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Predigt zur Jahresschlussandacht 2015 im Hohen Dom

31.12.2015

- es gilt das gesprochene Wort

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Wollten wir heute am letzten Tag des Jahres 2015 auch nur versuchen, alles das aufzuzählen, was wir als Glieder der Katholischen Kirche in unserer Welt wie in unserer Diözese Augsburg erlebt haben, wir müssten wohl lange zu hören und kämen nicht so schnell an ein Ende. Schon gar nicht ist es uns möglich, alles das ausreichend zu würdigen, was uns im Laufe des zu Ende gehenden Jahres geschenkt wurde und gelungen ist, was uns aufgebaut und im Glauben vorangebracht hat. Denken wir nur an den 50. Jahrestag der Vollendung des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Veröffentlichung seiner bedeutsamen Dokumente, aber erinnern wir uns wenigstens an die Wallfahrt der bayerischen Bistümer zu Maria, der Knotenlöserin, oder an die Feier der Ulrichswoche in Augsburg und in Ottobeuren.

Von allem, was uns zu schaffen macht oder gar misslungen ist, fällt es uns ohnehin nicht schwer, zu schweigen. Es soll uns ja an dieser Stelle niemals nur um eine noch so sorgfältige Analyse des Vergangenen gehen, sondern vor allem um einen mutigen Ausblick auf das Künftige. „Dem Vergangenen Dank, dem Kommenden Ja“, fasste ein früherer Generalsekretär der Vereinten Nationen seine Befindlichkeit in einer solchen Situation zusammen. Das nehmen auch wir gern auf, möchten es aber ergänzen mit dem Bekenntnis: Die Freude an Gott ist unsere Kraft.

Die Erstellung des sogenannten Quinquennalberichtes für den bevorstehenden Ad limina–Besuch der deutschen Bischöfe stellte zumindest schon für die Hauptabteilungen des Bischöflichen Ordinariates eine nicht geringe Herausforderung dar. Berichtet wurde über die Zeit von 2010 – 2014; der letzte Besuch der Bischöfe in Rom fand nicht erst vor fünf, sondern bereits vor neun Jahren statt. Und wenn es auch den Dikasterien der Römischen Kurie ebenso wenig möglich gewesen sein sollte, alle Berichte der 27 Bistümer ausreichend zur Kenntnis zu nehmen und zu würdigen, so hatte dieser Bericht doch schon allein seinen Wert in der vorgenommenen Reflexion unserer pastoralen Arbeit in den vergangenen Jahren.

Bei aller berechtigten Kritik an der Situation, in der sich die Katholische Kirche in Deutschland gegenwärtig befinden mag, bedeuteten doch die Begegnungen und Gespräche mit den Verantwortlichen der römischen Dienststellen und vor allem die Schlussansprache des Hl. Vaters, Papst Franziskus, für uns auch eine Bestätigung und Ermutigung, den einmal in unserer Diözese beschrittenen Weg mutig weiter zu verfolgen. Schon lange bevor beispielsweise die Bischofssynode über die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute vorbereitet wurde, waren wir im Priesterrat und in der Dekanekonferenz einmütig darin übereingekommen, dass die Ehepastoral in unserem Bistum vertieft und eine verbindlich vorgegebene Ehevorbereitung verstärkt angegangen werden muss.

Erfahrene bischöfliche Mitbrüder meinten feststellen zu müssen, dass die Schlussansprache des Papstes in ihrem Wortlaut der seines Vorgängers vor neun Jahren ziemlich ähnlich gewesen sei. Was einfach damit erklärt werden kann, dass sich ja die Situation der Kirche in Deutschland in den vergangenen Jahren auch nicht wesentlich zum Besseren verändert haben dürfte.

Bereits bei der letzten Vollversammlung der deutschen Bischöfe im vergangenen Herbst in Fulda hatte der Gesandte des Papstes in Deutschland, der Apostolische Nuntius Erzbischof Eterovič, in seiner Ansprache im Hinblick auf die bevorstehende Romreise der Bischöfe darauf hingewiesen und seinen Hinweis mit konkreten Zahlen für die Zeitspanne von 2006 bis 2014 belegt. So war die Zahl der Diözesanpriester in diesem Zeitraum von 13.462 auf 12.219 zurückgegangen und die Zahl der Besucher des Sonntagsgottesdienstes von ca. 3,5 Millionen Katholiken auf etwa 2,5 Millionen gesunken, während der Anteil der Katholischen Christen an der deutschen Gesamtbevölkerung mit knapp 24 Millionen nicht einmal mehr 30% beträgt.

