St. Afra - 7. August - Jungfrau und Märtyrin

Fortschritt und Tradition, moderne Industrieanlagen und alte, ehrwürdige Kirchen und Patrizierhäuser, europäisches Handelszentrum durch Jahrhunderte und Bischofssitz seit mehr als einem Jahrtausend. Ort einer künftigen schwäbischen Universität und einstens Militär- und Verwaltungsmittelpunkt des römischen Reiches in der Provinz Rätien, das ist Augsburg. Über seiner im letzten Weltkrieg stark zerstörten und wieder aufgebauten Innenstadt ragen die Türme des Mariendomes und des ehemaligen Reichsstifts und Benediktinerklosters St. Ulrich und Afra empor. Sie sind Zeugen des Glaubens, die in das Mittelalter und weiter zurück fast in die ersten christlichen Jahrhunderte reichen und uns zu den Gräbern der Heiligen hinführen, denen nicht nur die frühere Abtei sondern das ganze schwäbische Land geweiht sind: St. Ulrich und Afra.

Ist das Werk des großen Bischofs im 10. Jahrhundert durch viele christliche Zeugnisse durchsichtig und in Einzelheiten deutlich geworden, so wissen wir dagegen nur wenig über die Person der zweiten Bistumspatronin Afra, die um das Jahr 300 in der Augusta Vindelicum gelebt hat. Damals war Augsburg ein wichtiger römischer Stützpunkt. Von hier aus führten Heeresstraßen nach dem Süden und stellten die Verbindung der Provinz Rätien mit Oberitalien und Rom her. Auf ihnen hallte der Marschtritt der Legionssoldaten, aber auch friedliche Kaufleute befuhren sie mit ihren Wägen und Handwerker wanderten auf diesen gesicherten Wegen nach dem Norden, um sich in der Provinz den Lebensunterhalt zu verdienen. Mit ihnen kam die christliche Botschaft in das Land südlich der Donau. Kleine Gemeinden bildeten sich in Kempten, Epfach und Augsburg. Sie zerfielen jedoch wieder als die Alemannen den Limes (= Grenzbefestigung) überschritten und die einstige römische Provinz besetzten. Wenige steinerne Zeugen, wie ausgegrabene Fundamente kleiner Kirchen oder die Taufbrunnenanlage an der Südseite des Augsburger Domes, erinnern an die Zeit, in der das Evangelium erstmals im schwäbischen Raum verkündet wurde. Noch bescheidener ist unser Wissen um die lebendigen Glaubenszeugen, die sich damals zum Christentum bekannten. Nur ein einziger Name ist mit Sicherheit überliefert: St. Afra. Mit einigen Worten lassen sich die geschichtlich fundierten Tatsachen zusammenfassen: Afra, eine Jungfrau, sesshaft in Augusta Vindelicum, starb während der diokletianischen Verfolgung um 304 den Martyrertod. Wahrscheinlich wurde sie verbrannt und auf dem Gelände des Ulrichsklosters, wo ein römischer Friedhof lag, bestattet. Über ihrem Grab errichteten spätere Generationen eine kleine Kapelle, die eine Klerikergemeinschaft betreute und zu der in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts Wallfahrer pilgerten.

Diese Anhaltspunkte ergeben sich aus zwei glaubwürdigen Quellen. Zunächst aus einem Verzeichnis von etwa 6000 Heiligen, dem sogenannten, fälschlich dem heiligen Hieronymus zugeschriebenen, Martyrologium Hieronymianum, das ungefähr 200 Jahre nach der diokletianischen Christenverfolgung gegen 500 in Oberitalien entstanden ist. In den noch vorhandenen Abschriften werden zum 6./7. August die Namen verschiedener Glaubenszeugen aufgeführt, u. a. der einer Martyrerin Afra aus dem zur Provinz Rätien gehörigen Ort Augsburg. Daneben schildert der oberitalienische Dichter und spätere Bischof Venantius Fortunatus, der um 565 auf einer Wallfahrt zum Grab des hl. Martinus in Tours von Ravenna nach Schwaben kam, in einem Epos mit knappen Worten die Verehrung der heiligen Afra: Kommst Du in die Stadt Augsburg, die von Lech und Wertach umflossen wird, kannst Du die Gebeine der heiligen Martyrerin Afra verehren. Darüber hinaus wird in Heiligenverzeichnissen aus dem 11. Jahrhundert, die vor allem aus Stadt und Bistum Augsburg stammen, St. Afra als jungfräuliche Blutzeugin genannt. Diese Überlieferung ist nie erloschen. Sie fließt, allerdings als recht bescheidenes Rinnsal, durch alle Jahrhunderte, manchmal kaum mehr beachtet, denn eine viel interessantere und aufregendere Interpretation ihres Lebensweges, eine fromme Legende, die jeglicher Wahrheit entbehrt, hatte die ursprüngliche Tradition überspült und bis in unsere Tage ein verzerrtes Bild Afras geprägt. Die Bekehrung einer großen Sünderin, Reue über das vergangene Leben und Buße durch den qualvollen Tod auf dem Scheiterhaufen um Christi willen, begleitet von den Verwandten und Dienerinnen, das ist das Thema der Legende, die im Lauf der Zeit durch Zusätze immer stärker ausgeschmückt und von zahllosen Gläubigen als Wahrheit übernommen wurde.

