Neujahrsansprache
des Diözesanadministrators Prälat Dr. Bertram Meier
am 3. Januar 2020 im Stadtsaal zu Dillingen an der Donau

Bitte, Danke, Entschuldigung: Schlüsselworte zum Glück

07.01.2020 10:45

Sehr verehrter, lieber Herr Oberbürgermeister Kunz,
verehrte Honoratioren der Stadt und Mitglieder des Stadtrats,
verehrte, liebe Dillinger Franziskanerinnen,
liebe Bürgerinnen und Bürger, liebe Ehrenbürgerinnen und Ehrenbürger,
sehr geehrte Damen und Herren!

    

Nirgends fühlt sich ein Gedanke wohler als im Gespräch unter Freunden.  Es ist mir Freude und Ehre zugleich, heute zum Auftakt des neuen Jahres im Stadtsaal zu Ihnen sprechen zu dürfen. Die ersten Tage von 2020 liegen schon wieder hinter uns. Oft werden sie empfunden als beschwingende Zeit von Aufbruch und Neuanfang. An Silvester haben wir noch innegehalten, jetzt lassen wir – soweit möglich – Vergangenes hinter uns und nehmen Neuland unter den Pflug. Und wir sind bereit loszulegen, uns zu bewegen und etwas anzufangen – sowohl mit uns selbst als auch mit anderen. Damit wir uns recht verstehen: Auch das Leben in 2020 wird wohl weder so harmonisch wie ein Ponyhof noch so bequem wie ein Hotel Mama. Aber das macht nichts. Denn wir haben noch nicht den Himmel auf Erden. Deshalb freue ich mich, einige Überlegungen darzulegen, die uns vom äußeren Alltag in eine tiefere Ebene führen: Höflichkeit und Dankbarkeit als Fundament unseres Zusammenlebens.     

„Um Ansteckung zu vermeiden, verzichten wir mittlerweile auf das Händeschütteln. Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir diese Vorsorge treffen.“ - So oder so ähnlich hat das wohl jede und jeder von Ihnen schon einmal in einer Arztpraxis gelesen. Und in der Regel sind wir damit einverstanden, dient diese Vorsichtsmaßnahme doch unserem eigenen Schutz. Gleichzeitig geht es dem einen oder anderen vielleicht wie mir: Als ich diese Erklärung zum

ersten

Mal las, überfiel mich spontan der Gedanke: Wieder ein Kulturverlust!

Denn bei vielen Anlässen gehört das gegenseitige Reichen der Hände selbstverständlich dazu: Bei der Begrüßung ebenso wie bei Versöhnung und Friedenschluss, bei der Gratulation zum Geburtstag oder einem beruflichen Erfolg; nicht zu vergessen die Feier der Trauung – da ist der Handschlag sogar notwendiger Bestandteil des Ehebündnisses. Im katholischen Ritus umwickelt der assistierende Geistliche die Hände des Brautpaares mit seiner Stola. Symbolisch wird damit deutlich: Die Eheleute wollen Hand in Hand durchs Leben gehen, und der dritte im Bunde ist der Herr des Lebens selbst, der sie zusammengeführt hat.

Seit Menschengedenken zeigen wir bei Begegnungen untereinander an, wie wir zueinander stehen, ob freundlich oder feindlich. Wer einem anderen die Hand reicht, macht deutlich, dass er unbewaffnet ist. In anderen Kulturen legt man die rechte Hand aufs Herz oder führt die aneinandergelegten Hände zum Kinn und verneigt sich. Mit solchen Gesten wollen wir sagen: Ich nehme Dich wahr und komme in friedlicher Absicht. Wenn wir also eine Tradition wie das Händeschütteln in manchen Situationen bewusst und aus gutem Grund aufgeben, dann müssen der freundlich-respektvolle Ton der Begrüßung und das Sich-dabei-in-die-Augen-Schauen die ganze Botschaft verkünden und werden umso wichtiger. Doch der Alltag zeigt auch: Das Kind wird häufig mit dem Bade ausgeschüttet und grußloses Aneinander-Vorbeihuschen ist nicht selten.