Ich weiß nicht, was uns nachdenklicher stimmen sollte, die immens gestiegene Zahl ziviler Kirchenaustritte um weit mehr als das Zweieinhalbfache oder der Rückgang der regelmäßigen Teilnahme an der sonntäglichen Feier der Eucharistie. Ganz sicher kann es uns nämlich nicht vorrangig darum gehen, uns mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln krampfhaft gegen manche längst vorprogrammierten Trends zu stemmen. Es muss vielmehr für uns gelten, unseren Glauben noch überzeugender zu leben und unsere Fähigkeit und Bereitschaft, Auskunft über unsere Hoffnung geben zu können, noch mehr zu verbessern und zu vertiefen.
Die beste Kritik an der Kirche, so schon vor langer Zeit der große Karl Rahner, ist und bleibt die Kritik an der eigenen Person. Als Mutter Teresa einmal von einem Journalisten gefragt wurde, was sich an der Kirche ändern müsse, antwortete sie schlicht und einfach: Sie und ich.

Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ist wie kein anderes für jeden von uns dazu angetan, den Weg der Besinnung und Umkehr zu beschreiten und das Sakrament der Buße und der Versöhnung neu zu entdecken. Auch ein erneuertes von allen kirchengeschichtlichen Belastungen befreites Verständnis der Gabe des Ablasses könnte uns helfen, die verheerenden sozialen Auswirkungen unserer Sünden und unseres Versagens einzudämmen und uns ganz neu auf die solidarische Gemeinschaft der Heiligen zu besinnen.

Was die Erstellung des Quinquennalberichtes für die Abteilungen des Bischöflichen Ordinariates bedeutet haben mag, kann wohl auch von den Pfarreien und Pfarreiengemeinschaften gesagt werden, die in Vorbereitung der bischöflichen Visitation zahlreiche Fragen eines dafür eigens erstellten Erhebungsbogens zur kirchlichen und pastoralen Situation ihrer Pfarrgemeinden zu beantworten hatten. Was von den meisten als Chance zur Rückbesinnung und Selbstreflexion angesehen wurde, hatte nicht immer nur eine erhebende, sondern bisweilen auch eine ziemlich ernüchternde Wirkung. Wenn es aber stimmt, dass alles wirkliche Leben Begegnung ist, erwies sich die Pastoralvisitation durch den Bischof und seine Beauftragten als eine hervorragende Gelegenheit, das wirkliche Glaubensleben in unseren Gemeinden besser kennenzulernen und einander im Glauben zu ermutigen und zu bestärken.

Wie viele Male habe ich es erleben dürfen, dass gerade die Kirchenchöre und -musiker auf die ihnen eigenen Art bezeugten, was es heißt, immer besser zur größeren Einheit zusammenzuwachsen und dabei an Lebendigkeit und Glaubenskraft noch zu gewinnen. Die Mitglieder der Kirchenchöre in den verschiedenen Pfarreien, so sagten es mir die verantwortlichen Kantoren, seien am ehesten bereit, sich gegenseitig über die Pfarrgrenzen hinweg bei der Gestaltung der Gottesdienste zu unterstützen und zu kooperieren. In ihrer Flexibilität und Mobilität scheinen sie mit ihrem bisweilen meisterhaften Gesang geradezu beispielhaft dafür zu sein, worauf es schon immer angekommen ist und auch künftig ankommen wird. Aber auch ganz und gar unabhängig vom Maß kirchenmusikalischer Professionalität führen sie uns sinnenfällig vor Augen und Ohren, was jede und jeder von uns mit seinen Gaben und Fähigkeiten dazu beitragen kann, einander mit einer feierlich begangenen Liturgie im Glauben zu stärken. Dabei geht es mir nicht nur um die Würdigung des Ehrenamtes, was gar nicht genug geschehen kann, sondern um die unübersehbare und unüberhörbare Botschaft, die von der Vielfalt des Ehrenamtes und vor allem der Kirchenmusik in unserem Bistum ausgeht.

Die bloße Rede von der Kirche, die im Dorf bleiben müsse, lässt allzu schnell nur an die gute Stube aus der Weihnachtsgeschichte denken, in der wir den Herrn warten lassen, anstatt uns von ihm einladen zu lassen. Auch für die Kirche, wenn sie denn wirklich Kirche sein und im Dorf lebendig bleiben will, gilt unverändert das Leitwort der Ulrichswoche vom Jahr 2011: Bleiben heißt weitergehen.

Die Zeit – dies ist mir bei der Pastoralvisitation deutlich geworden, – schreitet unaufhörlich voran nimmt mit ihren zahlreichen Herausforderungen wie Priester- und Gläubigenmangel, Demographie und Flüchtlingsströme, oder wie sie alle heißen mögen, keine Rücksicht auf innerkirchliche Debatten und manche noch so viel beschworene Tradition. Unter dieser Voraussetzung erscheint mir die Pastorale Raumplanung nicht nur als eine notwendige Maßnahme aufgrund Priester- und Gläubigenmangels, sondern geradezu als ein Gebot der Stunde und ein pastorales und missionarisches Erfordernis.