Wie kam es zur Bildung dieser frommen Wundermär? Nicht böser Wille oder absichtliche Täuschung stehen dahinter, wie das Folgende zeigt.

Schon frühzeitig hatten Christen über dem Grab Afras eine kleine Kapelle errichtet, wie es damals bei Martyrern vielfach üblich war, und wie es Venantius Fortunatus überliefert hat. Gegen Ende des 8. Jahrhunderts ließ der Augsburger Bischof Simpert wohl eine größere Basilika bauen und die Gebeine der Jungfrau Afra in das neue Gotteshaus übertragen. Eine solche Translation, stets mit einem Fest verbunden, weckte erneut das Interesse der Gläubigen am Leben und Wirken der Blutzeugin. Wer war sie gewesen? Wie hatte sie gelebt und auf welche Weise die Krone des Martyriums erlangt? Solche und ähnliche Fragen gaben Anlass zur Abfassung einer Lebensbeschreibung, besonders der Leidensgeschichte. Wenig ergiebig für ein derartiges Werk erwiesen sich die Verse des Bischofs Venantius Fortunatus, auch das erwähnte Martyrerverzeichnis schien auf den ersten Blick keine weiteren Auskünfte zu geben. Doch war es Absicht, Zufall oder Versehen? Gerade dieses Martyrologium Hieronymianum bot dem unbekannten Verfasser das Stichwort, auf das er die Bekehrungs- und Leidensgeschichte gründete; es heißt Veneria und steht als Name einer unbekannten Martyrerin unter dem 7. August neben dem der Augsburger Blutzeugin Afra. Veneria kann aber nicht nur als Personenname sondern auch als Berufsbezeichnung verwendet werden und bedeutet dann Venusdienerin oder weniger unklar ausgedrückt, Dirne. Nun hatte der Verfasser der Afralegende ein lebensnahes Thema: Umkehr einer öffentlichen Sünderin, angerührt durch die Gnade Gottes, und Bekenntnis ihres Glaubens bis zum Tod. Dass es sich hierbei um eine Legende handelt, ergibt sich klar aus dem Inhalt der sogenannten Passio, die als älteste Schrift das Martyrium Afras schildert und aus der Conversio, d. h. Bekehrungsgeschichte, die beide zwischen 750 und 800 entstanden sind. Hier werden auch weitere Personen in die Handlung eingeführt, deren Existenz nicht belegt werden kann. Was erzählt nun diese Afralegende:

Die von der Insel Cypern stammende Königin Hilaria war mit ihrer Tochter Afra, d. h. wörtlich Afrikanerin, durch missliche Umstände in die Stadt Augsburg verschlagen worden. Um sich den Lebensunterhalt zu verdienen, weihte die Mutter das junge Mädchen in den Venusdienst ein. Gegen 304, als Kaiser Diokletian im weiten römischen Reich die Christen verfolgen ließ, kam eines Abends der Bischof Narcissus, begleitet von dem Diakon Felix, nach Augsburg und klopfte, geführt durch die göttliche Vorsehung, am Haus Afras an. Diese meinte, dass die zwei Fremdlinge sie in der gleichen Absicht aufgesucht hätten wie es andere Männer gewöhnlich taten und bereitete ihnen ein Nachtmahl. Als sie jedoch sah, dass die Besucher andächtig beteten, wurde sie durch die Gnade Gottes bekehrt. Sie bereute ihr bisheriges Leben und bekannte alle Sünden. Narcissus machte ihr Mut und versprach ihr die göttliche Barmherzigkeit, wenn sie sich taufen lasse. Afra und ihre Dienerinnen erklärten sich dazu bereit. Um den Bischof und Diakon vor der auch in Augsburg wütenden Christenverfolgung zu schützen, versteckte sie Afra unter Flachsbüscheln und führte sie am nächsten Abend zu ihrer Mutter Hilaria, die ebenfalls die Sünden bereute und die Taufe begehrte. Da erschien plötzlich eine Teufelsgestalt, nackt und hässlich und machte dem Bischof heftige Vorwürfe, weil er ihm diese Seelen zu entreißen suche. Narcissus versprach, ihm eine andere Seele zu überlassen, deren Körper aber erst getötet werden müsse. Der Bischof dachte jedoch an keinen Menschen, sondern an den gefürchteten Drachen, der bei Füssen den Leuten den Zugang zur lebensnotwendigen Wasserquelle versperrte. Dem Dämon, überlistet durch den Gottesmann, blieb nichts anderes übrig, als das Untier zu erlegen und damit wider seinen Willen der Bevölkerung der Julischen Alpen zu helfen. Narcissus aber spendete Afra, ihrer Mutter Hilaria und deren Dienerinnen die heilige Taufe und setzte außerdem den Onkel Afras Dionysius als Bischof für die kleine christliche Gemeinde in Augsburg ein. Dann kehrte er mit seinem Begleiter Felix nach Spanien zurück, um dort das Martyrium zu erleiden. Dass die ehemalige Venusdienerin und ihre Hausgenossinnen gläubig geworden waren, ließ sich nicht lange verheimlichen. Vor den römischen Richter Gajus gerufen, sollte Afra den Göttern opfern. Aber standhaft weigerte sie sich und verteidigte in einem Verhör ihren Glauben: Mein Leib, der gesündigt hat, mag verschiedene Qualen erdulden, meine Seele jedoch werde ich nicht mit Opfern für die Dämonen beflecken. Daraufhin verurteilte sie der Richter zum Tode und ließ sie auf einer Insel im Lech, angebunden an einen Pfahl, verbrennen. Zeugen des Martyriums waren die Mutter Hilaria und die Dienerinnen Digna, Eumenia und Euprepia. Diese begruben den von Flammen unversehrten Leichnam Afras in ihrer Grabstätte beim zweiten Meilenstein vor der Stadt Augsburg. Sie wurden deshalb ebenfalls verhaftet und zur Darbringung von Götzenopfern aufgefordert. Auch sie weigerten sich entschieden. So ließ sie Gajus in der geräumigen Grabstätte einschließen und noch am selben Tag dem Feuertod überliefern.

Soweit der Inhalt der Afralegende, entstanden aus dem Namen Veneria im Martyrologium Hieronymianum. Bald verbreitete sich dieser Bericht über die Grenzen des Bistums Augsburg und förderte die Verehrung Afras in den deutschen Landen, darüber hinaus sogar vereinzelt in Frankreich, Holland und in der Schweiz. Seine reichste Blüte erreichte der Afrakult im Mittelalter. Eine Ursache dafür war die Auffindung eines römischen Steinsarkophags, der beim Neubau des Klosters Ulrich und Afra im Jahr 1064 ans Tageslicht kam. Er enthielt die Reste eines weiblichen Skeletts, das Verbrennungsspuren aufwies. 1804/5 wurde anlässlich der 1500-Jahrfeier des Martyriums der heiligen Afra dieser Sarkophag nochmals geöffnet und die Gebeine schließlich in einem grauen Marmorsarg beigesetzt. Ihren endgültigen Ruheort fanden sie zusammen mit den Gebeinen des heiligen Ulrich in der 1961/62 von Professor J. Wiedemann, München, gestalteten Krypta im Ulrichsmünster. Seitdem ist dieser stille Ort zur Gebetsstätte vieler Gläubiger geworden, die neben dem großen Bischof Ulrich auch die Jungfrau Afra verehren, deren Lebensweg vollkommen verzeichnet und damit einem Übermaß an Schlud beladen worden war. Das Bild ihrer Persönlichkeit bleibt im Dunkeln, selbst die Identität ihrer Gebeine scheint nicht ganz gesichert, wenn auch sehr wahrscheinlich. Aber ist das entscheidend? Gilt die Verehrung etwa nur den leiblichen Überresten oder nicht vielmehr der Jungfrau Afra, die tatsächlich in Augsburg gelebt und für ihre Glaubensüberzeugung ihr leibliches Leben hingegeben hat?

(Peter Rummel)