Dabei wissen wir alle: Höflichkeit erleichtert das Leben. Und wir beklagen seit Jahren mehr oder weniger deutlich ihren Rückgang. Allerdings ist es nicht die sprichwörtliche Ungezogenheit der jungen und jüngsten Generation, sondern das gesamte gesellschaftliche Klima, das sich spürbar verändert hat – eben auch hier bei uns: ein menschengemachter Klimawandel! Nicht immer zum Guten!

„Man“ meint, unabhängig von Alter, beruflicher Position oder gesellschaftlicher Stellung, „sein“ Recht einfordern zu dürfen und auf „Zauberworte“, die verantwortungsvolle Eltern ihren Kindern beibringen, wie ‚Bitte‘ und ‚Danke‘ verzichten zu können. Papst Franziskus hat uns da Wichtiges zu sagen. Er benennt drei Schlüsselworte zum Glück: Bitte, Danke, Entschuldigung. Zugleich beklagt er, dass viele diese drei Worte aus ihrem Wortschatz gestrichen haben (Generalaudienz am 13.5.2015). Zwar hat der Papst ursprünglich die Ehepaare und Familien im Blick, doch wir dürfen diesen Befund weiten auf die gesamte Gesellschaft, die Kirchen nicht ausgenommen. Ich halte dies, so unscheinbar es daherkommt, für eine fatale Entwicklung, der wir unbedingt entgegenwirken sollten.

Denn ein solches Verhalten ist hochgradig ansteckend, und nur der bleibt gesund, der sich durch „radikale Höflichkeit“ resistent erweist! Franz von Sales schreibt uns ins Stammbuch: „Gute Erziehung ist schon die halbe Heiligkeit.“ (Ebd.)

Aus der Erfahrung auf dem Hintergrund meiner Ausbildung an der Päpstlichen Diplomatenakademie kann ich nur bekräftigen: Die Basis für ein wirksames Unterlaufen von verbalen Grenzüberschreitungen ist die konsequente Höflichkeit! Außerdem bin ich es mir doch selber schuldig, mich nicht auf das mitunter fragwürdige Niveau meines Gegenübers zu begeben. Zugegeben: Das kostet zwar Geistesgegenwart und Nerven, doch lässt es sich auch üben, und man erspart sich vor allem „den Kater danach“: das bedauernde „Hätt‘ ich doch…“ und „Warum ist mir das nicht eingefallen…?“ oder: „Warum hab ich mich angepasst?“

„Gleicht Euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt Euch und erneuert Euch durch ein neues Denken“ (Röm 12,2). Wie aktuell klingt dieser fast 2000 Jahre alte Rat des Völkerapostels Paulus! Aus eigener Wander-Erfahrung wusste er, was kulturelle Unterschiede sind, und was uns Menschen trotz aller Verschiedenheit verbindet – als Menschen. Auf die Frage, wie man sich gegen die Beeinflussung von Fake News unempfindlicher machen kann und ideologische Gräben überwindet, antworten zwei junge Wissenschaftler hierzulande: „Man muss nicht mit allen reden, aber mit den allermeisten.“[1] – Schon bei Camus heißt es: „Die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist die Ehrlichkeit.“ Das gilt ebenso für die Höflichkeit!

Und im Blick auf das Kernthema des heutigen Abends möchte ich den Satz des französischen Existenzialisten etwas variieren: Die einzige Art, gegen die Kälte anzukämpfen, ist die Dankbarkeit.

Wie das Höflichsein, so ist auch die Dankbarkeit nicht einfach angeboren. Man muss sie lernen und – das überrascht vielleicht im ersten Moment - man kann sie üben. Ja, „internationale Forscherteams haben in Studien herausgefunden, dass Dankbarkeit sogar die Heilung von Krankheiten begünstigt“[2] und „wie ein Schutzfaktor vor Depressionen und Suchterkrankungen wirken kann“[3]. Die Probanden in solchen Tests schreiben ein „Dankbarkeitstagebuch“ und geben bei der Befragung nach dem Testzeitraum zu Protokoll, dass sie motivierter, sicherer im Auftreten und souveräner im Umgang mit Frustrationserlebnissen geworden seien. Dies leuchtet mir unmittelbar ein, kennt doch bestimmt jeder von uns Menschen, die trotz Schicksalsschlägen und schwieriger Lebensbedingungen aufgrund ihrer Zugewandtheit und positiven Lebenseinstellung, ihrer Dankbarkeit für Kleines und Unscheinbares oder einfach für die ‚Herrlichkeit des Lebens‘ (R. M. Rilke) verblüffend anders sind, als man vermutet hätte. Ihr Lebenszeugnis ist bewundernswert, sodass wir unwillkürlich die Nähe solcher Menschen suchen und genießen.

