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Predigt zur Priesterweihe 2016

26.06.2016

- es gilt das gesprochene Wort

„Du hast mir den Weg nach Ars gezeigt, ich werde dir den Weg zum Himmel zeigen.“

Verehrte liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,
liebe Eltern, Freunde und Verwandte unserer Weihekandidaten,
meine lieben Mitbrüder im Diakonenamt und Weihekandidaten für das Priestertum der Kirche!

Sicher waren schon viele von Ihnen einmal in Ars. Dort haben Sie vielleicht oberhalb der kleinen Stadt auch das Denkmal des Hl. Pfarrers von Ars gesehen, wie er dem Hirtenjungen begegnete und ihn um Auskunft nach dem Weg gebeten hat. Am Sockel des Denkmals haben Sie sicher auch die Worte in französischer Sprache gefunden, die der künftige Pfarrer von Ars zu dem Jungen auf seine freundliche Auskunft hin gesprochen hat: „Du hast mir den Weg nach Ars gezeigt, ich werde dir den Weg zum Himmel zeigen.“
Auf so schlichte und doch eigentlich treffende Weise hat der große Seelsorger Dienst und Aufgabe des Priesters beschrieben, den Menschen den Weg zum Himmel zu zeigen, sie dafür zuzurüsten und zu begleiten.

Liebe Schwestern und Brüder,
auf welche Weise Sie bisher auch einem unserer Weihekandidaten begegnet sein mögen, auf vielfältige Weise haben Sie als Eltern und Verwandte, Priester, Lehrer oder Freunde dem einen oder anderen von ihnen mehr oder weniger den Weg zu den Menschen und mit den Menschen gezeigt. Und nicht zuletzt deswegen, so meine ich, sind Sie heute in großer Zahl hierhergekommen. Priesterweihe ist darum zunächst einmal die Erinnerung daran, dass wir alle selber ein heiliges, auserwähltes Volk Gottes sind, das mit königlicher, priesterlicher Würde ausgestattet ist. Damit hat uns Jesus Christus nach dem Willen Gottes ausgezeichnet, wie wir zu Beginn des Hochgebetes dieser heiligen Messe bekennen werden. Aber in brüderlicher Liebe, so beten wir weiter, hat er aus uns Menschen erwählt, die durch Auflegung der Hände teilhaben an seinem priesterlichen Dienst.

Es bedarf also zuerst der Erwählung eines heiligen Volkes von Gott, bevor aus diesem königlichen Volk Priester erwählt werden können. Aus der Schar der Jünger hat Jesus die Apostel erwählt und sie beim Namen gerufen. Die Apostel haben in der jungen Kirche Presbyter und Bischöfe im Auftrag und in der Kraft des Hl. Geistes eingesetzt.
Seid Ihr, liebe Schwestern und Brüder, euch dieser Aufgabe und Verantwortung bewusst? Pflegt ihr ein Klima und einen Lebensstil, aus dem Menschen erwachsen können, die von Christus durch seine Kirche im Hl. Geist zu Priestern geweiht, wiederum dazu beauftragt werden können, Christus, dem Lehrer, Priester und Hirten, zu dienen, der seinen Leib, die Kirche, zum heiligen Tempel auferbaut und zum Gottesvolk macht?

Liebe Mitbrüder im Diakonenamt, liebe Weihekandidaten!
Ihr sollt Christus, dem ewigen Hohenpriester, gleichgestaltet und den Nachfolgern der Apostel, uns Bischöfen, als Helfer im Priesteramt verbunden, zu wahren Priestern des Neuen Bundes geweiht werden. Ihr sollt das Evangelium verkünden, das Volk Gottes leiten und dem Gottesdienst, vor allem beim hl. Messopfer, vorstehen.

Was euch zur Überreichung des Evangelienbuches bei der Weihe zum Diakon ans Herz gelegt worden ist, das wird für euch als Mitglieder des Presbyteriums und für eure Teilnahme am Lehramt unseres Herrn Jesus Christus zum Existential: Nämlich allen das Wort Gottes zu verkünden, über das ihr zuvor betend nachgedacht und das ihr mit Freude aufgenommen und im Glauben beherzigt habt, und nicht nur verkündet, was ihr glaubt, sondern auch mit Leben erfüllt, was ihr verkündet.
Ich habe ausdrücklich von allen gesprochen. Damit will ich euch nicht sogleich in den Zustand der Panik und Atemlosigkeit versetzen, sondern ich meine damit vor allem die Adressaten, nämlich die, die von der Frohen Botschaft unseres Herrn Jesus Christus noch nie etwas gehört oder sie schon wieder vergessen haben. Sucht unablässig nach einer Sprache, die geeignet ist, diesen Menschen auf jede mögliche Weise den Glauben vorzuschlagen und ihnen den Weg und das Ziel eines sinnerfüllten und vollendeten Lebens zu erklären. Und bleibt bitte nicht immerfort bei den sogenannten „niederschwelligen“ Angeboten und bei allgemeinen Humanismen stehen. Denn der Weg, unser Weg ist schließlich Jesus Christus und das Ziel ist der Himmel.