Warum denn bei den Kirchenaustrittszahlen immer nur von 100% herunterrechnen? – fragt ein österreichischer Pastoraltheologe. Diese Vorgehensweise erinnere doch nur an eine alte nachreformatorische Zeit, als alle dabei sein mussten. Er rechne lieber von unten nach oben und nicht von oben nach unten. Es sei doch heute ein Wunder – so drückte er sich aus – wenn etwa in Österreich über 12% jeden Sonntag zur Kirche kämen. Wenn er sich vorstelle, dass die Menschen die sonntäglich in die Kirche kommen, aus dem Evangelium heraus jedes Mal solidarischer werden, offener für Flüchtlinge, bereiter zu helfen und sich ehrenamtlich einzusetzen, dann wäre das eine sensationelle Sache für das Land. Dabei gehe er von durchaus weiteren Verlusten der Kirche in den nächsten Jahrzehnten aus, aber seine Zuversicht sei, dass unter den weniger werdenden Katholiken und Protestanten mehr engagierte und sehr starke Christen sein würden. Was bedeutet denn diese Zuversicht des Pastoraltheologen viel anderes als eine Bestätigung der lange zuvor geführten Rede Karl Rahners vom Christen der Zukunft oder auch der Lehre Joseph Ratzingers von der kleinen Herde entschiedenerer Christen?!

Die Pragmatiker unter den Theologen erklären die Verabschiedung der Konstitution über die Hl. Liturgie als erstes Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils mit einer voraussehbaren Einfachheit der Abstimmung und Einmütigkeit der Väter zu diesem Thema. Nachdenkliche Theologen dagegen sehen in dieser Vorgehensweise heute eher einen Schritt von theologischer Tragweite, deren sich die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils möglicherweise noch gar nicht so recht bewusst sein mussten. In einer relativ kurzen nachkonziliaren Zeit mussten wir sie aber allesamt mehr oder weniger freudig oder aber auch ziemlich schmerzlich erfahren. Alle Irrwege, die nicht selten mit der Berufung auf das Zweite Vatikanische Konzil und seine Liturgiereform begangen worden sind, konnten nicht dar-über hinwegtäuschen, dass Liturgie und Glaube, Gotteslob und Glaubensbekenntnis untrennbar miteinander verbunden sind und nicht ohne schwerwiegende Folgen für die Kirche auseinanderdividiert werden können. Auf diesem Hintergrund müssen wir auch das Wort Papst Benedikt XVI. verstehen, wonach sich am Umgang mit der Liturgie das Schicksal der Kirche entscheidet.

Seit Jahren lade ich an jedem ersten Donnerstag im Monat, dem Priesterdonnerstag, zum Gebet um geistliche Berufe in unseren Dom ein. Auch die feierliche Begehung der Feste der Jungfrau und Gottesmutter Maria, die keine gebotenen Feiertage sind, ist mir ein großes Anliegen. Die Zahl derjenigen, die den Einladungen folgen, hält sich gleichwohl in Grenzen. Aber die Atmosphäre der Einmütigkeit und Innigkeit, mit der wir diese Gottesdienste feiern, spricht ihre eigene Sprache.
Vergleichbares können wir auch über den Ökumenischen Gottesdienst anlässlich des 50. Jahrestages der Veröffentlichung des Konzilsdekretes über den Ökumenismus wie die erst kürzlich feierlich begangene Öffnung der Heiligen Pforte in unserem Dom sagen. Dafür lohnt es sich, Zeit und Mühe einzusetzen, da geht allen Beteiligten auf, wie schön es ist, dem Herrn zu danken.

Wenn man heute auch in unserer Kirche immer wieder einmal zu hören bekommt, dass das, was die Katholische Kirche lehrt und verkündet, von den Menschen heute nicht mehr verstanden würde, muss das noch lange nicht an der Lehre und Verkündigung der Kirche liegen. Allerdings wenn sich einer vielleicht jahrelang nicht mehr mit einer bestimmten Materie befasst und die Lehre der Kirche in seinem Leben nie ei-ne größere Rolle gespielt hat – die sinkende Zahl der Gottesdienstbesucher lässt diese Vermutung nicht ganz unbegründet erscheinen – wird er sie auch nicht verstehen, wenn er gerade wieder einmal auf einen Sprung hereinschaut oder irgendetwas darüber liest. Wenn sich einer mit der Mathematik schwer tut, liegt das ja auch nicht an der Mathematik, sondern ganz allein an ihm.

Wer gar behaupten wollte, die Kirche könne heute nicht mehr begeistern und sich dabei in seinem Wissen über die Kirche bestenfalls auf distanzierte Medien stützt, dem sei die Teilnahme an einem Weltjugendtag, einem Taizétreffen, ei-nem Nightfever oder einem Prayerfestival empfohlen. Der eigentlich verlorene Sohn im Gleichnis unseres Herrn vom barmherzigen Vater war ja zuletzt der, der sich hartnäckig weigerte, am Fest der Versöhnung teilzunehmen. Dabei maßen wir uns selber nichts an und sind uns auch sehr wohl bewusst, dass wir nicht die „Macher“ sein können. Aber wir erinnern uns gern und dankbar an all die Stärkungen im Glauben, die wir im vergangenen Jahr empfangen haben und die uns der himmlische Vater auch in Zukunft schenken wird, wenn wir ihn demütig darum bitten.
Denn die Freude an Gott ist unsere Kraft. Amen