Dankbarkeit ergreift mich, wenn ich aufmerksam durchs Leben gehe. Ich kann sie üben, indem ich in den Alltag bewusst Momente der Stille, der Selbstbesinnung einbaue. Viele Menschen, die die Kirche als Heilige verehrt, waren Meister und Meisterinnen solcher Dankbarkeit. Ignatius von Loyola z.B. empfiehlt den geistlich Übenden, den sog. Exerzitanten, dass sie zweimal am Tag - mittags und abends - eine kleine Rückschau auf die vergangenen Stunden halten. Diese Reflexion orientiert sich in Gebetsform an den oben erwähnten drei Zauberworten: Dank für alles, was gut war; Bitte, alles Belastende zu erkennen und „von sich zu werfen“ und: Entschuldigung sagen zu können, wo Schaden entstanden ist; alles verbunden mit dem Vorsatz, in Zukunft noch aufmerksamer zu sein (vgl. EB 43). Übung macht auch hier den Meister – und die wissenschaftlichen Untersuchungen bestätigen nur mit einer anderen Methode die Jahrhunderte alte Praxis. Klassisch heißt diese Übung „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“.

Dankbarkeit setzt einen Perspektivwechsel voraus, der gerade in unserer leistungsorientierten und nicht selten ichbezogenen und daher gnadenlosen Gesellschaft wenig Lobby hat und kaum Konjunktur. Und doch ist die Haltung der Dankbarkeit ein Königsweg zu psychischer Resilienz, ja sogar zum Lebensglück überhaupt. Und wer Sorge hat, dass man es mit der Dankbarkeit übertreiben könnte und vielleicht blauäugig oder realitätsfern wird, den kann ich beruhigen. Auch das ist bereits untersucht: Alex Wood, „weltweit einer der renommiertesten Dankbarkeitsforscher“, hat sich mit möglichen ungewollten Auswirkungen befasst und kommt zu dem Ergebnis: „Die meisten Menschen empfinden chronisch zu wenig Dankbarkeit. Sie führt zu einem ganzheitlicheren Bild von Wirklichkeit, in dem selbstverständlich auch Negatives seinen Platz hat.“[4] Ein ganz praktisches Beispiel aus dem Leben: Einmal war ich zum 90. Geburtstag einer Ordensfrau eingeladen. Bei dieser Gelegenheit wurde sie überschüttet mit Anerkennung und Dankbarkeit – worauf die Schwester schlagfertig konterte: „Mir wäre es manchmal auch im Orden besser gegangen, wenn man das Lob, das ich heute höre, auf die bald 70 Jahre im Kloster besser verteilt hätte.“

Der französische Philosoph und Katholik Gabriel Marcel formuliert es noch pointierter: Er nennt die Dankbarkeit „die Wachsamkeit der Seele gegenüber den Kräften der Zerstörung.“ Damit lenkt er den Blick auf eine Dimension, die sich wissenschaftlich nicht auf den Prüfstand stellen lässt: die Dankbarkeit gegenüber allem Leben und Dem, der es geschaffen hat. Auch wer seinem Kinderglauben entwachsen ist oder nie einen Zugang zum Glauben fand, wer durch eine schlimme/traumatische Erfahrung sich von Gott abgewandt hat, erlebt manchmal überraschende Momente des Einsseins mit dem Leben, dem Kosmos, und wird von einem Gefühl der Dankbarkeit überwältigt – mag es auch noch so kurz sein! Wir alle können vermutlich der Feststellung des Jesuiten Willi Lambert zustimmen: „Es gehört uns wirklich nur, wofür wir danken können“[5].

