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Predigt zur Jahresschlussandacht 2018 im Hohen Dom

31.12.2018

-         es gilt das gesprochene Wort

Verehrte, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,

ich weiß nicht, wer von Ihnen schon einmal im Hl. Land sein durfte. Als ich wiederholt mit den Seminaristen unseres Priesterseminars dort war, haben ich es erlebt:
Auf der Fahrt mit dem Bus von Jerusalem nach Jericho habe ich gesehen, was schon in den Psalmen geschrieben steht, wo es heißt: – Die Hügel bedecken sich mit Herden. –

Da konnte man auf den grünen Hügeln Schafherden sehen, die in Bewegung waren. Aber von weit oben sah es aus, als würde von unsichtbarer Hand eine weiße Decke über den grünen Hügel gezogen. Einmal in die eine Richtung, einmal in die andere. Diese Wahrnehmung und diesen Eindruck konnte man nur aus weiter Entfernung und von oben haben. Das einzelne Schaf hat naturgemäß selbstredend nichts davon mitbekommen. Die einzelnen Schafe hatten nur eines zu tun: Suchen, Knabbern, Fressen usw. und so fort. Eigentlich ist es ja zum Staunen, wie sich die Tiere da so ernähren, aber eben nur jedes Einzelne für sich.

Vergleichbare Beobachtungen können wir ja auch bei vielen Landschaftsfilmen machen. Da sehen wir weite Flächen, Gegenden, Berge, Wälder und Seen von Hubschraubern aus, von ganz weit oben, die wir vor Ort nie so wahrnehmen können. Das einzelne Schaf, um wieder zur Herde zurückzukehren, sieht bestenfalls das andere Schaf vor sich oder neben sich, niemals aber die gesamte Herde.

Worauf nun endlich jemand einwenden könnte: – Wenn ich aber richtig zugehört habe, dann spricht Jesus im Evangelium von sich als dem guten Hirten und nicht zuerst von den Schafen. – Das ist wahr. Aber Jesus spricht ja gerade von sich als dem guten, dem wahren Hirten, weil es ihm um die Herde, weil es ihm um die Schafe geht. Und das haben seine Zuhörer sehr gut verstanden. Jesus geht es um alle und um jeden und jedes einzelne Schaf, ja sogar um das Verlorene, das zu suchen und zur Herde zurückzubringen er sogar bereit ist, 99 von 100 in der Steppe zurückzulassen.

Was wären denn die einzelnen Schafe bei noch so emsigem Suchen und Futtern, um zu überleben, wenn sie keinen Hirten hätten? So kamen ihm ja die Menschen immer wieder vor, wenn sie da im Evangelium wörtlich damit verglichen wurden wie Schafe, die keinen Hirten haben. Was damit gesagt werden sollte, haben sogar Großstadtkinder im Erstkommunionunterricht verstanden, auch wenn sie vielleicht noch nicht so viele Schafherden gesehen haben.

Manchmal sagen ja auch wir, dass das Leben ein Kampf ist, und wir können uns durchaus einmal fragen, was denn wäre, wenn es nicht wenigstens ein geringes Maß an Ordnung, Recht und Gesetz gäbe! Auch wenn sich mancher vielleicht nur widerwillig daran zu halten bereit ist oder es gar zu umgehen sucht, es dient letztlich doch dem Zusammenhalt des Ganzen und dem Leben jedes Einzelnen.

Wenn Jesus von sich als dem guten, dem wahren Hirten spricht – auch die Lenker und Herrscher der Staaten längst vergangener Zeiten ließen sich gern wortwörtlich so bezeichnen – dann spricht er, Jesus, nicht nur von einem Mindestmaß von Recht und Ordnung um des bloßen Überlebens willen, sondern dann spricht er von sich als dem Garanten überhaupt. Nicht nur von Recht und Ordnung, sondern vom Weg, von Wahrheit und Leben und einziger Orientierung, die er gibt. Ja, er ist selber der Weg, die Wahrheit und das Leben, wie er schließlich von sich selber sagt.

Vor lauter Kampf ums blanke Überleben fragt ja schon manchmal einer nach dem Sinn, was denn das Ganze soll, oder resigniert sogar, weil er meint, es habe ja doch keinen Sinn.

 
Wenn Jesus von sich als dem guten, dem wahren Hirten spricht, dann garantiert er für den Sinn. Dann hören wir aus seinem Munde ganz persönlich, was uns bei der Festfeier seiner Geburt zu Weihnachten feierlich verkündet worden ist: –Im Anfang war das Wort. – Was wir ja ohne weiteres aus dem Griechischen übersetzen können: – Im Anfang war der Sinn. – 

 
Und da geht uns auf, dass immer, wenn uns das Evangelium verkündet wird, ER zu uns spricht, der Sinn, das Wort des Anfangs, der Menschgewordene, der Auferstandene und Lebendige, der erhöhte Herr.

Da spricht zu uns Jesus Christus, der, wie der Hebräerbrief sagt, derselbe gestern und heute und in Ewigkeit ist. Und wenn wir ihn hören, wenn wir ihm begegnen und nachfolgen, dann begegnen wir dem Sinn.