Früher oder später muss der Name des von Gott Gesalbten und Gesandten ausdrücklich genannt und sein Einsatz und seine Hingabe für uns Menschen deutlich ausgesprochen werden. Habt keine falschen Bedenken, gerade der sogenannte moderne Mensch, der alles andere als im volkskirchlichen Milieu aufgewachsen ist, verbindet mit dem, was wir Himmel nennen, noch viel mehr, als wir meinen.

Und wenn die Worte des Hl. Pfarrers von Ars gleichsam die Forma priesterlichen Wirkens umschreiben mögen, so nennt uns der erste Satz des heutigen Evangeliums von Jüngerschaft und Nachfolge dessen Wirksamkeit und geistliche Kraft: „Als die Zeit herankam, in der Jesus in den Himmel aufgenommen werden sollte, entschloss er sich, nach Jerusalem zu gehen.“ – so heißt es noch in der gewohnten Einheitsübersetzung. In ihrer revidierten Fassung wird es lauten: „Als sich die Tage erfüllten, dass er hinweggenommen werden sollte, fasste Jesus den festen Entschluss, nach Jerusalem zu gehen.
Sogar noch die Stadt Jerusalem erweist sich als doppeldeutig: Jerusalem ist die Hohe Stadt, die Stadt des Friedens, zu der hinauf-zuziehen die Pilger mit Freude erfüllt waren. Jerusalem ist aber auch die Stadt, über die Jesus, unser Herr, geweint hat, weil sie ihre Kinder nicht hat sammeln lassen und nicht erkannt hat, was ihr Frieden bringt.

Beschreibt das nicht ziemlich genau die Ambivalenz, in der sich priesterliches Wirken heute als Pfarrer oder Kaplan in einem scheinbar volkskirchlich geprägten Milieu vollzieht? Jerusalem ist schließlich auch der Ort des Leidens und Sterbens unseres Herrn. Aber auch seiner Auferstehung. Dieses Geheimnis unserer Erlösung dürft ihr, sollt ihr Tag für Tag in der Feier der Hl. Eucharistie gegenwärtig setzen. Denn ihr habt teil am Priesteramt Jesu Christi, um die Menschen zu heiligen. Durch euren Dienst soll das geistliche Opfer der Gläubigen in Einheit mit dem Opfer Christi vollendet werden. Das wird euch bei der Überreichung der Gaben des Volkes für die Feier des Opfers aufgetragen, immer zu bedenken, was ihr tut, und nachzuahmen, was ihr vollzieht, und euer Leben unter das Geheimnis des Kreuzes zu stellen.
Nicht weniger als die gegenseitige eheliche Hingabe in guten und in schlechten Tagen bedeutet das einen lebenslangen Prozess, bei dem es niemals einen Stillstand geben kann, sondern nur ein Vorankommen oder Abfallen.

Die Auserwählung durch Jesus Christus schließt auch die Einübung in seine einzigartige Gottesbeziehung mit ein. Mit Gott wie Jesus in einem vertrauten, zuinnerst familiären Austausch als sein „geliebter Sohn“ zu stehen, bezeichnet die Ebene, auf der ein wahrhaftiges zölibatäres Leben, also ein Leben um des Himmelreiches willen, überhaupt möglich ist.
Um des Himmels willen gliedert ihr in der Taufe Menschen in die Gemeinschaft der Kirche ein. Um der Erneuerung der Gotteskindschaft willen lasst ihr den Reumütigen im Sakrament der Buße im Namen Christi und der Kirche die Sünden nach. Um der Stärkung willen, sich auch in Gebrechlichkeit und schwerer Krankheit des Weges zum Himmel und seiner Erfüllung bewusst zu bleiben, salbt ihr die Kranken mit Öl und richtet sie auf.
Ihr seid aus den Menschen genommen und in ihren Anliegen vor Gott für die Menschen bestellt.

