06:30:50
06:30:50
06:30:50

Die romanische Bronzetür

Die Bronzetüre - eine der zwölf bedeutendsten romanischen Bronzeportale in Europa - zählt zu den großartigsten Zeugnissen der mittelalterlichen Gießkunst diesseits der Alpen. Um das wertvolle Kunstwerk vor weiterer Korrosion und dem aggressiven Schadstoffangriff aus der Luft zu schützen, ist es aus dem neugotischen sog. Brautportal am südlichen Langhaus ausgebaut und in den Innenraum verbracht worden. Die ungleich großen Türflügel sind mit 35 gegossenen Bronzereliefs geschmückt und chronologisch gesehen nach der Bernwardstüre im Hildesheimer Dom von 1015 das zweitälteste Bronzeportal mit figürlichen Darstellungen. Es wurde für den 1065 geweihten ottonischen Dom geschaffen. Der ursprüngliche Standort war vermutlich die Ostseite, zumal sich hier ein großer Vorhof, ein Atrium, befand. Eine Schriftquelle aus dem 13. Jh. lässt sich vielleicht auch auf die Bronzetüre beziehen: „Dieser (Bischof Heinrich II) schuf die neue Kirche der Gottesmutter Maria mit Säulenhallen (porticibus: Portalen? Türen?) und einem Atrium und einem Palast“. Mit italienischen und byzantinischen Bronzetüren bestehen Ähnlichkeiten. Die inhaltliche Bedeutung der Türe, die aufgrund fehlender Teile nicht mehr rekonstruiert werden kann, erschließt sich am ehesten vor dem Hintergrund christlicher Türsymbolik: die Kirchentüre als sinnbildliche Grenze zwischen irdischer Welt und himmlischem Paradies, die nur dem Gerechten den Eintritt gewährt und den Unwürdigen abweist, durch die aber Christus selbst die Gläubigen und die reuigen Sünder zum ewigen Leben führt - umlagert von bösen Mächten, die erfolglos diese Grenze zu überwinden suchen und als Warnung für die Gläubigen dienen. Das typologisch-heilsgeschichtliche Programm der antik anmutenden Platten stellt den Kampf zwischen Sünde und Erlösung dar, Diesseits und Jenseits. Aus drei thematischen Bereichen sind die Einzeldarstellungen der Bilderwand entnommen: der Genesis mit der Erschaffung des Menschen und dem Sündenfall, weiteren Büchern des Alten Testaments mit bestimmten, als Vorläufer Christi geltenden Personen (Moses, Aaron, Samson, David) und schließlich der mittelalterlichen Tiersymbolik (Löwe, Bär, Kentaur, Vögel, Hühner). Auch andere Bereiche werden zur Deutung herangezogen: Monats- oder Jahreszeitendarstellungen sowie Sternbilder.

Text von Msgr. Werner Schnell aus „Der Dom zu Augsburg“,
Kunstverlag Peda Passau, Sankt Ulrich Verlag Augsburg; 1997.
Alle Rechte vorbehalten.

 

Heute befindet sich das Bronzeportal im Diözesanmuseum St. Afra.