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Predigt zur Priesterweihe im Hohen Dom 2015

29.06.2015

- es gilt das gesprochene Wort -


Verehrte, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,
liebe Verwandte und Freunde unserer Weihekandidaten für das Priesteramt!

Als ich die liturgischen Texte der Kirche für den heutigen Sonntag erstmals zur Kenntnis genommen hatte, musste ich mich entscheiden. Ich musste darüber befinden, ob wir die Lesungen des Tages für die Feier des Wortgottesdienstes zur Gänze übernehmen oder ob ich der Empfehlung folge, aus anderen für die Feier der Priesterweihe vorgelegten Lesungen auszuwählen. Aber gerade als ich nur ein wenig über die Botschaft dieses Sonntags nachgedacht habe, waren meine Bedenken sehr schnell zerstreut. Sind wir doch am Tag der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus zum Leben in Gott zur Feier der Eucharistie zusammengekommen, um mit der Gedächtnisfeier des Todes und der Auferstehung unseres Herrn zugleich das Geschenk der Priesterweihe von drei Diakonen der Kirche zu empfangen. Und um das Leben von Gott geht es heute im weitesten und besten Sinne des Wortes.

Aus den verschiedensten Gegenden unseres Bistums sind wir an diesem 13. Sonntag im Jahreskreis zusammengekommen, um lebendige Zeugen für den Empfang der Gabe des Priestertums zu sein, das uns der Herr mit dem Vermächtnis der Feier seines geopferten Leibes und Blutes zusammen anvertraut und geschenkt hat. Dabei denken wir zunächst einmal daran, dass wir ja selber zu einer heiligen Priesterschaft erhoben worden sind, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen,[1] und dass wir uns selber als lebendiges und heiliges Opfer darbringen sollen, das Gott gefällt, als unseren wahren und angemessenen Gottesdienst.[2]

Eigentlich schon seit dem Beginn meines bischöflichen Dienstes in unserer Diözese erlebe ich bei der Feier der verschiedenen Gottesdienste in dieser unserer Kathedrale immer wieder eine neue, eine andere je nach der Feier des Kirchenjahres und dem festlichen Anlass verschieden zusammengesetzte Gemeinde. Und so auch heute wieder: Aus den Heimatgemeinden unserer Weihekandidaten, von den Studien- und Praktikumsorten, aus den Familien, Verwandten- und Freundeskreisen besteht vor allem die heutige Gemeinde. Nicht zuletzt deswegen wird ja die Feier der Priesterweihe an einem Nachmittag angesetzt, damit möglichst viele von ihnen anreisen können. Aber diese Vielfalt der Gemeinden, sowohl hier in unserem Dom zu den verschiedensten Anlässen, als auch in der Weite unseres Bistums ist selber eine Botschaft, ist ein deutlich sprechendes, sinnenfällig erfahrbares Zeichen für den priesterlichen Auftrag des ganzen Volkes Gottes. Diese Botschaft hat ihre geschichtlichen Anfänge schon im Zug der vielen Menschen, mit denen der Herr unterwegs war, Menschen die sich sehnten nach seinem Wort, nach seiner Lehre und die auf der Suche waren nach Orientierung, nach Angenommensein, nach Heilung und Heil.

Auf diesem Weg hat Jesus Jünger um sich geschart, engere Vertraute, aus denen er wiederum die Apostel mit Namen genannt und berufen hat. Sie alle sind mit ihm gegangen, sind ihm nachgefolgt, ohne vielleicht so recht zu wissen, wohin der Weg letztendlich führt, worin er mündet. Und fast alle haben sich bis zuletzt ihre eigenen Vorstellungen davon gemacht.

Auch Euch, liebe Mitbrüder Diakone, hat er auf diesen Weg mitgenommen und von Kindheit und Jugend an bis zum heutigen Tag mehr und mehr an sich gezogen.

Ihr sollt zum Priester geweiht werden, nicht um Stellung zu beziehen, Standpunkte einzunehmen und zu vertreten, sondern mit Ihm zu gehen und mit Ihm voranzuschreiten. Denn bei aller Wertschätzung eindeutiger Positionierung und klarer Worte geht es doch nicht darum, Territorien zu erobern, Zahlen zu steigern, sondern Menschen für Christus zu gewinnen. Auch tretet ihr nicht an, Partei zu ergreifen, denn „seitdem Christus für alle Menschen lebte, starb und auferstand, ist Katholizität allen Formen des Egoismus und Partikularismus entgegengesetzt“[3], wie schon vor Jahrzehnten ökumenisch formuliert wurde. Es mag freilich erheblich leichter sein, schwarz oder weiß zu malen, Welt und Menschen in gut oder böse, rechts oder links einzuteilen, anstatt immer wieder von neuem aufzubrechen, um allen alles zu werden und in jedem Menschen, wie der Hl. Papst Johannes XXIII. sagte, das Gute vorauszusetzen. Das fällt niemandem von uns leicht, ja, vielleicht gelingt es uns auch oft beim besten Willen nicht, uns in den anderen hineinzuversetzen. Aber das bedeutet Nachfolge Christi, die sich in christlicher Proexistenz und Stellvertretung nach dem Vorbild Jesu erweist. Dem wahren Jünger Jesu, dem Discipulus, wohnt diese Disziplin inne und das hat nicht das Geringste mit blindem Gehorsam zu tun.

„Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du – Wer hat mich berührt?“ – sagt der sogenannte gesunde Menschenverstand. Aber genau darin liegt der wesentliche Unterschied in der Wahrnehmung des Priesters. Sich für den priesterlichen Dienst zu entscheiden, heißt zunächst Christus auf ganz neue Weise berühren zu wollen, um selber heil zu werden und um die Menschen die heilende und rettende Nähe Christi erfahren zu lassen und ihn ebenso zu berühren. Das geschieht in der sorgfältigen geistlichen Vorbereitung der gesamten Verkündigung, in der Feier der Eucharistie nach den Vorgaben der Kirche und in der Verwaltung und Spendung der Sakramente, der Zeichen der Liebe Gottes, an den entscheidenden Schnittstellen menschlichen Lebens.

Priester sein bedeutet mit Christus unterwegs sein, um die Menschen zu lehren und ihnen den Reichtum dessen auszuteilen, der für uns arm geworden ist, um uns durch seine Armut reich zu machen.

Priester sein heißt darum auch in der Gesinnung von Buße und Umkehr immer wieder neu von Christus die Kraft zur Versöhnung und zum Neubeginn zu empfangen, und damit die Fähigkeit, das, was wir empfangen haben, an die Menschen weiterzugeben.

Priesterlicher Dienst bedeutet die Menschen auf den Weg, der Christus ist, mitzunehmen und sie so wie den Vater des toten Mädchens zum Glauben an das Unmögliche zu ermutigen.

Priesterlich dienen heißt sein Leben dafür einzusetzen, damit andere das Leben, das Christus selber ist, gewinnen.

Das unterscheidet den Weg der Nachfolge und des Glaubens vom bloßen Tun und Lassen nach dem gesunden Menschenverstand. Der vermag immer nur Abbruch und Untergang, Aussichtslosigkeit und Tod zu konstatieren.

Gerade darum muss der bleibende Grundtenor Eurer Verkündigung lauten: „Seid ohne Furcht – glaubt nur“, auch wenn wir dafür vielleicht sogar bei den eigenen Glaubensgenossen wenn schon nicht schallendes Gelächter, so doch latente Skepsis oder nur ein mitleidiges Lächeln ernten.

„Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht“, ruft uns das Buch der Weisheit in der ersten Tageslesung in Erinnerung. Auch dieses Schriftwort wird durch Eure Entscheidung, der priesterlichen Berufung zu folgen, Euch salben und aussenden zu lassen, heute vor aller Augen erfüllt. Indem Ihr Eure Existenz vor allem Studium und aller Ausbildung schon in einem weltlichen Beruf bestritten habt, aber auch durch Eure nüchterne Einschätzung der gegenwärtigen Situation des Glaubens wie durch Eure erklärte Identifikation mit dieser unserer konkreten Kirche, bezeugt Ihr, dass Ihr bereit seid, Spannungen zu ertragen und Jesus Christus auf dem Weg des Kreuzes nachzufolgen.

Ich kann und will Euch nichts anderes sagen, als ich es schon an anderer Stelle den Schwestern und Brüdern gesagt habe: Wir leben in einer Zeit des Übergangs – ja, wenn nicht sogar in einer Zeit des Abbruchs, aber wir leben auch in einer Zeit des Neuanfangs und des neuen Beginns. Die Zeit des Abbruchs und des Übergangs müssen wir aushalten und bestehen, den neuen Beginn dürfen wir in Glaube, Hoffnung und Liebe gestalten.

Und wenn wiederum der gesunde Menschenverstand nur Abbruch festzustellen vermag, so obliegt es Eurem Glauben und Eurer Zuversicht, auch noch das unscheinbarste Zeichen eines neuen Aufbruchs wahrzunehmen und zu entdecken.

Vor Euch liegt ein weites Feld. Nach Jesu Wort in jedem Fall eine große Ernte. Aber welchen Anteil Ihr daran auch immer haben mögt, fortan gibt es für Euch nichts mehr zu tun oder zu erleiden, was Ihr nicht in priesterlicher Gesinnung annehmen, auf Euch nehmen und ausführen könnt.

Christus steht nicht hinter uns als unsere Vergangenheit, sondern vor uns als unsere Zukunft, hat einmal jemand gesagt.

In den vergangenen Tagen entnahm ich dem Pressespiegel aus den regionalen Nachrichten Überschriften wie: – Alle warten auf den Primizianten. – Alle schauen auf den Primizianten. – Das ist nun offensichtlich einmal so. Ich habe auch keine Namen genannt, weil es für uns eigentlich ohne Bedeutung ist, ob da von einem, von dreien oder von zehn Weihekandidaten die Rede ist. Denn für einen jeden von uns kommt es vor allem darauf an, transparent auf Christus hin zu sein, so dass die Menschen auf Ihn warten und auf Ihn schauen.

Liebe Schwestern und Brüder,

lassen wir uns von solchen Pressemeldungen nicht verwirren. Lassen wir uns nicht vom heiligen Volk Gottes, von einer königlichen Priesterschaft herabstufen zu nur oberflächlich agierenden und leicht und schnell zu begeisternden Massen, die dann möglicherweise doch von blankem Entsetzen gepackt werden, wenn sich die lebensspendende Macht Gottes in den Werken seiner Diener offenbart.

Auch an uns, die wir das Geheimnis des Glaubens begehen, seinen Tod verkünden und seine Auferstehung preisen, am ganzen heiligen Volk Gottes wird es liegen, ob wir auch in Zukunft mit Jesus auf dem Weg sind und seine heilende und rettende Macht als seine Jünger und Zeugen erfahren. Amen

[1] vgl. 1 Petr 2,5

[2] vgl. Röm 12,1

[3] Ökumensicher Rat der Kirchen Uppsala 1968