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Das Langzeitgedächtnis

Neues Bistumsarchiv bietet auf 22 Kilometern Platz für die Dokumentation kirchlichen Handelns

10.02.2017

Früher stieg in der Augsburger Kirche St. Joseph an den Hochfesten die Luft weihrauchgeschwängert zur Kirchendecke auf. Heute ist sie dauerhaft auf 18 Grad Celsius und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit reguliert und von 214 rot-schwarzen 140-Liter-Flaschen mit Stickstoff gegen Brand geschützt. Wo einst der Altardienst feierlich durch das Kirchenschiff zog, stehen heute Archivalien auf fünf Stockwerken. Die Rollregale in den Farben magenta, blau, grün, gelb und rot verteilen sich auf 22.000 Meter – von der obersten zur untersten Etage. 

Mehr als 100 Tage sind nun seit der Segnung des neuen Bistumsarchivs durch Bischof Konrad vergangen. Für Dr. Erwin Naimer, der seit 15 Jahren das Archiv leitet, ist der tägliche Gang durch das Magazin innerhalb der alten Kirchenmauern längst zur Gewohnheit geworden. „Es ist mein Arbeitsraum. Wir haben wegen des Denkmalschutzes zwar noch eine Kanzel und zwei Seitenaltäre hier, aber es predigt ja keiner mehr“, erklärt Diözesanarchivar Naimer. 

Im Gegenteil: Hier ruht in alten Büchern und Kartons das Langzeitgedächtnis der Diözese Augsburg. Pfarrei- und Personalakten sowie Protokolle aus dem Bischöflichen Ordinariat, Tauf-, Trauungs- und Sterbebücher aus den Pfarreien, Dekanats- und Pfarrarchive, Nachlässe und Fotosammlungen dokumentieren das Wirken der Kirche. Jahrhundertealte Bestände, deren ältestes Archivstück eine Benediktinerregel um 820 aus dem Kloster St. Mang in Füssen ist. „Alles, was das Verwaltungshandeln in der Diözese abbildet und wir für dauerhaft aufhebenswert befinden, ist bis zum jüngsten Tag aufzubewahren“, so Naimer. Eine nicht immer ganz einfache Entscheidung, wie er zugibt. 

An der täglichen Arbeit habe sich für ihn und seine Mitarbeiter nichts geändert. Das Erschließen, die Übernahme, das Ordnen, Verzeichnen und Zurverfügungstellen von Akten bleibt Kerngeschäft der Archivmitarbeiter. Nur die Arbeitsbedingungen seien jetzt andere. Sie entsprechen den heutigen Standards, die an moderne Archive angelegt werden. „Wir haben endlich wieder mehr Platz, so dass wir wieder Schriftgut aufnehmen können. Das Magazin ist nun doppelt so groß wie vorher.“ 

Hell, luftig und benutzerfreundlich ist auch der Lesesaal im neuen Verwaltungsgebäude, das an der Stelle des alten Pfarrhauses mit dem Kirchenbau verschmolzen ist. Hier drücken sich Familienforscher, Heimatkundler und Wissenschaftler die Klinke in die Hand. 820 waren es seit der Wiedereröffnung Anfang September, die sich das Erinnerungsvermögen des Archivs vor Ort zu Nutze gemacht haben.

Nicolas Schnall