausgespielt werden, vielmehr bedingen sie einander. Seit Jahren freue ich mich über die Anwesenheit eines Diakons bei jeder Feier der Eucharistie und schätze vor allem die Aufmerksamkeit des Diakons für jede noch so geringfügig erscheinende sachgerechte Ausführung seines liturgischen Dienstes. Für unsere seelsorglichen Aufgaben in den Pfarreien und Pfarreiengemeinschaften ist ihr Einsatz mittlerweile unerlässlich geworden.

Wie gut wiederum ist es, wenn einem geweihten Diakon die Leitung und Koordinierung aller caritativen und diakonischen Aktivitäten der Pfarrgemeinde anvertraut werden können! Was allerdings vor allem dem Ständigen Diakon angemessen ist. Der Unterschied zwischen dem Ständigen Diakon und dem Diakon auf dem Weg zum Priestertum besteht darin, dass der Ständige Diakon Diakon wird und bleibt und dass der Diakon auf dem Weg zum Priestertum Priester wird und Diakon bleibt. Mit der Begründung, dass auch er zum Diakon geweiht worden ist, scheute sich seinerzeit der Weihbischof in meinem Heimatbistum nicht, nicht nur seinen Wagen, sondern auch meinen Trabant zu waschen.

Nach einer gelungenen Visitation lade ich die Gläubigen, vor allem die, mit denen ich noch zuletzt im Austausch stehe, immer wieder einmal dazu ein, doch auf mich zuzukommen, wenn sie einmal bei einer Veranstaltung in Augsburg sind, und mich an unsere Begegnung bei der Visitation zu erinnern. Und zu ihrer Erheiterung füge ich manchmal hinzu, dass ich mir ja bei unserem großen Bistum Unzählige merken muss, sie aber nur einen, der mit Verweis auf meine Soutane noch dazu farbig gekennzeichnet ist. Oder hätte ich vielleicht besser gezeichnet sagen sollen?

Liebe Brüder, damit hebe ich nicht etwa auf eine angemessene geistliche Kleidung ab, auch wenn es wohltuend ist, einander zu begegnen und sich als Mitbrüder gekennzeichnet zu erkennen. Oder nicht doch besser gezeichnet? Ausdrücklich habe ich jeden von Ihnen gefragt, ob sie sich mit dieser konkreten Kirche identifizieren können. Und kein einziger von Ihnen hat in mir auch nur den leisesten Eindruck erweckt, das er bei seiner Zustimmung mit seiner bisherigen Lebenserfahrung etwa nicht gewusst habe, wovon er sprach. Eine solche Antwort, ein solches Zeugnis eines Kandidaten für die Weihe zum Diakon ist ja keine Einbahnstraße, sondern bedeutet immer auch zugleich eine tiefgehende Stärkung für mich als Bischof. Das ist doch das Große und Schöne an unserem Glauben. Wir lieben Gott, weil wir die Wahrheit lieben und Glück ist Freude an der Wahrheit, die unser Herr und Heiland selber ist. Mit allem dürfen wir zu ihm kommen. Und gerade in dieser unserer Zeit wird es darauf ankommen an dem festzuhalten, wofür das Kreuz in unseren Räumen steht: Nichts kann uns trennen von der Liebe Christi. Jene Schriftstelle aus dem achten Kapitel des Römerbriefs habe ich mir seinerzeit als Primizspruch gewählt.

An diesem Weihetag haben wir uns nach gutem Brauch das Wort des lebendigen Gottes und die Frohe Botschaft unseres Herrn Jesus Christus gemäß der der weltweit geltenden Leseordnung der Katholischen Kirche verkünden lassen. Gestern noch hat unser Herr im Evangelium von unserer Erwählung und der Fruchtbarkeit unseres Wirkens in seinem Namen gesprochen und uns zu gegenseitiger Annahme und Liebe aufgefordert. Heute spricht er offen vom Hass der Welt zu uns. Der gilt nicht eigentlich den einzelnen Jüngern, sondern der geheimen Wirklichkeit, der unkontrollierbaren Kraft, die den wahren Jünger treibt, ihn von der Welt unterscheidet und aus ihr herausnimmt. Wie es auch der Brief an Diognet aus dem 3. Jahrhundert aus dem Evangelium nach Johannes in Erinnerung bringt: Die Christen leben sichtbar in der Welt und sind doch nicht von der Welt.

Der Hass der Welt gilt Christus dem Herrn selbst und seinem Geist, der in den Jüngern am Werk ist. Auch daran dürfen, daran müssen wir denken, wenn dem Diakon nach seiner Weihe durch Handauflegung und Gebet das Evangelienbuch überreicht wird mit den Worten: „Nimm hin das Evangelium Christi, zu dessen Verkündigung du bestellt bis. Was du liest, ergreife im Glauben, was du glaubst, das verkünde, und was du verkündest, erfülle im Le-ben. Unser Herr selbst beschließt die Seligpreisungen aller derer, die um seinetwillen geschmäht, verfolgt und schlechtgemacht werden mit der Ermutigung: Freut euch und jubelt. Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel. Mit eben dieser gleichen Aufforderung zu Freude und Jubel hat Papst Franziskus erst vor wenigen Wochen sein Schreiben über unser aller Berufung zur Heiligkeit eröffnet.  

Amen