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Predigt zur Jahresschlussandacht 2017 im Hohen Dom

31.12.2017

- es gilt das gesprochene Wort

Liebe Schwestern und Brüder,

bei der Betrachtung des Gleichnisses unseres Herrn von den Arbeitern im Weinberg kommt mir eine Szene in den Sinn, die vielleicht auch manche von Ihnen schon öfter haben verfolgen können. Eine Szene von der Eröffnung eines großen Sportereignisses, eine Szene bei der Eröffnung eines großen Fußballländerspiels, eine Szene vom Finale einer Meisterschaft.

Da können wir es doch immer wieder sehen, wie die einzelnen Spieler aus der Kabine auf das Feld kommen, nacheinander, und jeder von ihnen führt ein Kind, einen Jungen oder auch ein Mädchen an der Hand. Das kann man zunächst einmal als gezielte und clever angesetzte Nachwuchsarbeit ansehen. Wir, die Erwachsenen. Aber die Kinder sehen das ganz bestimmt nicht zuerst unter einem solchen mehr oder weniger sportökonomischen Aspekt. Ich denke eher, die Kinder sind unwahrscheinlich stolz und überglücklich zugleich und werden das Geschehen ganz sicher nicht so schnell vergessen. Denn sie waren dabei. „Stell‘ dir vor,“ – so werden sie es vielleicht weitererzählen – „bei diesem Spiel hat mich doch ganz am Anfang der Fußballer des Jahres an die Hand genommen und mit aufs Feld geführt. Denk doch, der weltbeste Fußballer hat mich vor dem siegreichen Finale an der Hand auf das Spielfeld geführt. Und sie haben gewonnen! Und der mich geführt hat, hat das entscheidende Tor geschossen!“

Liebe Schwestern und Brüder,

besser als so ein Junge oder Mädchen könnte ich es gar nicht in Worte fassen, welche Erfahrung, welches Bewusstsein ich Ihnen mit der Verkündigung der Frohen Botschaft am Ende des Jahres gern vermitteln möchte. Nämlich, dass Sie sich, dass wir uns alle es nicht nur vorstellen, sondern dass uns allen die tiefe Freude, ja, die Glückseligkeit darüber bewusst wird, dass uns, jeden von uns der Allerhöchste, der Allmächtige und Allergütigste, der gerechte und barmherzige Gott vor dem endgültigen Sieg und der errungenen Meisterschaft an die Hand genommen hat und uns immer wieder an die Hand nehmen will.

Wir wissen ja mittlerweile, und nicht wenige müssen es schmerzlich erfahren, dass eine der schlimmsten Auswirkungen der Arbeitslosigkeit – von der wirtschaftlichen Notlage einmal ganz abgesehen – das Gefühl ist, einfach nicht oder nicht mehr gebraucht zu werden, entlassen und eben mehr oder weniger fallengelassen zu werden.

Vor längerer Zeit, ja es ist schon ein paar Jahrzehnte her, gab es ein Buch mit dem Titel: „Gott braucht Menschen“. Wenn ich mich recht erinnere, handelte es sich wohl dabei um den Beginn der Bewegung der Arbeiterpriester in Frankreich. Ja, Gott braucht Menschen. Aber das ist nicht sogleich nur im Sinne des Benötigens zu verstehen. Gott braucht Menschen in einem tieferen Sinn. Gott braucht Menschen, weil er durch Menschen zum Menschen kommen will. Darum ist er selbst Mensch geworden, um uns als Mensch unter Menschen zu begegnen. Aber das bedeutet alles andere, als dass er uns etwa nur als billige Tagelöhner brauchte und sonst nicht. Nein, – wenn wir sagen, Gott braucht Menschen, dann bedeutet das noch viel mehr. Letztendlich können wir es uns nur so erklären: Gott braucht Menschen, Gott braucht uns, weil er die Liebe ist. Der dreieinige Gott, der uns erschaffen und erlöst hat, will uns hineinnehmen in seine göttliche Lebensgemeinschaft. Darum konnten die Kirchenväter sagen, dass Gott Mensch wurde, damit der Mensch „Gott“ werden könne. Jeden einzelnen von uns will er beteiligen an seiner lebendigen glückseligen innergöttlichen Beziehung. Schon hier und heute hat er uns dafür Einübungsfelder gegeben in seiner Kirche, aber auch in den vielfältigen zwischenmenschlichen Beziehungen. Und dort, wo zwischenmenschliche Beziehungen schuldhaft zerbrochen sind, sind auch Barrieren aufgerichtet in der Beziehung der Menschen zu Gott. Darum dürfen wir, darum dürfen wahre Verkünder der frohen Botschaft nicht müde werden, immer wieder zur Versöhnung, zur Buße, zur Umkehr und zum Neubeginn aufzurufen. Gott wartet auf eine jede, einen jeden von uns. Und noch in der letzten Stunde kann jeder zum Sinn seines Lebens und zur Erfüllung finden.