Dankbarkeit wird scheinbar überflüssig, wenn sie auf Gewohnheiten trifft. Denn womit ich fest rechne, dafür brauche ich nicht dankbar zu sein. Wem fiele es ein, für Selbstverständliches zu danken? Dafür, dass ich jeden Morgen einigermaßen schmerzfrei aufstehen kann; dass ich mich morgens an den gedeckten Frühstückstisch setzen darf; dass ich nach einem langen Arbeitstag von der Familie froh erwartet werde; dass ich einem spontanen Impuls, am Sonntag mal ins Restaurant zu gehen und nicht selbst kochen zu müssen, nachgeben kann u.v.m. - Allzu oft fangen wir erst an, für solche Momente dankbar zu sein, wenn wir sie eben nicht mehr als selbstverständlich erleben, wenn die Gesundheit zu wünschen übrig lässt, wenn Beziehungen gestört oder zerbrochen sind, wenn Verlusterfahrungen unser Leben in ein Vorher und Nachher zerschnitten haben, wenn wir einen finanziellen oder biographischen Absturz erleiden mussten...

Doch Dankbarkeit kann nicht nur mein individuelles Leben reicher machen. Sie ist auch eine „Frage des Weltbildes“ und „der Kitt der Gemeinschaft (…), der Gesellschaft als Ganzes“[6]. Wie wir in der Familie, am Arbeitsplatz, im Bus, auf der Straße, im Supermarkt oder im Wartezimmer des Arztes miteinander umgehen, ist nicht egal; es strahlt aus, positiv wie negativ, und meist mehr, als wir es uns bewusst machen. Wer hat nicht schon daheim empört oder bewundernd erzählt, was ihm/ihr heute in der einen oder anderen Situation passiert ist?

Ich lade Sie daher ein, dieses neue, noch so frische Jahr einmal mit täglichen sog. Dankbarkeitsinterventionen zu beginnen und diese zu einer lieben Gewohnheit werden zu lassen. Denn ich bin mir sicher: Ganz ohne Studie werden Sie bei sich selbst spüren, wie sich Ihr Blick auf die Welt verändert, wie Gelassenheit nicht mehr eine ‚sowieso unerreichbare‘ Haltung wird, sondern im Alltag wohltuend aufblitzt und Sie für einen winzigen Moment Abstand gewinnen von allem, was Sie nach unten ziehen will. Das kann ungeheuer befreiend wirken. Besonders am Abend hat das Ritual des Übergebens, des Bitte- Danke- und Entschuldigung-Sagens lösende und er-lösende Wirkung. Ich persönlich übe es seit meinen Studientagen in Rom, wo es uns die Jesuiten am Germanicum beigebracht haben und möchte es nicht mehr missen. Denn es hat einen heilsamen Nebeneffekt, den ich sehr schätze: Ich schlafe danach tiefer und besser!

Doch genug der Theorie. Heute Abend haben Sie, die Stadt Dillingen, ja schon Dankbarkeit geübt: mit der Ehrung verdienter Bürger, darunter auch zwei Dillinger Franziskanerinnen – Schwester Marianne und Schwester Ulrike, die sich hingebungsvoll den Kleinsten in Ihrer Stadt gewidmet haben. Wie wunderbar ist es doch, dass diese altehrwürdige Ordensgemeinschaft mit ihrer beinahe 800jährigen Geschichte den Namen Dillingen in die weite Welt hinausgetragen hat – nur die Dankbarkeit kann darauf eine Antwort sein!

[1] Romy Jaster/David Lanius: Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen. RUB 2019, 2. Auflage, S. 105.

[2] Stefanie Maeck: Dankmuskel bitte anspannen. Zit.n. https://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/dankbarkeit-die-wurzel-fuer-gesundheit-und-wohlbefinden-a-1124119.html (aufgerufen 19.Dez.2019), S. 1.

[3] Ebd., S. 2.

[4] Ebd. S. 3.

[5] Willi Lambert: Das siebenfache Ja. Exerzitien – ein Weg zum Leben. Echter: Würzburg 2004.

[6] zit. n. Nicolas Dierks: Dankbarkeit – eine Frage des Weltbilds (2018). In: https://ethik-heute.org/dankbarkeit-eine-frage-des-weltbilds/ (aufgerufen: 28. 12.2019), S. 2.