So dürfen wir auch das Stundengebet als Offizium, als Pflicht, verstehen – ob nun in kirchlicher Gemeinschaft oder unter widrigen Umständen allein aber in Treue gebetet – eine Pflicht, in die ihr von Gott genommen werdet, um das Heil zu vergegenwärtigen, das den Menschen geschenkt ist und immer noch geschenkt werden soll. Denn wir müssen die Menschen frei lassen, Gott tut es auch, sagt uns der Heilige Papst Johannes XXIII. Aber noch der hingebungsvollste und aufopferungsreichste Dienst berechtigt uns nicht, die Menschen zu bevormunden oder zu vereinnahmen.

Da kann uns der Wind schon gehörig ins Gesicht wehen, wenn Menschen uns instinktiv ablehnen und dem Gottesdienst mehr und mehr fernbleiben, weil sie ahnen, welchen Anspruch der Weg nach der hohen Stadt an sie richtet. Da kann es sogar in einer Gemeinde, in der anscheinend viel los ist, wie man so sagt, wie auch in einer prall gefüllten Kirche in Wirklichkeit recht still und einsam um uns werden. Ob das nun schlimmer ist als die Anmaßung derer, die fest davon überzeugt sind, alles schon ergriffen zu haben, aber dennoch himmelweit davon entfernt sind, wollen wir dahingestellt sein lassen.

Das nämlich ist in der Tat der Weg der Barmherzigkeit, den Jesus beschreitet, wenn er seine Jünger nach dem Zeugnis mehrerer griechischer und lateinischer Bibelhandschriften mit den Worten zurechtweist: „Ihr wisst nicht, wessen Geistes ihr seid. Der Menschensohn ist nicht gekommen, Menschen zu vernichten, sondern zu retten.“
Da können wir die Worte des Hl. Augustinus ohne weiteres auch auf den priesterlichen Dienst anwenden, wenn er von sich sagt: „Wenn mich ängstigt, was ich für euch bin, dann tröstet mich, was ich mit euch bin. Für euch bin ich Bischof (Priester), mit euch bin ich Christ.“ Oder wenn er die Aufgaben des Bischofs mit einem üppigen Strauß von Herausforderungen benennt: „Unruhestifter zurechtweisen, Kleinmütige trösten, sich der Schwachen annehmen, Träge wachrütteln, Händelsucher zurückhalten, Eingebildeten den rechten Platz zuweisen, Streitende besänftigen, Armen helfen, Unterdrückte befreien, Gute ermutigen, Böse ertragen – und alle lieben.“

Wie nachsichtig doch die Kirche bei der Formulierung der Werke der Barmherzigkeit mit uns umgeht! Wie unendlich aber sind die Möglichkeiten, dem Beispiel des Guten Hirten folgend zusammen mit eurem Bischof die Gläubigen zu der Gemeinde zu sammeln, um sie durch Jesus Christus im Hl. Geist zu Gott, unserem Vater im Himmel, zu führen.

Liebe Schwestern und Brüder,
auch darin erweist sich der geistliche Sinn einer pastoralen Raumplanung, die nicht nur der Not des Mangels an Priestern und Gläubigen geschuldet ist: Nämlich unter den gegebenen Bedingungen unserer unaufhörlich voranschreitenden Zeit zu einer größeren, einer tieferen Einheit zusammenzuwachsen. Der Herr selbst fordert uns auf, den Herrn der Ernte zu bitten, Arbeiter in seine Ernte zu senden. Gott bestimmt das Klima, in dem der Mensch am besten zu ihm gelangen kann – sagt Pater Josef Ken-tenich. Gott lässt uns nicht nur frei, sondern will unser Gebet sogar zur Zweitursache seiner Geschenke werden lassen.

Der selber fest entschlossen war, nach Jerusalem zu gehen, traut uns eine Entschlusskraft zu, um des Himmelreiches willen das scheinbar menschlich Gebotenste zurückzulassen. Er, der sich noch mit den geringsten unserer Schwestern und Brüder identifiziert, damit wir ihm begegnen können, signalisiert uns zugleich, dass es keine Nachfolge Christi zu halben Preisen geben kann. Sollte Er nicht auch unüberhörbar und sinnenfällig zugleich durch neun junge Männer zu uns sprechen, die sich heute zu Priestern weihen lassen?