Als ich einmal einen Mitbruder bei einer deutsch-italienischen Trauung vertreten sollte, musste ich doch geschlagene zwei Stunden auf die Brautgesellschaft mit dem Brautpaar warten. Der Fotograf habe zu lange gebraucht und dann hätten sie sich noch in der Stadt verfahren. Was aber für meinen Mitbruder puren Stress bedeutete, war für mich eher geschenkte Zeit, in der ich mich noch besser einstimmen, die Kirche betrachten, beten und nachdenken konnte. Ein und dasselbe Widerfahrnis und doch eine ganz verschiedene Art und Weise, damit umzugehen. Das können wir sogar im Licht des Evangeliums vom wiederkommenden Herrn verstehen: Die auf den Bräutigam, also den wiederkommenden Herrn warten, sehen die Welt in einem anderen Licht. Entweder warten in Ungeduld, weil es der Terminkalender gebietet, oder warten können in Geduld, weil es nichts mehr gibt, was wichtiger ist als der wiederkommende Herr.

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn Menschen sich dafür entscheiden, sich Gott anzuvertrauen, sich ihm zu weihen, sich ihm schon in dieser Welt zur Verfügung zu stellen – und das ist für uns Christen in jedem Stand und Beruf möglich, in dem wir nach seinen Geboten handeln. wenn also Menschen zu so einer Entscheidung reifen, so ist das nicht ihre eigenen fixe Idee, ihre eigene Leistung und ihr Verdienst, sondern das kann ihnen letztlich nur gegeben werden, von Gott ins Herz gesenkt, ein Geschenk seiner Gnade, kurzum, es ist eine Berufung.

Denn Gott hat sich uns in seinem Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, selber radikal zur Verfügung gestellt. Von seiner Menschwerdung an bis zum bitteren Tod am Kreuz. Nichts mehr kann uns trennen von der Liebe Gottes. Ja, mit dem Kreuz Christi hat uns der himmlischen Vater ein für allemal an die Hand genommen noch in tiefstmöglicher menschlicher Aussichtslosigkeit – wenn wir nur daran festhalten. Alle unsere Frömmigkeit, unser Gottesdienst und Gebet, unser ganzes christliches Leben kann eigentlich immer nur ein sich Offenhalten, sich Bereithalten für die Gaben von Gott sein. Ein sich zur Verfügung stellen und sich von ihm in den Dienst nehmen lassen. Noch in der letzten Stunde Wachbleiben für das, was Gott für mich will, damit meine Mitmenschen und ich, damit wir zum Sinn unseres Daseins finden und einmal unser ewiges Ziel erreichen. Kurz, – damit wir einmal vollendet und glückselig werden.