Was immer einer zu tun hat, wie immer es uns gerade ergeht, was immer uns auch zugemutet wird und womit wir uns gerade herumschlagen, was immer uns zu schaffen macht – zusammen mit Jesus angegangen, gewinnt es an Sinn, kann mit Sinn erfüllt werden und sinnvoll gelebt werden, auch wenn wir das auf Anhieb nicht immer sogleich erkennen mögen. Nichts anderes habe ich den Gefangenen am ersten Adventssonntag gesagt und wörtlich am Hochfest der Geburt unseres Herrn wiederholt zitiert: – Darin besteht der Sinn unseres Lebens: Jesus kennenzulernen, ihn zu erkennen, den Menschensohn; ihn zu lieben, ihm nachzufolgen und mehr und mehr so zu werden wie er. – Alle Bedrängnisse sind eigentlich letztlich eine Aufforderung und ein Angebot von Gott, den Sinn unseres Lebens zu erkennen, unser Leben zu ändern und uns neu zu orientieren. Und dazu kommt uns Gott in seinem Sohn, im Menschensohn, unserem Herrn Jesus Christus, entgegen.

Wenn Jesus als der gute Hirt zu uns spricht, sind wir in jeder Situation unseres Lebens angesprochen und gemeint. Denn er spricht ja von sich als dem guten Hirten, der sein Leben hingibt für die Schafe, also der ganz und immer für uns da ist. Was immer uns das neue Jahr bringen wird, was uns der wahre Hirt verkündet, wird uns für alles Künftige gesagt. Denn Christus steht nicht hinter uns als unsere Vergangenheit, sondern vor uns als unsere Zukunft.

 
„Wenn der Mensch die Sehnsucht nach Glück, die ihm das Herz verbrennt, stillen möchte, dann muss er seine Schritte zu Jesus hinlenken“, – sagt der Hl. Papst Johannes Paul II., und weiter: „Christus ist nicht weit von ihm. In Wahrheit ist unser Leben hier auf Erden ein ständiges Begegnen mit Christus. Christus gegenwärtig in der Hl. Schrift als Wort Gottes, mit Christus gegenwärtig in seinen Dienern als Lehrer, Priester und Hirte, mit Christus gegenwärtig im Nächsten und insbesondere in den Armen, den Kranken, den Ausgestoßenen, die seine besonderen Glieder sind, mit Christus gegenwärtig in den Sakramenten, in denen sich sein Heilswirken fortsetzt, mit Christus, dem Gast in unserem Herzen, in dem er wohnt, in dem er sein göttliches Leben mitteilt.“ Soweit der Heilige.

 
Viermal wird in dem Abschnitt, den wir aus dem Evangelium nach Johannes gehört haben, davon gesprochen: Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.

Lebenshingabe – da denken wir vielleicht nur an den Karfreitag, an das, was auf dem Berg Golgota geschehen ist. Aber das ist zu kurz gegriffen, das war nur die letzte grausame Konsequenz der Ablehnung durch die Menschen, aber für die Erlösten sein endgültiger glorreicher Sieg.

Jesus ist immer der, der sein Leben für uns hingibt, der es für uns hingegeben hat und weiter hingibt als unser Fürsprecher beim Vater. Von seiner Menschwerdung an bis zum Hohen Donnerstag und in jeder Feier der Hl. Messe, in der seine Hingabe für uns vergegenwärtigt wird, in der er sich, der für uns sein Leben hingibt, von uns vereinnahmen lässt. Bei jeder    Hl. Messe wird unser Herr doch buchstäblich wie in Getsemani in die Hände der Sünder überliefert. Wer will sich denn davon ausnehmen? Vor jedem Empfang der Hl. Kommunion sollen wir doch einmütig und deutlich vernehmbar bekennen: „Herr ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, und meine Seele wird gesund.“

Jedem von uns ist doch der würdige Empfang der Hl. Kommunion, die Begegnung mit dem Herrn im Allerheiligsten Sakrament des Altares nur mit einem demütigen, reumütigen und zerknirschten Herzen möglich.

Niemand vermag das für sich einzufordern oder als sein Recht zu deklarieren. Aber darin erkennen wir auch den tiefen Sinn zu unserem rettenden Trost. Denn wir empfangen dabei den, der nicht nur die Macht hat, sein Leben hinzugeben, sondern auch die Macht, es wieder zu nehmen.

Jesus lässt sich in seiner Verkündigung nicht etwa auf einen historischen oder theologischen Disput ein, sondern er lädt jeden von uns ein, in eine lebendige Beziehung mit ihm einzutreten. Jede Gelegenheit zu suchen, ihm zu begegnen, und anderen eine solche Gelegenheit der Begegnung mit ihm zu vermitteln suchen, das bedeutet lebendig glauben. Und das verkündet uns der lebendige und erhöhte Herr in dieser Stunde. Es geht um einen lebendigen Glauben, weil es um den Glauben an den guten Hirten geht, der sein Leben für uns hingibt. Und darum geht es auch um den ehrfürchtigen Empfang seines heiligen Leibes und um seine Anbetung und Verherrlichung im Allerheiligsten Sakrament des Altares.   Amen