Natürlich ist das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg kein Muster für den Abschluss von Arbeits- und Tarifverträgen. Aber es ist eine frohe Botschaft von der unablässigen Sehnsucht und Suche Gottes nach uns Menschen, von seiner unendlichen Sehnsucht, diese seine Geschöpfe Sinn und Erfüllung finden zu lassen. Das Gleichnis läuft ja vor uns ab wie ein Film aus dem Süden Italiens oder aus Sizilien zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. In aller Frühe warten die Tagelöhner vor dem Tor des Landgutes und hoffen, an diesem Tag einen Job zu ergattern. Bis schließlich der Padrone erscheint, unter ihnen aussortiert und ansagt, was zu tun ist. Aber, liebe Schwestern und Brüder, meinen Sie denn, ein Filmemacher käme auf die Idee, ein- und dieselbe Szene drei-, viermal hintereinander im selben Streifen vor den Zuschauern ablaufen zu lassen? Gerade darin dürfte sich das Gleichnis unseres Herrn wesentlich von allem gutsherrlichen Gebaren unterscheiden: Es erscheint nämlich mehr als unwahrscheinlich, dass sich der Padrone im Film mehr als ein einziges Mal in der Hitze des Tages und bis in die Abendstunden hinein aufmacht, um Arbeiter zu suchen, die ihn schließlich nur noch Geld kosten, aber kaum einen Ertrag bringen. Einmal früh beizeiten und damit basta.

Und das, liebe Schwestern und Brüder,

ist der springende Punkt: Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken, seine Wege nicht unsere Wege. Gott ist anders. Wo Menschen meinen, nach dem Schweren, das ihnen vielleicht zugemutet worden ist, das sie haben durchmachen müssen – und davon haben wir im zu Ende gehenden Jahr sattsam genug gehört und gesehen – wo sie meinen, sie könnten jetzt nur noch auf Sinnlosigkeit hin leben, macht Gott einen neuen Anfang, gibt Gott eine neue Chance. Weil er sich den Menschen sogar noch in Leid und Schmerz zugewendet hat, können Menschen sich auch ihm immer wieder zuwenden.

Deshalb sind alle innerweltlichen Ordnungen und Abläufe nicht einfach aufgehoben. Die Wüste wird nicht sogleich zum Schlaraffenland. Aber alle innerweltliche Ordnung und Gesetzmäßigkeit wird vom Verhalten Gottes in Jesus Christus weit überboten. Das ist auch der neue Geist, mit dem alle erfüllt werden sollen, die Christus nachfolgen. Für die unendliche Güte Gottes in Christus, aber auch für die Großzügigkeit der Nachfolger Jesu gibt es nur eine nach oben offene Skala. Das Maß der Liebe ist Liebe ohne Maß, sagt der Hl. Augustinus. Letzter Maßstab sind und bleiben Gottes Liebe und Gottes Gebot.

Wir spüren: Auf Gott kommt es an. Unsere menschlichen Maßstäbe, Sehnsüchte, Planungen und Lebensentwürfe sind auf Gott hin allesamt relativ. Für den Apostel Paulus ist Sterben Gewinn, weil er die endgültig bleibende Gemeinschaft mit Christus bedeutet. Im Auf-trag Christi aber auf der Erde wirken ist Leben, weil es Christus verkünden bedeutet an alle die, die noch auf dem Weg sind.

Liebe Schwestern und Brüder,

manche Worte der Hl. Schrift sind fast immer nur auf Todesanzeigen zu lesen, obwohl sie doch zuerst und vor allem für das Leben geschrieben sind. Wie z.B. das Wort des Apostels Paulus: „Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn.“ Wer nur sich selber und seine kleinkarierten Recherchen durch das Evangelium bestätigt finden will, ist von vornherein auf dem Holzweg. Wer aber alles zur größeren Ehre Gottes tut, erfährt schon heute Anteil an der ewigen Glückseligkeit. Was ihm auch widerfährt, er wird gelassen bleiben können. Es geht in der Tat um das Finale und schließlich um den Sieg. Oder wie es in der Schlussstrophe des Abschiedsliedes der internationalen Pfadfinderschaft heißt, das in den verschiedenen Sprachen gern auch gerade zum Ende eines Jahres ge-sungen wird: „Nehmt Abschied, Brüder, schließt den Kreis, das Leben ist ein Spiel, und wer es recht zu spielen weiß, gelangt ans große Ziel.“

Amen